Sabbat

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In einem Durchgangsraum

Arila Siegert zu ihrer Inszenierung von Anatevka
(Der Fiedler auf dem Dach)

Premiere
Theater Eisenach, 14. Januar 2006

Anatevka zeigt eine Gruppe von Menschen, die zusammen gehalten werden durch einen bestimmten Kanon religiöser und gesellschaftlicher Riten, Verabredungen, Vorschriften. Sie nennen das „Tradition“. Aber dieser Zusammenhalt wird immer mehr durchlöchert von inneren und äußeren Einschüssen und Brüchen. Was ist für Dich der wichtigste Aspekt in diesem Stück?

Es geht um menschliches Verhalten. Es geht um die großen und kleinen Fragen, wie wir uns zu den ständigen Veränderungen in unserem Leben, unseren Erwartungen, Bedürfnissen verhalten. Etwas wird zerstört, etwas anderes keimt neu auf. Es ist ein ständiges Stirb und Werde, in dem wir leben. Wir sind ja heute mit Terrorismus, mit Stammes- und Glaubenskriegen konfrontiert. Die wesentlichste Frage ist, wie gehen wir damit um? Wie weit sind wir fähig, diese Abgrenzung in eine Öffnung und Toleranz zu verwandeln? Wie weit lassen wir uns von dem, was wir innerlich fühlen und glauben, leiten oder wie weit lassen wir uns fremd bestimmen: in diesem Fall Tevje von der Religion und den Gesetzen, oder folgt er seinen inneren Regungen? Das ist auch eine Frage, die wir im letzten Jahrhundert explizit studieren konnten, was es heißt, wenn man sich fremd bestimmen lässt und dann ein ganzes Volk in die Katastrophe stürzt wie die Deutschen die Juden und andere Völker. Es geht weiter zu tiefst menschlichen Dingen: gegen jeden Mord und Totschlag, fast im Sinne von Saint d’Exupéry, dass das Wesentliche unsichtbar ist. Die Feinheit der Beziehungen der Menschen untereinander ist das, was die Welt bewegt.

Exemplifiziert wird es an Tevje, dem Milchmann, als zentraler Figur. Obwohl er ein ziemlich strenger Jude und fast jeden Satz mit einem, wenn auch nach individuell ausgelegtem Bibelspruch belegt, gibt es für ihn doch immer wieder ein Einerseits und ein Andererseits. Er wägt ab. Er entscheidet nicht stur nach den überkommenen Regeln. Er schlägt sich also lernend und umlernend durchs Leben, um den Wünschen seiner Töchter, seiner Frau, aber auch den Forderungen der Religion gerecht zu werden. Welche Rolle spielt der Tevje?

An ihm wird das Menschsein abgehandelt: wann sind wir Mensch und wann hören wir auf Mensch zu sein und lassen uns einfunktionieren in eine Doktrin.

Sein Gegenpol ist für mich Perchik, was im Jiddischen ja „Pfefferl“ heißt, der die Forderungen der Zeit in das etwas verschlafene Dorf bringt und die Brüche offenbar macht.

Für mich ist er die Weiterführung von Tewje: ein kluger Mensch, der wirklich anfängt zu studieren und nicht nur seine privaten Auslegungen lebt, sondern das weiter führt in ein politisches Denken und Handeln. Das tut Tewje nicht. Er bleibt im Rahmen seines Dorfes und seiner Familie. Aber ich finde solches Denken unheimlich wichtig heute. Wir denken heute globaler und wir vermissen die Bindungen innerhalb unserer Familie und unseres Freundeskreises. Und das ist eine große Verarmung.

Als Menetekel am Himmel, erst etwas fern, dann schnell sich nähernd: der Pogrom, die Zerstörung der Lebensbasis für die Juden in diesem Ort. Am Ende fügen sie sich der Gewalt, ziehen los und fragen sich: ob es denn wirklich so wichtig war dies Fleckchen Land, wo sie lebten. Was sagt das dir?

Sie können loslassen. Das Wichtige sind die Beziehungen, auch die zu den Urvätern und zu Gott. Und das schafft Tewje dann doch am Schluss, sich in gewisser Weise der Chava anzunähern, dass er ihr Glück auf den Weg wünscht und sie nicht weiter als „tot“ betrachtet, sondern dass sie weiter in ihm leben darf. Das finde ich eine große Kraft dieses Volkes, dass sie von früh an gelernt haben, die Materie los zu lassen, den Stock, den Hut, einen Stuhl, einen Schrank, ihren ganzen Hausrat, und zu sagen: Vielleicht ist es woanders ja doch viel besser – also diese Einstellung, dass sich das Leben ständig verändert und dass man sich am Besitz oder überhaupt an den alten Kamellen nicht fest halten kann.

