Ilia



Idomeneo und Geister



Numi Pieta



Elektra



"Vater" Idomeneo



Sturm
















Abreise



Duett Idamante-Ilia



La Voce



Lieto Fine



Ich bin ja selbst der Erste

Gedankentext zu Mozarts „Idomeneo“

Zur Premiere: W.A.Mozart „Idomeneo“
Theater der Stadt Heidelberg, 28. März 2008
Musik.Leitung: Cornelius Meister
Bühne: Hans Dieter Schaal
Kostüme: Marie-Luise Strandt

 

Idomeneo: die Geister die er rief …
Im Tunnel der selbstgeschaffenen Krise, verwirrt im Beziehungsgeflecht, gestrandet am eigenen Ich, kriegsgeschädigt.
Ein Opfer für die gute Sache. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Man kann über den Sohn nicht sprechen.
Ausharren, koste es, was es wolle. Belagerungszustand. Die Vergangenheit als Königsmantel hinter sich herziehend, neue Ufer suchen.
Ilia.
Als Mann fühlt man sich alt neben einer so jungen Frau.
Ertrinken im Whisky wäre das Beste… Aber diese Gestalten, diese gestrandeten, widerwärtigen, hohlen Phrasendrescher, lachen die etwa?
Abschaffen, alles weg, aus dem Weg, ich brauche Platz!
Was ist denn so schlimm, wenn er woanders glücklich wird? Nur schnell muss es gehen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Elektra soll endlich zufrieden sein. Was Besseres kriegt sie nicht.
Immer muss bei mir alles schief gehen.
Du, du … bist ungerecht! Warum ich?
Man kann ja nicht an alles denken, es ist zu viel. An den Ketten zerren. Krieg führen. Angriff und Verteidigung und der ganze Dreck immer wieder! Nicht nachgeben, nicht nachfragen – aber was sein muss, muss sein, auch wenn es einem nicht passt. Das wäre ja noch schöner, wenn sich jeder sein Schicksal aussuchen könnte. Ein Mann ein Wort. Da geht nichts drüber. Da muss man durch …
Warum kann ich nicht?
Wie konditioniert man sich zu einem Mord? Der Eine spannt die Muskeln und der Andere sagt: Los.
Wir sind ja schließlich abhängig von unseren Geldgebern.
Ein neues Ufer.
Ilia.
Wieso ist alles anders?
An den Strand waten, noch einmal von vorn anfangen. Warum nicht?
Ich bin ja selbst der Erste, dem ich begegnet bin! Warum habe ich bis jetzt nicht daran gedacht, dass du es so gemeint hast?

Zu Hause.
Du bist aber wirklich spitzfindig, kannst du es nicht ein bissel direkter sagen?
Idamante, der Sohn, will leben, Zukunft atmen. Ich soll Platz machen. Bitte gerne, nichts leichter als das.
Was ist Glück?
Eigentlich ist es ganz leicht. Nichts weiter als da sein.
Hörst du die Sonne, siehst du den Wind?
Fühlst du den Hauch?

Arila Siegert, Heidelberg im März 2008

Tu’s doch

Arila Siegert im Gespräch über Mozarts „Idomeneo“

„Idomeneo“ ist die Mozart-Oper am Übergang von den Früh- zu den Meisterwerken. Mozart schrieb sie mit noch nicht 25 Jahren. Es war ein Auftrag des Münchner Hofs zu Karneval 1781 vom zuvor Mannheimer Kurfürsten Karl Theodor, der eben in Bayern neu installiert war und der sich damit weiter als aufgeklärter Herrscher in Szene setzen wollte. Was war für dich der Leitgedanke bei dieser Inszenierung? Man muss sich ja aus dem vielen zum Teil verworfenen, gekürzten oder geänderten Material eine Fassung erarbeiten.

Die Verantwortlichkeit des Menschen für seine eigenen Gedanken, seine Taten, für sich selbst, für die Leute, die ihn umgeben. Bei einem König wie Idomeneo, die Verantwortlichkeit für sein ganzes Volk und sein Handeln als Staatsmann.

Mozarts „Idomeneo“ spielt in einer Zeit nach einem endlosen Krieg, dem um Troja. Idamante, der Sohn des Kreter-Königs Idomeneo, hat lange auf den Vater gewartet. Er ist noch so jung, dass beide sich nicht kennen. Der Vater wird als bei einem Sturm verschollen gemeldet. Idamante möchte nun endlich den Frieden auch auf seiner Insel realisieren. Er gibt die Trojanischen Gefangen frei – auch mit dem Hintergedanke, dass er eine der Gefangenen, die Trojaner-Prinzessin Ilja, heiraten kann. Und nun kommt der Vater doch zurück. Das Meer spuckt ihn aus, weil er dem Meeresgott ein Menschen-Opfer gelobt hat. Das Unheil des Krieges verlängert sich, bekommt eine neue Wendung. Wie gehst du das an? Du entwickelst die Inszenierung ja aus der Musik, aus dem Orchestergraben heraus.

