„Es wird immer toller werden“
Mozart / da Ponte / Beaumarchais: „Die Hochzeit des Figaro“ –
ein Gespräch mit Arila Siegert zu ihrer Mainzer Inszenierung
„Le nozze di Figaro“ ist ein vielschichtiges Werk.
Dieser im Untertitel „Tolle Tag“ hat den psychologisch-menschlichen
Aspekt von Liebe, Treue, Eifersucht; es ist ein Intrigen-Stück mit
heftigen Turbulenzen. Und es ist ein historisch-politisches Stück am
Vorabend der französischen Revolution. Welcher Aspekt war für dich der
wichtigste, der interessanteste, der liebste?
Der wichtigste
war mir schon die Verbindung der persönlichen
Schicksale mit dem gesellschaftlichen Umfeld, der Kampf gegen die
Willkür um das Menschenrecht der Freiheit und für eigene
Entscheidungs-Möglichkeiten. Wir bewegen uns ja immer in verschiedenen
Zeiten unter verschiedenen politischen Verhältnissen, und wir sind
trotzdem wir Menschen mit unseren Empfindungen, Affekten, unseren
Beziehungen. Insofern spiegelt das eine gewisse Realität. Diese Aspekte
wirken ineinander. Figaro beginnt seine Ränke gegen den Grafen im
Bewusstsein, dass er Verbündete hat, dass die Freunde um ihn herum ihm
helfen werden. Er ist nicht allein; dieser solidarische Aspekt ist für
Figaro wichtig. Dass die beiden Frauen, Susanna und Rosina, sich
verbünden über die Eifersucht hinaus, ist eine menschliche Qualität, die
die beiden Frauen auszeichnet und über die Männer und ihre Ränkespiele
hinaushebt. Es hat fast schon utopischen Charakter. Die Beziehung dieser
beiden Frauen ist eine, die über diesen Ebenen steht.
Das Stück
ist ja schon bei Beaumarchais so gebaut,
dass immer alles auf der Kippe ist mit den eigentlich gleichwertigen
Herrscher- und Dienerpaaren: Graf-Gräfin, Figaro-Susanna, dann noch die
Intriganten Marcelline und Bartolo. Wie kriegt man die Balance von
Leichtigkeit und dass es dennoch nicht oberflächlich wird?
Das ist die Kunst – ich habe versucht, dieses Zufällige zu nutzen, was
ja auch eine Denkfigur bei Beaumarchais ist: dass wir eigentlich im
Leben immer improvisieren und dass wir nicht wissen, was wirklich in der
nächsten Stunde passiert. Die Leichtigkeit des Seins in diesem Stück
zeigt diesen Mikrokosmos, in dem wir uns immer bewegen, hier
konzentriert in dem gewaltigen Geschehen eines Tages dieser
vorrevolutionären Zeit. Bestimmte Dinge, die wir vorhaben, evozieren
bestimmte Reaktionen, und dadurch bestimmen wir unser Schicksal zu
gewissen Teilen mit. Wenn Susanna und die Gräfin sich nicht absprächen,
würde die Geschichte ganz anders laufen. Und dass dieses Adels- und das
Diener-Paar eigentlich gleichwertig behandelt werden, ist in dieser Zeit
wahrscheinlich sicher etwas Umstürzlerisches. Der Slogan von „Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit“ spielt da schon mit.
Die
eigentlich tragischen Figuren sind ja die Noch-Herrschenden: der Graf,
der nochmal seinen aufgeklärten Verzicht auf das „jus primae noctis“ bei
Susanna zurückdrehen will und dabei fast zum Gespött wird. Und auch die
Gräfin. Sie stammt eigentlich von einfachen Leuten, wurde vom Grafen als
Rosina im ersten Teil der Beaumarchais-Trilogie „Der Barbier von Sevilla
oder Die nutzlose Vorsicht“ geraubt; Figaro hat dem Grafen dabei
geholfen. Im dritten Teil der Beaumarchais-Trilogie „Der zweite Tartuffe
oder Die Schuld der Mutter“ (er spielt um 1800) muss sie zugeben, dass
sie doch was mit dem blutjungen Cherubino hatte und sogar mit Folgen.
Sie wird sich also den bürgerlichen Moralvorstellungen doch nicht
gewachsen fühlen. Hier aber pocht sie immer darauf, dass der Graf das
auch einhält, was er ihr mal bei ihrer Heirat geschworen hat, nämlich
auf seine Adels-Privilegien zu verzichten.
Das spricht natürlich
für die Fehlbarkeit von uns Menschen und auch
von der Perversion dieses feudalen Systems, wo jemand sich das Recht
anmaßt, über Leib und Leben von anderen willkürlich zu bestimmen. Und
das ist, glaube ich, die Message, die Hauptlinie in dem „Figaro“, dass
genau diese Willkür infrage gestellt wird und mit Witz, Hingabe und
existenziellem Einsatz aller Kräfte bekämpft wird.
