Immer wieder was in den Sand bauen
Gespräch mit Arila Siegert über den Zerbrochenen Krug
Kammeroper von Fritz Geißler nach
Heinrich von Kleist
Premiere am 10. Oktober 2004, Theater Eisenach, Alte Mälzerei
Das Stück ist eine Gerichtsverhandlung, aber auch eine Komödie mit
Zügen des Absurden. Was ist es für Dich?
Es ist,
als ob man einen Stein ins Wasser wirft. Du berührst eine
Stelle, und sofort schwingt der Raum. In dem Stück ist so viel
geschichtet an Erfahrungen, Gefühlen, Gedanken. Es macht in jeder
Hinsicht Erstaunen, es ist genial.
Der Richter Adam wird oft als Bösewicht verstanden. Adam hat’s ja auf
die Eve abgesehen. Und Kleist spielt mit solchen Namen. In der Bibel tut
Eva das Verbotene, hier scheint sie mehr die Naive. Ist Adam nur der
Übeltäter?
Das habe ich nie empfunden. Adam ist der Sündenfall Mensch, er ist
das, wozu wir fähig sind in der ganzen Bandbreite vom schurkischen zum
fantasievollen, sehr liebevollen Schwerenöter Mensch. Im Adam werden wir
vorgeführt: wie wir unseren Bedürfnissen erliegen, den Gefühlen hinter
her hecheln, Angst haben vorm Alter und darum an die Jugend uns ran
machen – im Großen wie im Kleinen; wie wir mit allem Witz uns aus der
Not heraus manövrieren,
unsere Stellung ausnutzen, um mit dem Arsch an
die Wand zu kommen. An Adam wird eigentlich auch Staat abgehandelt.
Das Bühnenbild ist sehr prägend für die Aufführung, eine Art
Sandkasten. Die Idee kam sehr früh. Was hat Dich dazu gebracht?

Es hat sich mir hergestellt beim Lesen von Kleist, der ja im
Märkischen Sand sich getötet hat. Der Sand ist eine Metapher für Zeit,
auf Sand gebaut, für das ewige, sich ständig verändernde aber nicht
Fassbare, was wir Staat, Gesetze oder Gerechtigkeit nennen: Also ein
fließender Übergang von Zeit, Raum und den Dingen, die da ablaufen. Es
ist ein Bild dafür, dass wir immer wieder was bauen wollen in den Sand,
und dann geht der Wind darüber, und alles ist verwischt.
Wolfgang Wappler,
der Eisenacher GMD, hat die Neuproduktion vorgeschlagen; er hatte damals bei der
Uraufführung mitgewirkt. Diese Oper stellt ein Stück DDR-Geschichte neu auf die Probe.
Hat Dich das beeinflusst, oder ist das einfach eine Oper mit einer
vielleicht etwas sperrigen Musik aber einem spielerischen Sujet?
Ich bin schon sehr erstaunt, wie sich in der Arbeit diese Oper
erschließt als ganz trächtiges Material fürs Theater. Ich war am Anfang
gar nicht begeistert und wollte auch den Intendanten und den GMD
umstimmen, was anderes zu wählen. Aber ich bin sehr dankbar, dass sie
sich nicht haben umstimmen lassen. Das Akustische im Theater ist was
sehr Spezifisches, nicht vergleichbar mit Konzertmusik. Die Musik wirkt
erst zusammen mit dem szenischen Vorgang und zeigt da ihre Qualitäten.
Das war ein Prozess. Es ist eine sehr schöne Theatermusik.
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Hoffnung auf bessere Himmel
Zu der Oper in sieben Szenen Der zerbrochene Krug
(Fritz Geißler nach Heinrich v. Kleist)
Aufsatz,
den sicheren Weg des Glücks zu finden, und ungestört, auch
unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn zu genießen! So titelte der
21-Jährige Heinrich von Kleist (1777-1811) eine Schrift, die so etwas
wie ein Grundsatzprogramm war. Die preußische Armee, in die er als
15-Jähriger gesteckt wurde, um die Familienkasse der armen landlosen
Adelsfamilie zu entlasten, versuchte er schnellstens wieder zu
verlassen. Er wollte studieren, den Reichtum der Bildung finden – ein
wie zerrissener, ja schüchterner Mensch er auch war. Kleists Antwort auf
die von ihm selbst gestellte Frage: Reichtum allein macht nicht
glücklich. Das Glück wohnt eher in den Hütten der Armen. Und es erwächst
aus einem Lebenswandel „auf dem Pfad der Tugend“.