Der Krieg, den wir uns selber machen mit uns selbst und den Leuten, die uns umgeben, der Krieg zwischen den Vätern und den Söhnen und den Müttern und den Kindern, zwischen Jung und Alt – das ist ein Konflikt, den ich versuche an der Haut der Figuren abzuhandeln. Das Orchester als innerer Seelenraum, als „Meer der Gefühle“ ist der Ort, in den sich Ilja flüchtet, sich zurückzieht. Ich wollte das Stück nicht als „Theater“ mit theatralischer Aktion beginnen, sondern es aus der „Musikwerkstatt“ heraus entwickeln. Eine Metapher für die innere Arbeit und das Klingen aller Seiten in uns. Ich wollte die Empfindsamkeit aus dem Zuhören, nicht aus dem Zuschauen wecken. Es ist auch diesem bestimmten Orchester in Heidelberg und seinem Dirigenten Cornelius Meister zu verdanken, dass ich diese Idee verfolge. Nach den beiden Mozart-Opern dort, „Giovanni“ und „Figaro“ – den „Figaro“ habe ich gesehen –, ist es was Besonderes, dass man mal diesen Akzent setzt.

Die Stoffvorlage, Fenelons „Telemach“, war damals Pflichtlektüre für die höfische Jugend. Das Buch sollte zu Fleiß, Geschicklichkeit, Tapferkeit, Bescheidenheit und Unterwürfigkeit erziehen. Im Zentrum hier ist die Frage: ob und wieweit sich Vater Idomeneo und Sohn Idamante der Götterforderung unterordnen, dass der Vater den Sohn opfert, um die zerstörerischen Naturkräfte zu besänftigen. In der ersten Fassung (der Tragédie lyrique „Idoménée“ von Andrée Campra und Antoine Danchet, 1712) tut er das auch: Idomeneo ermordet den Sohn; Ilja verflucht ihn dafür, er müsse mit dieser Schuld nun weiter leben, sie selbst wolle sterben. In der Fassung des Abbate Varesco, die Mozart zu vertonen hatte und für die es vom Münchner Hof Auflagen gab, wird das mit allerlei biblischer Symbolik verbrämt. Wie bist du an die Frage des Opfers herangegangen?

Die Väter opfern die Söhne für ihr eignes Fortkommen, für ihre Zukunft, für ihre Macht, zum Erhalt alter Machtstrukturen gegenüber neuen, bei Idamante sehr sozialen Formen. Ich finde die Figur der Ilja in diesem Zusammenhang interessant. Sie verhindert das Opfer dieser beiden Männer: sowohl von Idamante, der sich opfern will, als auch von Idomeneo, der glaubt opfern zu müssen, um den Staat zu retten – was natürlich eine Ausrede ist. Die Ilja wirft sich dazwischen. Sie hat ihre eigene Familie verloren. Sie ist in einem fremden Land und eigentlich von dem Gedanken beherrscht, dass man seinen Feind nicht lieben darf und dass sie dieses Opfer nicht zu lieben bringen muss. Aber sie überwindet das eigene Verbot. Sie liebt Idamante, sie steht dazu. Es gibt ja dieses wunderbare Liebesduett, was auch sehr allegretto-heiter mündet in einer Art Unbeschwertheit. Ilja bringt Idomeneo zum Umdenken. Iljas Gewaltlosigkeit nimmt der Brutalität des Opfers die Kraft. Durch ihre Gewaltlosigkeit kann Ilja Idomeneo, der sie ja auch liebt, umstimmen. Ilja ist die Aktive in der Gewaltlosigkeit. Dass diese Frau über die Gewaltlosigkeit die Gewalt ändert, die Kraft der Gewalt umpolt, aufhebt, transformiert, das finde ich so toll.

Ein gewichtiger Akteur in der Opfer-Frage ist der Chor. Das Volk möchte – ganz im Sinne der aufgeklärten Herrscher – in Frieden leben. Idamante hat anfangs die gefangenen Trojaner in die Freiheit entlassen, also für Entspannung auf der Insel zwischen den beiden Bevölkerungs-Teilen gesorgt. Nun wird das Volk durch das eigensüchtige Gelübde von Idomeneo, sich selbst zu retten, indem er den ersten Menschen zu opfern gelobt, der ihm am Strand begegnet, was dann sein Sohn ist, auf die Probe gestellt. Das Volk stellt Forderungen, zumal es nicht weiß, was eigentlich vorgeht.

