Wohnungs-Besichtigung


Einzug der Braut


Das Paar


Onkel Bonzo: CioCioSan verflucht


Liebes-Boot


Scheidung auf amerikanisch


Konsul Sharpless und Pinkertons Brief


Das Söhnchen


Fährmann in den Tod


Traum vom einstigen Glück


Der letzte Morgen


Pinkerton drückt sich


Butterfly weist Kate zurück


Abschied vom Sohn


das Ende in der Liebes-/Todes-Barke

 

Eine unheimliche Stärke

Arila Siegert über Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“

Premiere
Mainfrankentheater
Würzburg
, 28.Sept.2014
in einer weitgehend auf die Urfassung zurückgehenden Version

Butterfly

„Madama Butterfly“ – auf den ersten Blick ist das eine Geschichte über eine von einem Mann mit Kind sitzen gelassene Geliebte. Aber dahinter steckt eine tiefere Tragödie. Eine, die auch etwas mit dem Kolonialismus des 19.Jahrhunderts zu tun hat.

Wenn wir aus fremden Kulturen, als Partner oder Liebende aufeinandertreffen, verstehen wir uns ja noch viel weniger als wenn wir aus einer Kultur kommen. Und hier geht es dazu noch um einen Einkauf: Pinkerton hat sich eine Frau gekauft, die er gar nicht kennt. Diese beiden Faktoren: eine fremde Kultur und dass einer den anderen benutzen will, da drin steckt ja schon so viel Potenzial für ein Drama, wie es zu allen Zeiten und weltweit vorkommt. Und diese Nichtachtung, die darin liegt, dass man sich, sein Wertsystem, seinen Glauben höher schätzt als andere, fremde Menschen, das ist so etwas wie eine Todsünde.

Jahrhundertelang, bis zur Öffnung um 1860, wurde in Japan der Kontakt mit Ausländern mit dem Tod bestraft (genau 1637-1868). Kleiner Rückblick auf die Historie: Die japanischen Herrscher fürchteten insbesondere Einmischung der katholischen Christen in ihre Regierung. Die Portugiesen, die im 16.Jahrhundert, als erste in Japan landeten, wurden des Landes verwiesen. Nur Holländer durften auf einer kleinen Halbinsel leben und beschränkt Handel treiben – bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts. Das japanische Kaiserreich war eine streng hierarchische Gesellschaft, auch zwischen den Geschlechtern. Aber der sexuelle Umgang zwischen Mann und Frau war sehr viel ungezwungener als in der westlichen Kultur, was die Amerikaner schockierte. Cio-Cio-San, genannt Butterfly, ist gerade 15 Jahre, als sie die an den US-Marine-Leutnant Pinkerton in einer „Ehe auf Zeit“ vermittelt, ja „verkauft“ wird. Aber die beiden scheinen sich dann doch verliebt zu haben. Und Cio-Cio-San tut ja alles, um diese Liebe zu leben. Sie versucht, sich der US-Kultur (inklusive Religion) anzupassen. Sie würde nach Amerika wollen, auch wegen der größeren Rechte für Frauen, wie ihr gesagt wird. Sind das alles bloße Jungmädchen-Träume?

Beide Kulturen vermischen sich natürlich in der Begegnung. Cio-Cio-San und Pinkerton haben drei Monate zusammen gelebt, und es war eine glückliche Zeit. Er hat sich in dieser fremden Welt wie im siebenten Himmel gefühlt. Cio-Cio-San als intelligente junge Frau hat aufgesogen, was er von Amerika erzählte. Aus solchen Stoffen bilden sich unsere Träume. Er musste in die Staaten zurück, hat ihr aber versprochen, dass er wiederkommt, und möglicherweise auch, dass er sie dann mitnimmt über den Ozean. Im zweiten Akt – nach drei Jahren, sein Kind ist geboren – sitzt sie gleichsam auf gepackten Koffern. Sie glaubt fest daran, dass er sie holt. Sie ist ja eine aus ihrer Gesellschaft Ausgestoßene und hat keine Lebensgrundlange mehr. Er muss in ihr diese Hoffnung geweckt haben. Und als er dann in Amerika zurück war, hat er wohl gemerkt, dass das sozial, wenn er mit einer Japanerin ankäme, ihm nicht besonders nützen würde. Weil die Leute um ihn herum auch diesen Dünkel haben – wie er in Japan. Und dann, nach zwei Jahren hat er sich Kate, seine neue amerikanische Frau, genommen. Oder Kate hat sich ihn genommen; wir wissen es nicht. Jedenfalls hat er diese Traum-Insel verlassen.

