Worum geht’s eigentlich in dem Stück? Was ist
interessant an der Biografie dieses ukrainischen Literaten
Nikolai Gogol aus dem frühen 19.Jahrhundert?
Ganz deutlich wird der Zusammenhang zwischen Individuum und
Gesellschaft. Die Zeit, in der Gogol lebte und wirkte, war so überlagert
von Ungerechtigkeiten, von kirchlicher Überfrachtung, Unterdrückung und
Leibeigenschaft – das Individuelle spielte keine Rolle. Der Kampf des
Individuums, des Künstlers, des Menschen Gogol und die Krankheit, die
daraus erwuchs, dass er sich nicht positionieren konnte als ein
eigenständiger, unabhängiger Mensch – das ist der Hauptansatz von Lera
Auerbach. Sie rehabilitiert Gogol, setzt ihn und sein Leiden ins
Verhältnis zu den heutigen Problemen der Menschen in Russland und in der
Ukraine.
Es gibt in dem Libretto der aus dem
russischen
Tscheljabinsk stammenden, in Amerika lebenden
Lera Auerbach
viele Geister, Dämonen, Hexen, Nymphen, Nixen, Doppelgänger. Sind das
alles Halluzinationen oder was bedeuten sie? Haben sie was zu tun mit
dieser Behinderung Gogols, seine Individualität auszuleben?
Beschrieben wird der Kampf eines Individuums mit sich selbst. Und es
endet tödlich. Er wird so gespalten und so zerteilt in diesen
Auseinandersetzungen, er wird gleichsam zersetzt dabei, weil er keinen
richtigen Boden, keine Partner findet. Er flieht vor sich selbst. Er
zerreißt sich in der Luft wie fremdgesteuert.
In der Oper wird auch angespielt auf Gogols
wohl wichtigstes Buch, „Die toten Seelen“. Was hat es damit auf sich?
Gogol wurde für das Buch sehr angegriffen. Selbst die engsten Freunde
haben sich abgewendet von ihm mit dem Vorwurf, er zerstöre, schände
Russland. Gogol versuchte sich zu rechtfertigen und zu erklären im
Prozess des Schreibens der „Toten Seelen“, dass die Wahrheit auch im
Schmutz des profanen Lebens und in den Niedrigkeiten der Menschen liegt.
Dass der, der das beschreibt, keine Anerkennung findet, wusste er. Er
war Vorreiter dieses modernen Realismus in Russland und ist dafür
„gesteinigt“ worden.
Wer sind diese toten Seelen?
Das ist die Beschreibung eines Menschen namens Tschitschikow, der
ohne Liebe aufgewachsen ist und versucht, sich irgendwie über Wasser zu
halten. Er tritt an Grundbesitzer heran und kauft die Namen der schon
gestorbenen Bauern auf. Die Grundbesitzer müssten für die
gestorbenen Leibeigenen noch das ganze Jahr Steuern zahlen. Deshalb
verkaufen die Grundbesitzer ihm die toten Seelen gern. Er übernimmt die
Zahlung der Steuern, hat die toten Seelen, gilt somit selbst als
Grundbesitzer und kann damit günstig Handel treiben. Es ist eigentlich
wie heute, wo an der Börse Derivate gehandelt und Gewinne geschöpft
werden mit Werten, die gar nicht existieren. Genau das tut dieser Tschitschikow.
Gogol beschreibt ihn sehr detailliert, zeichnet auch
seinen Lebenslauf. Er stempelt ihn nicht negativ ab sondern er zeigt an
ihm die Verhältnisse der Zeit und die Korruptheit des Beamtenwesens.
Zitiert wird auch das merkwürdige Testament
Gogols. Er wollte nicht beweint werden, wollte erst begraben werden,
wenn ihn die Würmer schon zerfressen, wollte keinen Grabstein. Er hatte
kein großes Selbstvertrauen, litt unter dem literarischen Übervater
Puschkin.
An dem Konflikt ist er krank geworden. Das Testament ist ja
eigentlich Ausdruck einer kranken Seele, eines Menschen, der auf der
einen Seite eine Riesen-Hybris entwickelt, auf der anderen Seite sich
wirklich zu Tode hungert aus lauter Selbstzweifeln. Die Persönlichkeit
ist auseinander gedriftet.
Gogol war, wie schon gesagt, auf der Flucht
vor sich selbst, wenn man all die Geister-Erscheinungen deutet. Die
Librettistin-Komponistin spielt ja auch an auf Gogols wohl bekanntestes
Sujet aus den „Petersburger Geschichten“: „Die Nase“. Ohne Nase bedeutet
ein Mensch nichts. Kowaljow, dem in dieser Erzählung die Nase eines Tags
abhandenkam und die dann auch plötzlich wieder da war, leidet ja unter
einem Identitätsverlust. Solche Figuren sind wohl der Kern bei Gogol.
Diese „Nase“ ist Surrealismus pur, erinnert an Kafka – hochmodern.
Gogol war wohl klein, bucklig und hatte eine große Nase. Dafür wurde er
schon immer von den Kommilitonen gehänselt und gegeißelt. Das war auch
sein Konflikt, dass er kein schöner Mann war – ein ganz menschlicher
Konflikt.
