Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Zum Freischütz von Carl Maria von
Weber
Lautstark
dieses Schweigen.Kein Wort war zu lesen in der wichtigsten
Musikzeitung damals über diese Uraufführung. Spaltenweise verbreitete
sich die Allgemeine Musikalische Zeitung zwar über Gasparo
Spontinis kalt wie eine pfeffernde Kanonensalve auftrumpfende
Prunkoper Olympie. Die war ein paar
Tage zuvor im Berliner Königlichen Opernhaus uraufgeführt worden; Elefanten
trabten als exotische Attraktion über die Bühne zu des Königs Freude.
Der Freischütz trieb sich herum nur in heimischer Fauna. Als
Ort der Uraufführung vorgesehen nur das eben nach einem Brand (1817)
wieder eröffnete Schauspielhaus. Was war das auch schon: eine
deutsche Oper? Ein besseres Singspiel? Dabei räumten die
AMZ-Redakteure den Feierlichkeiten zur
Wiedereröffnung des Schauspielhauses am 26.Mai 1821 mit Goethes
Iphigenie und einem üppigen Konzertprogramm durchaus gebührend
Platz ein. Nur die wichtigste Novität im neuen Haus blieb unerwähnt.
Warum? Dabei war die vom weitsichtigen Intendanten, Graf von Brühl,
punktgenau terminiert auf den Gedenk-Tag 18.Juni von "Belle
Alliance", dem Siegestag der vereinigten
Volks-Truppen über den Werwolf Napoleon. Und der Komponist
Weber hatte mit seinen Freiheitschören seine Schulaufgaben
gemacht. Lauerte doch Konterbande in diesem schaurig-düsteren
Waldstück? In der Zeitschrift gestreift wird immerhin nach dem
Sensations-Erfolg in Berlin die Wiener Premiere ein halbes Jahr
später. Von "sehnsüchtigem Verlangen" spricht der Korrespondent da,
endlich mal wieder was "recht Gediegenes" zu hören; die Sinne drohten
ja schon abzustumpfen durch das sonst in den Musentempeln
üblicherweise verabreichte "Naschwerk".
In der
Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre
er vom Freischütz erlegt worden", notierte im amerikanischen Exil
Theodor Wiesengrund Adorno sinnenfroh und Heimat verbunden in
seinen Minima Moralia. Aber, wusste
er auch: "Mit größerem Recht als die Meistersinger gilt der
Freischütz als deutsche Nationaloper". Was beide Werke
verbindet? Eine Frau als Preis eines
Wettbewerbs. Das eine Mal muss man gut schießen, das andere Mal gut
singen, um sie zu gewinnen. Nationaloper? Ein Musen-Utopia mit
Paradies und Parnass wird beschworen vom Ritter Stolzing in den
Meistersingern, fest verankert in der Tradition und diese
erneuernd. Der Freischütz bündelt wie kaum ein anderes Werk die
Strömungen seiner Zeit. Es sind Gefühle der Verwirbelungen durch die
Französische Revolution, der Verwüstungen durch die Napoleonischen
Heere und die Befreiungskriege. Eine neu aufsteigende intellektuelle
Mittelschicht, ja ein ganzes, zutiefst verunsichertes Volk suchte nach
der eigenen Identität, dem "Charakteristischen" in sich selbst.
Märchen, Sagen, Mythenwelt sind ihr Fundus. Aus diesem schöpft auch
der zuerst als Die Jägersbraut von dem Advokaten, Hobbypoeten
und geistigen Revolutionstouristen Friedrich Kind gedichtete
Freischütz. Johann August Apels Volkssage, auf die der
mittlerweile Dresdner Publizist sich stützte, basierte auf einem
gerichtsverbürgten Fall. Weber seinerseits suchte nach einer
Musiksprache, die frisch und "volkstümlich" sein sollte im besten
Sinn.
