Wer ist Judith?
Zur Premiere von Alessandro Scarlattis Oratorium „La Giuditta“,
szenisch
Repräsentieren
wollte man mit diesem Oratorium vor allem; es hat aber
auch etwas von Werbung, Mission. Verstehen könnte man es sowohl als
religiöse Animation wie als politische Propaganda. Und das im doppelten
Sinn, sowohl was die Figur der Judith betrifft wie auch die Form.
Gedichtet wurde das Libretto von einem Kurien-Kardinal, aufgeführt in
dessen hochherrschaftlicher Römischer Residenz. Und komponiert hat es
einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit. Ein Politikum
jedenfalls.
Was
die Figur der Judith betrifft: sie ist historisch nicht verbürgt.
Vielmehr werden in Judith Vorgänge und Figuren der Geschichte über den
Kampf der Juden gegen äußere Feinde projiziert; hier sind es die
babylonischen Eroberer. In der Bibel findet sich die Judith-Geschichte
nur unter den „Apokryphen“.
Aufgetaucht ist sie im
hellenistisch-humanistischen Zeitalter (2./1. vorchristliches
Jahrhundert) und sollte wohl ihrem Glauben gegenüber gleichgültig
gewordene Juden wieder fester binden. Der Bibel-Übersetzer Hieronymus
integrierte die Judith-Geschichte in seine Vulgata, die lateinische
Bibel. Sie passte ihm gut als Zeichen.
Zum anderen das Oratorium: Als musikalische Form entstand es in den
Zeiten der Gegenreformation. Die katholische Kirche wollte gewisse
Punkte der Lutherischen Kritik am Papsttum für eine neue Vertiefung des
Glaubens aus dem biblischen Wort aufgreifen, umsetzen in Andachten,
Laien-Bekenntnissen im Kreise der Gemeinde. Die musikalische
Ausschmückung solcher Gottesdienste mit einer Predigt im Mittelpunkt
(zwischen den beiden Teilen des Oratoriums) wuchs dann im 17.
Jahrhundert zu der musikalischen Form des Oratoriums. Die in jener Zeit
sich entwickelnde Oper diente dabei als Folie.
Auffällig
und etwas Besonderes an sich: im Zentrum dieser Geschichte
steht eine Frau als Heldin, eine Konzession wohl an den aufgeklärten
Zeitgeschmack. Aber es knüpft auch an bei älteren jüdischen
Überlieferungen. Jahwe war ursprünglich ein sexuell nicht definiertes
Wesen, jedenfalls kein patriarchaler und schon gar kein unbeweibter
Gott. Zudem wurden in jüdischen Kultstätten einst durchaus auch
weibliche Gottheiten verehrt. Nach der babylonischen Gefangenschaft
erstand diese weibliche Figur der „Aschera“ als Göttin der Weisheit
(Pendant in der griechischen Sage: die streitbare Athene) neu. Auf sie
ist möglicherweise diese Judith bezogen. Judith jedenfalls ist
durchglüht von ihrer „Mission“. Sie nimmt es auf mit einer überlegenen
Soldateska und einem Feldherren, der sich über alle erhaben fühlt. Und
sie stellt mit ihrer Tat die memmenhaften Oberen ihres Volks bloß.
Judith und Holofernes – es ist eine die Fantasie in vieler Hinsicht
beflügelnde Geschichte. Blut und Erotik mischen sich von jeher blendend,
zumal im religiösen Umfeld. Judith, die Witwe, dürstet nicht nur wie die
Mit-Eingeschlossen von Betulia nach Wasser, sie dürstet nach Leben.
Holofernes hat den in der Bergfestung belagerten Juden den „Wasserhahn“
abgedreht. Er wartet nur darauf, dass auch sie endlich ihre Stadt dem
Assyrer übergeben. Die meisten Betulier sind auch bereit, nur Judith
wagt den Widerstand, sieht ihre Chance. Mit List und den Mitteln einer
Frau – in dem frommen Oratorium werden die allerdings dezent herunter
gespielt – geht sie ins Lager, verbringt bei und/oder mit Holofernes
fünf Tage und Nächte. Sie kehrt zurück mit seinem Kopf.
