Eine Oper des Abschieds - oder: Menschen wie Tiere
Georg Friedrich Händels „Alcina“ – in der Sicht von Arila Siegert
Musik.Ltg.: Martin Schelhaas, Bühne: Hans Dieter Schaal, Kostüme: Marie-Luise Strandt,
Dramaturgie: Katja Lorenz
Premiere: Schwerin, Großes Haus, 05.März 2010 (Kammerfassung im E-Werk:
Oktober 2009)

„Alcina“ ist eine Oper des Abschieds. Händel
schrieb sie 1735 in einem letzten Anlauf, noch einmal sein Projekt
Italienische Oper in London dem Publikum nahe zu bringen. Schon 1733
in „Orlando“ reagierte er auf den veränderten Publikumsgeschmack
damit, dass er verzichtete auf mythologische Stoffe und es nun
versuchte mit einem viel vertonten literarischen Stoff, dem „Orlando
furioso“ des Ariost.
Auch jetzt sucht er dort seine Vorlage. Aber ein
bisschen interpretiert er in die Hauptfigur seiner neuen Oper, die
Circe-ähnliche Zauberin Alcina, auch die eigene Situation als
musikalischer „Zauberer“. Wie Alcina fühlt er auch bei sich die
Zauberkraft seiner Kunst erlöschen. Und wie Alcina fühlt auch er das
Ende nahen. Viele Stoffe hat er in Musik gegossen - und abgelegt,
wenn sie ihren Dienst getan hatten.
Bei Ruggiero gelingt das nur mehr zeitweise.
Bradamante, seine Verlobte, die immer den Fuß auf dem Boden behielt,
holt ihn zurück in die Alltagswelt - oder sie versucht es zumindest.
Ob es ihr am Ende gelingt? Der Zauber der Alcina jedenfalls
verlischt. Das Erbe ihrer Kunst, eine Urne mit Asche, zerbirst, ihre
Insel versinkt, und die von ihr zu Tieren, Steinen, Wellen
verwandelten Männer fühlen sich befreit.
Aber Ruggiero? Seine Sehnsucht bleibt. Womit kann
er sie stillen? Das Alltagsleben bleibt ihm fremd. Wir wissen, wie
Händel es hielt. Er versuchte sein dramatisches Konzept auf einem
neuen Feld, dem Oratorium, zeitgemäß in der Landessprache Englisch,
aber mit dem gleichen Insistieren und so großartigen Erfolgen wie
dem „Messias“.
gfk, März 2010
*
Alcina ist eine „Zauberin“ – wir würden heute vielleicht sagen,
ein Vamp. Sie lebt auf einer abgeschiedenen Insel. Sie verschlingt
Männer wie andere ihr Frühstück...
Na, na…
Aber nun ist sie auf einen Mann gestoßen, Ruggiero, bei dem
sie so etwas wie Liebe empfindet. Was geht in dieser Frau vor?
Es ist eine Macht-Frau, die bisher alles zum Erhalt ihrer Macht
genutzt hat, die ihre Macht ausgeübt hat und Spaß hatte am Machtspiel.
Die Liebe polt sie nun um. Die Macht wird uninteressant für sie und die
Liebe nimmt sie ganz ein. Sie wird eine Gefangene der Liebe und verliert
immer mehr an Boden. Das Tragische ist, dass diese echte Liebe sie
vernichtet.
Die Sache verschärft sich dadurch, dass dieser
Ruggiero von Alcina langsam genug hat. Er ist ein „Krieger“ – sprich er
möchte nicht den ganzen Tag faulenzen, sondern wieder in seinen
geregelten Arbeitsalltag eintauchen. Es kriselt zwischen den beiden
ziemlich heftig.
Das Stück
geht schon so los, dass Alcina versucht, Ruggiero wieder zu
gewinnen. Es kommen ja Fremde auf die Insel, Melisso und Bradamante –
Bradamante ist Ruggieros Verlobte, die sich als Mann verkleidet hat, um
Ruggiero zurück zu holen in ihre Welt der Ehre, der Vernunft und des
Krieges. Und Alcina versucht Ruggiero zu reizen, indem sie in der ersten
Arie singt: zeige den Fremden die Quellen, wo wir uns geliebt haben, den
Wald, wo wir spazieren gingen, die Wiesen, wo wir einander unter Tränen
unsere Liebe gestanden. Also es ist ein Öffentlich-Machen der Beziehung,
um den anderen herauszufordern, zu dieser Liebe zu stehen. Und Ruggiero
gerät anfänglich immer wieder in ihren Bann. Alcina zieht ihn zurück in
ihre Welt. Das Stück handelt davon, wie Ruggiero sukzessive sich aus
ihrer Welt heraus schält und zu ihrem Feind wird.