Das Interesse der Amerikaner an der Öffnung von Häfen in Japan war zunächst rein kommerziell. Sie wollten ihre damals neue Wal-Fang-Dampfschifffahrts-Flotte verproviantieren und Handel treiben. Der Öffnung ging ein langer blutiger inner-japanischer Macht-Kampf voraus. Und als am Ende die Verträge unterzeichnet waren, fragten sich einige US-Diplomaten nach dem Sinn des Ganzen: was hatten sie da eigentlich gemacht? Die Japaner lebten eigentlich ganz glücklich ohne den Westen. Cio-Cio-San ist die verarmte Tochter eines Samurai, der Harakiri gemacht hat. Sie erhofft sich ein Glück in der Fremde und bleibt doch ohne Chance.

Wir haben nur Chancen, wenn wir das schätzen, was nicht zu kaufen ist. Cio-Cio-San hat Pinkertons Liebe und was er ihr versprochen hat als gültig und als Wahrheit genommen. Für Pinkerton war das nicht so bedeutend, weil er bestimmt ist vom Wert des Geldes. Dieses Kaufen und Verkaufen ist eben auch ein Fluch. Geld reguliert vieles und ermöglicht uns durch seine abstrakte Form, vielfältig zu handeln. An diesem Stück wird vorgeführt, dass, wenn wir vergessen, wieviel mehr wert die Dinge sind, die man nicht kaufen kann, dass dann genau das passiert. Pinkerton schreit und weint am Ende, weil das ein großes Unrecht und Unglück ist, was mit Butterfly passiert. Sie begeht (wie ihr Vater) Harakiri, schaltet sich aus diesem Leben aus. Man hat ihr alles genommen, sogar das Kind, ihre Träume, ihre Existenz. Diese großen gegenseitigen Verletzungen begehen wir, wenn wir, was unser Handeln aber unbedingt steuern sollte, diese andere nicht-kommerzielle Ebene unserer Existenz, das was uns zum Menschen macht, verlieren.

Ist Pinkerton ein Zyniker und Cio-Cio-San naiv?

Das wäre zu einfach. Wir sind vielschichtiger und verändern uns. Pinkerton fängt sehr zynisch und hart an. Aber im Laufe der Beziehung mit Butterfly zeigt er auch viele sympathische Seiten. Er ist sensibel, leidenschaftlich, er geht auf Cio-Cio-San ein. Er hätte sie auch gleich vergewaltigen können. Aber Puccini erzählt, wie vorsichtig und feinsinnig er sich an die Frau heran bewegt, ihre Ängste und ihre andere Art des Sich-Hingebens an diesen Mann akzeptiert.

Wann erkennt Butterfly, dass alles ein Traum war? Es gibt am Übergang zum dritten Akt bei dir so eine Traumszene.

Das beginnt bei ihr schon viel früher in der Briefszene, als der Konsul Sharpless versucht sie darauf vorzubereiten, dass Pinkerton nicht zurückkommt. Wenn Sharpless den Brief herausholt, spürt Butterfly unterbewusst, dass das ihr Todesurteil ist. Insofern versucht sie, das Lesen des Briefs hinaus zu schieben. Sie lenkt immer wieder ab. Es gibt dafür zwei große Szenen: zuerst versucht Sharpless, ihr den Brief nahe zu bringen, was sie unterbindet. Dann gibt es die Szene mit dem Fürsten Yamadori, der von Goro inspiriert ist, diese Frau zu heiraten. Yamadori wäre dazu bereit, Butterfly gar nicht; sie kanzelt ihn ziemlich hochmütig und verletzend ab. Erst wenn dieser Bewerber wieder abgezogen ist, kann Sharpless sie zwingen, den Tatsachen in die Augen zu schauen: Pinkerton wird wohl nicht kommen. Und schon diese Möglichkeit zerbricht diese Frau fast.

Es gibt in der Oper auch verschiedene Randfiguren, wie die japanischen Beamten, den etwas schmierigen Heiratsvermittler Goro, den US-Konsul Sharpless, den japanischen Fürsten Yamadori, der ja schon in Amerika gelebt hat und sich CioCioSan als neuer Liebhaber anpreist. Und es gibt die Verwandten – teils positiv zu Cio-Cio-San, teils warnend ja drohend. Sogar ihre Dienerin Suzuki ist eher skeptisch zu der ganzen Sache. Die Japaner sind dabei etwas pittoresk-skurril gezeichnet, auch musikalisch. Sozusagen mit westlichem Blick. Wie entgeht man dem Cliché?

