In einem Durchgangsraum
Arila Siegert zu ihrer Inszenierung von Anatevka (Der
Fidler auf dem Dach)
Anatevka zeigt eine Gruppe von Menschen, die zusammen gehalten werden
durch einen bestimmten Kanon religiöser und gesellschaftlicher Riten,
Verabredungen, Vorschriften. Sie nennen das „Tradition“. Aber dieser
Zusammenhalt wird immer mehr durchlöchert von inneren und äußeren
Einschüssen und Brüchen. Was ist für Dich der wichtigste Aspekt in
diesem Stück?
Es geht um menschliches Verhalten. Es geht um die großen und kleinen
Fragen, wie wir uns zu den ständigen Veränderungen in unserem Leben,
unseren Erwartungen, Bedürfnissen verhalten. Etwas wird zerstört, etwas
anderes keimt neu auf. Es ist ein ständiges Stirb und Werde, in dem wir
leben. Wir sind ja heute mit Terrorismus, mit Stammes- und
Glaubenskriegen konfrontiert. Die wesentlichste Frage ist, wie gehen wir
damit um? Wie weit sind wir fähig, diese Abgrenzung in eine Öffnung und
Toleranz zu verwandeln? Wie weit lassen wir uns von dem, was wir
innerlich fühlen und glauben, leiten oder wie weit lassen wir uns fremd
bestimmen: in diesem Fall Tevje von der Religion und den Gesetzen, oder
folgt er seinen inneren Regungen?
Das ist auch eine Frage, die wir im
letzten Jahrhundert explizit studieren konnten, was es heißt, wenn man
sich fremd bestimmen lässt und dann ein ganzes Volk in die Katastrophe
stürzt wie die Deutschen die Juden und andere Völker. Es geht weiter zu tiefst menschlichen Dingen: gegen jeden Mord und Totschlag, fast im
Sinne von Saint d’Exupéry, dass das Wesentliche unsichtbar ist. Die
Feinheit der Beziehungen der Menschen untereinander ist das, was die
Welt bewegt.
Gezeigt wird es exemplarisch an Tevje, dem Milchmann, als zentraler
Figur. Obwohl er ein ziemlich strenger Jude und fast jeden Satz mit
einem, wenn auch nach individuell ausgelegtem Bibelspruch belegt, gibt
es für ihn doch immer wieder ein Einerseits und ein Andererseits. Er
wägt ab. Er entscheidet nicht stur nach den überkommenen Regeln. Er
schlägt sich also lernend und umlernend durchs Leben, um den Wünschen
seiner Töchter, seiner Frau, aber auch den Forderungen der Religion
gerecht zu werden. Welche Rolle spielt der Tevje?
An ihm wird das Menschsein abgehandelt: wann sind wir Mensch und wann
hören wir auf Mensch zu sein und lassen uns einfunktionieren in eine
Doktrin.
Sein Gegenpol ist für mich Perchik, was im Jiddischen ja „Pfefferl“
heißt, der die Forderungen der Zeit in das etwas verschlafene Dorf
bringt und die Brüche offenbar macht.
Für mich ist er die Weiterführung von Tewje: ein kluger Mensch, der
wirklich anfängt zu studieren und nicht nur seine privaten Auslegungen
lebt, sondern das weiter führt in ein politisches Denken und Handeln.
Das tut Tewje nicht. Er bleibt im Rahmen seines Dorfes und seiner
Familie. Aber ich finde solches Denken unheimlich wichtig heute. Wir
denken heute globaler und wir vermissen die Bindungen innerhalb unserer
Familie und unseres Freundeskreises. Und das ist eine große Verarmung.
Als Menetekel am Himmel, erst etwas fern, dann schnell sich nähernd:
der Pogrom, die Zerstörung der Lebensbasis für die Juden in diesem Ort.
Am Ende fügen sie sich der Gewalt, ziehen los und fragen sich: ob es
denn wirklich so wichtig war dies Fleckchen Land, wo sie lebten. Was
sagt das dir?
Sie können loslassen. Das Wichtige sind die Beziehungen, auch die zu
den Urvätern und zu Gott. Und das schafft Tewje dann doch am Schluss,
sich in gewisser Weise der Chava anzunähern, dass er ihr Glück auf den
Weg wünscht und sie nicht weiter als „tot“ betrachtet, sondern dass sie
weiter in ihm leben darf. Das finde ich eine große Kraft dieses Volkes,
dass sie von früh an gelernt haben, die Materie los zu lassen, den
Stock, den Hut, einen Stuhl, einen Schrank, ihren ganzen Hausrat, und zu
sagen: Vielleicht ist es woanders ja doch viel besser – also diese
Einstellung, dass sich das Leben ständig verändert und dass man sich am
Besitz oder überhaupt an den alten Kamellen nicht fest halten kann.