Ruggiero kapiert anfangs nicht so recht, dass die
Bradamante wirklich seine Verlobte ist. Nicht nur weil sie sich als Mann
verkleidet hat und sich Ricciardo nennt. Es verkompliziert sich dadurch,
dass die als Mann verkleidete Bradamante auch noch das erotische
Interesse von Alcinas Schwester Morgana erregt – eine wie oft bei Händel
etwas unübersichtliche Gemengelage von Eifersucht und
Missverständnissen.
Händel ging’s
schon um diesen Liebes-Verrat: Dass man jemand anderes
Vertrauen gewinnt und dieses Vertrauen missbraucht und für seine Zwecke
nutzt. Was Alcina früher immer gemacht hat als Herrscherin dieser
sogenannten Insel, das passiert der Morgana jetzt auch. Der Begriff
Insel ist ja vieldeutig, der kann auch stehen für einen Konzern, eine
Familie, ein Theater, eine in sich geschlossene Einheit. Bradamante
verhält sich also in dieser Beziehung wie Alcina. Sie belügt Morgana,
setzt sie für ihre Zwecke ein und macht sie zum Objekt. Das kann man
Tier nennen oder Möbel – Bradamante benutzt Morgana als Steigbügel, um
an Ruggiero heranzukommen. Dabei ist ihr ganz egal, was dieser Mensch
leiden muss.
Ja, Alcina hat alle ihre „abgelegten“ Männer in
„Tiere“ verwandelt. Was sind diese Tiere?
Sie sind
einfach ihres Willens beraubt. Sie sind insofern vertierte
Menschen – Tiere, die Menschen sein wollen, oder Menschen, die
tierähnlich sind – als sie nicht nach ihrer eigenen Vernunft handeln.
Sie sind in ein System eingebunden und müssen da funktionieren. Sie sind
abhängig, aber auch süchtig nach dieser Abhängigkeit gemacht und
abgerichtet, bestimmte Sachen zu tun, die sie normaler Weise nicht tun
würden wie buckeln, kriechen, lecken. Es hat mich doch sehr an das
System der DDR erinnert, wo man als Mensch eingeschränkt wurde und nicht
frei denken konnte. Das ist wie eine Verstümmelung.
Alcinas Zauberkraft resultiert aus einer Urne, in der
sie die Asche der Circe aufbewahrt. Es sind damit wahrscheinlich Reste
eines ursprünglichen matriarchalen Mythos gemeint – wie ähnlich bei
Medea. Aber die Asche meint wohl auch eine Metapher für etwas
Abgelebtes.
Wir haben
diese Urne in eine große sechs Meter lange Perlenkette
verwandelt, die Alcina um den Hals trägt. Wir behaupten, diese Asche der
Circe meint eigentlich die Schönheit der Frau, die den Mann verzaubert
und in ihren Bann schlägt; meint die Hexe als wissende Frau, als eine
Frau, die die Mittel kennt, Liebestränke zu brauen, Kinder zu kriegen;
meint dieses Matriarchale, Urmuttermäßige, die Fähigkeit, ihre Anziehung
zu nutzen und den Mann zu gewinnen, aber auch ihn zu unterwerfen.
Um das Stichwort DDR aufzugreifen – die Asche meint
sicher auch eine alte Ideologie, auf der Alcina hier ihre Macht
aufzubauen versucht.
Ja,
dieses Stück hat Händel auch in dem Zusammenhang interessiert:
mit dieser Opulenz auf der Insel können auch die adeligen Kreise gemeint
sein, in denen Händel verkehrte und die so pervertiert waren, dass die
Menschen zu Masken ihrer selbst wurden. Der Codex von Künstlichkeit war
in diesen Kreisen so stark, dass die Menschen entmenscht wurden.
Am Ende zerfällt die Zauberkraft der Alcina. Ruggiero
und Bradamante befreien die „Tiere“. Das Reich der Alcina versinkt. Es
kehrt sozusagen „Normalität“ ein. Ruggiero kann wieder in den „Krieg“
zurück. Mit welcher Erfahrung, mit welchen Gefühlen wird er in diesen
Alltag zurückkehren? Ist das nur ein Gefühl der Befreiung – oder ist es
auch wie bei „Così fan tutte“ nach dem Partnertausch eines der
Ernüchterung?