Als Konzession an die gewandelten Publikumsbedürfnisse war an Dresdens
Hofoper 1816 ein Deutsches Department eingerichtet worden, Stachel im
Fleisch der bei Hof beliebten Italienischen Oper. Weber als ihr
Direktor sichtet, was tauglich wäre für diesen neuen Zweig des
Musiktheaters. Die für sein Experiment brauchbarsten Modelle
findet er in der französischen opéra comique,
im Vaudeville, im Singspiel. Mit
unendlicher Geduld versucht er, Méhul, Grétry und Cherubini zu
erschließen für sein neues Theater. Daran orientiert er sich auch für
seinen Freischütz. Manche Melodien, wie zumal der
"Jungfernkranz", sind gespeist aus volkstümlichen Quellen. Sie werden
nun selbst, wie auch der "Jägerchor", nationales Liedgut - populär wie
zuvor vielleicht nur Arien aus der Zauberflöte oder dem
Figaro. Kein Werk wurde so oft karikiert und so viel geplündert
wie der Freischütz. Richard Wagner lässt sogar seine
Walküren genüsslich daran aasen.
Das beherrschende Motiv des Freischütz indes heißt: Angst,
Prüfungs-, Versagens-, Überlebensangst – Angst, die den Kandidaten
dieses unmenschlichen Spiels (ohne Meisterschuss keine Braut, kein
Försterjob) auch auf krumme Bahnen treibt. Eigentlich ist Max ja
Schreiber. Die Jägerei lernt dieser Intelligenzler, um das Mädchen
Agathe zu erringen. Und Agathe kriegt er nur als Mitgift gleichsam der
fürstlichen Försterei. Ahnungslos ist Max, als sein Jagdkumpan und
früherer Rivale um Agathes Hand "Freikugeln" offeriert.
Kaspar war im
Krieg und hat deswegen wohl Agathe verloren. Ist sein "Freikugel"-Angebot
ein netter Zug oder eine Falle? Vielleicht hat Max von ballistischer
"Dope" ja wirklich nie was gehört. Aber so machen sie’s doch alle,
suggeriert ihm Kaspar - und bis heute im Sport: Die Johnsons, Krabbes, Ullrichs, Baumanns, Pippigs; und vielleicht auch der
Ur-Kuno einst, der um des lockenden
Försterjobs willen den Wilddieb von dem Rücken eines Hirschen
freigeschossen hatte, um ihn vor der Todesstrafe zu retten. Den
"Engeln" anbefohlen habe Kuno den Schuss und ihn so sekundengenau in
die Zielkoordinaten gelenkt, heißt es in der Legende. Nun muss dieser
goldene Schuss Mal um Mal wiederholt werden. Allerdings die jeweilige
Aufgabe stellt der jeweilige Fürst. Und so hat die Willkür frei Bahn.
Passt dem jeweiligen Ottokar nun der jeweilige Max oder nicht? Es ist
nicht fair! Max ist eigentlich schon mittendrin in "Teufels" Küche mit
Agathe und dieser ganzen Beziehungskiste. Der letzte Schritt ganz tief
hinunter in die "Wolfsschlucht" ist nur eine Handbreit - oder eine
Mefisto-Hundelänge - daneben. Aber vielleicht muss einer ja durch ein
solch reinigendes Purgatorium, um aufzusteigen ins Paradies?
Und Agathe, die
Jägersbraut? Hochsensibel
fährt sie ihre Hirschgeweih-Antennen aus. Irgendetwas stimmt nicht mit
ihrem Max. Und da mag die etwas schlichter gestrickte Verwandte
Ännchen mit noch so aberwitzigen Histörchen sie belustigen wollen. Sie
ahnt, was los ist. Aber anders als Max, der seine Versagens- und
Potenzängste sich nicht eingestehen will, sucht sie das Gespräch,
sucht Hilfe bei einem "Einsiedler". Das waren die Gurus, die
Psychologen jener Tage - Menschen, die tief in den Wäldern, abseits
der Zivilisation oder in Höhlen unter der Erde wohnten, wohin man
pilgerte, um die Weisheit der Welt zu schöpfen. Regelmäßig besucht
Agathe ihn, empfängt nicht nur seinen Rat, seine Warnungen. Das
Verhältnis beider scheint tief-religiös-erotisch. Und Agathe ist - wie
Weber sie musikalisch zeichnet in weit geschwungenen Kantilenen - eine
moderne, eine sich emanzipierende und zugleich verinnerlichte Frau.
