Gogol als Knabe Nikolka


Der Teufel als Leningrad Cowboy greift nach Nikolka


Der gespaltene Gogol


Gaukler


Teufel und Hexe haben Gogol im Griff


Gogol


Gogol


Hexe, Tod und Geister


Gogol stirbt

Der Faden zerschnitten - oder:

Mit dem Material des Lebens eine eigene Welt schaffen

 

Arila Siegert über Lera Auerbachs Oper „Gogol“ und ihre choreografische Zusammenarbeit mit Regisseurin Christine Mielitz an der szenischen Uraufführung in Wien

Premiere: Theater an der Wien, 15.Nov. 2011
Musik.Leitung: Vladimir Fedoseyev, Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme:Kaspar Glarner

Worum geht’s eigentlich in dem Stück? Was ist interessant an der Biografie dieses ukrainischen Literaten Nikolai Gogol aus dem frühen 19.Jahrhundert?

Ganz deutlich wird der Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Zeit, in der Gogol lebte und wirkte, war so überlagert von Ungerechtigkeiten, von kirchlicher Überfrachtung, Unterdrückung und Leibeigenschaft – das Individuelle spielte keine Rolle. Der Kampf des Individuums, des Künstlers, des Menschen Gogol und die Krankheit, die daraus erwuchs, dass er sich nicht positionieren konnte als ein eigenständiger, unabhängiger Mensch – das ist der Hauptansatz von Lera Auerbach. Sie rehabilitiert Gogol, setzt ihn und sein Leiden ins Verhältnis zu den heutigen Problemen der Menschen in Russland und in der Ukraine.

Es gibt in dem Libretto der aus dem russischen Tscheljabinsk stammenden, in Amerika lebenden Lera Auerbach viele Geister, Dämonen, Hexen, Nymphen, Nixen, Doppelgänger. Sind das alles Halluzinationen oder was bedeuten sie? Haben sie was zu tun mit dieser Behinderung Gogols, seine Individualität auszuleben?

Beschrieben wird der Kampf eines Individuums mit sich selbst. Und es endet tödlich. Er wird so gespalten und so zerteilt in diesen Auseinandersetzungen, er wird gleichsam zersetzt dabei, weil er keinen richtigen Boden, keine Partner findet. Er flieht vor sich selbst. Er zerreißt sich in der Luft wie fremdgesteuert.

In der Oper wird auch angespielt auf Gogols wohl wichtigstes Buch, „Die toten Seelen“. Was hat es damit auf sich?

Gogol wurde für das Buch sehr angegriffen. Selbst die engsten Freunde haben sich abgewendet von ihm mit dem Vorwurf, er zerstöre, schände Russland. Gogol versuchte sich zu rechtfertigen und zu erklären im Prozess des Schreibens der „Toten Seelen“, dass die Wahrheit auch im Schmutz des profanen Lebens und in den Niedrigkeiten der Menschen liegt. Dass der, der das beschreibt, keine Anerkennung findet, wusste er. Er war Vorreiter dieses modernen Realismus in Russland und ist dafür „gesteinigt“ worden.

Wer sind diese toten Seelen?

Das ist die Beschreibung eines Menschen namens Tschitschikow, der ohne Liebe aufgewachsen ist und versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten. Er tritt an Grundbesitzer heran und kauft die Namen der schon gestorbenen Bauern auf. Die Grundbesitzer müssten für die gestorbenen Leibeigenen noch das ganze Jahr Steuern zahlen. Deshalb verkaufen die Grundbesitzer ihm die toten Seelen gern. Er übernimmt die Zahlung der Steuern, hat die toten Seelen, gilt somit selbst als Grundbesitzer und kann damit günstig Handel treiben. Es ist eigentlich wie heute, wo an der Börse Derivate gehandelt und Gewinne geschöpft werden mit Werten, die gar nicht existieren. Genau das tut dieser Tschitschikow. Gogol beschreibt ihn sehr detailliert, zeichnet auch seinen Lebenslauf. Er stempelt ihn nicht negativ ab sondern er zeigt an ihm die Verhältnisse der Zeit und die Korruptheit des Beamtenwesens.

Zitiert wird auch das merkwürdige Testament Gogols. Er wollte nicht beweint werden, wollte erst begraben werden, wenn ihn die Würmer schon zerfressen, wollte keinen Grabstein. Er hatte kein großes Selbstvertrauen, litt unter dem literarischen Übervater Puschkin.

An dem Konflikt ist er krank geworden. Das Testament ist ja eigentlich Ausdruck einer kranken Seele, eines Menschen, der auf der einen Seite eine Riesen-Hybris entwickelt, auf der anderen Seite sich wirklich zu Tode hungert aus lauter Selbstzweifeln. Die Persönlichkeit ist auseinander gedriftet.

Gogol war, wie schon gesagt, auf der Flucht vor sich selbst, wenn man all die Geister-Erscheinungen deutet. Die Librettistin-Komponistin spielt ja auch an auf Gogols wohl bekanntestes Sujet aus den „Petersburger Geschichten“: „Die Nase“. Ohne Nase bedeutet ein Mensch nichts. Kowaljow, dem in dieser Erzählung die Nase eines Tags abhandenkam und die dann auch plötzlich wieder da war, leidet ja unter einem Identitätsverlust. Solche Figuren sind wohl der Kern bei Gogol.