In einer anderen der Petersburger
Geschichten, „Das Porträt“, geht’s um einen Maler, der sich eingerichtet
hat darauf, für die reiche Gesellschaft das zu malen, was sie sehen
will, Äußerlichkeiten, Dekoratives und der damit in einer
manufakturellen Art viel Geld scheffelt. Und eines Tags sieht er ein
Porträt, in dem er all das entdeckt, was in seinen fehlt: kein plattes
Abbild der Natur, sondern ein Bild, das von einer inneren
Durchgeistigung zeugt. Und dann kauft er wie irre teure Bilder zusammen
und zerschnippelt die. Also eine Art Selbstvernichtungs-Rausch wird da
gezeigt.
Die Oper kulminiert in einer Art Tribunal,
das so farcenhaft erscheint wie das Gericht in Brecht-Weills „Mahagonny“.
Was hat dieser Prozess – in der Ukraine von heute kennen wir ja ähnlich
farcenhafte Gerichte – für eine Bedeutung in dem Stück?
Es ist das terroristische Gericht in unseren Köpfen, das „Al-Khaida-Potential“.
Alle Figuren stehen im „heiligen“ Krieg zueinander: ein Priester, die
Gemeinheit, der Tod, der Teufel, sein Ideal – die Nymphe, die Dämonen,
das Volk – und alle sind eigentlich er selbst. Es ist die Aufspaltung
der Persönlichkeit; aber wenn man sich zu sehr spaltet, verliert man
seine Lebenskraft. Er gibt sein Leben auf, indem er nicht mehr schreibt,
sich nicht mehr erden und zu sich selbst finden kann.
Der Faden wird
zerschnitten. Das gipfelt in seiner Biografie mit dem Hungertod. Er
verhungert, tut sich das selbst an. Ein Suizid. Und seine Figuren
zerstören sich auch immer wieder selbst. Mit Gogol ist der Realismus in
die Literatur gekommen, und die Heile-Welt-Heldenpoeme sind mit ihm zu
Grabe getragen worden. Es brach eine neue Epoche in der Literatur an.
Insofern ist es eine wirkliche Tat der
Lera Auerbach, diesen
Schriftsteller Nikolai Gogol so intensiv und gegenwärtig in unser
Blickfeld zu rücken.
Was kann man von der Musik schon sagen? Es
gibt wohl starke, sagen wir folkloristische Einschübe, Choräle und
Ähnliches.
Es ist wirklich eine sehr russisch-ukrainische Musik. Da gibt es
Wiegenlieder, Totengesänge, aber auch Trickfilm-Musik und Anleihen bei
anderen Komponisten. Die Musik, soweit wir sie kennen – wir haben sie
bisher nur am Klavier gespielt gehört, nicht vom Orchester – ist sehr
theatralisch, theaterträchtig. Damit lassen sich gut Szenen aufbauen und
entwickeln.
Du bist als Choreografin relativ spät von
Christine Mielitz in den Konzeptions-Prozess hineingeholt worden, hast
aber bei der praktischen Inszenierungsarbeit intensiv mitgewirkt. Für
dich als gestandene Regisseurin und Choreografin was ganz Neues, und
sicher auch nicht ganz leicht.
Eine schwierige Aufgabe, in diese ganz eigene Art einer Regisseurin
sich einzubringen in ihrem Sinn. Man muss sehr viel von seinem Eigenen
zurückstecken und versuchen, dieser Handschrift nahe zu kommen. Und was
ich als Wichtigstes erachte: dass man Choreografie und Inszenierung
nicht unterscheiden kann, dass es nahtlos ineinander übergeht. Ich
hoffe, dass uns das gelingt.
Was nimmst du mit von dieser Arbeit?
Es
bestätigt mich in meiner lebenslangen Suche nach Freiheit,
Unabhängigkeit. Und dass die Individualität, dieses
Zu-sich-selbst-Finden und dieses Von-sich-selbst-aus-Agieren ein ganz
grundlegendes Moment ist, in dieser Gesellschaft sinnvoll zu existieren.
Dass man nicht zum Werkzeug wird von irgendjemandem und irgendwas,
sondern dass man als freier Geist sich den Sinn jeweils zuordnen und
bestimmen kann.
Die Sinnsuche ist auch ein wesentlicher Punkt
in der Erzählung über den Maler, „Das Porträt“. Es gibt da einen zweiten
Teil, wo ein älterer Maler seinem Sohn, der eben die Akademie absolviert
hat, vermitteln will, dass das Sinnhafte eines Bildes erst aus einer
inneren Vergeistigung entsteht – eine eigentlich romantische Vorstellung
von Kunst.
Gogol hat das versucht mit seinen Geschichten. Das sind
Konstruktionen, bei denen er jeweils herausfiltert, was mit uns
passiert, wenn wir dies oder jenes tun. Er konstruiert Modelle. Es ist
schon eine ganz eigenständige Bearbeitung der Realität, ein wirklich
künstlerischer Vorgang, mit dem Material des Lebens eine eigene Welt zu
schaffen. Das ist für mich auch die Entdeckung in der Arbeit jetzt.
gfk, Wien, 01.11.2011
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