In Albtraum-Land

Die Uraufführung der Oper „Gogol“ in Wien

Franziska Stürz, in: BR-Klassik (München), Allegro, 16.11.2011

Laut Lera Auerbach ist die russische Geschichte ein albtraumhaftes Märchen, aus dem das Land noch immer nicht erwacht ist. Und so beginnt ihre Oper „Gogol“ auch mit dem ersten Bild von Russland in tiefer Nacht.

Es ist schwarz und kalt auf der Bühne, die Johannes Leiacker mit zerkratzten Kunststoffbahnen wie Eisplatten zu einem nebelverschwommenen Traumland verwandelt. Aus dem schneebedeckten Boden kriechen weißgekleidete Geistergestalten, die Arila Siegert zu beeindruckenden Formationen choreografiert hat.

Der Dichter Gogol erhält von Lera Auerbach viele Stimmen. Als spektakulärster Effekt gelingt die kindliche Verkörperung seiner reinen Seele durch den Grazer Kapellknaben Sebastian Schaffer. Die männliche Seite des von Selbstzweifeln zu Tode geplagten Genies teilen sich Martin Winkler und Otto Katzameier als Folge der kurzfristigen Absage von Bo Skofhus.

Beide Darsteller verschmelzen in Christine Mielitz‘ fesselnder Regie immer wieder miteinander und suchen schützend die Nähe des inneren Kindes, um dann wieder brutal von ihm losgerissen zu werden.

Immer wieder tauchen Figuren aus Gogols Werken im Stück auf, die mit seinem persönlichen Schicksal verschmelzen und sein Empfinden und Handeln bestimmen. So erleben wir Gogol als den träumenden, verliebten Mann vom Newski-Prospekt, der eine Nymphe zu erblicken glaubt und ihr folgt.

Alles will der Dichter für die Schönheit geben, alles wagen – und so tötet Gogol den Tod und damit auch die Liebe, weil er das Schöne im Hässlichen nicht erkannt hat. Als Figur wie aus einem Chagall-Gemälde fliegt die Akrobatin Susanna Defraia im Spiegel-Scherben-Anzug dabei über der Szene.

Christine Mielitz lässt aber auch der skurril-komischen Seite des Dichters der „Nase“ auf der Bühne Raum. Gogol selbst bezeichnete das Lachen als Reinigung für die Seele, und so ist der vor sich selbst fliehende Mann, der rastlos durch das Ausland reist, hier ein kleiner Michael Jackson in Glitzerhose, verfolgt vom Teufel Bes in roter Kaurismäki-Tolle und Schnabelschuhen.

Auerbachs Musik verweist immer wieder auf russische Volks- und Kirchenweisen. Gesellschaftstänze aus der Zarenzeit werden karikiert, dunkel wogt dann wieder russische Schwermut hoch. Das ORF-Radiosymphonieorchester Wien unter Vladimir Fedoseyev spielt hochkonzentriert und äußerst differenziert.

Geschickt wird mit Verstärkungseffekten die Kinderstimme hervorgehoben. Und man hört die Seufzer der gequälten Seelen bis zum letzten zarten Verhauchen. Das Werk gipfelt im Schlussbild einer sich aufrichtenden Eiswand mit Umrissen fallender Menschen, die Gogol letztlich verschluckt, nachdem er mit seinem männlichen Ich gerungen und sich selbst besiegt hat.

Ein starkes Bild für das Ende des Dichters, der durch exzessives Fasten in übersteigertem religiösen Eifer mit 42 Jahren starb.

 

Schlechtes Gewissen tut gar nicht gut

Teufel auch! In Wien wurde Lera Auerbachs Oper "Gogol" uraufgeführt

Die Welt, Ulrich Weinzierl, 17.11.2011

Dass die Neutöner sie nicht mögen, beruht auf Gegenseitigkeit: Auch Lera Auerbach, die russisch-amerikanische Komponistin, Pianistin und Literatin, hat mit Moderne und Avantgarde im herkömmlichen Verständnis nichts im Sinn. Deshalb wirken ihre Werke selbst beim ersten Hören halbwegs vertraut. Doch ist es eine Schande, wenn man sich bei ihr an Schostakowitsch erinnert fühlt, wenn einzelne Passagen nach Mussorgski und Rachmaninow klingen? Wichtiger scheint jene innere Stringenz, die sich nicht zuletzt Handwerk und Könnerschaft verdankt. An beidem mangelt es dieser Künstlerin nicht.

Das Problem ihrer im Theater an der Wien uraufgeführten Oper "Gogol" liegt woanders: Wirklich nachvollziehen können die thematische Ballung von Russland, Religion und Wahn wohl nur Eingeweihte, also Kenner und Betroffene. Dass die Premiere zum packenden Erlebnis wurde, hängt mit der Qualität der musiktheatralischen Umsetzung zusammen: Regie und Ausstattung, Solisten und Chor leisten Außerordentliches.

"Gogol" ist keine Biografie des russischen Autors, die sogenannte opera-misteria konzentriert sich auf dessen seelische Verstörung bis hin zum religiös bedingten Selbstmord: Er hat sich, knapp 43 Jahre alt, zu Tode gefastet. Der Verfasser der glänzenden satirischen Komödie "Der Revisor", der bedeutende Romancier und Erzähler, der das Romantische ins Groteske und Absurde steigerte ("Die Nase"), gab sich Schuld am Niedergang der russischen Gesellschaft, den er diagnostiziert hatte: Gogol verbrannte das Manuskript des zweiten Teils der "Toten Seelen", seines epischen Meisterstücks.

Lera Auerbachs Libretto stülpt das Innenleben Gogols nach außen, personalisiert die psychischen Kräfte, die ihn zerstörten: Dämonen, die Hexe der Sexualität, Tod und Teufel bevölkern die Spielfläche. Fantasie und Wirklichkeit, Vision und Albtraum sind nicht zu trennen: Wahnhaft schlechtes Gewissen und Bußexzesse führen ins Inferno. Dass die gequälte Existenz von Anbeginn im Mittelpunkt steht, erweist sich als kleiner dramaturgischer Nachteil: Steigerungen sind kaum möglich, es lassen sich bloß Facetten des Irreseins präsentieren.

Mit einer Kerze sitzt Sebastian Schaffers Nikolka an der Rampe und singt sein Liedchen der Angst vor der Finsternis. Am Schluss sitzt er wieder da, löscht das Licht und deutet bei Auerbach die Möglichkeit der Erlösung an. In der Inszenierung von Christine Mielitz freilich greifen von unten dunkle Hände nach dem Knaben: Er wird nicht entkommen.

Johannes Leiackers Bühne ist raffiniert einfach: Transparente Plastikplanen begrenzen den Raum zum Saal und nach hinten. Durch den schneebedeckten Boden schimmert im letzten Akt, wenn sich der Untergrund zur bedrohlichen Mauer aufbäumt, blau das Eis, Umrisse gefallener Menschen offenbarend. Eine schöne Metapher für den Höllensturz in die Kälte absoluter Einsamkeit.

Staunenswert die Musikalität und Präzision der von Arila Siegert choreografierten Bewegungsabläufe: Aus dem Arnold-Schoenberg-Chor und den Grazer Kapellknaben gestaltet die Regisseurin lebende Skulpturen. Sie gönnt den Augen keine Ruhepause, ohne uns zu ermüden oder den Eindruck des sinnfreien Aktionismus zu erwecken. Jede Geste hat ihren genau kalkulierten Zweck und Effekt: das Geschehen zu verdichten.

Wladimir Fedosseyew am Pult des ORF-Radio-Symphonie-Orchesters sorgt für Spannung und den erforderlichen "russischen" Sound - das zuweilen derb Volkstümliche, Tänzerische mit der Feierlichkeit des Sakralen versöhnend. Wegen Erkrankung des ursprünglich vorgesehenen Protagonisten wurde die ungemein anspruchsvolle Baritonpartie des Gogol auf zwei Sänger verteilt. Wahrlich kein Verlust: Martin Winkler und Otto Katzameier bewältigen ihre Aufgabe souverän. Auch sonst keine Schwachstelle. Russischer als bei Lera Auerbach, besser als bei Christine Mielitz geht's nicht.

"Gogol" als packende Schlachtplatte

Mit Lera Auerbachs "Gogol" feiert das Theater an der Wien musikalisch und auch szenisch einen verdienten Erfolg

Kurier, Wien, 17.11.2011

Groß, größer, Gogol - auf diesen Nenner lässt sich die Uraufführung von Lera Auerbachs dreiaktiger Oper "Gogol" im Theater an der Wien bringen. Ganz getreu dem Motto: Klotzen, nicht kleckern. Denn hier ist alles üppig, süffig, ausladend und höchst breitenwirksam angelegt - Minimalisten-Fans könnten leiden. Das gilt sowohl für die Musik als auch für die Inszenierung. Aber der Reihe nach: Die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach (auch Text) hat keine lineare Biografie des Autors Nikolai Gogol auf die Bühne gebracht. Auerbach konzentriert sich vielmehr auf die innere Zerrissenheit des Schriftstellers, auf seine ihn peinigenden Dämonen.

Sie zeigt den religiösen Eiferer, für den eine Frau nur Hure oder Heilige sein kann. Sie porträtiert den ewig Rastlosen, den stets am Rande des Wahnsinns Wandelnden, der von den vom ihm geschaffenen Figuren verfolgt wird. Und Auerbach wühlt tief in der russischen Seele, scheut das eine oder andere Klischee nicht, macht das aber alles sehr zwingend.

Auch musikalisch geht es hoch her. Auerbach verleugnet erst gar nicht die russische Tradition. Im Gegenteil: Sie spielt mit ihr. Das groß besetzte Orchester (toll das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und Dirigent Vladimir Fedoseyev) darf in post-romantischen Klangfarben schwelgen. Da flirren die Streicher, da toben sich die Bläser aus, da hämmert das Schlagwerk. Man wartet förmlich darauf, dass Boris Godunow um die Ecke biegt, dass sich Anna Karenina vor einen Zug wirft, dass Mütterchen Russland einem ihr unglückliches Herz ausschüttet. Nur manchmal wäre bei diesem Klangrausch weniger viel mehr.

Grotesk.

Regisseurin Christine Mielitz findet dazu in Johannes Leiackers tollem, weil Raum-suggerierendem Bühnenbild die kongeniale Erzählweise. Perfekt arrangiert sie die riesigen Chorszenen (exzellent der Arnold Schoenberg Chor, die Grazer Kapellknaben und der Mozart Knabenchor Wien) und setzt Tänzer (toll die Choreografie von Arila Siegert) sowie Artisten ein. Packender und bunter (Kostüme: Kaspar Glarner), zugleich strenger lässt sich Gogols inneres Inferno nicht illustrieren.