Sie nehmen nur ihre zehn Gebote, ihre Bibel mit.
Sie nehmen ihre Familie mit. Und die Familie geht bis Abraham und
Joseph. Die Bibel ist ihre Familie. Deshalb ist es auch so interessant,
dass die Beziehung zu der Familie so tief ist, dass der Tempel ihnen
eigentlich mehr wert ist als ein Stück Land. Aber heute in Israel und
Palästina geht es letztlich doch weiterhin um „Auge um Auge, Zahn um
Zahn“.
Eine der Hauptfiguren, die sich durchs Stück ziehen, ist der Fiedler.
Er ist etwas Reales und hat etwas Irreales zugleich. Was ist er für
Dich?
Für mich ist er keine reale Figur. Er symbolisiert die Gefühlswelt
der Juden in diesem Stück. Es heißt ja gleich zu Beginn bei Tevje:
„Jeder von uns ist ein ‚Fiedler auf dem Dach’. Jeder versucht, eine
einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu
brechen.“ Der Fiedler ist mehrdeutig. Er zeigt die Gefährdungen, aber
auch die lustigen, liebevollen und absurden Seiten, denen die Menschen
ausgesetzt sind beim Versuch, ihr Leben zu gestalten. Der Fiedler geht
durchs Stück als reflektierender Geist, als abstrahierter Klang der
Seele.
Das Stück ist für ein ziemlich großes Ensemble geschrieben, ein
Musical eben. Gespielt wird es in Eisenach an einem kleinen Haus. Man
muss viel improvisieren. Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker müssen
zum Teil Dinge tun, die sie sonst nicht tun müssen. Wie kommt man damit
klar?
Es ist auf der einen Seite ein Musical, das die Weiterentwicklung des
Singspiels ist. Das lässt viel zu. Es ist auch so notiert, dass die
Musik auch nur als bloßes Material verwendet werden kann. Es sind Takte
notiert, die unendlich wiederholbar sind, wo man alle Freiheit hat für
die Szene, ein großes Plus. Die Tänzer im Stück sind auch insofern
interessant, als man anfängt Realismus zu vermeiden und die Gedanken und
Gefühle durch den Körper zu erzählen. Das färbt auch auf die Sänger ab.
Und das war für mich eine sehr reizvolle Aufgabe: Der Körper lügt nicht.
Zum Beispiel: was passiert bei einer Zerstörung mit uns? Wie spricht
unser Körper?
Stichwort Realismus. Dieses Musical hat ja doch einen sehr starken
Hang dazu. Wie kann man vermeiden, dass das zu „filmisch“ wird?
Eben indem man schon die Bühne abstrahiert.
Grit Dora von Zeschau hat
einen Raum gebaut, der inspiriert ist von dem Gebets-Schal. Wir
behaupten, das Zuhause der Juden ist die Religion, das Gebet. Mit der
Kargheit der Szene wird die Figur im Raum und werden die Requisiten, mit
denen die Figuren umgehen und die Haltung der Figuren zueinander, werden
die „Sprache“, die Spielweise, die körperliche Ausdruckskraft. Wenn etwa
Tevje von der Chava, die sich mit einem Russen eingelassen hat,
entfernt, erzähle ich das im Raum. Er driftet immer weiter ab, während
er spricht, während er sie belehrt. Die Distanz zwischen beiden wird
immer größer, bis er zum Schluss über einen Graben zu ihr spricht.
Wie ist das Verhältnis zu den Russen? Der Historie nach war es
ein zwar gespanntes aber kein feindliches Verhältnis.
Sie haben mit ihnen gehandelt, haben von ihnen profitiert. Es blieb
ihnen auch nichts übrig als Handelsbeziehungen zu entwickeln. Aber sie
in ihre Gesellschaft rein lassen – das tun sie nicht. Auch wenn der
Fedja hofft, dass er mit dem neuen Hemd, das er sich bei Mottel bestellt
und was eventuell sein Hochzeitshemd ist, freundlich aufgenommen zu
werden, da hat er sich getäuscht. Er wird kühl und distanziert
behandelt. Sie schweigen, wenn er in den Laden kommt. Es entsteht eine
gespannte Atmosphäre. So wird das mit der Ausgrenzung gehandhabt von
beiden Seiten.
Was sagt uns das für heute?
Wie wichtig das ist, dass wir immer wieder unsere Dogmen und
Glaubenssätze überwinden zugunsten eines menschlichen und toleranten
Miteinanders. Dass nur menschliche Werte zählen. Freundlichkeit,
Hilfsbereitschaft, Solidarität – unabhängig von dem, ob man das versteht
oder nicht.
