Fotos der
ersten Fassung
im E-Werk

 

Alcina bei der Toilette

Das Dreieck

Ruggiero

Gefangen in ihren Ketten

Bradamante

Morgana gedemütigt von Oronte

Alcina mit ihrer Urne um den Hals

Die Kette wird zerrissen

Nach der Befreiung

Alcina erkennt

Bradamante steigt zu Ruggiero

Morgana noch im Liebesfrühling

Alcina weicht

Ruggiero folgt Alcina ins Exil

 

*

 

Fotos der
zweiten Fassung
im Großen Haus

Nach dem Lever

Bradamante taucht auf

Bradamante verfolgt Ruggiero

Ruggiero muss sich verstecken

Ruggiero zwischen Alcina und Bradamante

Alcina schleppt an ihrem Untergang

Die Zeiger stehen auf Abschied

Oronte stellt Morgana zur Rede

Ruggieros Abschied von der Insel

Man ödet sich nur noch an

Ruggiero überlegt, das Band zu zerreißen

Bradamante zerreißt definitiv die Nabelschnur

Die Kette ist zerrissen, die Tiere befreit, Alcina und Morgana bleiben allein zurück

Eine Oper des Abschieds - oder:
Menschen wie Tiere

Georg Friedrich Händels „Alcina“
– in der Sicht von Arila Siegert
mit einem Vorwort

Musik.Ltg.: Martin Schelhaas
Bühne: Hans Dieter Schaal
Kostüme: Marie Luise Strandt
Dramaturgie: Katja Lorenz
Premiere 1: Schwerin
E-Werk: Oktober 2009 (Kammerfassung)
Premiere 2: Schwerin
Großes Haus, 05.März 2010

Alcina: Hyunju Park

„Alcina“ ist eine Oper des Abschieds. Händel schrieb sie 1735 in einem letzten Anlauf, noch einmal sein Projekt Italienische Oper in London dem Publikum nahe zu bringen. Schon 1733 in „Orlando“ reagierte er auf den veränderten Publikumsgeschmack damit, dass er verzichtete auf mythologische Stoffe und es nun versuchte mit einem viel vertonten literarischen Stoff, dem „Orlando furioso“ des Ariost.

Auch jetzt sucht er dort seine Vorlage. Aber ein bisschen interpretiert er in die Hauptfigur seiner neuen Oper, die Circe-ähnliche Zauberin Alcina, auch die eigene Situation als musikalischer „Zauberer“. Wie Alcina fühlt er auch bei sich die Zauberkraft seiner Kunst erlöschen. Und wie Alcina fühlt auch er das Ende nahen. Viele Stoffe hat er in Musik gegossen - und abgelegt, wenn sie ihren Dienst getan hatten.

Bei Ruggiero gelingt das nur mehr zeitweise. Bradamante, seine Verlobte, die immer den Fuß auf dem Boden behielt, holt ihn zurück in die Alltagswelt - oder sie versucht es zumindest. Ob es ihr am Ende gelingt? Der Zauber der Alcina jedenfalls verlischt. Das Erbe ihrer Kunst, eine Urne mit Asche, zerbirst, ihre Insel versinkt, und die von ihr zu Tieren,  Steinen, Wellen verwandelten Männer fühlen sich befreit.

Aber Ruggiero? Seine Sehnsucht bleibt. Womit kann er sie stillen? Das Alltagsleben bleibt ihm fremd. Wir wissen, wie Händel es hielt. Er versuchte sein dramatisches Konzept auf einem neuen Feld, dem Oratorium, zeitgemäß in der Landessprache Englisch, aber mit dem gleichen Insistieren und so großartigen Erfolgen wie dem „Messias“.

gfk, März 2010

*

Alcina ist eine „Zauberin“ – wir würden heute vielleicht sagen, ein Vamp. Sie lebt auf einer abgeschiedenen Insel. Sie verschlingt Männer wie andere ihr Frühstück...

Na, na…

Aber nun ist sie auf einen Mann gestoßen, Ruggiero, bei dem sie so etwas wie Liebe empfindet. Was geht in dieser Frau vor?

Es ist eine Macht-Frau, die bisher alles zum Erhalt ihrer Macht genutzt hat, die ihre Macht ausgeübt hat und Spaß hatte am Machtspiel. Die Liebe polt sie nun um. Die Macht wird uninteressant für sie und die Liebe nimmt sie ganz ein. Sie wird eine Gefangene der Liebe und verliert immer mehr an Boden. Das Tragische ist, dass diese echte Liebe sie vernichtet.

Die Sache verschärft sich dadurch, dass dieser Ruggiero von Alcina langsam genug hat. Er ist ein „Krieger“ – sprich er möchte nicht den ganzen Tag faulenzen, sondern wieder in seinen geregelten Arbeitsalltag eintauchen. Es kriselt zwischen den beiden ziemlich heftig.