Absolut das letztere,
es tritt eine Entfremdung ein. Ruggiero trauert
dieser fantastischen Welt Alcinas nach und kann sich in dieser neuen
Situation erst mal nicht zurechtfinden. Wir behaupten auch, dass er das
gar nicht mehr können wird. Er wird ein Wanderer sein zwischen den
Welten.
„Alcina“ ist ja eine der späten Opern Händels, 1735
entstanden nach dem Crash, den 1729 die „Beggar‘s Opera“ mit ihren
echten englischsprachigen Ganoven für sein Unternehmen verursacht hat.
Daneben gab es auch immer wieder Konkurrenzunternehmen, die ihm das
Publikum streitig machten. Händel hat in der Zeit zudem die finanzielle
Unterstützung des Königshauses weitgehend verloren, ist mit dieser Oper in ein Theater
am damaligen Gemüsemarkt Covent Garden gegangen, wo’s nicht so fein
zuging. Möglicherweise ist diese Parabel mit dem Zoo von abgelegten
Männer-Tieren der Alcina, wie eben schon angedeutet, auch eine
versteckte Kritik an der damaligen Adels-Gesellschaft und wie sie umging
mit ihren einstigen Lieblingen.
Ruggieros Arie „verdi prati“ (grüne Wiesen) fängt das plastisch ein,
diese schöne blühende Welt, und dahinter lauert ein tiefer Abgrund, dass
wir zu allem fähig sind zum Schönsten wie zum Schlimmsten. Das wird hier
in einer ganz einfachen, liedhaften musikalischen Form erzählt.
In „Alcina“ versucht Händel, durch äußere
Attraktivität wieder mehr Publikum für seine italienische Oper zu
gewinnen – wegen der geschrumpften Finanzen musste er auf englische
Sänger zurückgreifen, konnte sich die teuren italienischen Gesangsstars
kaum mehr leisten. Stattdessen flicht er in diese Oper erstaunlich
viele Tänze ein.
Das ist
das barocke Element in dem Stück. Und da ich sowieso sehr
stark über die Körpersprache inszeniere, ist es für mich gar kein
Problem, die Tänze mit dem Chor zu stellen und den Chor dazu zu bringen,
sich in dieser barocken Manier zu bewegen. Das Barock-Element in dem
Stück ist stilistisch wichtig, damit man den Bogen von damals zu heute
kriegt: von der Eifersucht und sich nicht in der Welt zurechtzufinden,
in bestimmten Systemen leben zu müssen und dabei die Liebe zu suchen.
Das sind ja ewige Themen, und es ist sehr interessant, die
unterschiedlichen Zeiten dabei mit anklingen zu lassen. Die Radikalität
liegt im Stück selber. Die Menschen sind sehr extrem, wie sie dort
miteinander umgehen. Und das hat für mich einen großen Bezug zu heute:
die Unbedingtheit der Suche nach dem Glück, die Radikalität dieser
Machtstrukturen und des Ausnutzens von anderen bis aufs Blut. Dadurch
lebt das Stück, und nicht dadurch dass man das äußerlich in eine radikal
moderne Form bringt. Die Mischung ist das Interessante.
Die Produktionsbedingungen dieser Oper hier in
Schwerin sind auch recht ungewöhnlich. Wegen der Rekonstruktion der
Bühne im großen Haus gibt es eine Vor-Premiere jetzt am 23.Oktober 2009
im E-Werk. Dort muss man ohne definiertes Bühnenbild spielen, wenn auch
in Kostümen. Und die eigentliche Premiere im Großen Haus ist dann im
März 2010. Über das Bühnenbild verraten wir jetzt noch nichts, es wird
etwas sehr Besonderes. Wie war das, quasi zwei Fassungen dieser
Aufführung zu erarbeiten?
Wir haben im Sommer die Fassung gestellt für die große Bühne. Und
jetzt die kleine Fassung daraus zu destillieren, ist gar nicht
schwierig, weil die Inszenierung stark über die Körper läuft, die sich
mit dem Raum ins Verhältnis setzen. Jetzt setzen sie sich mit dem im
E-Werk vorhandenen Raum ins Verhältnis. Dadurch ändert sich schon vieles
im Stück. Aber der Konflikt bleibt derselbe.
gfk, Okt. 2009