Gesungen wird (in russischer Sprache) meist gut. Otto Katzameier und Martin Winkler teilen sich die Partie des Gogol; hier hat man nach der krankheitsbedingten Absage von Bo Skovhus aus der Not eine echte Tugend gemacht. Denn Gogols Schizophrenie wird so noch deutlicher. Als Kind "Nikolka" Gogol brilliert Sebastian Schaffer (Grazer Kapellknaben) vokal wie darstellerisch; als Teufel ist der Tenor Ladislav Elgr ein Ereignis. Falko Hönisch, Stella Grigorian und die von der Regie fabelhaft als Sexbombe in Szene gesetzte Natalia Ushakova führen das starke Ensemble an.

Fazit: Die Oper als ganz großes Kino
Werk Lera Auerbach hat aus ihrem Theaterstück "Gogol" eine Oper gemacht; die Uraufführung im Theater an der Wien wurde einhellig bejubelt. Die Musik ist hörbar und süffig, manchmal aber fast zu süffig.
Regie Christine Mielitz bietet neben einer tollen Personenführung ein großartiges, stringentes Spektakel für die Augen.
Gesang und Dirigat Gut.


Wien jubelt über «Gogol» von Lera Auerbach

dpa, 16.11.2011

Viel Jubel über «Gogol»: Das abendfüllende Stück der russisch-amerikanischen Komponistin Lera Auerbach hat nach Medienberichten die Premierengäste im Theater an der Wien begeistert. Die «Salzburger Nachrichten» (SN) erlebten am Dienstagabend einen «Triumph», die Nachrichtenagentur APA sah ein «Wahnsinnsstück».

Wien (dpa) - Viel Jubel über «Gogol»: Das abendfüllende Stück der russisch-amerikanischen Komponistin Lera Auerbach hat nach Medienberichten die Premierengäste im Theater an der Wien begeistert. Die «Salzburger Nachrichten» (SN) erlebten am Dienstagabend einen «Triumph», die Nachrichtenagentur APA sah ein «Wahnsinnsstück».

Dabei kommen in den Kritiken Auerbachs Komposition selbst, die Regie von Christine Mielitz und die Pultarbeit von Dirigent Vladimir Fedoseyev gleichermaßen gut weg. Auerbach, die auch das Libretto für die Komposition schrieb, habe keine klassische Biografie verfasst, beschreiben die SN, sondern «ein buntes Spektakel des inneren Wahns». Das Stück folgt zwar der Biografie des russischen Dichters Nikolai Gogol (1809-1852), der sich gegen Ende seines Lebens in (religiösen) Wahn steigerte und schließlich fastend verhungerte. Doch Auerbach geht diese Biografie poetisch an und spart nicht mit satirischen Elementen.

Regisseurin Mielitz stellt nach Urteil der SN «mit souveränem Schauspielsängerensemble eine dynamische Höllenfahrt auf die Beine». Lob gibt es auch für die Musik: Die APA hörte eine «lange, beinahe romantische» Eröffnung und zahlreiche musikalische Anspielungen etwa auf Prokofjew oder Steve Reich. Die 38-jährige Musikerin habe jedoch ein höchst eigenständiges Werk geschaffen.

Das Team und die Solisten um Martin Winkler, Otto Katzameier und Natalya Ushakova machten die Uraufführung des Auftragswerks zu einem «großen russischen Abend im Theater an der Wien», fassten die SN zusammen.

 

Fantastischer Albtraum

Das Publikumsvotum fiel eindeutig aus: Die Uraufführung von Lera Auerbachs (38) Oper "Gogol" erntete 13 Minuten ungetrübten Beifall

Kleine Zeitung, Graz, 17.11.2011

Mit Avantgarde hat Lera Auerbach nichts im Sinn. Die 1973 im Ural geborene, seit 1991 in den USA lebende Komponistin setzt andere Prioritäten: "Wer gegen das Publikum komponiert, hat etwas Grundlegendes missverstanden." Auerbach, die mit sechs Jahren ihren ersten Klavierabend gab und mit zwölf ihre erste Oper schrieb, sucht lieber die Tonalität nach Ausdrucksmöglichkeiten ab.

In der im Auftrag des Theaters an der Wien entstandenen Oper "Gogol" zeigt sich Lera Auerbach, die Gidon Kremer 2001 beim Kammermusikfest in Lockenhaus als Composer in residence vorgestellt hatte, als Erbin von Dmitri Schostakowitsch und Alfred Schnittke, dessen polystilistischen Ansatz sie unter Einbeziehung der Minimal Music fortführt. Ihre vom RSO Wien unter der souveränen Stabführung von Vladimir Fedoseyev aus der Taufe gehobene Partitur verrät ausgeprägten Formsinn und meisterhafte Instrumentation. Sie klingt nicht wirklich neu, erzeugt aber gekonnt Atmosphäre und Spannung, vermittelt eindrucksvoll Ängste und Seelenqualen.

Auerbach, die auch als Autorin zu Ruhm gelangte, hat sich ihr Libretto selbst geschrieben, nicht als Biografie des ukrainischen Dichters Nikolai Gogol, sondern als Fantasie über diesen Meister der Groteske mit dem Hang zur Fantastik und zum Dämonischen. Gogols Zerrissenheit zwischen Genialität und Wahnsinn fängt die Inszenierung von Christine Mielitz, die noch aus der Notlösung, die Titelrolle auf zwei Sänger aufzuteilen, szenisches Kapital schlägt, grandios ein. Die detaillierten Regieanweisungen der Autorin zugunsten einer stärkeren Abstraktion weitgehend ignorierend, zielt Mielitz auf Johannes Leiackers oft kahler Bühne mit weicher Bewegungssprache auf eine Traumebene ab.

Martin Winkler mit dunklem Bariton und Otto Katzameier mit hellerem Timbre faszinieren als in den Wahn abtriftende Titelhelden. In kleineren Rollen brillieren der expressive Tenor Ladislav Elgr, der zwischen Falsett und Bariton pendelnde Falko Hönisch, Natalia Ushakova, Stella Grigorian sowie als Knabe Nikolka Sebastian Schaffer aus den Reihen der als Chor überzeugenden Grazer Kapellknaben.

So klingt der Soundtrack für eine tote Seele

Im Panoptikum der Überbietung: Lera Auerbachs neue Oper „Gogol“ entfesselt gewaltige Kräfte – für ein wenig bühnentaugliches Dichterleben.

Dirk Schümer, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.11.2011

Ein sehr russischer Abend: Die Oper beginnt mit einer orthodoxen Prozession in Schnee und Eis, „Herr, erbarme dich unser“, davor ein Dichter mit gespaltener Persönlichkeit, der als Kind eine Katze ertränkt hat und sich nun als Erwachsener – nicht ganz zu Unrecht – immer noch dafür schämt: „Gogol“. Es schneit Schnee, es schneit Schuldgefühle, es schneit Visionen von vollbusigen Babuschkas, vom rothaarigen Teufel, von Väterchen Frost, der am Bühnenhimmel im glitzernden Silberkostüm seine Hochseilnummern turnt. Und aus dem Orchestergraben kommt mit „Boris Godunow“-Glockengeläut und Rimsky-Korsakow-Harfensäuseln, mit Refrains altrussischer Balladen und den Stakkati von Volkstänzen und Popengesängen in kirchenslawischer Pentatonik eine sehr russische Musik. Lera Auerbach, Jahrgang 1973, aus Tscheljabinsk am Ural, hat diese Oper geschrieben und komponiert. Und es dauert nur ein paar Minuten, da fühlt man sich nicht mehr im gemütlichen Theater an der Wien, sondern in einem ukrainischen Kosakenlager, in einer ungeheizten Moskauer Wohnung oder gleich mitten im kleinrussischen Hirn (oder russischen Kleinhirn?) dieses sehr genialen, sehr kranken Dichters namens Nikolai Gogol.

Die hochbegabte Lera Auerbach muss man allein schon dafür bewundern, dass sie keinem Atonalitätsverdikt, keiner seriellen Mode europäischer Avantgarde brav gehorcht, sondern selbstbewusst in sich und ihre Historie hineinhorcht und daraus einen Soundtrack für die Seelenpein ihres Protagonisten schöpft: Weite, spätestromantische Akkordballungen rauht sie rhythmisch auf, orientiert sich stets an der syllabischen Melodielinie des gesprochenen Russisch, bringt (wie ihre Kollegen Borodin, Mussorgsky und so weiter) Samples von Volksliedern im wiegenden, manchmal auch tänzelnden Orgelton unter und gibt mit satter Orchestergrundierung – oft fortissimo, selten mezzoforte – mächtig Gas, um den wilden, wirren Exerzitien in Gogols Hirn einen Breitwandklang zu verpassen. Nicht zufällig muss, ja soll man da an Schostakowitschs (auch er vertonte mehrfach Gogol) brutalen Eklektizismus denken. Oder gleich an die Filmmusik zu Eisensteins Massenszenen.

Christine Mielitz übersetzt diesen prallen Ansatz kongenial ins Szenische. Ihre Regie überfällt das Publikum geradezu mit Bildern vor und hinterm Lamellenvorhang: der kleine Nikolai (grandios: Sebastian Schaffer) im Nachthemd mit einer blakenden Kerze gegen die Todesängste; der wirre Dichter, gejagt von einem fiesen Eisteufelballett; Bojaren in langen Schneemänteln, eisiges Styropor voller Frostleichen, eine zerrupfte, leichenblasse Ballerina, ein polternder Pope, eine vollbusige Politkommissarin, eine Büßerin als dann doch sehr patente Mutter Teresa. Dieses expressionistische Panoptikum der Überbietung – allen voran der agile Teufelstenor von Ladislav Elgr – fügt sich in die mal beklemmende, dann aber auch immer wieder glorios auftrumpfende Musik.

Das Problem der gar nicht einmal langatmigen Oper ist ihr Sujet. Gogol, der in seinen Texten so hintergründig den Existenz-Irrsinn schildern konnte, lebte ein ereignisloses Leben. Eine Tour nach Norddeutschland war schon das Äußerste an Ausreißertum. Am Schluss hungerte er sich aus religiösem Fimmel in den Tod, was die Oper zu einem hollywoodesken Schlusstableau nutzt. Doch lässt sich Gogols Ironie komponieren? Kann Musik zwischen die Zeilen von Literatur blicken? Lera Auerbach versucht es gar nicht erst und tritt mit ihrer Innensicht der Dichterpsychosen auf der Stelle. So ist das entwicklungslose Einerlei von Gogols Verzweiflung, der ad nauseam repetierte Schrei nach Gnade kein Fall für ein Drama und auch dann nicht packend, wenn hier und da Anspielungen auf seine Werke aufblitzen: wenn der Chor der toten Seelen singt, wenn eine mobile Riesennase zitiert wird, wenn ukrainische Kosakenrituale mit ihrem blutigen Antisemitismus aufscheinen.