Der Einsiedler sieht Max’ Schwäche, weiß, dass er Einflüsterungen
erliegt. Und des Eremiten Konterpart aber auch potentieller
Mitaktionär in dieser Doppel-Ich-AG
"Übersinnliches", Samiel, wirbt um Gunst allüberall. Mit tödlicher
Sicherheit findet dieser Mefisto die Falschspieler heraus, führt sie
aufs Glatteis. Der Einsiedler warnt, will Agathe durch erhöhte
Wachsamkeit schützen. Und doch "passiert's".
Der Schuss fällt - und trifft den Richtigen, Kaspar. Doch, weiß der
Eremit den Fürsten zu becircen, diese Art von Prüfungen sind nicht
mehr zeitgemäß. Die Braut als Trophäe in einem animalischen Balzkampf
- archaisch. Das gehört auf den Müll der Geschichte in einer mehr und
mehr rationalisierten Welt! Der Fürst muss abgeben von seiner Macht.
Eine unheilige Allianz von Thron und Altar türmt sich auf am Horizont.
Glück für Max? Jedenfalls muss er nicht ins Gefängnis oder ins Exil.
Aber was wird aus
dem Paar? Stolzing, hätte er durch den Trick mit Sachs den Preis nicht
gewonnen, er wäre freiwillig ausgewandert samt seiner Eva. Bei Max
reicht die Mobilitätsgarantie nicht so weit. Um so mehr stellt sich
die Frage: Werden sie nach dem Prüfungs-Jahr, der sozusagen Bewährung
in der Produktion, noch zusammen sein? Werden sie’s überhaupt noch
wollen? Macht nicht diese Treue-Zusatz-Prüfung das ganze Verfahren
noch absurder, oder geht’s Agathe gar wie Jenufa,
dass sie gar nicht mehr "rein" und allein ist und was Drittes dann
"entsorgt" werden muss? Und der "Jäger"-Job
für Max – ist der wirklich so erstrebenswert? Was hieß es denn, im
Biedermeier sich einzurichten, warten auf kommende Zeiten, warten,
dass das, was in Deutschland nicht stattfand, aber was der
Kapellmeister Weber bei seiner musikalischen "Tour de France" auf
Umwegen gleichsam herüberholen und überholen wollte, doch irgendwie
noch kommt?
Musste nicht auch ein Schubert vergebens anrasen gegen
diese Metternich-Wand aus Stumpf- und Biedersinn in seinen Singspielen
und Sinfonien? Was bleibt vom Fortschritts-Potential
des Freischütz? Stolzing darf schon
singen, Max muss noch schießen für die Braut. Aber die Frau als
Handelsobjekt ist immer noch up to date. Das Licht der Aufklärung
funzelt in der Hölle der Wolfsschlucht matt. Dabei ist der Luzifer,
der dort sein Hauptquartier hat, ja ein "Lichtträger". Wozu war der
Geist der Aufklärung nicht alles gut: Zu den mörderischsten
Bestialitäten, die Menschen ersannen gegen Menschen. Bis hin zu
Versuchen am lebenden Körper mit
Bakterien, Milzbrand, mit Menschen
als marutas, als "Holzklötzen" in der Mandschurei (1931), oder als lebenden und auch todgeweihten
Geiseln wie im Moskauer Musical-Theater Nord-Ost [mit Steigerung in
Beslan/Nordossetien, Sept. 2004]. Und mittlerweile
gibt’s Menschenfleisch ja im Internet.
Nach dem Krieg
ist vor dem Krieg. Der Glaubens-Krieg, "nach" dem das Stück hier
spielt, heißt der "Dreißigjährige". Heute heißen die Kriegsschauplätze
zum Beispiel Tschetschenien, Afghanistan, Kosovo, Djerba, Bali und
immer und ewig (?) Palästina. Blickt man auf die Attentate,
Terroranschläge seit dem "Schwarzen September", der RAF und zumal seit
Ground-Zero-Tag darf man zu Recht sprechen von einer "Globalisierung der Angst". Im
30-Jährigen Krieg jedenfalls ging’s auch schon mal wie bei den
Kreuzfahrern um die reine Lehre einer Religion. Äußerlich wenigstens.