Der Chor zementiert in diesem großartigen „O voto tremendo“ die Grausamkeit solcher Entscheidungen in einer ganz zentralen, großen Form. Dieser erschütternd komponierte Chor soll uns, die wir das hören, begreiflich machen, was das bedeutet auch für die Menschen rund herum, wenn so etwas geschieht: dass alles durcheinander geschleudert wird und bildlich gesprochen kein Stein auf dem anderen bleibt – was ja Krieg bedeutet.

Ein Thema der Oper ist auch, wie umgehen mit einem, der aus einem Krieg heimkehrt. Idomeneo denkt durch seine Kriegserlebnisse in anderen Kategorien als die zuhause Gebliebenen. Er möchte wieder seine Herrschaft auf Kreta antreten. Als einer, der einst mit um Helena geworben hat, hatte er an dem Krieg ein persönliches Interesse. Nun hat er sich aus Troja eine Schwester des Paris als Kriegsbeute geschnappt – und diese Ilja will er nach der Rückkehr heiraten. Aber sie hat sich in seinen Sohn Idamante verliebt, sie sieht in Idomeneo nur den möglichen Vater. Für Idomeneo kann es verführerisch sein, sich dem göttlichen Urteil zu beugen – und es wird ja dann auch von einem Höfling die Idee ausgeheckt, Idamante mit Elektra wegzuschicken. Wie zeigst du diese Gewissensqualen?

Idomeneo tut sich schwer mit dem Opfer. Er versucht mit der Idee seines Vertrauten Arbace, den Sohn mit Elektra übers Meer nach Mykene zu schicken, dem Urteilsspruch, diesem neuen Krieg, zu entgehen. Dadurch bekäme er ja alles, was er sich wünscht: Er bekäme die Macht, er bekäme Ilia. Elektra hat seinen Sohn, seinen Nebenbuhler um Ilia, schon in Beschlag genommen. Und er versucht nun, wenn Idamante weg ist aus den Augen, aus dem Sinn, alles ins Positive zu wenden. Aber er wendet es nicht. Und dass er nichts erreicht, ist auch eine Etappe hin zu der Erkenntnis, dass er entweder den Sohn töten muss, oder es passiert irgendetwas anderes. Das Stück mündet in diese Erkenntnis: er will den Sohn nicht töten, und seine ganze Natur sträubt sich dagegen, aber er muss dieses Opfer bringen, zumal Idamante es ihm leicht macht, indem er ihm das Messer gibt und sagt: tu’s doch. Der menschliche große Konflikt, um den es in dem Stück geht und auf das es zusteuert, ist dies Opfer.

Wie siehst du die Rivalin Elektra? Sie ist ja auch ganz schön durchtrieben. Ist sie mehr als eine Spielfigur, um das Ganze etwas dramatischer zu machen? Oder ist sie doch wie Idamante eine FIgur, die hinzu zu lernen fähig ist, sich zu ändern bereit ist? Ihre finale Rache-Arie ist ja gestrichen.

Die Elektra soll diese Ausweglosigkeit des Rachegedankens zeigen: dass man immer wieder ein neues Opfer fordert für eine Gewalttat – wie wir das erleben mit den Palästinensern und den Israeli –, dass das endlos so weitergeht mit immer wieder neuen Opfern. Die Elektra zeigt die Sinnlosigkeit dieser sich selbst und anderen zugefügten Kriegserklärungen. Sie muss das ertragen und bringt es bis zu einem übertriebenen Höhepunkt, nachdem das Opfer nicht vollbracht ist und Idomeneo zu der Erkenntnis kommt, dass er selbst den Platz räumen muss. Sie verfällt dann in so eine sinnlose Wüterei; das ist für mich ein interessanter Punkt. Ich lasse sie dann zurück kommen zu der Hochzeit, und Elektra übergibt Ilia ihr Hochzeitskleid.

Wo sind die essenziellen Anknüpfungspunkte für einen Zuschauer heute? Im Kern geht es ja darum, sich zu entscheiden zwischen Gehorsam gegenüber einer von einer höheren Macht gesetzten Pflicht oder für das eigene Gewissen. Aktuell ist das zumal in Kriegszeiten, wenn man an die Exekutionskommandos denkt – aber auch im Alltag.

Was ich eingangs sagte: dass du allein die Verantwortung für deine eigenen Taten hast, und dass die Taten mit dir selbst in Einklang sein müssen. Dass du verantwortlich bist als Mensch unter Menschen, dass du menschlich handelst – dass man ein Mensch bleiben muss in jeder Situation.

gfk, März 2008


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