All das verrechnet diese wahrhaft pralle Oper am Ende in einem großen Weltgericht für einen kleinen Mann – in Form eines Schauprozesses über den armen, den hässlichen, den schuldkomplexgeplagten Gogol, dessen Rolle nach der krankheitsbedingten Absage von Bo Skovhus sich Martin Winkler und Otto Katzameier kongenial und adäquat schizophren teilten. Das alles wirkt und klingt – mit einem fabelhaften Arnold-Schoenberg-Chor und einem kundig ordnenden Vladimir Fedoseyev am Pult – durchaus imposant. Doch wer, außer er sich selbst, hätte diesem Kranken denn etwas vorzuwerfen? Wer wollte ihn unisono richten? Wen geht sein Scherbengericht wirklich etwas an?

Der gewaltige Soundtrack für eine tote Seele passt zum russisch-pathetischen Flair dieser Produktion, die so überfließend, so seelenvoll, so gottesnärrisch traditionsverliebt daherkommt, dass es in all der eisigen Weite der Klänge schon fast wieder rührend wirkt. Denn draußen – man merkt es schnell – fließt ja gar nicht breit die Wolga oder der Dnjepr, sondern ein Bächlein namens Wien im Novembernebel unterm Naschmarkt hindurch. Gogol, der hier jede Leckerei verschmäht hätte, ist Lera Auerbach gar reichlich Würze und Gourmandise wert. Am Ende bittet ein inbrünstig orthodoxer Chor ausladend: „Herr, erbarme dich seiner.“ Nötig wäre das nicht gewesen. Aber schön russisch war es doch.

 

Tod und Teufelsgeigerei

Lera Auerbach brilliert in Wien mit ihrer Künstleroper 'Gogol'

Reinhard Brembeck, Süddeutsche Zeitung, 17.11.2011

Opern über Künstler haben es schwer auf den Bühnen. Kaum eine findet den Weg ins Repertoire. Dennoch sind Künstleropern seit Jahren beliebt. Weil sie fern einer erfundenen Handlung monoman eine Befindlichkeit verhandeln, die Komponisten nur allzu gut kennen. Dabei geht es in der Regel nur um Probleme - mit dem eigenen Schaffen, der Rezeption, der Umwelt, den Frauen . . .

Künstleroper - das ist für viele Komponisten so etwas wie öffentlich Tagebuch führen und dabei hemmungslos jammern. Doch die Gattung wurde bereits erfunden, als die Oper schon 200 Jahre auf dem Buckel hatte. Das war in der Romantik, als das Musiktheater ihr Personal nicht mehr mit Typen bestückte, sondern mit Individuen. Doch obwohl aus der Gründerzeit nur 'Benvenuto Cellini' (Berlioz) sowie 'Andrea Chenier' (Cilea) am Rand des Repertoires überleben, ist der Reiz dieser Gattung nicht verflogen.

Nun hat auch die Komponistin Lera Auerbach mit 'Gogol' eine Künstleroper geliefert, uraufgeführt am Theater an der Wien. Auerbach, noch keine 40 Jahre alt, kommt aus Russland, studierte in den USA und Deutschland und ist gut im Geschäft - demnächst wird die Dresdner Staatskapelle ihr 'Dresden Requiem' erstaufführen. Doch von der zentraleuropäischen Avantgarde ist Auerbach hörbar unbeeinflusst. Näher steht sie dem folkloristischen Modernismus eines Osvaldo Golijov oder Daniel Catán. In erster Linie aber versteht sie sich als russische Komponistin. Ohne alle Berührungsängste stellt sie sich in eine Reihe mit Mussorgski, Schostakowitsch, Schnittke. Sie imitiert diese nicht. Sie begreift das Idiom ihrer Vorgänger als eine Lingua franca, die sie phantasievoll und bruchlos weiterspinnt.

Auerbach ist primär eine Melodikerin. Schon das Vorspiel beginnt mit einem dunklen Klagegesang im Orchester. Wer wie Auerbach so fest an die Melodie glaubt, wer nichts anderes im Instrumentalen sucht, der kann auch brillant für Singstimmen schreiben. Der liefert selbst im uninspiriertesten Moment mehr als bloß dürre Rezitative. Auerbach schreibt mit großer Sicherheit und formal triftig ihre Arien und Ensembles. Überhaupt ist der Chor fast beständig präsent in dieser Oper. Zwei Stunden Musik netto kommen so zusammen. Musik, die keine Hörschwierigkeiten bereitet, Musik, die trotz ihrer Verhaftung in der Tonalität, diese nie bloß traditionell akademisch bedient. Auerbach ist zudem ein Theatertier, das sich alles aus der Musikgeschichte raubt, womit sie den größten Effekt machen kann. Denn ihr Ziel ist die emotionale Überwältigung des Publikums. Das gelingt ihr spielend - langer Beifall in Wien. Ein Beifall, in dem viel Dankbarkeit mitschwingt für eine Oper, die ohne Vorkenntnisse einleuchtet und stets das Gefühl anspricht.

Auerbach hat auch das Libretto selbst verfasst. Das Ganze ist eine große, grelle Sterbephantasie des Nikolai Gogol (1809-1852). Da erblickt der schräge Dichter in der Retrospektive ein Leben, das mit den kruden Charakteren seiner Bücher angefüllt ist: tote Seelen, Revisoren, einsame Nasen, Lady Tod, Teufel und Hexe. Das alles ist gewitzt gemischt. Zudem sind Sterbeszenen von jeher die Domäne der Musik. Ob hier nun Gogol stirbt oder irgendein anderer Mensch, der von seinen Sehnsüchten, Unfähigkeiten, Leidenschaften, Spleens und Dämonen heimgesucht wird, ist trotz des vor Gogol-Details überschäumenden Textes völlig egal. Auch dies ein Grund für den großen Erfolg. Doch so dramatisch dunkel wühlend sich Auerbachs Musik gibt, es fehlt ihr als ebenbürtiger Gegenspieler der Dichter, der in Wien gleich von drei Sängern gezeigt wird: dem grandiosen Grazer Kapellknaben Sebastian Schaffer, dem zerquälten Martin Winkler, dem kühl konzentrierten Otto Katzameier - nach der Absage von Bo Skovhus vor knapp zwei Monaten wurde die lange und anspruchsvolle Rolle theatralisch sinnvoll auf zwei Baritonisten verteilt.

Zwar ist ständig der rotbärtige Unterteufel des Ladislav Elgr um die drei Gogols herum, aber mehr als ein harmloses Dichterpiesacken kommt dabei nicht heraus. Auch bei den Frauen: Fehlanzeige. Nicht nur, weil der echte Gogol kaum Glück hatte mit ihnen, sondern auch weil Auerbach allzu viele Damen auf ihn ansetzt, ohne einer von ihnen mehr als nur schemenhafte Charakterzüge zu verleihen. Weder die von Gogol ersehnte Nymphe (Anna Gorbachyova) noch die Hexe (Natalia Ushakova) noch die Dienerin (Tatiana Plotnikova) noch der Tod (Stella Grigorian) gewinnen dramatisches Gewicht. Weil dem Dichter aber ein vollwertiger Partner fehlt, besitzt 'Gogol' einen monomanen Zug ins Statische. Schwierig auch, dass die drei Stationen nach der Pause (Reisen, Frauen, Gerichtssitzung) eher anekdotisch daherkommen und auch kompositorisch nicht ganz so stark sind wie die dichter gearbeiteten Szenen davor.

Christine Mielitz hat das alles fließend und ohne Mätzchen auf die dunkle Traumbühne von Johannes Leiacker gebracht, die wenige durchsichtige Prospekte mit Lichteffekten kurzschließt. Kaspar Glarner hat das Hexensabbat-Personal vorwiegend in Weiß kostümiert, manche Oberteufel auch bunt-folkloristisch - ganz im Stil der Musik, die immer wieder Klezmeranklänge, Teufelsgeigerei und Volkstänze einstreut. Was die unangestrengte Choreographie von Arila Siegert notwendig macht, die sich nicht bloß auf die Tänze beschränkt. Vladimir Fedoseyev animiert die Wiener ORF-Symphoniker zu großen Leidensorgien, Totentänzen, zu Seelengejammer und Hexengekreisch. So kann der zwischen religiösen Zwangsvorstellungen, Kunstträumen und der Wirklichkeit zerrissene Gogol zuletzt befriedet in die Hölle fahren.

 

Wenn der Schnee brennt

Uraufführung von Lera Auerbachs Oper „Gogol“ in Wien

Joachim Lange, Frankfurter Rundschau, 19.11.2011

Sie gilt als Multitalent. Die Russin Lera Auerbach ist Pianisten, Autorin, Komponistin. Alles unter Genieverdacht. Beim Komponieren nähert sich die 38jährige schon der Opuszahl 100. Ein halbes Jahr vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieb sie, mit selbstbewussten 17 Jahren, in den USA. Aber was heißt das schon bei Künstlern ihres Formats. Die kommen nie wirklich los von ihrem Mütterchen Russland. Warum sollten sie auch.

Auerbach hat nun, im Auftrag von Wiens kreativstem Opernhaus, dem Theater an der Wien, eine Oper über Gogol komponiert. Das Libretto destillierte sie aus einem selbstverfassten Theaterstück. Ihr Landsmann Vladimir Fedosejew erweckte die gequälte, tote Seele Gogol am Pult des lustvoll schwelgenden ORF Radio-Symphonieorchesters Wien und mit einem exzellenten Protagonisten-Ensemble zu voll tönendem Leben. Und die in Wien geschätzte Regisseurin Christiene Mielitz, die durch ihre DDR-Vita mit dem Vorrat an assoziativer russischer Ikonografie besser vertraut ist als andere, lieferte dazu eine szenische Verpackung, die am Ende das Beeindruckendste an diesem bejubelten, zweieinhalbstündigen Uraufführungsabend war.