Was
erlebt diese stolze Frau mit diesem selbstverliebten Mann? Wie kommt
sie zurück, was trieb sie zu ihm? Nur ihre Stadt zu retten? Wer ist
Judith? Eine Terroristin, schwarze Witwe? Oder ist sie wie etwa später
bei Vivaldi eine „Triumphierende“? Bei Scarlatti wird sie (1693/94)
musikalisch gezeichnet als amazonenhafte Heroine mit hochdramatischen
Koloraturen. Holofernes dagegen erscheint etwas leichtgeschürzt, fast
lächerlich in seinen Allüren. Gleichwohl ist er ein ihr ebenbürtiger
Gegner. Mit besonders geschmeidigen Arien ausgestattet der Capitano, ein
Überliefer, der sich erst bei Holofernes verdingt, dann zu den Juden
zurückgeht und zeitweise mit Verdächtigungen überhäuft, geschmäht wird. Die eigentliche „Adresse“ aber ist Ozia, der politische Führer
der belagerten Juden. Er hat ebenfalls ein Auge geworfen auf Judith,
verteidigt sie gegen die kleinlichen Vorbehalte der religiösen Führer,
bewundert sie, ihren Mut. Wird er Konsequenzen daraus ziehen?
Hebbel hat in seiner
Dramatisierung (1840) Holofernes als einen General
gezeichnet, der eigentlich selbst Gott sein will anstelle seines Königs
Nebukadnezar. Und Judith ist bei ihm eine junge Frau, die mit 14
verheiratet werden sollte, deren Mann aber in der Hochzeitsnacht
„verrückt“ wurde und bald starb.
Nach jüdischem Recht durfte eine solche
Frau, obwohl Jungfrau und unberührt, keinen Mann mehr haben. Am Ende
will Judith getötet werden, sollte sie ein Kind aus ihrer Verbindung mit Holofernes gebären. Freud geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist
bei Judith der Sexualtrieb das Motivierende; Judith versteckt den
lediglich unter einem patriotischen Label. Und das Köpfen des Holofernes
sieht er als Kastrationsersatz.
Für
die christliche Welt des 17./18.Jahrhunderts ist Judith aber immer
auch eine Galionsfigur des „Abendlandes“, eine Art späte Kreuzfahrerin
im Kampf gegen die Herrschaft der Türken. 1683 waren die Türken bereits
zum zweiten Mal vorgerückt bis nach Wien. Und erst im Frieden von Karlowitz 1697 konnte der Einfluss des
Osmanen-Reichs im Mittelmeer von
der „Heiligen Allianz“ eingedämmt werden.
Ein Oratorium wie dieses
sollte Opferbereitschaft wecken.
Und Kardinal Pietro Ottoboni, seines
Zeichens Vizekanzler des Papstes, seines Großonkels Alexander VIII,
zieht alle ihm möglichen Register. Angst vor dem islamischen Orient –
und umgekehrt – beherrscht die Politik bis heute in vielen Facetten: als
„Kampf der Kulturen“, als Ringen um einen Frieden in Palästina/Israel.
Kess das alles beiseite wischend nennt sich die Vorsängerin einer
derzeit angesagten Popgruppe „Judith Holofernes“.
Scarlatti hat im Friedensjahr 1697 noch eine zweite Version der „Giuditta“
komponiert, nun nach einem Text von Kardinal Ottobonis Vater Antonio. In
ihr konzentriert sich das Geschehen auf das Trio Holofernes, Judith und
deren Amme. Die Amme ist hier Judiths Gehilfin und sozusagen
Beichtmutter, sie singt Holofernes in den Schlaf. Deren Arie ist in
dieser Produktion adaptiert und an den Schluss gestellt. In ihr bricht
sich das innere Erleben Judiths Bahn.
gfk
Fotos: Martina Pipprich
 
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