Gedanken zum „Holländer“
SCHWANKEND
Premiere am 19. Mai 2007, Theater Neustrelitz

Wir können den Wind nicht sehen, nur die Auswirkungen des Windes.
Wir können die Gedanken nicht sehen, nur die Auswirkungen der Gedanken.
Die inneren Stürme zerstören das ruhige Sein, das was ist, die See,
die Natur.
Schwankend und getrieben, auf keinem Grund suchen wir Halt.
Kein Licht.
Was wir halten wollen, schwimmt weg, geht unter.
Je schneller wir hasten, desto sinnloser erscheint unser Tun.
Kraftraubende Versuche. Wo ist ein Ort? Eine Insel? Ein Nest?
Die Wut und Ohnmacht bringt neue „Stürme“. Es geht immer weiter.
7 Jahre auf eigenes Risiko.

Wir wollen uns vorwagen,
raus katapultieren
aus dem Verhassten, Gängigen,
dem so genannten Normalen.
Unbefriedigend!
Koste es Tod und Teufel. Es kommt ja nicht darauf an.
Mit der Bombe am Gürtel.
Erschöpft, gestrandet. Fremd an einem Strand.
Strandgut.
Ausgewaschen von der Zeit. Leergut.
Warten auf sinnvollen Gebrauch.
Schwankend, verbissen, traurig, einsam. Salzig.
Ein Licht, Hoffnung auf… Körperwärme.
Der Versuch ist Sport. Kein Glaube an Verbesserung.
Unterhaltung mit fiebriger, unterschwelliger Erregung.
Es ist Nichts.
Geld spielt keine Rolle.
Ankern ins Fleisch.
An einem Strand. Zeitlos. Zweisam.
Endlos.
Schwanken zu zweit. Teilen, tragen,
endlich raus aus der Pfütze.
Halten am Halt des Körpers. Materie, warm, verstanden werden.
Aufgehoben! Eingesammelt! Geborgen!
Gemeinsamer Gebrauch. Sinnvolles Kraftsammeln.
Haus in Sicht.
Dann Sturm, Strandgut gesalzen mit Tränen.
Schwankend das Meer.
Arila Siegert, Berlin, den 12. Dezember 2006
Irreal, real? Der Weg ist das Ziel.
Arila Siegert im Gespräch über ihre „Holländer“-Inszenierung
Was für ein Typ ist der Holländer? Er hat was von einem Outcast,
einem Geächteten; seine Leute haben was von Boatpeople. Aber bezüglich
Senta wirkt er auch wie ein Rattenfänger.
Es
ist ein kreativer, starker Typ. Ein Mensch mit „Führungsqualität“ –
ähnlich wie der Kaspar im „Freischütz“. Aber seine Kraft ist negativ
gepolt. Wir haben das heute ja ganz stark auf der Welt: Nicht nur dass
wir alle heimatlos sind. Dieses Untergangs-Szenario wird uns ja täglich
im Fernsehen, in den Krimis und Science Fiction Serien durchgespielt.
Dass man diese zynische Haltung zur Welt und zu dem einnimmt, was man
nicht begreift und manchmal Gott nennt, das ist doch eine sehr heutige
Einstellung.
Was ist mit Senta? Die sitzt in ihrem Spinnenhaus. Oft wird das Stück ja
inszeniert, als sei alles ein Traum, ihr Traum.
Man
kann das Leben ja als eine Art Fluss, als Traumzustand begreifen.
Die Zeit, in der wir existieren, ist begrenzt. Je älter wir werden,
desto schneller vergeht die Zeit, desto mehr versteht man, dass die Zeit
eine Kategorie ist, um die Sachen zu ordnen und zu leben. Ich glaube ja,
dass die Zeit in Wirklichkeit nicht existiert, dass sie nur eine
Erscheinungsform der Materie ist. Genauso wie der Raum nur eine
unendliche Erscheinungsform der Materie ist. Aber die Dynamik der Senta
ist nach innen gerichtet. Senta lebt in ihrer Innenwelt, sie lebt ihren
innersten Gefühlen und Gedanken. Sie ist eine total zurückgezogene
Figur, die am Leben in diesem Spinnstuben-Bild nur insoweit teilnimmt
und an Energie gewinnt, wenn es um diese Geschichte, das Schicksal des
Holländer geht. Sie ist unheimlich fixiert auf diese Funktion, die sie
als irreale Situation begreift.
Erik ist in dieser Inszenierung sehr positiv gezeichnet. Aber eigentlich
ist er ein armer Schlucker. Er scheint die Senta wirklich zu lieben,
will sie retten vor dem „bösen“ Fremden, dem Holländer, kann es nicht.
Der Erik
ist die Figur, die am stärksten diese Unfähigkeit verkörpert,
Liebe zu leben. Die Scheidungsquoten heute sind so hoch wie nie. Das
Zusammenleben wird immer desolater, die Familien brechen auseinander.
Der Versuch, Liebe zu leben, ist schwer. Erik schreckt auch nicht davor
zurück, die Senta zu erpressen, er versucht sie einzusperren, will sie
bei sich behalten. Er beschuldigt sie, hält verbal Gericht über sie. Und
– ich setzte das auch in eine Aktion um –, er ist verzweifelt. Er kann
nicht akzeptieren, dass jeder von uns seinen eigenen Weg geht, gehen
muss. Er will sie zu was zwingen. Darin liegt zum einen sehr viel
Patriarchalisches, andererseits auch hochgradig Empfindsames. Es zeigt
die Vereinsamung in unserer Liebesfähigkeit: dass wir die Liebe nicht
leben können.