Ein großer Vorzug von Auerbachs "Opera-misteria" liegt in dem, was sie nicht macht. In dem vielschichtigen, poetisch aufgeschäumten Libretto erzählt sie nämlich nicht das Leben dieses sonderbaren Beschwörers von toten Seelen nach, des Jägers einer verloren gegangenen Nase oder des Wortschneiders eines Mantels nach, der sich in einem Anfall von religiösem Wahn 1852 mit nur 42 Jahren buchstäblich zu Tode gehungert. Sie versucht vielmehr, in seine Psyche einzudringen, die Obsessionen und Ängste, für die Schreiben der einzige Ausweg war. Da kommen dann sowohl der Teufel Bes und die Hexe Poshlust (Gemeinheit), eine Maria und Nymphen, eine ganze Kollektion von Bräuten und schließlich, im finalen imaginären Gerichtsverfahren, Richter, Ankläger und Verteidiger vor. Den eigenen Tod, den bringt Gogol hier sogar um. Dass der Held als Knabe Nikolka (Sebastian Schaffer) und dann als Erwachsener gleich doppelt vorkommt, ist eigentlich dem Umstand geschuldet, dass der vorgesehene Bo Skovhus kurzfristig aussteigen musste. Aber das Ergebnis ist so sinnvoll, dass man bei den sicherlich anstehenden Folgeinszenierungen dabei bleiben könnte.

Da sich Auerbach im vital aufgepeitschten dritten Akt in einer temperamentvollen, ziemlich geschickten Anspielung auf Schostakowitschs avantgardistischen Opernwurf bezieht, den er aus Gogols "Nase" gemacht hat, setzt sie sich selbst explizit dem Vergleich mit ihrem berühmten Landsmann aus. Allerdings erscheint der nie wirklich dem Diktat stalinistischer und sowjetischer Kulturpolitik Entkommene in dieser Konfrontation dabei als der ungleich Radikalere und Modernere. Bei so viel hymnisch entfalteter Chorpracht, einschmeichelnder Melodik und dramatischem Parlando wäre Auerbachs Musik wohl nie in die Nähe des berühmt-berüchtigten Verdikts „Chaos statt Musik“ gekommen, mit dem Stalin einst Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk in die Verbannung schickte.

Nach einem effektvollen Auftakt mit einem Paukenwirbel wird es bei Auerbauch sofort auf geradezu hemmungslose Weise russisch. Und bleibt es bis zur Höllenfahrt (oder was auch immer) ihres Helden. Jedenfalls beginnt die Moderne erst, wenn die letzten, verklärenden Töne verklungen sind. Wer freilich nicht auf einen esoterischen Trip mit Erneuerungsfuror aus ist, sondern handwerklich perfekt gebaute, souverän mit lebendiger Tradition spielende Theatermusik will, die ohne große Erläuterungen unmittelbar beim Publikum ankommt, dem das klassische Repertoire ebenso vertraut ist, wie Filmmusik oder Musical, der wird seine Freude an dieser Opernnovität haben.

Die Inszenierung von Christine Mielitz freilich ist ein Wurf. Sie balanciert stilsicher auf einem schmalen Grat zwischen evozierter Opulenz, unmittelbar dem musikalischen Impuls folgender Handlung, und dem klug integrierten Beitrag der längst als Opernregisseurin etablierten Choreographin Arila Siegert. Johannes Leiacker macht die Bühne zu einer Alptraumlandschaft. Hinterm durchsichtigen Plastikvorhang gibt es sowohl den metaphorischen Schneesturm als auch einen endlos wirkenden Zeittunnel. Auf der verschneiten Schräge folgen Geisterbeschwörungen, tummeln sich aufmarschierende Bräute wie im russischen Märchenfilm, finden sich die Abdrücke toter Seelen, die an das Jüngste Gericht erinnern. Und sie ist die Spielfläche für das von Kaspar Glarner zum Teil grotesk kostümierte Personal aus den Stücken und Alpträumen des Dichters.

Dessen stimmgewaltige Alter Egos, Martin Winkler und Otto Katzameier, sind mit einer stilisierten Locke ihres Vorbildes gezeichnet. Der wandlungsfähige smarte Teufel (Ladislav Elgr) ist rothaarig, trägt Jeans und seinen nackten Bauch zur Schau. Für die dankbarste weibliche Rolle, die vollbusige Hexe Poshlust, legt sich Natalia Ushakova vehement ins Zeug. Die Geister und Dämonen aus Tänzern und Arnold Schoenberg Chor sind von Arila Siegert hochprofessionell und punktgenau geführt. Aus all diesen Zutaten macht Christine Mielitz eine packende szenische Revue, über der - wie von Chagall entlehnt - ein glitzernder Fiedler schwebt oder auch schon mal der Schnee brennt und religiöse Utensilien durch die Luft wirbeln. So entsteht, alles in allem, dann doch mehr als nur eine Ahnung vom Lebensalbtraum einer berühmten verlorenen Seele.

 

Heile Welt auf historischem Boden

Das Theater an der Wien mit der Uraufführung von Lera Auerbachs Oper «Gogol»

Daniel Ender, Neue Zürcher Zeitung, 17. November 2011

Seit erst fünf Jahren ist das Theater an der Wien in seiner jetzigen Form in Betrieb. Es nennt sich zwar noch immer «das neue Opernhaus», doch aus dem Musikleben der österreichischen Bundeshauptstadt wäre es inzwischen kaum mehr wegzudenken. Anfangs war die Absicht des Intendanten Roland Geyer, den Spielplan vollkommen auf dem Stagione-Prinzip aufzubauen und jeden Monat eine neue Produktion zu zeigen, und dies, obschon die Wiener Staatsoper nur wenige Schritte entfernt liegt, bei vielen auf Skepsis gestoßen. Doch bald war klar geworden, dass sich das Theater nicht nur auf ganz eigene Weise profilieren konnte, sondern dass tatsächlich noch Raum für ein solches Unternehmen in der Stadt war. Der Publikumszuspruch ist enorm, ohne dass er anderswo geschmälert worden wäre.

Arbeit an der Zukunft

Bereits seine intime Atmosphäre und die erlesene Akustik machen das Haus einmalig – und geschichtsträchtig ist es obendrein. 1801 wurde es von Emanuel Schikaneder, dem Librettisten der «Zauberflöte», eröffnet, weswegen noch heute die Legende kursiert, Mozarts letzte Oper sei hier sogar uraufgeführt worden. Auf mehrere Werke Beethovens, darunter der «Fidelio» und die «Eroica», trifft dies allerdings tatsächlich zu. Seit den 1960er Jahren hatte man hier freilich Musicals gespielt und nur im Rahmen der Wiener Festwochen Theater- und Opernaufführungen präsentiert. Die Fortsetzung dieser Tradition hat indessen in den letzten Jahren sowohl die Theaterleitung als auch jene der Festwochen, die dafür hohe Mieten zahlen muss, nicht immer ganz glücklich gestimmt. Für die Zukunft wird aber an einer Lösung gearbeitet.

Arbeit an der Zukunft, Vergegenwärtigung der eigenen Situation – das sind normalerweise die selbst gestellten Aufgaben von Kunst, die heute entsteht. Im Fall der jüngsten im Theater an der Wien gezeigten Uraufführung kann freilich von beidem keine Rede sein. Denn für ihren «Gogol» hat die in New York und Hamburg lebende Russin Lera Auerbach eine Musik geschrieben, an der die Entwicklungen der letzten einhundert Jahre mit Ausnahme des Broadway und des Films offenbar spurlos vorbeigegangen sind. Mit ihrem eigenen Libretto hat die Komponistin zwar eine beziehungsreiche Montage aus Texten und biografischen Stationen des dem Wahnsinn anheimgefallenen Dichters geschaffen, die sich womöglich trotz mancher naiv anmutender Wendung durchaus als Vorlage für ein Musiktheater eignen könnte. Doch bewegt sich Auerbach musikalisch in einer heilen Welt, die in einem geradezu abstrusen Gegensatz zum Sujet dieser «Opera misteria» steht.

Ihr Ausgangspunkt ist die Spät- und Nachromantik irgendwo zwischen Wagner und Mussorgsky, ihr Bezugssystem die dazugehörige Tonalität, die zuweilen wie verschämt verunklart wird, wenn dissonante Zusätze das einfache harmonische Gerüst oder die bescheidene Melodik begleiten. Semantisch ist die Musik von simpler Eindeutigkeit: Ein farbloser Walzer ertönt, wenn ironisch von Wien die Rede ist, ein homofoner Satz aus reinen Akkorden, wenn vom ewigen Leben gesprochen wird. Folkloristische Anklänge, Rhythmisierungen wie in amerikanischer Popularmusik der Jahrhundertmitte, etwa stereotyp wiederkehrende Synkopen oder Triolenbildungen, durchziehen das handwerklich schlicht gearbeitete Werk, und im dritten Akt landet Auerbach endgültig in der Welt des Musicals, wenn sie volkstümliche Melodik und primitive Tanzrhythmen zu einer revueartigen Nummer verquickt.

Solcher Eklektizismus macht die Tragik im Schicksal des Protagonisten endgültig ungreifbar, ebenso wie der Umstand, dass ein und derselbe expressive Gestus für melancholisch-verzweifelte Passagen ebenso herangezogen wird wie für jene Szenen, in denen Frauengestalten Gogol und seine «Nase» – man beachte die Anspielung! – auf verbrämte Weise sexuell bedrängen. Hier hat Auerbach jenes Pathos, dem sie sonst ungebrochen huldigt, mit dem Kunstgriff der Übertreibung verbunden, damit aber eine Form von Kritik eingesetzt, die sich mit ihrer sonst affirmativen Ästhetik nicht verträgt. Dieses Grundproblem des Werks konnte auch die Regisseurin Christine Mielitz nicht lösen, obwohl sie sich zusammen mit Johannes Leiacker (Bühnenbild) und Kaspar Glarner (Kostüme) um klare Linien vor allem auf Basis einer einleuchtenden Farbsymbolik bemühte.

Sowohl die Kleidung des Arnold-Schönberg-Chors, der zusammen mit einem Tanzensemble wirkungsvolle Körperlandschaften bildet, als auch jene von Gogol sowie Hunderte von Büchern changieren zwischen Schwarz und Weiß. Erotik, Blut und der Teufel (Ladislav Elgr) sind in Rot gehalten. Doch alle Versuche, den Wendungen des Stücks nachzuspüren, etwa akrobatische Einlagen mit psychologisierender Poesie zu verflechten, führen ins Leere, wenn das Stück selbst sich nicht trägt. Und so vollbringen auch die beiden Baritone Otto Katzameier und Martin Winkler, die sich die Titelpartie nach der Absage des ursprünglich engagierten Bo Skovhus teilen, eine beeindruckende Leistung. Doch obwohl sie Stimme und Bühnenpräsenz ebenso in die Waagschale werfen wie – als Dirigent des ORF- Radiosymphonieorchesters Wien – Vladimir Fedoseyev seine ganze Autorität, rettet auch das alles nicht, was nicht zu retten ist. ..

