Das Prinzip Verführung, oder: Schussfahrt vor die Wand
Arila Siegert im Gespräch über ihre „Don Giovanni“-Inszenierung
Uraufführung: 29. Oktober 1787 in Prag, 7.Mai 1788 in Wien
Zur Premiere in
Zwickau-Plauen 15./23.Oktober 2010
Musik.Leitung: Lutz de Veer, Bühne: Hans Dieter Schaal, Kostüme:
Marie-Luise Strandt

Wer ist Don Giovanni, was ist er für ein Typ? Ein
Freibeuter der Liebe, ein Anarchist, der Vertreter einer dem Untergang
geweihten Gesellschaft-Schicht, der jetzt Amok läuft?
Man kann ihn nicht so festlegen auf eine Linie. Er ist ein Archetyp
der Natur in uns, die nie genug hat, in die Unendlichkeit will. Ein
befriedigtes Bedürfnis erweckt ein neues. Der Drang zur
Selbstverwirklichung ist in Don Giovanni, die Lust auf Transzendenz,
sich aufzulösen – was heute durch die Drogen sehr aktuell ist, sich raus
zu beamen aus dem normalen Leben, die Sehnsucht, dass es da noch mehr
geben muss. Lustgewinn, Verführung, Hingabe und Tod sind weitere Themen,
also die Fähigkeit, sich soweit auszuliefern, dass man die Grenze zum
Tod überschreitet.
Du hast dir ja im Vorfeld einige andere Varianten des
„Don Juan“-Mythos angeschaut. Was macht die von Mozart / da Ponte so
besonders?
Die werten Giovanni nicht. Sie nehmen diesen archetypischen
Freibeuter, nicht-verlogenen, nicht-scheinheiligen Menschen sehr ernst
und zeigen Sympathien für diese Seite in uns Menschen.
Wogegen kämpft Giovanni? Wer sind seine Gegner? Die
drei Frauen, die Männer, der Komtur, sprich die öffentliche Moral?
Der Gegenspieler ist schon der Komtur. Er verkörpert das Gesetz, die
Beschneidung der menschlichen Möglichkeiten. Wir wissen doch alle, wie
ungerecht diese „Gerechtigkeit“ oft ist. Dieser steinerne Gast, dieses
Herz aus Stein, dies unverrückbare Kalte steht gegen dies überhitzte,
heiße, menschliche Herz aus Fleisch und Blut von Don Giovanni.
Du zeigst sehr deutlich in der ersten Szene: Donna
Anna weiß sehr wohl, mit wem sie’s am Anfang im Bett zu tun hatte, auch
wenn sie sich später da rauslügen will. Was für ein Charakter ist die
Donna Anna?
Sie ist eine Seite der Frau: diese Megäre, die Frau, die kämpft und
der jedes Mittel recht ist. Sie versteht ihre eigene Natur nicht, und
erträgt sie auch nicht. Sie ist eher ein Vernunftmensch, gezeichnet von
ihrem Vater, dem Komtur.
Sie beschneidet und bestraft sich innerlich,
straft sich selbst Lügen und fühlt sich schuldig. Aus dem Schuldgefühl
heraus verwandelt sie die Liebe in Hass, strebt in die Tat, in den
„Krieg“.
Als Racheengel taucht ja immer wieder auch Donna
Elvira auf. Sie ist die treibende Kraft, die dem Giovanni das Spiel
vermasseln will. Trauert sie einer verlorenen Liebe nach? Leporello sagt
ihr doch in der Registerarie sehr bilderreich, was sie von Giovanni zu
halten hat.
Elvira ist die Umkehrung zu der Rücksichtslosigkeit und der
ständig-die-Partner-wechselnden-Gier des Don Giovanni, und darin ist sie
genauso stark: Sie ist die personifizierte Treue, sie wird ihm bis zum
letzten Atemzug treu sein. Sie liebt ihn, trotz allem, was Giovanni tut.
