Eine zerstörende Liebe
Arila Siegert zu ihrer Inszenierung von Henry Purcells „Dido & Aeneas“
Premiere: Mainz, Staatstheater, Kleines Haus, 03. Okt. 2009
Bühne: Hans Dieter Schaal, Kostüme: Susanne Maier-Staufen
„Dido and Aeneas“ ist ein zurzeit viel gespieltes
Stück, wohl wegen des 350.Geburtstags des Komponisten Henry Purcell. Was
war dein Ansatz für die Inszenierung?
Mein Ansatz ist immer ein persönlicher.
Ich setze mich selber als
Mensch und Künstler ins Verhältnis zu so einem Stück. Die Geschichte und
der Freitod, der Suizid der Dido hat mich schon sehr früh immer stark
berührt, dieses berühmte Lamento. Aber dieses englisch Herbe, dass alles
aufs Aller-Nötigste eingedampft ist, das fand ich sehr schwierig. Und
ich habe zig Konzepte entwickelt unter dem Aspekt unseres erarbeiteten
Bühnenbilds. Aber auch das Bühnenbild von Hans Dieter Schaal hat mehrere
Verwandlungen durchgemacht, bis wir zu der jetzigen Lösung mit den
Booten gekommen sind.
Ist es für dich mehr ein Frauen- oder ein Männerstück?
Es geht ja zum einen um die Dido und ihren Kummer, den sie aus ihrer
eigentlichen Heimat Tyros nach Karthago mitgeschleppt hat. Und es geht
zum anderen um den Aeneas, der seinen „Auftrag“ erfüllen soll, dieses
Troja in Italien neu zu gründen, sozusagen eine neue westliche Weltmacht
Rom zu etablieren.
Sie sind beide Flüchtlinge und Städtebauer,
insofern ist das
ausgeglichen. Aber das reichere Material gehört zu Dido, und sie erleide
das tragischere Schicksal. Deswegen hat sie im Stück das größere
Gewicht, sowohl szenisch-musikalisch als auch vom Sinn her. Sie
zerbricht an dieser seelischen Verletzung. Das zu untersuchen, was mit
uns im Inneren vorgeht, das ist die Hauptlinie.
Die Dido denkt ja mal im Stück, Aeneas könnte ihr
helfen, ihre Vergangenheit abzuschütteln, indem sie ihn beim Aufbau von
Karthago unterstützt.
Das ist ja auch absolut denkbar, dass sie Karthago weiter zusammen
bauen und ein Paar sind. Das könnte eine ganz glückliche Herrschaft
sein. Alle im Stück, ihre Schwester Belinda und die Gefolgsleute
ermuntern Dido ständig – die Hexen natürlich nicht.
Der Versuch der Liebe zwischen Dido und Aeneas
scheitert. Dido sucht den Freitod, Aeneas folgt widerwillig dem
Götterspruch. Er stellt also seinen Job, dieses Rom zu gründen, über
seine Liebe. Das ist ja sehr modern.
Das finde ich auch sehr modern, aber auch dass es heute gar keine
Riten und Gebräuche mehr gibt, wie wir mit unseren inneren Verletzungen
klar kommen. Darauf kam’s mir auch sehr an, das offen zu legen, dass die
seelischen Ebenen unerforscht und unbekannt sind wie eh und je.
Im Stück sind die Hexen die treibende Kraft des
„Bösen“. Was sind die Hexen für dich?
Es ist wie eine Art Verfolgungswahn,
eine Kraft in der Dido. Die
Hexen sind Energien, die wir auslösen, vermehren oder eindämmen können.
Es sind psychische und seelische Bilder, die ich entwerfe. Das Böse ist
das Unkontrollierbare, das Ungezielte, das von unten aus dem Bauch, aus
der Erde Kommende, das Unwissen, die Angst, die Süchte, auch die Liebe –
die ganzen Affekte, denen wir wehrlos gegenüber stehen, was wir nicht
richtig einordnen können. Und je mehr wir das zulassen, umso mehr sind
wir dem ausgeliefert. Dido will die Liebe ja nicht zulassen. Und es ist
beiderseits eine echte Liebe. Die Liebe zu töten schafft man nicht. Wenn
man liebt, liebt man. Und diese Liebe zerstört ja die Dido dann.
Das Stück ist ja recht kurz, weniger als eine Stunde.
Es ist 1689 in einem Mädchenpensionat in Chelsea aufgeführt worden,
wahrscheinlich aber schon lange vorher entstanden. Man muss diese „Dido“
für einen Theaterabend heute anreichern. Wie bist du da vorgegangen,
auch in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Michael Schneider?