 

„Gogol“: Wahnsinn & Weltschmerz

Lera Auerbachs Oper „Gogol“ uraufgeführt

oe24.at, E. Hirschmann, 16. November 2011

Die russische Komponistin, Pianistin und Autorin Lera Auerbach hat für das Theater an der Wien ein Auftragswerk geschrieben, das am Dienstag unter dem Jubel des Publikums zur Uraufführung gelangte. Gogol heißt Auerbachs groß besetzte musiktheatralische Fantasie, die sich an den Lebensstationen des russischen Dichters und religiösen Fanatikers Nikolai Gogol orientiert, dessen Werke Tote Seelen oder Der Revisor zur Weltliteratur gehören. Der Schriftsteller litt an einer paranoid-halluzinatorischen Psychose und hungerte sich mit 42 Jahren zu Tode.

Auerbachs Musik gemahnt an Prokofjew und Steve Reich, besticht durch romantizistische russische Rhythmik und macht Gogols Wahnsinn, Weltschmerz und Höllenfahrt sinnlich erfahrbar. Das RSO Wien unter Vladimir Fedoseyev, drei Chöre, Tänzer und hervorragende Solisten, allen voran Martin Winkler als irrer Titelheld, sowie die hinreißende Regie von Christine Mielitz sorgen für einen furiosen Theaterabend.

 

Der hysterische Gogol singt nur fade Tonleitern

Die Uraufführung von Lera Auerbachs Oper wurde zur luxuriösen Grablegung des Genres Oper: exzellente Regie, ein erstklassiger Dirigent, aber weit und breit nichts zu inszenieren oder zu dirigieren...

Wilhelm Sinkovicz, Die Presse, Wien, 17.11.2011

An Uraufführungen zeitgenössischer Opern herrscht, anders lautenden Gerüchten zum Trotz, kein wirklicher Mangel. Die meisten der allseits mit viel Budgetgeld finanzierten „Weltpremieren“ nähren im Zuschauer Zweifel an der Lebensfähigkeit der Gattung. Manche aber darf man sogar als trefflichen Beweis für die These werten, dass die Oper als Genre längst mausetot ist. Lera Auerbachs „Gogol“, als Auftragswerk im Theater an der Wien herausgebracht, gehört zu dieser Spezies. So sinnentleert scheinen die althergebrachten Musiktheater-Formen nicht einmal bei den Fließbandprodukten der Minimalisten.

Die Musik der russisch-amerikanischen Komponistin rechnet sich zur sogenannten Postmoderne. Der Anfang von „Gogol“ klingt denn auch, als hätte man Partituren von Rachmaninow und Schostakowitsch übereinandergekleistert. Danach wird es aber bald weniger vielschichtig. Orchester- und Gesangslinien reduzieren sich mehrheitlich auf langwieriges Psalmodieren in sechs- bis siebentönigen Skalen.

Die Chromatik hat abgedankt. Spätestens nach einer halben Stunde gibt es der Musikfreund auf, eines melodischen, harmonischen oder rhythmischen Einfalls zu harren: Wer sich darauf einstellt, zweieinhalb Stunden lang eine Art Variationenreihe über den behäbigen „Gesang der Wolgaschlepper“ zu hören, der wird am Beginn des dritten Akts immerhin durch neckische Tänzchen eines Tingeltangel-Zuschnitts überrascht: Sie illustrieren die hektische Reisetätigkeit des Dichters Gogol.

Womit sich die „Handlung“ auch schon erschöpft. Den Rest der Szenenfolge ersticken die Plattitüden des von der Komponistin selbst gezimmerten Librettos – assoziatives Geschwafel über Mütterchen Russland, religiöse und sexuelle Obsessionen und medizinische Grundsatzüberlegungen Marke: „Hysterie aufgrund von Hämorrhoiden“ – bar jeglicher dramaturgischen Stringenz.

Gogol? Angesichts des offenkundigen Mangels an sprachlicher Kunstfertigkeit würde der Zuschauer wohl auch mit Leben und Künstlerleid eines drittklassigen Provinzpoeten aus Sibirien vorliebnehmen. Das würde zum Text passen. Doch landet man nolens volens bei Shakespeare: Much Ado About Nothing.

Dabei wirbelt Regisseurin Christine Mielitz die Personen in einer heftig bewegten Revue durcheinander, lässt Tod, Teufel und Weihrauchkessel-Ministranten aus Versenkungen auftauchen, Akrobaten und Tänzerinnen durch die Lüfte schweben, verwandelt den auch musikalisch phänomenal studierten, endlos sinnlose Silben exekutierenden Arnold Schoenberg Chor dank kräfteraubender Daueranimation in den pulsierend-bewegten Teil des Bühnenbilds (der festgebaute Teil stammt von Johannes Leiacker).

Wie froh wäre man, würde um ein bedeutendes Werk – wie wäre es, apropos russische Seele, beispielsweise mit „Chowanschtschina“? – solcher Aufwand getrieben. Doch falscher Uraufführungsehrgeiz beschert uns einen „Gogol“, der nichts mit Gogol, aber auch nichts mit einer schlagkräftigen neuzeitlichen Variante eines Musikdramas zu tun hat. Die Sänger kämpfen da auf ebenso verlorenem Posten wie das ORF Radio-Symphonieorchester unter Wladimir Fedosejew, der das Beste aus der Musik zu machen versucht: Petitessen frisiert er auf, als wären sie hochexpressive Klanggesten, die so viel Aufwand reichlich lohnen.

Auch wird auf der Bühne entsprechend nachdrücklich vokalisiert, ob von den beiden Baritonen, die sich nach der Absage von Bo Skovhus die lange Titelpartie teilen (Martin Winkler und Otto Katzameier), den (zum Teil über Gebühr forcierenden) Damen Natalia Ushakova, Stella Grigorian und Tatiana Plotnikova oder der grellen Tenorkarikatur, zu der Ladislav Elgr die schier allgegenwärtige Figur des Todes macht. Bewundernswert inmitten: die Gedächtnisleistung des umjubelten Kinderstars der Produktion, Sebastian Schaffer, der den kleinen Nikolka gibt und zuletzt die tröstliche Kerze auslöscht.

Zweieinhalb Stunden zu spät: Ein Licht hätte den Produzenten aufgehen müssen, hätten sie rechtzeitig einen Blick ins Libretto geworfen. „Gogol“ hätte man angesichts von so viel plakativer Pseudopsychologie kurzerhand abbestellen müssen, statt in eine sündteure Produktion zu investieren. Wie heißt es so schön bei Hofmannsthal? „Auszahlen. Wegexpedieren!“

 

Opernwahngeschöpfe eines verdoppelten Dichters

Uraufführung von "Gogol" im Theater an der Wien

Ljubiša Tošic, Der Standard, Wien, 17. November 2011

Von der Papierform her eine vielversprechende Angelegenheit: Lera Auerbachs Gogol ist gottlob nicht angelegt als lineare Opernbiografie des seinerzeit aufklärerisch wirksamen, dann aber ins Religiös-Sektiererische abdriftenden, sein Werk verbrennenden russischen Dichters. In sieben Delirium-Szenen stehen vielmehr Teile seiner literarischen Figurenwelt neben Dichterängsten und Selbstquälereien auf der Bühne.

Der Poet selbst wurde in zwei Figuren aufgespalten. Und obwohl man hier (nach der Erkrankung von Bo Skovhus) aus der Not eine Tugend machen musste und die gut über die Opernrunden kommenden Martin Winkler und Otto Katzameier die Rolle geteilt einstudieren ließ, erwuchs aus dieser Notlösung ein respektables Porträt einer multiplen Persönlichkeit.

Einer, die von vielerlei Seltsamkeiten bedrängt wird auf dieser eher schneekühlen Bühne, die den profunden Schönberg-Chor als raumformende, sich wandelnde Bühnenskulptur beherbergt: Da krabbeln Dämonen um und auf Gogol herum. Da ist der rothaarig-teuflische Bes (markant Ladislav Elgr) als Gogols makabres Alter Ego. Und da sind Hexe Poshlust (prägnant Natalia Ushakova) und der Tod (solide Stella Grigorian) wie auch jene Damen, die sich Gogol als Bräute andienen. Und schließlich ist da ein opulent inszeniertes Gericht, das entscheiden soll, ob Gogol mit seinem Werk womöglich die Ordnung einer Gesellschaft ins Wanken gebracht hat.

Auch hat Regisseurin Christine Mielitz versucht, mit ihrer bewährten handwerklichen Geschmeidigkeit den surrealen Figurenkosmos zu konturieren und zu beleben. Selbst Revueelemente und ein Akrobat fehlen nicht. Und Kostümzitate verweisen gar auf die finnische Rockcombo Leningrad Cowboys mit ihren Gondelfrisuren und -schuhen.

Zu sehen gibt es also einiges - und doch: Es entsteht insgesamt der Eindruck eines seltsamen Dahinwälzens, die "Geschichte" scheint der Musik wie ein Mühlstein um den Hals zu hängen. Und bisweilen verhält es sich umgekehrt. Kurzum: Dramaturgisch ist Gogol von bescheidener Kompaktheit, zumal die Musik nicht immer ihren Hang zur Ausführlichkeit bändigen kann.

Dabei ist sie doch stilistisch durchaus bunt angelegt. Auerbach beherbergt in ihrer Ideenwelt die russische Romantik bis hin zum gemäßigten 20. Jahrhundert. Sie ist in der stilisierten Integration von russischer Folklore bewandert wie auch in der Erweckung sakraler Momente. Und im 3. Akt leuchten tatsächlich kurze, adagiohafte Strukturen von kostbarer, klassizistischer Aura auf.

Dann jedoch kommt der Schluss, und selbiger hat es ob seiner kein Ende findenden Anhäufung von finalen Passagen exemplarisch in sich - als Kathedrale des bleischweren Pathos. Hier, statt zu einem prägnanten Höhepunkt anzusetzen, wird gewissermaßen die Schwäche des Stückes noch einmal in großzügiger Form ausgewalzt, bis das Werk mit Kindergesang wieder zu seinem Anfang zurückkehrt. Schade.

Das ORF-RSO Wien unter Dirigent Wladimir Fedoseyev lieferte indes delikate Uraufführungsarbeit, die glissandoverliebte Farbigkeit der Partitur kam gut zur Geltung. Höflicher Applaus.