Das Stück geht schon so los, dass Alcina versucht, Ruggiero wieder zu gewinnen. Es kommen ja Fremde auf die Insel, Melisso und Bradamante – Bradamante ist Ruggieros Verlobte, die sich als Mann verkleidet hat, um Ruggiero zurück zu holen in ihre Welt der Ehre, der Vernunft und des Krieges. Und Alcina versucht Ruggiero zu reizen, indem sie in der ersten Arie singt: zeige den Fremden die Quellen, wo wir uns geliebt haben, den Wald, wo wir spazieren gingen, die Wiesen, wo wir einander unter Tränen unsere Liebe gestanden. Also es ist ein Öffentlich-Machen der Beziehung, um den anderen herauszufordern, zu dieser Liebe zu stehen. Und Ruggiero gerät anfänglich immer wieder in ihren Bann. Alcina zieht ihn zurück in ihre Welt. Das Stück handelt davon, wie Ruggiero sukzessive sich aus ihrer Welt heraus schält und zu ihrem Feind wird.

Ruggiero kapiert anfangs nicht so recht, dass die Bradamante wirklich seine Verlobte ist. Nicht nur weil sie sich als Mann verkleidet hat und sich Ricciardo nennt. Es verkompliziert sich dadurch, dass die als Mann verkleidete Bradamante auch noch das erotische Interesse von Alcinas Schwester Morgana erregt – eine wie oft bei Händel etwas unübersichtliche Gemengelage von Eifersucht und Missverständnissen.

Händel ging’s schon um diesen Liebes-Verrat: Dass man jemand anderes Vertrauen gewinnt und dieses Vertrauen missbraucht und für seine Zwecke nutzt. Was Alcina früher immer gemacht hat als Herrscherin dieser sogenannten Insel, das passiert der Morgana jetzt auch. Der Begriff Insel ist ja vieldeutig, der kann auch stehen für einen Konzern, eine Familie, ein Theater, eine in sich geschlossene Einheit. Bradamante verhält sich also in dieser Beziehung wie Alcina. Sie belügt Morgana, setzt sie für ihre Zwecke ein und macht sie zum Objekt. Das kann man Tier nennen oder Möbel – Bradamante benutzt Morgana als Steigbügel, um an Ruggiero heranzukommen. Dabei ist ihr ganz egal, was dieser Mensch leiden muss.

Ja, Alcina hat alle ihre „abgelegten“ Männer in „Tiere“ verwandelt. Was sind diese Tiere?

Sie sind einfach ihres Willens beraubt. Sie sind insofern vertierte Menschen – Tiere, die Menschen sein wollen, oder Menschen, die tierähnlich sind – als sie nicht nach ihrer eigenen Vernunft handeln. Sie sind in ein System eingebunden und müssen da funktionieren. Sie sind abhängig, aber auch süchtig nach dieser Abhängigkeit gemacht und abgerichtet, bestimmte Sachen zu tun, die sie normaler Weise nicht tun würden wie buckeln, kriechen, lecken. Es hat mich doch sehr an das System der DDR erinnert, wo man als Mensch eingeschränkt wurde und nicht frei denken konnte. Das ist wie eine Verstümmelung.

Alcinas Zauberkraft resultiert aus einer Urne, in der sie die Asche der Circe aufbewahrt. Es sind damit wahrscheinlich Reste eines ursprünglichen matriarchalen Mythos gemeint – wie ähnlich bei Medea. Aber die Asche meint wohl auch eine Metapher für etwas Abgelebtes.

Wir haben diese Urne in eine große sechs Meter lange Perlenkette verwandelt, die Alcina um den Hals trägt. Wir behaupten, diese Asche der Circe meint eigentlich die Schönheit der Frau, die den Mann verzaubert und in ihren Bann schlägt; meint die Hexe als wissende Frau, als eine Frau, die die Mittel kennt, Liebestränke zu brauen, Kinder zu kriegen; meint dieses Matriarchale, Urmuttermäßige, die Fähigkeit, ihre Anziehung zu nutzen und den Mann zu gewinnen, aber auch ihn zu unterwerfen.

Um das Stichwort DDR aufzugreifen – die Asche meint sicher auch eine alte Ideologie, auf der Alcina hier ihre Macht aufzubauen versucht.

Ja, dieses Stück hat Händel auch in dem Zusammenhang interessiert: mit dieser Opulenz auf der Insel können auch die adeligen Kreise gemeint sein, in denen Händel verkehrte und die so pervertiert waren, dass die Menschen zu Masken ihrer selbst wurden. Der Codex von Künstlichkeit war in diesen Kreisen so stark, dass die Menschen entmenscht wurden.