Diese Art Liebe, die über die Logik und Wertmaßstäbe hinausgeht, ist
etwas sehr Frauenhaftes. Deshalb ist die Elvira für mich die eigentliche
Partnerin von Giovanni. Nur ist er nicht in der Lage, diese
Partnerschaft zu leben. Weil er in seiner Kindheit als Page wie der Cherubino im „Figaro“ von Hand zu Hand gegangen und wie ein
Schmetterling von einem Schoß in den nächsten geflattert ist, hat er nie
gelernt zu lieben. Und dennoch glaube ich, dass Mozart ihm diese
Liebes-Fähigkeit in der Musik komponiert hat, aber auch, dass er unfähig
ist, das wirklich zu leben.
Mit dem Fest auf dem Schloss will Giovanni sein
Register um mindestens zehn Namen erweitern. Er hat’s aber schon
ziemlich schwer mit der einen, Zerlina. Kriegt er sie oder kriegt er sie
nicht? Es ist ja eigentlich Zerlinas Hochzeitstag, und der gehörnte
Bräutigam Masetto macht das ganze Dorf gegen den Grafen rebellisch.
Wir sind in der Arbeit zu dem Schluss gekommen, dass er immer kurz
vorher gestört wird. Die Zerlina tendiert zu Giovanni und geht auch mit
ihm aufs Schloss und ins Bett. Aber beim ersten Mal kommt die Elvira
dazwischen und beim zweiten Mal, im Finale I beim Fest stört Masetto. Im
Finale II wird ja diese Oper „Una
cosa rara“ von Mozarts Zeitgenossen Martín y Soler zitiert. In
dieser 1786 in Wien uraufgeführten Oper wird erzählt, dass ein Mädchen
vom Lande dem Verführer nicht erliegt. Die Zerlina steht für die Natur,
die Zukunft, das zurück zur Natur, die neue selbstbewusste Haltung der
Frauen. Deshalb nehmen wir an, dass Zerlina von Giovanni nicht besessen
worden ist. Und insofern ist sie auch nicht so gezeichnet wie die beiden
anderen Frauen, die es schwer haben werden, in eine andere Bindung zu
gehen. Bei Donna Elvira ist es ganz klar; bei Donna Anna ist es ziemlich
klar, dass es mit dem Ottavio nichts wird.
Beide gehörnten Männer sehen nicht gut aus: Ottavio
ist ein etwas zimperliches Weichei. Masetto etwas grob gestrickt. Muss
man Mitleid mit ihnen haben? Oder ist Giovanni einfach der bessere
Liebhaber?
Giovanni ist ein Ausnahmetyp und die beiden anderen sind
„Otto-Normal“-Typen, sowohl der Masetto als Bauer als auch der Ottavio
als Adliger. Der Ottavio tendiert im Stück aber immer mehr dazu, sich zu
radikalisieren. Im zweiten Akt hat er eine Arie, die schon in Richtung
Komtur geht, also die neue Ordnung, die Strenge, das Beschneiden von
Natur anzeigt. Und Masetto ist ja bereit, den Giovanni kurz und klein zu
kloppen, ihm nicht nur einen Denkzettel zu verpassen, sondern ihn auch
zu töten. Da wird die Radikalisierung beider Männer deutlich. Die Männer
agieren unabhängig voneinander, sind Einzelkämpfer, während die Frauen
miteinander arbeiten, solidarisch sind.
Muss man auch Mitleid haben mit Leporello? Giovanni
behandelt ihn wie den letzten Dreck, lässt ihn verprügeln, um von sich
abzulenken, und gönnt ihm nicht mal seine verflossene Elvira. Leporello
will dauernd auch mal Herr sein – und hat am Ende nichts anderes zu tun,
als sich einen neuen Herrn zu suchen.
Leporello lebt ja in einer ganz besonderen Symbiose mit Don Giovanni.
Ein Herr braucht einen Diener, und ein Diener braucht einen Herrn. So
ist es auch mit den Leuten im Staatsapparat. Auch dort brauchen die
Vorgesetzten ihre Untergebenen. Es ist diese psychische Konstellation:
indem man einem anderen dient, verteufelt man ihn zugleich, ohne in der
Lage zu sein, seine eigene Firma aufzubauen. Lieber schimpft man über
seinen Geld-/Arbeitgeber, über den Staat und alles, statt selbst
verantwortlich zu sein, sich zu befreien, selbständig zu agieren. Diese
Passivität ist weit verbreitet, alle Diktaturen arbeiten damit, dass sie
die Menschen zu Herdenvieh machen.