 

„Gogol“: Gott, ich habe mein Leben nur geträumt

Ernst P. Strobl, Salzburger Nachrichten, 17. November 2011

Das Barockgärtlein Theater an der Wien hat auch anderes zu bieten, aber die Uraufführung einer Oper, noch dazu einer Auftragsarbeit des Hauses, ist doch was ganz Seltenes. Die 38-jährige Russin Lera Auerbach ist ein erstaunliches Multitalent, seit frühen Jahren schrieb sie neben dem Klavierstudium Theaterstücke, Poesie und Prosa, und komponierte in den vergangenen Jahren ein langes Werkverzeichnis zusammen, das von Oper über Ballett bis hin zu Orchester- oder Klaviermusik reicht. Derzeit zeigt eine Moskauer Galerie ihre Collagen, um nur eine weitere Facette hinzuzufügen. Müßig zu erwähnen, dass Lera Auerbach das Libretto ihrer neuen Oper „Gogol“ selbst verfasste. Ihrem Bekenntnis, nicht „am Publikum vorbei“ zu komponieren, blieb sie treu, auch das war einer der Gründe, dass „Gogol“ am Dienstag nach zweieinhalb Stunden geradezu bejubelt wurde.

Es ist keine biografische Szenenabfolge eines Dichterlebens. Es fällt auch nicht leicht, sich auszukennen, obwohl Regisseurin Christine Mielitz das Stück mit Bildern geradezu überflutet. Dass der vorgesehene Hauptdarsteller Bo Skovhus absagen musste und man sich entschloss, Gogol auf zwei Sänger aufzuteilen, hat seinen Reiz, dient aber kaum dem Verständnis. Lera Auerbach sieht im Schriftsteller Gogol, der ein eher ruheloses Leben mit fluchtähnlichen Reisen führte und in einer Art religiösem Wahn den zweiten Teil der „Toten Seelen“ verbrannte und sich jung zu Tode hungerte, eine Ansammlung von Albträumen. Ballungen von Ängsten, begleitet von Dämonenerscheinungen bis hin zu Teufel, Hexe und Tod, werden verdichtet mit Musik, und zwar „russischer“ Musik. Das liegt nicht nur daran, dass es viel Chormusik gibt, quasi bei jedem der hervorgestoßenen Gebete, auch der Tonfall ist bei aller Kunstfertigkeit durchaus in der Osttradition verwurzelt.

Das macht die Oper „konsumentenfreundlich“, aber nicht anbiedernd. Vladimir Fedoseyev dirigiert souverän auch bei der Herausforderung, die vielfach dichte, üppige Musik mit der Bühne in Balance zu halten. Das tolle Radiosinfonieorchester Wien ist groß besetzt bis hin zu Marimbas. Der Arnold Schoenberg Chor dient vielfach als schwarz-weiße Bühnenausstattung, dazu kommen Grazer Kapellknaben und der Mozartknabenchor Wien. Dass Auerbach den Solisten vielfach Forte in die Stimme schreibt, führt in den „Massenszenen“ zu Klangballungen, das macht Eindruck, wird aber nie übertrieben. Dazwischen gibt es raffiniert instrumentierte, zarte Stellen, tänzerische Energie, auch „schräge“ Ironie und Emotion. Große Aufwallungen werden mit dezenter Zurückhaltung kontrastiert. Ein gelungenes, farbenprächtiges Werk.

Die Solisten sind durchwegs den Ansprüchen gewachsen, zum Teil sogar hervorragend. Regisseurin Christine Mielitz setzt auf fortwährende Bewegung, prall arrangierte Bilder und Überraschungen. Vor allem wird der Wahnsinn ungehemmt ausgerollt, der den doppelten Gogol (Martin Winkler und Otto Katzameier) oder auch sein kindliches Alter ego (anrührend: Sebastian Schaffer) umklammert und antreibt. Fast wie in einer Volkskomödie erscheinen der Teufel (Ladislav Elgr) und die Hexe (Natalia Ushakova), das große Personal ist grell gezeichnet. Von Kaspar Glarner stammen die Kostüme, Weiß für Gogol und eine geisterhafte Tänzerschar, der Teufel ist rot oder ein oranger Leningrad Cowboy, der Knabe ist kurz ein Miniatur-Michael-Jackson, die Hexe kommt mit monströsem Busen, auch Stella Grigorian als Tod wird aufgepolstert. Einen grotesken Reigen bilden Figuren wie Priester, Richter oder die Bräute, die Gogol einschüchtern, auch Akrobatik wird eingesetzt. Die variable Schneebühne (Johannes Leiacker) ist gut gefüllt. Langweilig ist es nie.

 

Uraufführung von Lera Auerbachs Oper "Gogol" im Theater an der Wien

Nur der Kosakenchor fehlt

Christoph Irrgeher, Wiener Zeitung, 17.11.2011

Womöglich sind Literaturwissenschaftler ja ein masochistisches Völkchen. Kafkas "Verschollener", Musils "Mann ohne Eigenschaften", Gogols "Tote Seelen": Wer derlei zu Meisterwerken erhebt, verschafft sich selbst endlose Sehnsuchtsqual, wohnt diesen Werken doch ein entscheidender Fabrikationsfehler inne: das fehlende Ende. Und weil sich die Literaturwissenschaft nun einmal auf einen gewissen Purismus versteift hat - nur Gogol darf Gogol schreiben -, wird sich an diesem Makel auch nichts mehr ändern.

Weniger pedantische Gemüter können sich für solche Defizite freilich durch eine Gogol-Novität entschädigen, die Lera Auerbach nun für das Theater an der Wien geschaffen hat. In ihrer Oper glänzt die Russin insofern als Allrounderin, als sie Text und Musik selbst geschrieben hat. Dabei hat ihr Text tatsächlich zwei Vorteile. Er vereint nicht nur etliche Gogol-Figuren zu einem Werk. Weil dieses Werk durch Handlungsarmut glänzt - wir sehen eigentlich nur die Wahnfantasien eines kurz vor dem Tod hysterischen Autors -, verwirrt es Gogol-Kenner auch nicht durch ein Übermaß an neuer Information.

Selbiges gilt für die Musik. Böse Zungen könnten darin sogar ein tönendes Identitätsproblem orten, denn diese Oper klingt bald fast wie Schostakowitsch, bald zirka wie Strawinski, bald wie ein Mussorgski ohne dramatische Spannkraft. Was der wohlmeinende Hörer dagegenhalten mag? Dass Auerbach, wie ihr literarisches Sujet, ja vielleicht ganz bewusst zur Karikatur greift. Das würde allerdings bedeuten, dass fast der ganze Opernabend eine wäre.

Jedenfalls verhehlt Auerbachs Russenromantik nicht komplett, dass wir das Jahr 2011 schreiben. Diese Tonalität ist mit dem Weichzeichner verwischt (wobei sich beizeiten tatsächlich ein delikater Moment ereignet). Und mitunter treten bekanntere Geräuschfolgen aus der Neuen Musik auf den Plan: Mal schrummt die Streichergruppe ein Glissando, dann sirrt ein Glöckchen; mal kommt erst das Glöckchen, dann das Glissando. Freilich: Würde Auerbach ihre Klangpanoramen nicht durch halbherzige Aktualitätsbezüge unterbrechen - sie könnte in der Filmmusikbranche ein zweiter Hans Zimmer sein.

Christine Mielitz bleibt dagegen sie selbst: Sogar in Auerbachs Aktions-Nirvana sorgt die Erfolgsregisseurin für Bewegung. Während gleich zwei Gogols im Irrenhäusler-Weiß über die Sträflichkeit ihres Werks und die dadurch heraufbeschworene Gottesstrafe sinnieren, wuseln Menschen wie Gewürm über den Boden. Als Stimulationsmaßnahmen für mehr Kurzweil im Opernhaus sind des Weiteren zu nennen: Die Zirkuseinlagen eines Artisten, eine trippelnde Ballerina sowie etliche Karikatur-Russen von der Gogol-Ära bis zur jüngeren Vergangenheit. Sogar ein Leningrad Cowboy protzt hier mit einer Elvis-Tolle, und eine Uniform-Trägerin mit nicht minder imposantem Dekolleté. Hätte nur noch gefehlt, dass ein Ivan-Rebroff-Double mit Kosakenchor die Bühne stürmt.

Auch die "Gogol"-Moll-Melodien der Lera Auerbach sind jedenfalls aus vollem Hals zu singen, und für den damit verbundenen Aufwand gebührt Otto Katzameier (einer der beiden Gogols) Lob. Für den Haupteffekt sorgte freilich Vladimir Fedoseyev, unter dessen Federführung das RSO Wien und die Chorsänger Auerbachs Pathos-Bomben platzen ließen. Und so blieb das Publikum zuletzt nicht den Premierenapplaus schuldig - auch wenn dieser zweieinhalbstündige Opernabend ungefähr um die Hälfte zu lang war. Doch glücklich, wer nicht zweifelt. Gogol, der geniale, hat den zweiten Teil seiner "Toten Seelen" einst verbrannt.

 

Der doppelte Dichter im Schnee

Christine Mielitz inszeniert in Wien die Uraufführung von Lera Auerbachs Oper »Gogol«

Roberto Becker, Neues Deutschland, 22.11.2011 (etwas verkürzt in: Freies Wort, Südthüringer Zeitung, Meininger Tagblatt, 18.11.2011)

Es muss der Albtraum für ein Opernhaus sein, wenn kurz vor einer Uraufführung der Sänger der Titelrolle plötzlich gesundheitsbedingt ausfällt. Das ist der Stoff, aus dem die Geschichten gemacht werden, in denen ein Intendant auf den Herzinfarkt zusteuern, eine Komponistin entnervt abreisen und eine Regisseurin den ganzen Laden in einen hysterischen Ausnahmezustand brüllen könnte.

Im Theater an der Wien ist etwas in dieser Art jetzt passiert. Aber nur der erste Teil. Der Rückzug von Bo Skovhus von der Rolle des Dichters Gogol in der gleichnamigen Oper der Russin Lera Auerbach muss wohl zu einem Theater-Schock-Moment geführt haben. Am Ende der bejubelten Uraufführung wirkten sie allesamt zufrieden und demonstrativ entspannt. Der auf Erfolgskurs segelnde Intendant, Roland Geyer, hatte nämlich für das Auftragswerk Vollprofis zusammengebracht, für die die Wechselfälle des Theater-Lebens inspirierender Ansporn bei der Suche nach pragmatischen Lösungen sind. Und die sehen hier obendrein auch noch so aus, als wäre nie etwas anderes beabsichtigt gewesen.