Diese „Nase“ ist Surrealismus pur, erinnert an Kafka – hochmodern. Gogol war wohl klein, bucklig und hatte eine große Nase. Dafür wurde er schon immer von den Kommilitonen gehänselt und gegeißelt. Das war auch sein Konflikt, dass er kein schöner Mann war – ein ganz menschlicher Konflikt.

In einer anderen der Petersburger Geschichten, „Das Porträt“, geht’s um einen Maler, der sich eingerichtet hat darauf, für die reiche Gesellschaft das zu malen, was sie sehen will, Äußerlichkeiten, Dekoratives und der damit in einer manufakturellen Art viel Geld scheffelt. Und eines Tags sieht er ein Porträt, in dem er all das entdeckt, was in seinen fehlt: kein plattes Abbild der Natur, sondern ein Bild, das von einer inneren Durchgeistigung zeugt. Und dann kauft er wie irre teure Bilder zusammen und zerschnippelt die. Also eine Art Selbstvernichtungs-Rausch wird da gezeigt. Die Oper kulminiert in einer Art Tribunal, das so farcenhaft erscheint wie das Gericht in Brecht-Weills „Mahagonny“. Was hat dieser Prozess – in der Ukraine von heute kennen wir ja ähnlich farcenhafte Gerichte – für eine Bedeutung in dem Stück?

Es ist das terroristische Gericht in unseren Köpfen, das „Al-Khaida-Potential“. Alle Figuren stehen im „heiligen“ Krieg zueinander: ein Priester, die Gemeinheit, der Tod, der Teufel, sein Ideal die Nymphe, die Dämonen, das Volk – und alle sind eigentlich er selbst. Es ist die Aufspaltung der Persönlichkeit; aber wenn man sich zu sehr spaltet, verliert man seine Lebenskraft. Er gibt sein Leben auf, indem er nicht mehr schreibt, sich nicht mehr erden und zu sich selbst finden kann. Der Faden wird zerschnitten. Das gipfelt in seiner Biografie mit dem Hungertod. Er verhungert, tut sich das selbst an. Ein Suizid. Und seine Figuren zerstören sich auch immer wieder selbst. Mit Gogol ist der Realismus in die Literatur gekommen, und die Heile-Welt-Heldenpoeme sind mit ihm zu Grabe getragen worden. Es brach eine neue Epoche in der Literatur an. Insofern ist es eine wirkliche Tat der Lera Auerbach, diesen Schriftsteller Nikolai Gogol so intensiv und gegenwärtig in unser Blickfeld zu rücken.

Was kann man von der Musik schon sagen? Es gibt wohl starke, sagen wir folkloristische Einschübe, Choräle und Ähnliches.

Es ist wirklich eine sehr russisch-ukrainische Musik. Da gibt es Wiegenlieder, Totengesänge, aber auch Trickfilm-Musik und Anleihen bei anderen Komponisten. Die Musik, soweit wir sie kennen – wir haben sie bisher nur am Klavier gespielt gehört, nicht vom Orchester – ist sehr theatralisch, theaterträchtig. Damit lassen sich gut Szenen aufbauen und entwickeln.

Du bist als Choreografin relativ spät von Christine Mielitz in den Konzeptions-Prozess hineingeholt worden, hast aber bei der praktischen Inszenierungsarbeit intensiv mitgewirkt. Für dich als gestandene Regisseurin und Choreografin was ganz Neues, und sicher auch nicht ganz leicht.

Eine schwierige Aufgabe, in diese ganz eigene Art einer Regisseurin sich einzubringen in ihrem Sinn. Man muss sehr viel von seinem Eigenen zurückstecken und versuchen, dieser Handschrift nahe zu kommen. Und was ich als Wichtigstes erachte: dass man Choreografie und Inszenierung nicht unterscheiden kann, dass es nahtlos ineinander übergeht. Ich hoffe, dass uns das gelingt.

Was nimmst du mit von dieser Arbeit?

Es bestätigt mich in meiner lebenslangen Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit. Und dass die Individualität, dieses Zu-sich-selbst-Finden und dieses Von-sich-selbst-aus-Agieren ein ganz grundlegendes Moment ist, in dieser Gesellschaft sinnvoll zu existieren. Dass man nicht zum Werkzeug wird von irgendjemandem und irgendwas, sondern dass man als freier Geist sich den Sinn jeweils zuordnen und bestimmen kann.

Die Sinnsuche ist auch ein wesentlicher Punkt in der Erzählung über den Maler, „Das Porträt“. Es gibt da einen zweiten Teil, wo ein älterer Maler seinem Sohn, der eben die Akademie absolviert hat, vermitteln will, dass das Sinnhafte eines Bildes erst aus einer inneren Vergeistigung entsteht – eine eigentlich romantische Vorstellung von Kunst.

Gogol hat das versucht mit seinen Geschichten. Das sind Konstruktionen, bei denen er jeweils herausfiltert, was mit uns passiert, wenn wir dies oder jenes tun. Er konstruiert Modelle. Es ist schon eine ganz eigenständige Bearbeitung der Realität, ein wirklich künstlerischer Vorgang, mit dem Material des Lebens eine eigene Welt zu schaffen. Das ist für mich auch die Entdeckung in der Arbeit jetzt.

gfk, Wien, 01.11.2011


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