Sie nehmen nur ihre zehn Gebote, ihre Bibel mit.

Sie nehmen ihre Familie mit. Und die Familie geht bis Abraham und Joseph. Die Bibel ist ihre Familie. Deshalb ist es auch so interessant, dass die Beziehung zu der Familie so tief ist, dass der Tempel ihnen eigentlich mehr wert ist als ein Stück Land. Aber heute in Israel und Palästina geht es letztlich doch weiterhin um „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Eine der Hauptfiguren, die sich durchs Stück ziehen, ist der Fiedler. Er ist etwas Reales und hat etwas Irreales zugleich. Was ist er für Dich?

Für mich ist er keine reale Figur. Er symbolisiert die Gefühlswelt der Juden in diesem Stück. Es heißt ja gleich zu Beginn bei Tevje: „Jeder von uns ist ein ‚Fiedler auf dem Dach’. Jeder versucht, eine einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu brechen.“ Der Fiedler ist mehrdeutig. Er zeigt die Gefährdungen, aber auch die lustigen, liebevollen und absurden Seiten, denen die Menschen ausgesetzt sind beim Versuch, ihr Leben zu gestalten. Der Fiedler geht durchs Stück als reflektierender Geist, als abstrahierter Klang der Seele.

Das Stück ist für ein ziemlich großes Ensemble geschrieben, ein Musical eben. Gespielt wird es in Eisenach an einem kleinen Haus. Man muss viel improvisieren. Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker müssen zum Teil Dinge tun, die sie sonst nicht tun müssen. Wie kommt man damit klar?

Es ist auf der einen Seite ein Musical, das die Weiterentwicklung des Singspiels ist. Das lässt viel zu. Es ist auch so notiert, dass die Musik auch nur als bloßes Material verwendet werden kann. Es sind Takte notiert, die unendlich wiederholbar sind, wo man alle Freiheit hat für die Szene, ein großes Plus. Die Tänzer im Stück sind auch insofern interessant, als man anfängt Realismus zu vermeiden und die Gedanken und Gefühle durch den Körper zu erzählen. Das färbt auch auf die Sänger ab. Und das war für mich eine sehr reizvolle Aufgabe: Der Körper lügt nicht. Zum Beispiel: was passiert bei einer Zerstörung mit uns? Wie spricht unser Körper?

Stichwort Realismus. Dieses Musical hat ja doch einen sehr starken Hang dazu. Wie kann man vermeiden, dass das zu „filmisch“ wird?

Eben indem man schon die Bühne abstrahiert. Grit Dora von Zeschau hat einen Raum gebaut, der inspiriert ist von dem Gebets-Schal. Wir behaupten, das Zuhause der Juden ist die Religion, das Gebet. Mit der Kargheit der Szene wird die Figur im Raum und werden die Requisiten, mit denen die Figuren umgehen und die Haltung der Figuren zueinander, werden die „Sprache“, die Spielweise, die körperliche Ausdruckskraft. Wenn etwa Tevje von der Chava, die sich mit einem Russen eingelassen hat, entfernt, erzähle ich das im Raum. Er driftet immer weiter ab, während er spricht, während er sie belehrt. Die Distanz zwischen beiden wird immer größer, bis er zum Schluss über einen Graben zu ihr spricht.

Wie ist das Verhältnis zu den Russen? Der Historie nach war es ein zwar gespanntes aber kein feindliches Verhältnis.

Sie haben mit ihnen gehandelt, haben von ihnen profitiert. Es blieb ihnen auch nichts übrig als Handelsbeziehungen zu entwickeln. Aber sie in ihre Gesellschaft rein lassen – das tun sie nicht. Auch wenn der Fedja hofft, dass er mit dem neuen Hemd, das er sich bei Mottel bestellt und was eventuell sein Hochzeitshemd ist, freundlich aufgenommen zu werden, da hat er sich getäuscht. Er wird kühl und distanziert behandelt. Sie schweigen, wenn er in den Laden kommt. Es entsteht eine gespannte Atmosphäre. So wird das mit der Ausgrenzung gehandhabt von beiden Seiten.

Was sagt uns das für heute?

Wie wichtig das ist, dass wir immer wieder unsere Dogmen und Glaubenssätze überwinden zugunsten eines menschlichen und toleranten Miteinanders. Dass nur menschliche Werte zählen. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität – unabhängig von dem, ob man das versteht oder nicht.