Der Komtur ist für die Regie das Schwierigste der
Oper. Bei dir ist er nicht einfach der Tote vom Dienst. Er ist das
Prinzip bürgerliche Ordnung, er lockt Giovanni in das geschichtliche
Ende, das seiner Spezies beschieden ist. Er ist die Mauer, an der
Giovannis Schussfahrt zerschellt.
Er weckt Giovannis Sehnsucht, sich raus zu katapultieren aus dem
Kreislauf der unbefriedigten Lust. Er weckt seine Sehnsucht nach dem
Tod, der Auflösung aller Ordnung, dem Chaos. Und damit wird auch die
ganze Spannweite dieses Problems beschrieben, das unlösbar scheint in
uns: diese Verführbarkeit, der Drang, die Gier, die Hatz und alles was
uns treibt, wo wir innehalten und uns fragen, warum wir das tun.
Das „lieto fine“, das Wiederaufnehmen einer barocken
Konvention, dass das Drama glimpflich-heiter enden soll, heißt hier: Leporello
will wie gesagt sich einen neuen Herrn suchen. Elvira will ins Kloster.
Anna will den Ottavio vorerst nicht heiraten – er soll noch mindestens
ein Jahr auf sie warten (wie später im „Freischütz“ dann der Max auf
seine Agathe warten soll). Die Zerlina ist auch nur zum Schein
erleichtert, dass sie jetzt nicht mehr zwischen Giovanni und ihrem
Masetto wählen muss. Wer lacht sich hier eigentlich einen über wen?
Am Ende ist es mit der chromatisch fallenden Linie so komponiert,
dass die Figuren sich vereinzeln. Auch wenn Zerlina sagt, wir gehen
jetzt nachhause, und Leporello sagt, ich gehe jetzt in die Kneipe, sind
diese Figuren am Ende vereinsamt. Giovanni als das Prinzip, das in ihnen
allen steckt, bleibt als transzendentes Moment. Das Nachspiel nach dem
Finale II ist so flirrend komponiert, dass es gar nichts mehr mit den
Figuren zu tun hat, die jetzt ihren Weg weiter gehen müssen, mehr oder
weniger lustbetont. Es ist ein Aufblitzen, ein Lachen im Universum. Ein
Lächeln bleibt übrig zum Schluss.
Das Stück von Mozart und da Ponte wurde uraufgeführt
1787, knapp zwei Jahre vor der Französischen Revolution, ist dort
eigentlich auch angesiedelt. Aber es ist gegenwärtig wie kaum eine
andere Oper der Literatur. Was macht es so präsent: die Musik, die
Dramaturgie, oder doch auch die Thematik Mann-Frau, Männerfantasie,
freie Liebe?
Und die Verführung, von der heute auch die Industrie lebt. Verführung
ist die wahre Macht in unserer Welt. Das ist ein Thema, das uns genauso
betrifft wie die Leute damals.
Die Auseinandersetzung mit Liebe und Tod
und die Verquickung im Leben mit verschiedenen Leuten, die mit einem
agieren in einem Spielfeld – das ist ja eine Oper, die fast in jedem
Takt genau das menschliche Wesen und die Konflikte, die das mit sich
bringt, markiert.
Es ist nach „Titus“, „Zauberflöte“, „Idomeneo“,
„Figaro“ deine fünfte Mozart-Oper. Was ist für dich die liebste
Mozart-Oper jetzt?
Kann ich nicht sagen. In finde die Arbeit, wie Mozart Gedanken in
Musik umsetzt, wie in jedem Takt Geist, Ironie, Witz und Herzblut
einfließen lässt, das ist so was Besonderes. Es öffnet einem so reiche
Gedanken- und Gefühlswelten, dass man fast nicht genug kriegen kann. Je
tiefer man eindringt, erschließen sich einem die Zusammenhänge immer
mehr. Das ist eine große Bereicherung.
gfk, 09.10.2010