Ist der Dorfrichter Adam, der nächtens in die Kammer der unbescholtenen
Eve eindringt, ihr vorlügt, nur mit einem Attest von seiner Hand könne
sie verhindern, dass ihr Liebster Ruprecht dem Wehrdienst in der fernen
Kolonie Batavia und damit dem sicheren Tod entgeht, und der mit dieser
Lüge ihr ein Stelldichein abringen will – ist er ein moralischer Mensch?
Wohl kaum. Aber er ist auch kein Mensch, den der Autor Kleist
vorverurteilt. Adam ist ein Gezeichneter. Er hat einen Bocksfuß wie
Ödipus. Die Spuren, die er hinterlässt, sind deutlich. Wie ein
Münchhausen weiß er zu jonglieren, immer fantastischer zu fabulieren,
als er seine eigene Verfehlung aufklären soll. Und dass er von Eve und
ihrer Reinheit fasziniert ist, dass er gerade sie besitzen will,
wenigstens für eine Nacht – es adelt auch ihn.
Kleist schrieb den
Zerbrochenen Krug in den Jahren 1802-1806. Eine
Wette unter Freunden in der Schweiz brachte ihn auf das Thema: Der
Kupferstich Le Juge ou la Cruche cassée (Der Richter oder der
zerbrochene Krug) von Jean Jacques Le Veau. Die Freunde glaubten ihm
nicht, dass er eine Komödie werde schreiben können. Und der Geheime Rat
Goethe, der Anfang 1808 immerhin sich einließ, das Manuskript auf seinem
Theater zu spielen, war davon vollkommen überzeugt. Ein „unsichtbares“
Theater nannte er dies blitzende Wortgefecht, in dem eine penetrant auf
ihrem „Recht“ beharrende Alte (Marthe) gegen Alles wütet, was ihr in den
Weg kommt – auch wenn’s die eigene Tochter ist. Die Weimarer
Hofgesellschaft war pikiert über die Kritik an den staatlichen Organen,
wie sie sich in dem nur scheinbar vorurteilslosen Gerichtsrat Walter und
dem karrieregeilen Adam-Adlatus, dem Schreiber Licht, darstellten.
Den Großteil des Textes schrieb Kleist, als er nach vielen Irr- und
Umwegen, das ersehnte Glück zu finden – Reisen ins gelobte Land der
Revolution, Frankreich, dessen Hauptstadt Paris ihm dann eher wie ein
abstoßender Moloch erschien;
in
die Schweiz, wo er mal einen Bauernhof
kaufen will, um in der Nachfolge Rousseaus das einfache Leben zu
genießen, mal als Barrikadenkämpfer sich versuchen will; dann wieder
Frankreich, wo er in der Armee Bonapartes gegen England kämpfen möchte,
um dann aber bald doch hinter die Kulissen des skrupellosen Diktators zu
blicken –, den Großteil des Zerbrochenen Krugs schrieb Kleist in
Königsberg. Klamm bei Kasse, peilte er ein Amt im preußischen
Staatsdienst an. Auf Vorschlag der Reformer Stein und Hardenberg sollte
er sich vorbereiten auf einen Job als eine Art Walter-Figur. Er sollte Ver-Waltungsrecht
studieren, um in den fränkischen Provinzen Preußens
(Bayreuth-Ansbach) den Gang der Landreform und damit die Entmachtung der
Junker zu überwachen.
Doch rechtzeitig wurde Kleist „krank“. Den Dienst trat er nie an. Als
Herausgeber einer Zeitschrift in Dresden und dann sogar einer Zeitung in
Berlin versuchte er sich noch. Beide Unternehmungen endeten desaströs.
Die Veröffentlichung des Zerbrochenen Krug in Buchform 1811 brachte noch
etwas Geld. Den Schluss hatte Kleist leicht verkürzt. Das Zwielicht des
Zweifels über dem Gerichtsrat Walter entschärfte der Autor etwas. Die
Rehabilitation des Stücks gegen das Weimarer Verdikt besorgte vier
Jahrzehnte später Friedrich Hebbel, der meinte, nur ein Publikum, nicht
ein solcher Text könne hier durchfallen. Im November 1811 hat Kleist
sein Leben beendet mit einer krebskranken Freundin, Henriette Vogel.
Von
ihrem Mann verstoßen, hatte sie ihn gebeten, ihr den Tod zu geben. In
einer Erdkuhle am Wannsee erschoss er nach einer fröhlichen Nacht erst
sie dann sich. Seiner Halbschwester Ulrike schrieb er zum Abschied:
„…die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“
Was hat den Komponisten Fritz Geißler gereizt an diesem Autor, an
diesem Stück? Geißler (1921-1984) stammt aus einfachen Verhältnissen.