Du hast die berühmte Felsenstein-Inszenierung  des Fiedler gesehen noch in der Originalbesetzung [Komische Oper Berlin 1971]. Hat Dich das beeinflusst jetzt bei der eigenen Produktion?

Die Felsenstein-Inszenierung war so in sich geschlossen, dass ich ganz schön Angst hatte, das überhaupt zu machen. Diese Fassung war getragen von großer Feinheit und Humanität. Das legt die Latte sehr hoch. Wir leben heute aber in einer anderen Zeit. Und es ging jetzt um eine heutige Sicht auf die Probleme, und ich musste eine heutige Spielweise finden für dies „Kein Ort – nirgends“: dass man keine Heimat mehr hat und keine Arbeit mehr an dem Ort, wo man lebt. Wir leben wie in einem Durchgangsraum. Alles ist auf Wanderschaft, aber unsere Bedürfnisse bleiben – ein Schmerzfeld.


*

Pochen auf Liebe

Scholems Tevje und das Musical

Die Pogrome sind noch ein fernes Donnerhallen im Anfang des 20.Jahrhunderts von Scholem Alejchem geschriebenen Tevje der Milchmann. Im 1964 am Broadway uraufgeführten Musical Fiddler on the Roof sind sie schon viel präsenter. Das jüdische Leben in der Ukraine, das Scholem Alejchem mit dem Milchmann Tevje so liebevoll porträtierte, existierte nicht mehr. Auch das Musical schildert nur eine Erinnerung. Und die ist in ihrer Historizität höchst aktuell.

Der Tevje Scholems ist kein so armer Schlucker wie es das Gros der jüdischen Bevölkerung war und das Musical suggeriert. Nur anfangs; da verdingt er sich, indem er Feuerholz heranschleppt aus dem Wald. Dann trifft er eines Tags auf zwei reiche Frauen, die sich verirrt haben im Wald. Die bringt er wohlbehalten in ihr Feriendomizil nach Hause. Von dem geschenkten Geld kauft er sich eine zweite Kuh. Und seine Milchwirtschaft beginnt zu florieren. Die Gegend um Bojberik und Anatevka, wo er wohnt, ist beliebtes Urlaubsziel reicher städtischer Juden aus Jehupez, wie Kiew hier heißt. Und die Ware, die er anzubieten hat, Milch, Quark und Käse, ist von bester Qualität. So kommt er auch in die Häuser reicherer Juden. Und es finden sich dort auch potenzielle und tatsächliche Schwiegersöhne für seine Töchter.

Als die Zeichen beginnender Pogrome deutlicher werden, macht Tevje sich erst noch darüber lustig: „Sobald man von Pogromen zu reden anfängt, fangen die Juden an, aus der einen Stadt in die andere zu rennen, wie es in der Schrift heißt: ‚Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel zog aus und lagerte sich.’“ Tevje verdient anfangs sogar noch an der vermehrten Kundschaft. Dann kommt eines Tags der Bürgermeister auf den Hof. Man müsse ihm die Scheiben einschlagen, oder wenigstens die Federbetten oder Polster aufschlitzen; irgendetwas müssten sie demolieren. Das fordere der Gouverneur. Und dann kreuzt auch noch der Milizionär auf mit einem Schrieb. Tevje solle binnen drei Tagen seine sieben Sachen packen und seine Kate verkaufen. Tevje versteht. Aus Anatevka, das zuletzt ein Städtchen war, werde nun wieder ein Dorf, sagt er. Und: Abraham zog auch los, als er von Gott den Auftrag bekam; er fragte nicht.

Die revolutionären Vorgänge 1905 in Russland sind im Musical fast von Anfang an präsent. In Petersburg versuchten die Bolschewiki den Umsturz. In Kiew kam es zum Aufstand. Genährt wird der zunächst aus oppositionellen studentischen Kreisen und am 18.Oktober von herbei beorderter Kavallerie zersprengt. Drei Tage wütet der Terror. Jüdische Geschäfte werden in Brand gesteckt. Es gibt hunderte Verwundete und Tote. Als Rädelsführer gebranntmarkt werden Juden, obwohl auch viele Adelige sich zur Opposition bekannten. Die Pogrome waren staatlich organisiert und gedacht als Abschreckungsfeldzug gegen die „Anarchie“, wie der zaristische Staat die Opposition nannte. Gelegentlich veranstaltete die Polizei auch Razzien, um von begüterten Juden Schutzgeld zu erpressen. Die Freiheiten der Juden waren seit der Thronbesteigung des Zaren Alexander III (1881) immer mehr eingeschränkt. Juden durften mit wenigen Ausnahmen nur noch in bestimmten städtischen und kleinstädtischen Bezirken siedeln. Man wollte sie besser kontrollieren. Es gab für sie keine Gewerbefreiheit.