Der Daland ist der geldgierige Geschäftsmann – für Richard Wagner das
Horrorbild schlechthin, auch musikalisch. Obwohl er ja gern selber so
geschäftstüchtig gewesen wäre.
Ja,
Daland ist ein ziemlicher Spießer. Ich vergleiche ihn auch manchmal
ein bisschen mit dem Holländer in der „Spießerabteilung“. Er hat die
Fähigkeit, sein Schiff durch die Gewitter zu führen, er hat die
Mannschaft hinter sich. Das funktioniert. Aber er hat auch die Aufgabe,
seine Tochter an den Mann zu bringen. Er steht vor der Schwelle des
Alters, ist eigentlich müde. Und diese Geldgier kommt aus diesem
Sicherheitsdenken, der Angst, nichts mehr zu fressen zu haben und in
Armut zu vegetieren. Das bringt diese geschäftsmäßige Kälte hervor und
diese materialistische Haltung, wo das Menschliche hinter dem
Materiellen zurücktritt. Das haben wir auch gerade mit der Wahl in
Frankreich wieder gesehen: das Geschäft geht vor dem Menschlichen. Oder
mit Brecht gesprochen: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Es gibt eine zweite Frauenfigur, die Mary. Die scheint hier ein bisschen
Freiwild zu sein für die Männer. Zugleich ist sie eine Rivalin für
Senta.
Die
Mary ist die Kleinausgabe der Senta. Sie hat ja der Senta immer von
dem Holländer fabuliert. Sie muss also auch genauso fasziniert gewesen
sein als junge Frau von diesem Abenteurer, diesem starken Mann, der den
Wellen und Welten trotzt. Sie hat es sich nur nie zugegeben. Sie bleibt
wo sie ist. Die Senta geht viel weiter, unabhängig davon, ob das richtig
ist oder nicht. Senta kommt hinterm Ofen vor, Mary bleibt dahinter
sitzen.
Es gibt drei zusätzliche Figuren in der Inszenierung, drei Nornen. Was
verkörpern sie? Das Jenseits? Nornen sind ja Schicksalsgöttinnen.
Ich bin auf die Idee mit den Nornen gekommen, weil das Stück schon
gelaufen ist, bevor es angefangen hat.
Senta und Holländer „kennen“
sich, obwohl sie nie einander begegneten. Die Beziehung dieser zwei ist
wie ein einziger Sog, die sich unbändig aufeinander zu bewegen – wie
Tristan und Isolde. Und dies Schicksalhafte, dass bestimmte Dinge nicht
aufzuhalten sind, die wollte ich mit diesen Nornen erzählen. Diese drei
Figuren wechseln auch die Position. Sie sind manchmal im Chor und
spielen Personen, Leben. Und manchmal sind sie einzeln. Dann spinnen sie
die Fäden des Schicksals, dem wir ausgeliefert sind. Ich glaube, dass
wir alle mehr oder minder bestimmte Dinge in unserem Leben nicht
verstehen. Die sind einfach passiert, ohne dass wir das wollten. Dies
schicksalhafte Moment ist bei Wagner ein ganz zentraler Energiemotor.
Die drei Nornen verkörpern diesen Motor. Im Bühnengeschehen verstärke
ich mit den drei Nornen die Energie der Bilder.
Wer errettet am Ende wen? Es gibt ja in der Frühfassung, die hier
gespielt wird, keine Erlösung. Es gibt ein Ende, aber eher eines mit
Schrecken. Andererseits ist das Stück ja sehr stark autobiografisch
motiviert, fokussiert auf Wagner und seine Situation damals als
Flüchtling auf der Suche nach einem festen Platz in der Gesellschaft.
Wagner
hat den „Fliegenden Holländer“ an einem Tiefpunkt seines Lebens
geschaffen. Ich finde, dass wir aus den Tiefpunkten, den
Schicksalsschlägen, die wir
es in dem Stück ja geht, in etwas
Positives, ein Werk, eine Arbeit, umwandeln müssen. Dadurch können wir
das Negative egalisieren, und das Leben geht weiter. Die Bäume wandeln
das CO2 auch um in was Gutes. Wagner hat damals den „Holländer“
geschrieben, obwohl die Leute ihm sagten, das Stück kann man nicht
aufführen, das versteht kein Mensch. Aber er hatte kein Geld, es ging
ihm miserabel, und er hat gesagt, ich werde das doch machen. Und er hat
es gemacht. So denke ich auch, dass die Negativenergie des Holländer
durch die Senta egalisiert wird. Deshalb möchte ich auch einen offenen
Schluss inszenieren. Ich möchte, dass Senta und Holländer beide auf die
Wanderschaft gehen, egal wohin diese Wanderschaft führt: ins Jenseits
wie bei Orpheus und Eurydike oder ob sie zusammen einen Platz auf der
Welt suchen, wo sie leben können. Ich will das einfach als Metapher:
dass es einen Sinn macht, wenn das Schicksal Leute zusammen führt, dass
sie etwas miteinander versuchen; dass das einen Sinn hat, besonders wenn
man zusammen wandert: zwei Menschen. Dass man nicht alleine ist.
gfk, Mai 2007
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