Zur Produktion des Balletts
mit Kindern und für Kinder:
Cipollino (Zwiebelchen)

Musik: Karen Khachaturian
nach dem Buch von Gianni Rodari

Libretto / Choreografie: Arila Siegert
Bühne / Kostüme / Live Malerei: Jakob Knapp
Idee / Einstudierung / Produktion: Alexandra Hilger-Lee
Premiere: Oper Köln, 27. März 2008

 

Aufstand im Gemüsebeet

Die Geschichte von Zwiebelchen alias Cipollino

Tomate und seine ZitronenNormalerweise verträgt sich eine Tomate mit einer Zwiebel gut. Hier allerdings liefern sie sich ein Katz- und Mausspiel und rasante Verfolgungsjagden über siebzig Minuten.

Zwiebelchen hat nämlich einen ausgesprochenen Sinn für Gerechtigkeit. Und er duldet nicht, dass seinem Freund Gurkenkürbis das kleine Häuschen, das er sich vom Mund abgespart hat, einfach weggenommen wird.

So organisiert er mit seinen Freunden eine Rettungsaktion. Sie verbünden sich gegen Tomate, den Polizeichef, und Prinz Zitrone, den Herrscher im Gemüseland. Und Zwiebelchen findet sogar in der Herrscher-Familie einen Freund, Kirschlein, der sich schon lange sehnt nach einem freieren Leben als das bei Hofe.

So vertreiben sie am Ende Zitrone und seine Sippschaft. Und Kirschlein, Zwiebelchen und die Freunde bauen sich zusammen ein neues Haus, wo alle einziehen können und Spaß haben.

*

Von Kindern für Kinder mit Kindern ...

Gespräch mit Arila Siegert und Alexandra Hilger-Lee

In Opern-Inszenierungen, Arila, hast du auch immer wieder mit Kindern gearbeitet. Jetzt aber waren sind es hundertsechzig. Wie hat sich das angefühlt? Wie anders ist das? Was ist besonders schwierig, was besonders schön?

Die ArmenArila Siegert: Insgesamt ist es sehr berührend, weil die Kinderaugen und die Art, wie Kinder sich einbringen, so unmittelbar und unverfälscht ist. Zum Teil ist es aber auch wie bei Erwachsenen. Es gibt Kinder, die sich zurückhalten, die sich ausliefern, die Angst haben und weinen. Es wird alles sehr deutlich gezeigt. Das ist eine gute Schule. Es ist mir leicht gefallen, die Kinder zu interessieren. Und es war für mich interessant, wie man sich auf Kinder einstellen muss, dass sie Spaß daran haben. Sonst steigen sie aus. Der Witz ist ja, dass es sich gar nicht so sehr unterscheidet. Man hat bei den Kindern zwar keine Profis, die was ausführen, sondern man muss sich was einfallen lassen, was die Kinder anregt zum Selbst-Finden.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Alexandra, dieses Stück zu machen? Es ist ja ein großes Stück, ein abendfüllendes Ballett.

CipollinoAlexandra Hilger-Lee: Ich habe darüber gelesen in dem Ballettbuch von Eberhard Rebling und hatte schon lange vor, diese Geschichte vom Zwiebelchen zu machen. Und dann ergab sich die Möglichkeit, das zu realisieren mit einer gemeinnützigen Vereinigung als künstlerisch-soziales Projekt: Von Kindern für Kinder mit Kindern.

Der Auftrag, dies Ballett zu choreografieren, Arila, kam ja etwas überraschend. Was war die erste Reaktion?

A.S.: Erst dachte ich, das ist mir ja ganz fremd …

A.H-L: …Schluck…

A.S.: …Und dann habe ich den Stachel gespürt und mich gefragt, warum sollst du das nicht probieren? Das ist eine ganz neue Erfahrung, die hat mich gereizt. Und ich wollte auch mal wieder mein eigenes Metier fühlen, nachdem ich nun zehn Jahre in der Opernwelt bin – und es ging wie Butter.