Auch das Leben im osteuropäischen jüdischen „Schtedtl“ ist geprägt von strengen Regeln, genannt „Tradition“, und Armut. Geistiges Zentrum ist die „Schul“, die Synagoge. Kinder haben in der Regel nur Zugang zur Primar-, manche auch zur Talmud-Schule. Gymnasialbildung oder gar Universitätsstudium ist wegen der Zugangsbeschränkungen und der hohen Kosten nur wenigen möglich. In der jüdischen Gesellschaft existiert eine gewisse soziale Hierarchie. Den höchsten Rang bekleidet der Rabbiner. Eine möglichst ungebrochene Linie von Talmud-Gelehrten der Familie sichert allerhöchstes Ansehen. Der Rabbiner ist der geistige Vorsteher einer Gemeinde. Er entscheidet über rituelle Fragen. Wichtige Figur in der Gemeinde nach ihm ist der Schächter. Er muss genauestens Bescheid wissen über die rituellen Vorschriften für das koschere Töten der Tiere. Der Fleischer ist ihm eng zugeordnet, daher die hohe Bedeutung von Lazar Wolf im Stück.

Eine eigene Schicht sind die Bettler. Almosengeben, der Traum ja auch von Tevje und seinem „Reich-Sein“, ist im jüdischen Glauben institutionalisiert. Genauso wie die Figur der Heiratsvermittler, der Schadchen. Der Schadchen, bei Scholem ein Mann, im Musical eine Frau (Jente), muss dafür sorgen, dass Brautleute der richtigen sozialen Ebenen zueinander finden. Um Liebe geht es beim Heiraten nicht. Da alle Töchter und zwar von der ältesten abwärts in der richtigen Reihenfolge verheiratet werden müssen, unterhalten die Schadchen ein verzweigtes Kommunikations-Netz untereinander. Denn als „Ziel“ der Frau gilt die Ehe, als Ziel der Ehe Kinder. Familie ist Gottesdienst. In der Sabbat-Feier zum Gedenken an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten wird er gefeiert. Tevjes Töchter rebellieren gegen diese „Tradition“, wollen ihren Mann sich selber suchen, pochen bei der Ehe auf Liebe. Und auch Tevje beginnt ja am Ende darüber nachzudenken.

Fürs Heiraten gelten der Tradition nach feste Riten: wie die Brautleute vor der Verlobung sich kennen lernen dürfen, wie die Verträge aufgesetzt werden, welche Geschenke von wem gegeben werden, wie die Kosten verteilt werden. Geregelt ist der Abschied der Brautleute von ihren früheren Freunden und Freundinnen. Geregelt ist der Verlauf der Hochzeit selbst: wie die Braut den Bräutigam unter dem Trauungs-Baldachin, der Chuppa, siebenmal umkreist; wie mit dem Anstecken des Rings, dem Segen des Rabbi, dem Verlesen des Ehevertrags und dem Glück bringenden Zertreten eines Weinglases die Ehe besiegelt wird. Dabei ist der Hochzeitstag für die Brautleute zunächst ein Tag der Einkehr und Kasteiung. Vor dem inneren Auge sollen sie ihr bisheriges Leben Revue passieren lassen.

Zu essen gibt es für das junge Paar erst abends nach zehn Uhr. Dann allerdings mit Tanz, Musik, Späßen und Geschenken. Danach wird die Braut ins Brautgemach geführt und entkleidet. Erst dann darf auch der Bräutigam hereingeführt werden. Meist allerdings blieb das junge Paar, bis es sich einen eigenen Hausstand leisten konnte, bei den Eltern wohnen. Im Musical zögert Mottel lange, ehe er bei Tevje um Zeitel anhält. Nicht nur dass Heiraten ohne Heiratsvermittler wider alle „Tradition“ ist – er hat auch noch keine eigene Nähmaschine. So versackt die Lust an der Brautnacht im Aufräumen nach dem Pogrom, von Tevje trocken kommentiert. Und Jente will ihre segensreiche Tätigkeit am Ende nach Jerusalem verlegen. Vom modernen Israel weiß sie nichts.

Text und Interview: aus dem Programmheft
Fotos: Inka Lotz, Michael Pfänder, Agenturen


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