aida-rostock

Ritualisierungen, Versteinerungen

Zur Aida-Inszenierung

Premiere 02.Februar 2002 am Volkstheater Rostock

TotaleNicht um exotischen Altertumskitsch ging es Verdi, als er seine Aida komponierte, er wollte etwas aufzeigen: Wie junge Menschen in Kriegen verheizt werden, Völker gegeneinander gehetzt, religiöse Propaganda benutzt wird zur Gleichschaltung der Massen und zur Unterdrückung von Nachbarvölkern.

Arila Siegert erzählt in ihrer Inszenierung die Geschichte eines prominenten jungen Paares zwischen den Fronten. Ägyptisierendes Kolorit braucht sie nicht, sie versucht hinter die Fassade zu blicken. Was bedeuten Sonnenkult, Totenkult, Körperkult?

Die Kostüme von Marie-Luise Strandt betonen das zeitlos Moderne dessen was vorgeht. Die Absicht soll nicht verschwinden hinter einer Ausstattungs-Kulisse. Die Erzählweise ist choreografisch: Mit Bildern, Bewegungen, Spannungen im Raum, die selten naturalistisch "begründet" werden, jedoch dem Handlungsablauf eigen-kompositorisch genau folgen.

Verdi komponiert, Aida ist des Sieges sicherobwohl es zu seinen Zeiten noch keinen Film gab, im Sinne dieses Mediums: Mit Totale, Fokussieren auf einzelne Figuren – als wäre die Kamera das Auge des Zuschauers. Perspektivwechsel werden plastisch herausgearbeitet.

Das Bühnenbild vonTanzfest Hans Dieter Schaal schafft dafür, indem es die traumatische Atmosphäre einer militarisierten Gesellschaft auf die Bühne stellt, einen abstrahierten poetischen Raum: Versteinerungen, gegen die man umsonst anrennt, eine bedrohlich über allem hängende, auf den Kopf gestellte "Pyramide", "Erscheinungsfenster", in denen die Mächtigen sich ausstellen,Tanzszene ein bisschen Sand aus der Wüste – kein Ort für glückliche Familienplanung.

Kulissen sind hier nicht nötig. Wer belauert wen? Wann nehmen zwei einen dritten in die Zange? Es wird unmittelbar deutlich. Chorische Bilder und ausgedehnte Massen-Choreografien im Wechsel mit "Nahaufnahmen" sind die Architektur des Stücks. Sie beleuchten einander.Die Braut Amneris wird geschmueckt

Verdis Musik erzählt zwar oft in kurzen dramatischen Passagen einen szenischen Vorgang, dazwischen aber lässt sie Raum für Imaginationen. Sie lassen etwas aufscheinen vom Innenleben der Figuren, von ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Verzweiflungen. An chorisch geführten Frauen, die Aida Totenpflegebeigegeben werden und ihre Seele spiegeln, wird solches sichtbar. Unantastbar, unbesiegbar wird Aida durch ihre Liebe.

"Assoziativ" könnte man diese Methode nennen. Aida im Streit mit dem Vater Amonasro Sie korrespondiert mit der leitmotivischen Kompositionsweise Verdis. Eine weitere Ebene ist das Rituelle, in der Szene oft surreal aufgelöst. Im politischen Gefüge spielen Rituale eine wichtige Rolle. Um junge Männer kriegsgeil zu machen, wird das Kriegsritual erotisiert. GerichtRituale begleiten den Übergang vom Leben zum Tod, der nicht nur den Nil-Akt sondern auch das letzte Finale dominiert.

Archaische Bilder wie das Erwachen einer lagernden Armee, ein ins Surreale gesteigerter Volks-Aufmarsch, Leichenwaschung sind assoziativ mit den Hauptfiguren verbunden. Sie sind die psychologische Folie der handelnden Figuren.

Eine Aufführung in magischen Bildern der Sehnsucht, Aida/Radames: der Grabstein senkt sichdie die Opfer der Kriegsfanatisierung nicht ausblendet.Aber: es gibt ein Leben nach dem Tod Ein Stück von ungebrochener Aktualität.

Bettina Bartz / Arila Siegert im Dez. 2001
(Fotos ©: M. Steinfeldt, Berlin)
 
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