Am Ende zerfällt die Zauberkraft der Alcina. Ruggiero und Bradamante befreien die „Tiere“. Das Reich der Alcina versinkt. Es kehrt sozusagen „Normalität“ ein. Ruggiero kann wieder in den „Krieg“ zurück. Mit welcher Erfahrung, mit welchen Gefühlen wird er in diesen Alltag zurückkehren? Ist das nur ein Gefühl der Befreiung – oder ist es auch wie bei „Così fan tutte“ nach dem Partnertausch eines der Ernüchterung?

Absolut das letztere, es tritt eine Entfremdung ein. Ruggiero trauert dieser fantastischen Welt Alcinas nach und kann sich in dieser neuen Situation erst mal nicht zurechtfinden. Wir behaupten auch, dass er das gar nicht mehr können wird. Er wird ein Wanderer sein zwischen den Welten.

„Alcina“ ist ja eine der späten Opern Händels, 1735 entstanden nach dem Crash, den 1729 die „Beggar‘s Opera“ mit ihren echten englischsprachigen Ganoven für sein Unternehmen verursacht hat. Daneben gab es auch immer wieder Konkurrenzunternehmen, die ihm das Publikum streitig machten. Händel hat in der Zeit zudem die finanzielle Unterstützung des Königshauses weitgehend verloren, ist mit dieser Oper in ein Theater am damaligen Gemüsemarkt Covent Garden gegangen, wo’s nicht so fein zuging. Möglicherweise ist diese Parabel mit dem Zoo von abgelegten Männer-Tieren der Alcina, wie eben schon angedeutet, auch eine versteckte Kritik an der damaligen Adels-Gesellschaft und wie sie umging mit ihren einstigen Lieblingen.

Ruggieros Arie „verdi prati“ (grüne Wiesen) fängt das plastisch ein, diese schöne blühende Welt, und dahinter lauert ein tiefer Abgrund, dass wir zu allem fähig sind zum Schönsten wie zum Schlimmsten. Das wird hier in einer ganz einfachen, liedhaften musikalischen Form erzählt.

In „Alcina“ versucht Händel, durch äußere Attraktivität wieder mehr Publikum für seine italienische Oper zu gewinnen – wegen der geschrumpften Finanzen musste er auf englische Sänger zurückgreifen, konnte sich die teuren italienischen Gesangsstars kaum mehr leisten. Stattdessen flicht er in diese Oper erstaunlich viele Tänze ein.

Das ist das barocke Element in dem Stück. Und da ich sowieso sehr stark über die Körpersprache inszeniere, ist es für mich gar kein Problem, die Tänze mit dem Chor zu stellen und den Chor dazu zu bringen, sich in dieser barocken Manier zu bewegen. Das Barock-Element in dem Stück ist stilistisch wichtig, damit man den Bogen von damals zu heute kriegt: von der Eifersucht und sich nicht in der Welt zurechtzufinden, in bestimmten Systemen leben zu müssen und dabei die Liebe zu suchen. Das sind ja ewige Themen, und es ist sehr interessant, die unterschiedlichen Zeiten dabei mit anklingen zu lassen. Die Radikalität liegt im Stück selber. Die Menschen sind sehr extrem, wie sie dort miteinander umgehen. Und das hat für mich einen großen Bezug zu heute: die Unbedingtheit der Suche nach dem Glück, die Radikalität dieser Machtstrukturen und des Ausnutzens von anderen bis aufs Blut. Dadurch lebt das Stück, und nicht dadurch dass man das äußerlich in eine radikal moderne Form bringt. Die Mischung ist das Interessante.

Die Produktionsbedingungen dieser Oper hier in Schwerin sind auch recht ungewöhnlich. Wegen der Rekonstruktion der Bühne im großen Haus gibt es eine Vor-Premiere jetzt am 23.Oktober 2009 im E-Werk. Dort muss man ohne definiertes Bühnenbild spielen, wenn auch in Kostümen. Und die eigentliche Premiere im Großen Haus ist dann im März 2010. Über das Bühnenbild verraten wir jetzt noch nichts, es wird etwas sehr Besonderes. Wie war das, quasi zwei Fassungen dieser Aufführung zu erarbeiten?

Wir haben im Sommer die Fassung gestellt für die große Bühne. Und jetzt die kleine Fassung daraus zu destillieren, ist gar nicht schwierig, weil die Inszenierung stark über die Körper läuft, die sich mit dem Raum ins Verhältnis setzen. Jetzt setzen sie sich mit dem im E-Werk vorhandenen Raum ins Verhältnis. Dadurch ändert sich schon vieles im Stück. Aber der Konflikt bleibt derselbe.

gfk, Okt. 2009


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