Was für eine Figur ist für dich der Cherubino? Für
viele war er ja immer die Verkörperung des jungen, ungestümen Mozart.
Cherubinos wunderbare musikalischen Liebeserklärungen an quasi alle ihn
umgebenden Frauen sprechen ja auch dafür. Aber Cherubino hat wohl auch
was von dem rumorenden Geist jener Zeit…
…Ja, von dieser Art
von Selbstbefreiung: dass jemand seine
Empfindungen artikuliert. Insofern reicht diese Figur schon weiter
hinein in die Romantik, hat aber auch barocke Züge als eine Art Amor.
Cherubino ist auch eine Art Don Giovanni, ein junger Graf, eine sehr
schillernde Persönlichkeit. Er ist jemand, der sich Rechte anmaßt,
ziemlich ungestüm vorgeht und seine Emotionen höher schätzt als das
Recht von jemand anderem, der bzw. die sagt, lass mich in Ruhe, ich will
nicht, dass du mich jetzt küsst. Und er tut es doch.
Und wie ist es mit der Gräfin? Rosina blickt ja
musikalisch auch schon voraus in die Romantik.
Das finde ich auch.
Sie gibt eine ganz extra Linie im Stück. Mozart
und Da Ponte führen die Linie der Gräfin fast neben dem Stück her. Sie
ist außerhalb.
Kann man der Versöhnung von Graf und Gräfin am Schluss
trauen? Oder betreibt der Graf nach seiner Niederlage nur
Krisenmanagement, will den Gesichts-Verlust so klein wie möglich halten?
Der vierte Akt ist ja kaum glaubwürdig darzustellen mit dem
Versteckspiel im Garten.
Das ist eine große Schwierigkeit. Ich glaube nicht, dass der Graf
durch das Erlebnis dieses Tags von diesem „Recht“ auf die erste Nacht
mit jeder Braut und seinen Gewohnheiten ablässt. Ich nehme an, und so
haben wir das auch inszeniert, dass ein toller Tag den nächsten ablösen
wird. Und es wird immer doller werden.
Es
ist bei einem solchen Stück, zumal mit einem so realhistorischen
Hintergrund, immer die Frage: wo siedelt man es an?
Mehr im Historischen? Wie nah kann man ans Heute ran? Das Schauspiel
damals in Paris war ja eine ganz heiße Sache. Und König Louis XVI hat
nicht umsonst die Aufführung sehr lange verhindern wollen zum Unmut
seiner Gattin Marie-Antoinette.
Zum einen leben wir nicht mehr in Zeiten der Aristokratie. Und der
zweite Punkt ist, dass das Stück sehr von dem Intrigenspiel, diesem
Lebens-Theater, dem Theater auf dem Theater lebt. Und um das
verständlich zu machen, muss man meiner Meinung nach sehr an der
Handlung dran bleiben. Man kann das ganz schwer verfremden. Aber
Eifersucht und die ganzen Affekte und dass man sich gegen Willkür wehrt,
das ist wohl ein ewiges Thema. Insofern versuchen wir die Zeiten zu
verweben, sowohl die Entstehungszeit wie auch die heutige Zeit.
Das Stück ist ja mit um die drei Stunden reiner
Spielzeit doch recht lang. Dabei hat schon Mozarts Librettist Lorenzo da
Ponte ganze Passagen, vor allem auch die in Österreich damals politisch
heikle Generalanklage des Figaro gegen das feudale System weggelassen.
Wie kriegt man diese Oper auf ein heute verträgliches „Maß“? Oft wird in
den Rezitativen ja klein-klein gekürzt.
Ich habe das nicht gemacht.
Ich habe die Rezitative eigentlich
erhalten, weil ich glaube, dass das Stück, ein Lustspiel mit und in
Musik zu gleichen Teilen Schauspiel und Oper ist. Und die Rezitative
braucht man, um das wirklich zu verstehen, damit das nicht oberflächlich
wird und nur von Arie zu Arie springt.
Das wollten die Autoren auch
nicht. Ich habe die Rokoko-Linie im Stück, das Schäferspiel, also die
Beziehung Barbarina-Cherubino, etwas gekürzt und auch die Arien von
Marcelline und Basilio. Vor allem im vierten Akt.
Wie war die Arbeit im Ensemble mit diesem
Riesen-Brocken, der dazu sehr kleingliedrig gebaut ist. Man muss das
gleichsam in einem schnellen Parlando auch inszenieren.
Genau so, und das Ensemble hat sehr gut mitgearbeitet. Es war eine
harmonische und wirklich gute Zusammenarbeit. Es ist bis auf die
Endproben auch niemand krank geworden. Wir konnten so vorwärts gehen,
dass wir das ganze Material dann doch in vier Wochen hatten.
gfk, 08.Juni 2009