Dass Christine Mielitz damit umgehen kann, verwundert natürlich nicht. Die Theaterfrau aus dem Osten ist mit allen Wassern gewaschen und hat, im Bunde mit ihrem Bühnenbildner Johannes Leiacker und der längst selbst als Opernregisseurin erfahrenen Arila Siegert für die sinnstiftend beigesteuerte Choreografie von Tänzertruppe und »Arnold Schoenberg Chor«, sogar den überzeugendsten Beitrag zu diesem Gesamtkunstwerk beigesteuert. Die Rolle des erwachsenen Dichters hat sie einfach auf zwei Sänger verteilt. Was durchaus der zerrissenen Persönlichkeit Gogols nahekommt. Lag der doch stets im Clinch mit sich selbst, fand nie aus seiner Einsamkeit als Mensch in eine Beziehung und hungerte sich schließlich, in religiösem Fastenwahn, 1852 mit 42 Jahren zu Tode. Martin Winkler und Otto Katzameier bewältigen diese Persönlichkeitsaufspaltung szenisch und vokal famos und halten obendrein als Duo auch noch ihrem dialektischen teuflischen Gegenpart Bes (Ladislav Elgr) und der Hexe Poshlust (Natalia Ushakova) stand.

Die 38-jährige Lera Auerbach blieb mit 17 Jahren, kurz vor dem Ende der Sowjetunion, bei einem Konzertgastspiel in New York. Als Autorin ist sie heute in ihrer alten Heimat ebenso geschätzt wie als Pianistin. Im deutschsprachigen Raum machte sie mit einem erstaunlich umfangreichen kompositorischen Werk immer wieder Eindruck. Ob in Berlin gerade mit der À-capella-Oper »The Blind« nach Maurice Maeterlincks symbolistischem Stück oder in Dresden als Komponistin in Residenz, wo sie an einem Dresden Requiem schreibt, das im Februar 2012, kurz vor dem nächsten Gedenken an die Bombennacht, in der Frauenkirche uraufgeführt wird.

Was sich die imponierend produktive Künstlerin zu Gogol ausgedacht, also zuerst als Theaterstück gedichtet, dann zum Opernlibretto verdichtet und schließlich vertont hat, ist keine Episodensammlung aus dem Leben des Erfinders der »toten Seelen«, des »Revisors« oder der »Nase«, sondern der Versuch, sich dessen vertrackter, verzweifelter Psyche zu nähern, seine Dämonen und erfundenen Gestalten zu beschwören, die russische Seele in Schwingungen zu versetzen. Das ist so modern und offen gedichtet wie eingängig und erstaunlich unmodern komponiert. Vergleicht man diese vital ausufernde, melodisch eingängige Musik mit ihren Ausflügen in die witzig groteske Überzeichnung, etwa mit Schostakowitschs »Nase«, käme man wohl nicht auf den Gedanken, dass »Gogol« Jahrzehnte danach geschrieben ist. Aber sei‘s drum. Was Vladimir Fedoseyev da mit dem ORF Radiosymphonieorchester aus dem Graben aufsteigen lässt, das ist eine sinnlich direkt zupackende, meist aufwühlende Musik, die sich ihrer Wurzeln zwar mehr versichert als ihr gut tut, aber im besten Sinne die Bühne füllt.

Und da trifft sie auf eine stilsicher mit russischen Assoziationen spielende Szene, die sich gleichwohl nie in tümelnder illustrierender Folklore verliert. Ganz gleich, ob da ein Fiedler über der Schneelandschaft Purzelbäume schlägt, russische Bräute wie im Märchenfilm aufmarschieren und den armen Gogol das Fürchten lehren, eine Prima Ballerina über die Szene schwebt oder sich die angekippte Schneelandschaft wie ein Höllenschlund (oder vielleicht doch eine Himmelspforte?) öffnet. Das hat alles souveränes Maß, kommt ohne übertriebene Motorik aus, beglaubigt alles aus der Musik. Es ist eine der überzeugendsten Inszenierungen der ihres Intendantenpostens in Dortmund ledigen Regisseurin, die längst niemandem mehr irgendetwas beweisen muss.

 

Tod, Spott und Wahn

Uraufführung von Lera Auerbachs Oper "Gogol" am Theater an der Wien

Frieder Reininghaus, DLF-Kultur Heute, 16.11.2011

Zu Beginn des Jahres präsentierte die Dirigentin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin Pilar Jurado im Teatro Real Madrid eine große Phantastische Oper ("La página en blanco"), zu der sie Text und eine mit mancherlei Rückgriff auf ältere Kompositionstechniken operierende Musik schrieb und bei deren Uraufführung sie selbst auch eine der zentralen Partien sang. Mit der Pianistin, Komponistin, Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Lera Auerbach ließ das Theater an der Wien ein vergleichbares Multitalent zum großen Zug kommen: Auch sie schrieb sich den Text für die von ihr komponierte Phantastische Oper selbst. Auerbach bekundete im Vorfeld der Wiener Premiere ihrer "Gogol"-Oper, dass Neue Musik sie langweile. Und sie meint es ernst mit der Restitution von Tonalität als Basis ihres historisch beschlagenen Schaffens.

Noch entschiedener als Anno Schreier, dessen "Stadt der Blinden" am vergangen Samstag in Zürich herauskam, griff Lera Auerbach als Komponistin bei ihrer ersten großen Oper auf Schreibweisen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurück, ohne diese einfach zu kopieren. In das reichhaltige Sortiment ihrer ererbten Bauelemente wurde die sentimentale russische Volksmelodie ebenso eingebracht wie die Fortschreibung rhythmisch pointierter grimassierender Schostakowitsch-Piècen und bewährte Patterns der Filmmusik älterer Bauart. Das historisch Geprägte wurde in ein kompositorisches Netzwerk sui generis eingebracht, also in mehr oder weniger starkem Maß anverwandelt, auch angereichert mit Klangfiguren und Effekten, wie sie sich am Ende des 20. Jahrhunderts eingebürgert haben. Interessanterweise operierte die Gesamtkunstwerkerin als Librettistin mit avancierten Modellen. Sie verzichtete auf lineare Handlung und narrativen Text, suchte Annäherung an Nikolaj Gogol mit lose gereihten Szenen und luftigen literarischen Metaphern, in denen zunächst eher allgemein die Lebenswelt des Autors und Außenseiters aufscheint - mit einem prächtig chorgestützten "Wiegenlied an den Mond", der, so das Libretto, in Hamburg hergestellt wird und daher aus russischer Sicht nicht wirklich taugt.

Annäherung an Gogol erfolgt in Wien auch vermittels eines intensiven Blicks auf die Begegnung des Dichters mit dem Knabensopran Nikolka, der an Teufel und Hexen glaubt, die auch sogleich leibhaftig aufkreuzen, oder mit einer Vorschau auf die Testamentsabfassung und das Begräbnis. Der Autor der "Toten Seelen" hat von Seiten der Popen keine Vergebung seiner Sünden zu erwarten - eher hypothetische Sünden übrigens, deren Schatten ihn zunehmend bedrängen. Erst im dritten und letzten Akt geht es zur eigentlichen Dichterbiografie mit einer Szene zur völlig vergeblich bleibenden Brautschau Gogols und einem hübsch absurden Gerichtstermin. Verhandelt wird da, ob der Schriftsteller seine Heimat verraten habe, indem er finsterste Zeiten der russischen Geschichte emphatisch erörterte.

Zu den altrussischen Winterkostümen von Kaspar Glarner, den uniformen Mützen in grellen Farben hat Johannes Leiacker ein einprägsames Winterbild kreiert: in der nach hinten ansteigenden Fläche zeichnen sich Aussparungen in Form liegengebliebener menschlicher Körper ab, deren Restwärme die dünne Schicht trockenen Schnees angetaut hat, bevor diese Stellen wieder zugefroren sind - sie dienen als Zugänge zur Unterwelt. Über dieser hellen Fläche mit den dunklen Flecken entfaltet die Inszenierung von Christine Mielitz fast durchgängig große Geschäftigkeit, bringt die Chöre betriebsam in Stellung und bietet, als wäre der Musik nicht über den Weg zu trauen gewesen, sogar einen Geigenengel aus dem Geiste Chagals, der am Firmament turnt.

Da der für die Premiere vorgesehene Hauptdarsteller ausfiel, wurde seine ausladende Partie auf Martin Winkler und Otto Katzameier aufgeteilt. Beide haben sich tapfer durch das schwierige Terrain bewegt, sängerisch und als Darsteller eines sensiblen Intellektuellen. Anna Gorbachyova imponierte als eine der Bräute und als Nymphe mit irisierend schön gesungenen Höhen in einer von Vladimir Fedoseyev umsichtig-moderat geleiteten Aufführung.

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Arila Siegert "dynamisiert" die Figuren mit ihrer Choreografie der Dämonen (Bernhard Doppler, in: Fazit, DeutschlandRadio, 16.11.2011, Live-Gesprächs-Rezension)

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Gogol, Theater an der Wien, Vienna

By Shirley Apthorp, Financial Times London, November 23, 2011  (about the third performance, November 21)

Think of Nikolai Gogol, and you’re more likely to imagine grotesque satire than religious agony. But the Ukrainian-Russian author starved himself to death in a feverish bid to atone for the imagined sins of his literary output. The hallucinations of these last days form the basis of Gogol, Lera Auerbach’s new opera for the Theater an der Wien.

Auerbach, who enjoys a career as a solo pianist and writes poetry, has penned her own libretto for her first opera. The action takes place around Gogol’s deathbed, as various incarnations of the writer interact with the demons and dead of his own literary works and characters from his past. Director Christine Mielitz fills the stage with frenetic supernumaries, costumed by Kaspar Glarner in hackneyed combinations of black and white, with touches of red. We see a 1990s vision of purgatory, with moments of whimsy (in order to escape from himself in the third act, Gogol dresses up as one of the Leningrad Cowboys).

The whole is a two-and-a-half-hour sojourn in the writer’s “dark night of the soul”, with a great deal more anguish than humour. Auerbach’s score is anything but cutting-edge. The opening bars recall Leopold Stokowski’s arrangements of Bach, and later references to Mussorgsky and Rimsky-Korsakov are so extensive that there is little to suggest to the listener that the piece was composed in the 21st century. The craftsmanship is admirable enough – for instance, large chunks are penned for boy soprano, and the composer knows enough to pare back the orchestration and double the vocal line to help us hear the writer-as-child – but the maverick spark of originality that makes Gogol’s writing so striking is conspicuously missing in this score.