Die Musik von Karen Khatchaturian, dem Neffen des Gajaneh-Komponisten Aram Khatchaturian, ist ja sehr tänzerisch – aber doch eher für ein Profi-Ballett mit vielen Pirouetten und Wiederholungen. Du hast eine eigene Fassung entwickelt: sowohl musikalisch wie auch von der Fabel her und die wieder mehr an das Buch von Gianni Rodari angenähert.

UnabhaengigenA.S.: Voraussetzung war, dass man die Kinder nicht überfordert und etwas macht, was nicht kindgerecht ist. Ich bin ein akustischer Typ, ich höre die Musik und sehe Bilder und weiß, was passieren muss. Insofern habe ich das übers Hören und den Rodari entwickelt – und das Buch ist ja, wie auch für Alexandra, die Urzelle dieses Cipollino.

Wie war dann der Probenprozess, auch in der Abstimmung mit Alexandra?

A.H-L.: Ich empfand und empfinde das als super angenehm, dass wir uns „blind“ verstehen. Zwischen uns gab es ein gutes Zusammenspiel und von meiner Seite ein sehr großes Vertrauen Arila gegenüber, sodass ich mich voll auf die Arbeit, die Arila einbrachte, einlassen konnte. Ohne Wenn und Aber.

Und was hast du genau gemacht?

A.H-L.: Durch die Stoffpläne wusste Arila so ungefähr, was die Kinder mitbringen. Im Grunde habe ich das, was Arila den Kindern beigebracht hat, mit den Kindern ausgearbeitet.

Und dazu der Riesen-Anteil an Organisation.

A.H-L.: …Und Kostüme nähen …

Arila, es gibt keinen gebauten Bühnenraum, sondern einen live gemalten. Was war die Idee dabei?

Der FusstrittA.S.: Zwei Überlegungen: die eine war eine praktische. Wie will man ein Bühnenbild mit einer privaten Ballettschule ohne Werkstätten organisieren und wie will man das in ganz kurzer Bühnen-Probenzeit realisieren? Das andere war ein künstlerischer Gedanke. Nach dem Roman von Gianni Rodari war ja ein Trickfilm die nächste Stufe. Dazu hatte Karen Khachaturian die Musik gemacht. Und um sich auf diese Keimzelle des Balletts zu besinnen, dachte ich, ein gemaltes Bühnenbild, das verschwindet, wechselt und gleichsam ohne Materie ist, das passt zu dieser doch sehr filmischen Musik. Und da habe ich diese sehr kreative und für Kinder anregende Form gewählt. Weil wenn man da hinschaut, und die Figuren agieren und die Farben ändern sich, ist das ein so aufregender wie anregender Prozess. Und darum ging es ja bei dem ganzen Projekt.

Frage an euch beide: Was ist die Hoffnung, was aus einer solchen Arbeit mit den Kindern erwachsen könnte? Die Kinder waren ja sehr begierig, auch immer wieder Neues auszuprobieren.

GartenwesenA.H-L.: Eigentlich der Grundsatz meiner Schul-Philosophie, immer mehr Kinder begeistern zu wollen für die Kultur, dass es eben doch lohnt, Tänzer zu werden oder was am Theater zu tun; den Kindern diese Arbeit näher zu bringen in der Hoffnung, dass einige da ihre Berufung für ihr Leben finden; dass es den Kindern was mitgibt.

A.S.: Es geht um die Identifikation mit sich selbst, wenn man spürt, dass das, was man tut, richtig ist, dass es mit dir zu tun hat, und dass das andere auch fühlen. Und dass das neben dem tiefen individuellen Empfinden auch ein allgemeines Empfinden ist, das den Charakter stärkt und dich wegbringt von irgendwelchen Süchten und Ersatzbefriedigungen. Gerade heute doch sehr wichtig.

Zeichnungen: J. Knapp, Interview: G.F.Kühn


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