In einem so großen Drama wie der „Butterfly“ sind ja auch leichte, heitere, amüsante Momente nötig. Die bieten die Verwandten. Diese Szenen sind wie in einem italienischen Film, sehr fein gezeichnet, und der Charme des Exotischen ganz vorzüglich witzig und volksnah eingesetzt. Aber unter den Verwandtenen gibt es auch die beiden Onkels: Bonzo, ein Priester, und Yakusidè, der die Öffnung zum Westen ganz anders verarbeitet als Bonzo. Yakusidè trinkt, macht sich zum Familien-Clown, sagt aber, passend für einen Clown, die Wahrheit. Man braucht diese Szene als Gegenstück zu der anderen Haltung: Bonzo ist ein Radikalisierter, der Cio-Cio-San ausstößt aus dem Volk und sie dadurch dem Schicksal noch mehr ausliefert. Und ich habe aus dem Bonzo eine Art Schicksals- oder Todesfigur gemacht. Bonzo drängt mit seiner Haltung Andersdenkende an den Abgrund. Im Stück ist das eine zentrale Linie durch alle Akte.

Bonzo kämpft für das alte Japan. Ronin nannten sich die Leute, „Handlanger des Himmels“, die verbissen und blutig die Öffnung des Landes zu verhindern suchten.

Bonzo behauptet auch, dass nur der alte animistische Glaube der einzig wahre ist. Cio-Cio-San ist in die Mission gegangen, hat den christlichen Glauben angenommen. Für Bonzo ist das ein Verbrechen. Er verflucht sie, was auch überheblich ist, ein Kampf um die Macht-Pfründe der Shinto-Priester-Kaste.

Manchem gilt der Plot von „Madama Butterfly“ als leicht sentimental. Puccini begeisterte sich für die Schauspielfassung des Stücks. Er hat an der Oper dann lange gearbeitet und nach dem Misserfolg der Uraufführung verändert. Mehr und mehr entschärfte er seine Oper. Es gibt also viele Varianten. Welche Aspekte waren für euch (zusammen mit dem Dirigenten Enrico Calesso und dem Dramaturgen Christoph Blitt) wichtig bei der Fassung?

Wichtig war uns zur Urfassung zurück zu kehren, wo Puccini mit seiner Hauptfigur den Leidensweg in diesem sozialkritischen Umfeld geht. Es ist das Gegenteil eines Rührstücks. Die politischen und gesellschaftlichen Aspekte, dieses hochmütige Herrenmenschen-Gehabe des amerikanischen Colonels Pinkerton, was später möglicherweise eine Aufführung der „Butterfly“ an der Met verhindert hätte, wollten wir nicht, wie in der üblich gespielten, entschärften späteren Fassung retuschieren. Die Amerikaner haben sich damals sehr beschwert darüber, wie Puccini Pinkerton und Sharpless gezeichnet hat. Wobei Sharpless ja immer wieder zu vermitteln, aber als Diplomat Pinkerton immer auch zu schützen sucht. Sharpless beobachtet nur, stellt sich nicht dagegen trotz besseren Wissens. Er kannte die japanischen Bräuche und wusste, dass das mit den beiden nicht funktionieren konnte. Aber „Butterfly“ ist auch ein ganz diffiziles Stück; ich habe das nochmal beim Leuchten gespürt. Es öffnet so viele Ebenen von Gefühlen, und diese Motiv-Verschiebungen und dass es in der Partitur, sehr Wagner’sch, fast keine richtigen Arien gibt außer dieser später eingeschobenen Arie für Pinkerton „Addio fiorito asil“, dass die Form sich so aufgelöst, stellt ganz besondere Ansprüche an die Realisierung. Wenn man das nicht beachtet, bleibt die Szene hinter der Musik oder tötet sie. Wenn die Inszenierung sentimental ist, kann die Musik dafür nichts und doch wird über das Sehen das Hören beeinflusst. Wir Regisseure haben eine große Verantwortung gegenüber dem Werk.

Ist es für dich vor allem ein historisches Stück, oder wo siehst du Parallelen, Anknüpfungspunkte zu heute? Die heutigen Japaner sind ja geradezu süchtig nach westlichem Lebensstil. „Clash der Kulturen“ – das findet jetzt woanders und mit anderen Fronten statt.

Die Dinge, die in „Butterfly“ abgehandelt werden, sind archetypisch, allgemein gültig. Sogar in der eigenen Kultur, weil wir Menschen alle unsere eigenen Auffassungen, politischen Haltungen und Einstellungen zum Leben haben. Dieses, dass man sich etwas verspricht, nicht hält und damit den anderen ins Unglück stürzt, das findet immer wieder statt. Und dass eine wie Butterfly wartet, dass sie überhaupt keine Macht hat aber in ihrer Schwäche eine unheimliche Stärke und große menschliche Würde beweist, das ist auch für alle Zeiten gültig.

Interview: gfk, 14.09.2014 / Fotos: GP

 

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