Du hast die berühmte Felsenstein-Inszenierung des Fiedler
gesehen noch in der Originalbesetzung [Komische Oper Berlin 1971].
Hat Dich das beeinflusst jetzt bei der eigenen Produktion?
Die Felsenstein-Inszenierung war so in sich geschlossen, dass ich
ganz schön Angst hatte, das überhaupt zu machen. Diese Fassung war
getragen von großer Feinheit und Humanität. Das legt die Latte sehr
hoch. Wir leben heute aber in einer anderen Zeit. Und es ging jetzt um
eine heutige Sicht auf die Probleme, und ich musste eine heutige
Spielweise finden für dies „Kein Ort – nirgends“: dass man keine Heimat
mehr hat und keine Arbeit mehr an dem Ort, wo man lebt. Wir leben wie in
einem Durchgangsraum. Alles ist auf Wanderschaft, aber unsere
Bedürfnisse bleiben – ein Schmerzfeld.
Pochen auf Liebe
Scholems Tevje und das Musical
Die Pogrome sind noch ein fernes Donnerhallen im Anfang des
20.Jahrhunderts von Scholem Alejchem geschriebenen Tevje der Milchmann. Im 1964 am
Broadway uraufgeführten Musical Fiddler on the Roof sind sie schon
viel präsenter. Das jüdische Leben in der Ukraine, das Scholem Alejchem
mit dem Milchmann Tevje so liebevoll porträtierte, existierte nicht
mehr. Auch das Musical schildert nur eine Erinnerung. Und die ist in
ihrer Historizität höchst aktuell.
Der Tevje Scholems ist kein so armer Schlucker wie es das Gros der
jüdischen Bevölkerung war und das Musical suggeriert. Nur anfangs; da
verdingt er sich, indem er Feuerholz heranschleppt aus dem Wald. Dann
trifft er eines Tags auf zwei reiche Frauen, die sich verirrt haben im
Wald. Die bringt er wohlbehalten in ihr Feriendomizil nach Hause. Von
dem geschenkten Geld kauft er sich eine zweite Kuh. Und seine
Milchwirtschaft beginnt zu florieren. Die Gegend um Bojberik und
Anatevka, wo er wohnt, ist beliebtes Urlaubsziel reicher städtischer
Juden aus Jehupez, wie Kiew hier heißt. Und die Ware, die er anzubieten
hat, Milch, Quark und Käse, ist von bester Qualität. So kommt er auch in
die Häuser reicherer Juden. Und es finden sich dort auch potenzielle und
tatsächliche Schwiegersöhne für seine Töchter.
Als die Zeichen beginnender Pogrome deutlicher werden, macht Tevje sich
erst noch darüber lustig: „Sobald man von Pogromen zu reden anfängt,
fangen die Juden an, aus der einen Stadt in die andere zu rennen, wie es
in der Schrift heißt: ‚Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel zog aus
und lagerte sich.’“ Tevje verdient anfangs sogar noch an der vermehrten
Kundschaft. Dann kommt eines Tags der Bürgermeister auf den Hof. Man
müsse ihm die Scheiben einschlagen, oder wenigstens die Federbetten oder
Polster aufschlitzen; irgendetwas müssten sie demolieren. Das fordere
der Gouverneur. Und dann kreuzt auch noch der Milizionär auf mit einem
Schrieb. Tevje solle binnen drei Tagen seine sieben Sachen packen und
seine Kate verkaufen. Tevje versteht. Aus Anatevka, das zuletzt ein
Städtchen war, werde nun wieder ein Dorf, sagt er. Und: Abraham zog auch
los, als er von Gott den Auftrag bekam; er fragte nicht.
Die revolutionären Vorgänge 1905 in Russland sind im Musical fast von
Anfang an präsent. In Petersburg versuchten die Bolschewiki den Umsturz.
In Kiew kam es zum Aufstand. Genährt wird der zunächst aus
oppositionellen studentischen Kreisen und am 18.Oktober von herbei
beorderter Kavallerie zersprengt. Drei Tage wütet der Terror. Jüdische
Geschäfte werden in Brand gesteckt. Es gibt hunderte Verwundete und
Tote. Als Rädelsführer gebranntmarkt werden Juden, obwohl auch viele
Adelige sich zur Opposition bekannten. Die Pogrome waren staatlich
organisiert und gedacht als Abschreckungsfeldzug gegen die „Anarchie“,
wie der zaristische Staat die Opposition nannte. Gelegentlich
veranstaltete die Polizei auch Razzien, um von begüterten Juden
Schutzgeld zu erpressen. Die Freiheiten der Juden waren seit der
Thronbesteigung des Zaren Alexander III (1881) immer mehr eingeschränkt.