Und eigentlich? Fast immer um (wirtschaftliche) Macht, heute Öl. Und
immer gibt’s dann ja noch auch die Über-Mächtigen, die
Marktschreier in Sachen Über-Sinnliches. Ihre Handlanger finden
sie überall und hetzen sie wie Lemminge aufeinander los.
Denn immer
finden sich doch Leute, die ihren Messias, ihren Meister erkennen,
indem sie sich selbst kastrieren, sei es um kleiner Vorteile willen,
sei es weil sie gar nicht anders können: Bis in terroristische
Vereinigungen hinein, bis heute. Weber und Kind glaubten an die
Aufklärung, ihre Kraft. Max und Agathe sind ein im Sinne der
Zauberflöte "hohes Paar", wenn auch der mittleren, bürgerlichen
Kategorie und auf Bewährung. Sie sollten ihre Chance bekommen, wenn
auch gegen Widerstände. Darum dieser merkwürdige, den Zeitgeist
konterkarierende Schluss. Er ist ein nicht nur der Zensur geschuldetes
Gebot. Apel, der die Geschichte aus böhmischen Gerichtsakten des
frühen 18.Jahrhunderts filterte in seinem Gespensterbuch
(1810), war, wenn auch aus anderen Motiven, ein gleichwohl hellsichtig
moderner Schriftsteller. Er wollte das Gruselstück, er glaubte nicht
an die Aufklärung. Bei ihm schließt das Ganze nicht "freudig".
Sehnsüchte
Gespräch mit Arila Siegert
Die Agathe wird oft als naives Dummchen gesehen, die blöde auf den Max
wartet. Andererseits hat Weber ja doch Frauenfiguren geschaffen wie
Euryanthe und Rezia, die ins Heldische tendieren, Wagner vorbereiten.
Gehört die Agathe da mit dazu?
Da klafft ein Widerspruch.
Musikalisch steuert Agathe fast visionär in
die Zukunft. Musikalisch
ist sie eine in sich geschlossene, nach
Erkenntnis strebende Frau. Kind in seinem Libretto zeichnet sie
dagegen als eine, die sich kaum einen Kopf macht. Ich entwickle die
Figur aus diesem Widerspruch. Agathe fängt an, sich zu ent-puppen,
aufzublühen. Sie ist eine stille Frau. Sie bildet sich ihre Meinungen
nicht über Klatsch mit anderen. Sie sondert sich ab, geht zum
Eremiten, berät sich mit einem weisen Mann.
An Ännchen, die ihr zur
Seite gestellt ist, wird der Unterschied klar. Ännchen ist eine etwas
durchschnittliche Kleinbürgerin, die aber kess versucht, ihre Wünsche
durchzusetzen, auch ihre Ambitionen auf Max. Sie spielt ihre Reize
aus, versucht sich bei Agathe beliebt zu machen. Das Stück braucht
dies etwas aufschäumende, lustige Naturell von Ännchen, um den
Kontrast zu Agathe deutlich zu machen, die genau das nicht ist.
Agathe ist keine Leonore, sie vollbringt keine Heldentaten.
Sie ist noch keine Kämpferin, aber sie hat die Substanz dazu. Sie
beschäftigt sich erstmal nur mit sich, mit ihren Gedanken und
Gefühlen,
philosophiert über das Leben und die Liebe, und, was die
Musik ja signalisiert, sie versucht den Weg so zu sich selbst zu
finden und zu weiten in eine neue Dimension. Und das verbindet sie
durchaus mit berühmten Frauen der Zeit damals, zumal in den Berliner
Salons. Aber sie ist tatenlos, fast willfährig in das System
eingefügt, in dem sie leben muss. Sie wird vielleicht in ihrem
nächsten Leben dagegen aufstehen. Wir wissen ja auch nicht am Ende des
Stücks, wenn sie nicht heiraten dürfen, was im nächsten Jahr passiert.
Vielleicht traut sie sich dann, die Verbindung zu lösen oder gegen die
Verhältnisse, in denen sie lebt, zu revoltieren. Auch der Eremit, mit
dem sie sich austauscht, arbeitet an einer sanften Revolution. Er
zwingt den Fürsten zu einem Machtverzicht. In dem Kielwasser ist
Agathe auch.