Über die Stadtpfeiferei, erste Berufserfahrungen als Kaffeehausgeiger in
Leipzig, wird er 1940 eingezogen zum Militär. Die militärische Karriere
endet früh in englischer Gefangenschaft in Guernsey, wo er bei der
Militärkapelle mitspielen darf. Nach dem Krieg 1948 kehrt er zurück nach
Leipzig. Er beginnt noch mal zu studieren, bekommt zwei Jahre später
eine Bratscherstelle in Gotha. Eine Handverletzung zwingt ihn erneut zu
wechseln.
Noch
einmal studiert er: nun bei Boris Blacher in Berlin
(West). Darmstadt, Donaueschingen – immer wieder versucht er sich bei
Besuchen auch im Westen zu informieren, obwohl er selbst in einem
musikalischen Idiom zwischen Hindemith und Bartók zu komponieren
beginnt.
Der Zerbrochene Krug ist seine erste Oper, komponiert in den Jahren
1968/69. Drei Ballettmusiken gingen als Arbeiten für die Bühne voraus.
Aus dem Jahre 1956 datiert eine Sinfonische Burleske Schwejk. Das Schwejkische ist eine Konstante in Geißlers Biografie. Brav komponiert
er zu Partei- und Staatsfeiertagen Sinfonien und Oratorien. Aber er
nimmt sich auch den zu jenen DDR-Zeiten durchaus nicht sehr gelittenen
Heinrich von Kleist vor mit seiner Kritik am korrupten Staatsapparat, wo
im Hause des Richters Adam Akten und Würste, Privates und Dienstliches
wild durcheinander wirbeln und der Aufseher Walter Mühe hat, den Eklat
zu vertuschen. Unvollendet hinterlassen ist von Geißler die Idee, das
Doktor Faustus-Libretto von Hanns Eisler zu vertonen,
jene
Anti-Goethesche Faust-Version, die als Kritik am SED-Sozialismus der
50-iger Jahre verstanden und schon im Entstehungsprozess abgewürgt wurde
und die erst jetzt von Geißlers Schüler
Fritz Schenker auskomponiert
wurde. Hoffnung auf bessere Himmel heißt Geißlers letztes vollendetes
Werk, ein Oratorium.
Im Krug experimentiert Geißler mit einer dem Schönbergschen Sprechgesang
angenäherten Methode,
Aleatorik genannt (von
"alea" = der Würfel).
Weitgehend frei nach dem Duktus der Worte können die Sänger hier ihre
Partien gestalten. Das 11-köpfige Orchester spannt darunter eine Art
Klangband oder setzt gliedernde Akzente. Den Tonfall der Darsteller in
der
Krug-Verfilmung von Gustav Ucicky nach dem Drehbuch von
Thea von Harbou mit Emil Jannings als Dorfrichter (1937) wollte Geißler
imitieren. Am 28.August 1971 in Leipzig wurde der Krug uraufgeführt und
blieb zehn Jahre im Programm des Kellertheaters. Es
war Geißlers mit hundert Reprisen erfolgreichste Oper.
Den Weg der Aleatorik beschritt er in seinen beiden folgenden Opern nicht weiter:
Der verrückte Jourdain, eine schelmische Rossiniade nach Molière, war
die eine (1973), Der Schatten nach Jewgenij Schwarz, eine politische
Parabel gegen die Pinochet-Junta in Chile, war die andere (1974). In der Sinfonik seiner späten Jahre versuchte Geißler gar eine Rückkehr ins
spätromantische Idiom, von der Kritik damals zwiespältig aufgenommen.
Für die Regie lässt Geißlers offene Form viel Freiraum. Die
Inszenierung wird versuchen, einiges von dem, was zwischen den Zeilen
steht, was an Text teils vom Komponisten, teils vom Autor selber
gestrichen wurde, spielerisch zu vergegenwärtigen.
Die zeitliche Ebene
ist die eines Umbruchs. Der Untergrund schwankt. Kleist selbst hat es
angedeutet mit dem von Marthe so ausführlich beschriebenen Bild auf dem
Krug: Nicht nur der Krug, ein Weltbild zerbricht hier, das
mittelalterliche Kaiser Karls V. Kleist zitiert es als Metapher auf
seine Zeit, die der Französischen Revolution. Auch das Jahr 1971
markiert in der DDR einen Umschwung, das Ende der Ära Ulbricht. Die
Frage, die sich immer stellt in solchen Situationen, auch heute: Was
passiert mit den Menschen? Genügt es, wenn die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen sich ändern? Eve repräsentiert am ehesten den Willen
zum Neuen. Kann sie durchhalten? Was passiert mit den beiden Liebenden
nach Ruprechts Rückkehr? Wird Eve Walters Werben standhalten?
Szenenfotos © Inka Lotz
Text und Interview: Programmheft