Mielitz’s production reads like a frantic attempt to rescue the work from itself. Perhaps her lack of faith in the score is justified, but in the end her layers of heavy-handed action just make the evening seem longer. The cast does its best. Martin Winkler and Otto Katzameier share the title role with commitment and polish, with Florian Lienhart giving as assured an account of their childish alter ego as you might wish from a treble alone on a big, dark stage. Natalia Ushakova sports an enormous pair of plastic breasts as demon Poshlust, Stella Grigorian also displays fake mammaries as Death, and both sing as though the work was a well-known masterpiece. Vladimir Fedoseyev keeps the ORF Radio Symphony Orchestra taut and together, and balances his often oddly matched forces deftly.

In the end, Auerbach does succeed in giving us a taste of the black misery that must have dogged Gogol’s last days. But this hardly constitutes a major insight into the great writer’s output, any more than it makes a significant contribution to the genre of music theatre. When death finally triumphs, we are left with a sense of relief.

 

Gogol auf der Bühne des Theaters an der Wien

Igor Belov, Stimme Russlands,16.11.2011, 13:21 h
Am 15. November fand in der österreichischen Haupstadt im neuen Opernhaus „Theater an der Wien“ die Uraufführung der Opera-misteria über die geheimnisvolle Gestalt des großen russischen Schriftstellers Nikolaj Gogol statt. Unser Korrespondent in Mitteleuropa Igor Belov berichtet vor Ort über den Inhalt dieses bemerkenswerten Stückes und dessen prominente Gestalter.

Die Autorin der Oper, die 38-jährige Komponistin und Dichterin Lera Auerbach versucht für den bis heute verstörenden Tod des genialen Schriftstellers Nikolaj Gogol eine eigene poetische sowie musikalische Sprache zu finden und bringt in ihrem Libretto Gogol mit Gestalten aus seinen eigenen Werken zusammen. Recht einfallsreich werden dabei Momente der Zerrissenheit und Verzweiflung von Nikolaj Gogol gezeigt. Bekanntlich verbrannte der Schriftsteller in einem religiös-seelischen Anfall nicht nur den zweiten Teil seines großen Romans Die toten Seelen, sondern starb schliesslich im Alter von nur 42 Jahren im Jahre 1852 an den Folgen strengen Fastens.

Im Libretto zeigt die Autorin Lera Auerbach den Schriftsteller in seiner letzten Lebensphase. Nikolaj Gogol steigert sich immer mehr in einen religiösen Wahn hinein. Sein Werk hält er für eine große Sünde und vernichtet es im Feuer. Schließlich verweigert er die Nahrungsaufnahme. In seinen letzten Stunden wird der Sterbende von den fantastischen Figuren seiner eigenen Werke heimgesucht. Dabei erweisen sie sich vernünftiger, als er selbst es zu diesem Zeitpunkt ist. Der Szenen-Gogol hat seine frühere Existenz verleugnet und verworfen, diese nimmt nun Rache. In einem furiosen Bilderreigen durchlebt der Hauptheld der Oper einige Fragmente seines Lebens und wird dabei vom Teufel, einer Art Alter Ego, stets begleitet.

Diese Fragmente sind Gogols fluchtartige Reisen durch Europa, Erinnerungsfetzen an seine Mutter, die Sehnsucht nach Liebe und seine Arbeit als Dozent. Die Zeit scheint aus den Fugen zu geraten. Gogol tanzt mit Frau Tod und am Ende sitzen Kritiker und seine eigenen Figuren über ihn zu Gericht. Völlig verängstigt und verstört verhungert der Schriftsteller. Diese Oper ist weniger eine Biografie als vielmehr eine poetische und satirische Annäherung an einen der größten russischen Schriftsteller, dessen inneres Leben so rätselhaft und faszinierend ist wie seine eigenwilligen Werke, mit denen er die russische Literatur nach Aleksandr Puschkin, dem genialsten aller russischen Dichter, neu definierte.

Die Autorin der Musik und Libretto Lera Auerbach, geboren in Russland, jetzt wohnhaft abwechselnd in New York und Hamburg, hat nach ihrer eigenen Aussage sowohl die gesammelten Werke von Gogol als auch mehr als 20 Bücher, die über ihn geschrieben wurden, gelesen, bevor sie mit der Arbeit an der Oper begonnen hatte. Sie hat aber keine historische Darstellung einer Lebensgeschichte angestrebt, sondern wollte eine traumhafte Vision der inneren Leidenschaften, des Wahnsinns und des Genies von Gogol auf die Bühne bringen. Opern, die wie „Boris Godunow“ von Mussorgskij auf historischen Stoffen basieren, können auch als „tragische Märchen für Erwachsene“ betrachtet werden, meint Lera Auerbach. Auch die Oper „Gogol“ ist eindeutig eine russische Oper und die russische Geschichte ist ein alptraumhaftes Märchen, fügte sie während der Pressekonferenz hinzu.

Die musikalische Leitung dieser Oper übernahm Maestro Vladimir Fedosejew, der seit 30 Jahren Chefdirigent des Tschaikowskij-Symphonieorchesters des Moskauer Rundfunks ist und auch weltweit hoch geschätzt wird. Im Gespräch mit der Stimme Russlands sagte er:

„Die Oper als romantische Gattung erlebt zurzeit eine gewisse Krise. Es ist an der Zeit, dass alle Regisseure, alle Theaterdirektoren, alle Dirigenten und Schauspieler zusammenkommen und besprechen, was zu tun wäre, damit die Oper als romantische Gattung, als klassisches Genre, nicht von der Theaterbühne verschwindet. Es gibt viele Fälle, wo buchstäblich einige Tage vor der Uraufführung des Stückes große Probleme entstehen, weil der Dirigent auf die Teilnahme verzichtet wegen den Meinungsverschiedenheiten mit anderen Entscheidungsträgern im Theater über szenisches oder musikalisches Konzept, weil die Sicht der Dinge anders beziehungsweise unüberwindbar ist. Im Falle der Oper GOGOL ist die Situation zum Glück prinzipiell anders. Die deutsche Regisseurin Christine Mielitz und die russisch-amerikanische Autorin haben die identische Sicht auf Libretto, die Solisten sind hervorragend, Orchester reagiert sehr seriös auf die moderne Musik, der Chor ist göttlich. Das heißt, alle Komponente spielen große Rolle, und die Oper GOGOL ist somit ein sehr gelungenes Werk. Ich habe mit großer Genugtuung an der Uraufführung dieser Oper gearbeitet, sagte abschließend Vladimir Fedosejew, Chefdirigent des Tschaikowskij-Symphonieorchesters des Moskauer Rundfunks."

Im Opernglas, 2012 Heft 1,

schreibt Th. Rauchenwald u.a.

...Russland im Mittelpunkt einer Oper, keine Handlung im engeren Sinne, sondern nur Seelenzustände des von Schizophrenie, Anorexie, Neurosen, Alkoholismus und Depression gepeinigten Literaten - was für Rahmenbedingungen für die über eine richtige Operntheaterpranke verfügende deutsche Regisseurin Christine Mielitz, die Auerbachs neues Werk in einer an pralles Varieté und anspielungsreiche Pantomime erinnernden Ausstattung (Bühne von Johannes Leiacker, Kostüme von Kaspar Glarner, Licht von Stefan Bolliger, Choreografie von Arila Siegert) in Szene setzt und dabei sichtbar versucht, dem musikalischen Einheitsbrei einen Kontrapunkt durch prägnante Charakterzeichnung der handelnden Personen und grelle Bilder zu setzen. Die diffizile Personenführung überzeugte wie immer, obwohl auch hier manches ein wenig aufgesetzt und überdreht wirkte...

In der Opernwelt, 2012 Heft 1,

befasst sich Hartmut Regitz vor allem mit dem Werk und verteidigt es gegen abwehrende Stimmen der Wiener Presse:

...Der satte Orchesterklag, das emotionelle Crescendo, wie sie [Lera Auerbach] es selbst nennt, will erst verinnerlicht werden, bevor man im scheinbar Bewährten etwas Neues erspürt. Bildhaft möchte man sagen: Ihre Musik ist keineswegs Schnee von gestern, selbst wenn es in Gogol mal demonstrativ schneit. Die Oper hat vielmehr etwas von einem Naturereignis, das einen zunächst erst einmal überwältigt. Und zwar nicht bloß das Publikum, das die Uraufführung im Theater an der Wien als veritables Ereignis feiert, sondern auch den gedoppelten Protagonisten, dem der Leibhaftige in Gestalt des Dämon Bes ebenso erscheint wie die Banalität des Seins, das sich in der Hexe Poshlust verkörpert...



Nach-Bericht:

Von der Spaß-Idee zum Bühnenerfolg

Sebastian Schaffer und Florian Lienhart von den Grazer Kapellknaben wirken bei "Gogol" mit.

Eva Schulz, Kleine Zeitung, Graz, 20.11.2011

GRAZ. Am Dienstag fand im Theater an der Wien eine umjubelte Uraufführung von Lera Auerbachs Oper "Gogol" statt. Die Grazer Kapellknaben und zwei Solisten daraus haben am Erfolg nicht unwesentlich mitgewirkt.

Zuerst war es nur eine "Spaßidee an einem Probenwochenende im Sommer", erzählt der zwölfjährige Sebastian Schaffer von den ersten Versuchen seines Chorleiters Matthias Unterkofler. Bald aber wurden schon immer öfter Auszüge aus der Oper geprobt. "Ein Stimmbildner, der russisch kann, hat mit uns Aussprache gelernt", ergänzt der 14-jährige Florian Lienhart. Dann kam das aufregende Vorsingen in Wien; einen Monat später fiel die Entscheidung auf die beiden talentierten Kapellknaben. Für die Proben mussten Sebastian und Florian sogar ein paar Wochen in ein Wiener Internat übersiedeln. Der russische Text war nicht einfach zu lernen und auch szenisch hat man in der Rolle des Nikolka dauernd zu tun. Aber man hat "schon a Gaudi mit den Solisten" und lernt "tolle Leute kennen". Bei der Regisseurin hat Florian allerdings öfter "z'ruckgredt".

Inhaltlich wissen die zwei bestens Bescheid. Dass der Dichter Gogol ein verrückter Mensch war, darüber sind sie sich einig. "Es ist alles ziemlich stürmisch", meint Florian. " Meine Mutter hat mir ein Buch von dem gekauft und das gefällt mir eigentlich schon", ergänzt Sebastian. Ob sie einmal Opernsänger werden wollen? "Bin mir nicht sicher", sagt Sebastian. "Na!" sagt Florian voll Inbrunst. "Warte, bis du den Applaus hörst!" gibt da Sebastian zu bedenken.


 
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