Auf der Linie
der Verinnerlichung und des Sologesangs. Wir haben
weitere Lamenti dazu genommen, u.a. das „Lamento d’Arianna“ von
Monteverdi, ein Urgestein der Oper und eine Mahnung des Verlassenseins
der Frauen, wenn die Männer in den Krieg ziehen oder verschwinden. Dies
Frauenschicksal ist da sehr stark verankert. Dann haben wir dazu
genommen Liebeslieder von Purcell und Monteverdi, und zur Eröffnung den
„Curtain Tune“ von Matthew Locke, einem Zeitgenossen Purcells, der lange
vor der Mannheimer Schule ein ganz modernes Stück mit gleitender, nicht
Stufen-Dynamik, geschrieben hat als Schauspielmusik zu Shakespeares
„Sturm“. Damit können wir das Paar Dido/Aeneas gleich zu Beginn
etablieren. Das Stück selbst beginnt ja mit dem Liebesschmerz der Dido,
die nicht klar kommt mit ihrem Verliebt-Sein in Aeneas und ihrem Schwur
aus Tyros, wo sie nach der Ermordung ihres Mannes gelobt hatte, nie mehr
einen anderen Mann anzurühren. Wir beginnen also mit einen Prolog, der
die Beziehung der beiden zeigt, der ihre Konflikte, die Einsamkeit („O
solitude“ von Purcell) und ihre unterbewussten Ahnungen thematisiert.
Das Stück ist ja formal eine Mischung aus englischer „Masque“
und französischer „tragédie lyrique“ in der Tradition von Lully. Der
Tanz ist darin ein wichtiges Element. Bei der Aufführung in London hat
es sich gefügt, dass Purcell zusammenarbeiten konnte mit dem Tanzlehrer
der Mädchenschule. Wie gehst du mit dem Tanz um? Zum Teil ist es eher
modern, zum Teil eher historisch.
Ich habe die Tänze
innerhalb der einzelnen Szenen choreografiert. Es
sind drei Haupttänze. Das eine ist der Triumphtanz, wo der Chor das
Material von Dido und Aeneas übernimmt, das heißt der Chor beschäftigt
sich sozusagen mit dem Schicksal der beiden. Dann gibt es den
Matrosentanz, der eine eher komische, auflockernde Funktion hat. Und es
gibt den Hexentanz gegen Ende, der ganz besonders interessant ist, weil
er sehr ernst und fast gravitätisch komponiert ist und im Mittelteil
ganz schnell. Das ist für mich ein ganz verrücktes Stück, weil es Anfang
und Schluss des Stücks umklammert; Dido hat hier das Gefühl, von den
Hexen vereinnahmt zu sein, und sie beginnt mit ihnen zu tanzen.
Die Inszenierung ist zum Großteil mit Studenten
erarbeitet wie schon die sehr erfolgreiche „La Giuditta“ von Alessandro
Scarlatti vor zwei Jahren in dem „Gottes starke-Töchter“-Projekt der
Hochschule. Was war jetzt anders?
Jedes Stück hat seine eigenen Schwierigkeiten. Hier haben wir im
Unterschied zur „Giuditta“ einen Chor. Bei der „Judith“ waren die Rollen
der Chor. Hier ist der Chor eine eigene Gruppe im Zusammenspiel mit den
Solisten. Der Chor hat bei mir ganz viel zu tun, sodass wir sehr viele
Proben hatten. Chorarbeit ist sehr anstrengend und psychisch einfach
ganz anders als die Arbeit mit Solisten.
Aber Chorarbeit liegt dir eigentlich doch ganz
besonders.
Ja, und das ist
eine sehr interessante Verwebung zwischen Chor und
Soli hier, wobei die Studenten sehr bereitwillig mitgearbeitet haben.
Insgesamt haben die Studenten von den beiden beteiligten professionellen
Sängern aus dem Theater, Tatjana Charalgina und Patrick Pobeschin als
Protagonisten, sehr profitiert. Deren Beteiligung hat auch die Latte
einfach hoch gelegt. Und bei Purcell mit seiner lakonischen Kürze muss
man sehr prägnante szenische Lösungen finden. Bis auf das Lamento gibt
es ja keine richtige Arie. Es sind alles nur ariose Rezitative oder
rezitativische Ariosi. Die Kurzatmigkeit mit den Chören dazwischen, das
ist fürs Inszenieren ungewöhnlich und schwierig. Aber es hat auch den
großen Reiz, dass man den Chor – wie ich das hier gemacht habe – als
Bestandteil der Szene, also den Solisten zugeordnet, wechselnd zwischen
realen und nicht realen Figuren führt. Und das war auch eine große
Herausforderung für den Chor, dass sie zwischen Hexen, technischen
Zeichnern und Seelenzuständen, zwischen Schemen und Menschen immer hin
und her switchen müssen.