Juden durften mit wenigen Ausnahmen nur noch in bestimmten städtischen
und kleinstädtischen Bezirken siedeln. Man wollte sie besser
kontrollieren. Es gab für sie keine Gewerbefreiheit.
Auch das Leben im osteuropäischen jüdischen „Schtedtl“ ist geprägt
von strengen Regeln, genannt „Tradition“, und Armut. Geistiges Zentrum
ist die „Schul“, die Synagoge. Kinder haben in der Regel nur Zugang zur
Primar-, manche auch zur Talmud-Schule. Gymnasialbildung oder gar
Universitätsstudium ist wegen der Zugangsbeschränkungen und der hohen
Kosten nur wenigen möglich. In der jüdischen Gesellschaft existiert eine
gewisse soziale Hierarchie. Den höchsten Rang bekleidet der Rabbiner.
Eine möglichst ungebrochene Linie von Talmud-Gelehrten der Familie
sichert allerhöchstes Ansehen. Der Rabbiner ist der geistige Vorsteher
einer Gemeinde. Er entscheidet über rituelle Fragen.
Wichtige Figur in
der Gemeinde nach ihm ist der Schächter. Er muss genauestens Bescheid
wissen über die rituellen Vorschriften für das koschere Töten der Tiere.
Der Fleischer ist ihm eng zugeordnet, daher die hohe Bedeutung von Lazar
Wolf im Stück.
Eine eigene Schicht sind die Bettler. Almosengeben, der Traum ja auch
von Tevje und seinem „Reich-Sein“, ist im jüdischen Glauben
institutionalisiert. Genauso wie die Figur der Heiratsvermittler, der
Schadchen. Der Schadchen, bei Scholem ein Mann, im Musical eine Frau
(Jente), muss dafür sorgen, dass Brautleute der richtigen sozialen
Ebenen zueinander finden. Um Liebe geht es beim Heiraten nicht.
Da alle
Töchter und zwar von der ältesten abwärts in der richtigen Reihenfolge
verheiratet werden müssen, unterhalten die Schadchen ein verzweigtes
Kommunikations-Netz untereinander. Denn als „Ziel“ der Frau gilt die
Ehe, als Ziel der Ehe Kinder. Familie ist Gottesdienst. In der
Sabbat-Feier zum Gedenken an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten
wird er gefeiert. Tevjes Töchter rebellieren gegen diese „Tradition“,
wollen ihren Mann sich selber suchen, pochen bei der Ehe auf Liebe. Und
auch Tevje beginnt ja am Ende darüber nachzudenken.
Fürs Heiraten gelten der Tradition nach feste Riten: wie die
Brautleute vor der Verlobung sich kennen lernen dürfen, wie die Verträge
aufgesetzt werden, welche Geschenke von wem gegeben werden, wie die
Kosten verteilt werden.
Geregelt ist der Abschied der Brautleute von
ihren früheren Freunden und Freundinnen. Geregelt ist der Verlauf der
Hochzeit selbst: wie die Braut den Bräutigam unter dem
Trauungs-Baldachin, der Chuppa, siebenmal umkreist; wie mit dem
Anstecken des Rings, dem Segen des Rabbi, dem Verlesen des Ehevertrags
und dem Glück bringenden Zertreten eines Weinglases die Ehe besiegelt
wird. Dabei ist der Hochzeitstag für die Brautleute zunächst ein Tag der
Einkehr und Kasteiung. Vor dem inneren Auge sollen sie ihr bisheriges
Leben Revue passieren lassen.
Zu essen gibt es für das junge Paar erst abends nach zehn Uhr. Dann
allerdings mit Tanz, Musik, Späßen und Geschenken. Danach wird die Braut
ins Brautgemach geführt und entkleidet. Erst dann darf auch der
Bräutigam hereingeführt werden. Meist allerdings blieb das junge Paar,
bis es sich einen eigenen Hausstand leisten konnte, bei den Eltern
wohnen. Im Musical zögert Mottel lange, ehe er bei Tevje um Zeitel
anhält. Nicht nur dass Heiraten ohne Heiratsvermittler wider alle
„Tradition“ ist – er hat auch noch keine eigene Nähmaschine. So versackt
die Lust an der Brautnacht im Aufräumen nach dem Pogrom, von Tevje
trocken kommentiert. Und Jente will ihre segensreiche Tätigkeit am Ende
nach Jerusalem verlegen. Vom modernen Israel weiß sie nichts.
Text und Interview: aus dem Programmheft
Fotos: Inka Lotz, Michael Pfänder, Agenturen