Welche Rolle spielt Max in dieser Beziehung?
Ich gehe davon aus,
dass Agathe den Max liebt. Sie hat auch mütterliche Gefühle zu dem
gepeinigten und in diesen Verhältnissen unglücklichen Mann.
Seine Ehrlichkeit und sein ungetrübtes Wesen zieht sie an, und das
passt auch zu ihr: Dass er nicht raffiniert ist, dass er nicht
mitspielt in der "Liga". Er ist auch ein Einzelner, Suchender. Er hat
es insofern schwerer als Agathe, weil er was tun muss, um an die Frau
und an das Amt ran zu kommen. Aber er will das eigentlich gar nicht.
Er ist kein Ehrgeizling. Er ist in sich gekehrt, nicht eigentlich in
der Lage, Prüfungen zu bestehen, ein bisschen lebensuntüchtig. Er ist
ein künstlerischer Mensch, er denkt und lebt in anderen Realitäten.
Und das verbindet beide.
Wie weit macht er sich doch abhängig von der "Liga", von Samiel also,
über den Kaspar?
Er ist
nicht in das System eingebunden, er funktioniert so nicht, und das weiß er.
Es gibt ja Menschen, insbesondere kreative, die kann man nicht
abrichten. Diese Unsicherheit, dieses gestörte Selbstwertgefühl bringt
ihn dazu, sich mit diesen dunklen Mächten einzulassen. Er bewährt sich
nicht als Mann, ist ein Wesen mit fast weiblichen Zügen, hochgradig
empfindsam, gestört so sehr, dass, wenn er eine Leistung bringen muss,
das nicht schafft. Er ist eher ein Anti-Held, dadurch auch besonders
liebenswert. Die Abhängigkeit entsteht, weil er Agathe liebt und sie
auch heiraten möchte. Und er kann die Aufgaben nicht schaffen in der
Konstellation auch mit den hämischen Leuten rundum. Als
Intellektueller hat er sowieso keinen guten Stand, er kommt in der
kleinbürgerlichen Hackordnung schnell unter die Räder. In dem
Jagdzauber will er die Kraft und den Mut kriegen, diese Prüfung doch
zu bestehen und Agathe zu bekommen.
Sind die Figuren dann doch eher spezifische des frühen 19.Jahrhunderts?
Ich finde,
dass sie auch heutige Züge haben. Sie tragen zwar andere
Kleider, aber die Affekte, die Unsicherheiten, die Konstellationen
sind die gleichen. Max als der typische Anti-Held ist ein
unverbrauchter, feinsinniger, auch ein bisschen verwöhnter Typ. Er war
nicht dem Krieg ausgesetzt wie Kaspar. Männer, die den Kriegsdienst
verweigern oder an Kriegen nicht teilgenommen haben, benehmen sich
anders, als diejenigen, die im Krieg waren. Das strahlt auf die
Persönlichkeit. Kaspar ist ein Kriegs-Geschädigter, jemand, der durch
den Krieg seine Ideale verloren hat und seinen Glauben an den Sinn,
nach einer besseren Welt zu suchen. Er hat durch den Krieg Agathe an
Max verloren, ist eifersüchtig auf ihn, will sich rächen und liefert
beide dem Samiel in mörderischer Sehnsucht aus.
Der Massenmörder von Washington war ja auch jemand, der den Golfkrieg
nicht verwinden konnte, dann in seiner Beziehung scheiterte. Seine
geschiedene Frau hatte von Anfang an das Gefühl, er schießt
eigentlich immer nur auf sie.
Vietnam war für Amerika ein Krieg ohne Helden. Die Amerikaner wurden
wegen des Kriegs verteufelt. Sie wurden nicht fertig damit, wurden
schuldig. Der Golfkrieg sollte die Scharte auswetzen, und blieb auch
letztlich erfolglos. Unter einem solchen Druck steht Kaspar auch. Und
ähnlich der Wozzeck, der auch nicht klar kam mit dem Krieg. So ein
Opfer ist Kaspar.
aus dem Programmheft
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