Ein Liebesdrama,
ein menschliches Drama

Zu Verdis Macbeth

Sie sind kein Mörderpaar, die Lady & Macbeth. Sie sind ein Liebespaar. Ihre unmenschlichen Handlungen tun sie füreinander und sie entscheiden selbst in jeder Situation. Sie wollen mehr Glück. Ihre Liebe genügt ihnen nicht. Sie suchen nach einem neuen Ausdruck, einer neuen Ebene, einem neuen Sein. Die Gier treibt sie. Sie wollen immer mehr - und sie zerstören ihre gesamte Existenz.

Verdis Macbeth ist kein Polit-Thriller, sondern ein menschliches Drama. Verdi zeigt die Affekte und Gefühle, die Motor sind für alles: Liebe, Hass, Eitelkeit - Gier. Sie bestimmen das private Leben und auch die Weltpolitik. Die Lady & Macbeth wissen, worauf sie sich einlassen. Aber sie sind zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen, und sie sind als Menschen zu stark, um die Last zu ertragen.

Die Lady ist allein, machtlos. Sie leiht ihrem Mann ihre Kraft. Und die Männer tun Dinge, die über ihre Kräfte gehen. Auch Macbeth. Er ist nicht allein. Er hat einen Freund, Banco. Die Freundschaft zu Banco zeigt seine menschliche Qualität. Aber die bricht ihm auch das Genick. Der Mord an Banco raubt ihm die Kraft. Macbeth sehnt sich nach dem Freund - und er sehnt sich damit nach dem Tod, will aufgeben, sterben.

Der Chor spiegelt diese inneren Vorgänge. Fast wie in einem antiken Drama ist er geführt. Der Chor stachelt an, kommentiert ironisch im Chor der Mörder - als ob Verdi sich lustig machen wollte über die Torheit der Menschen. Oder auch zuspitzend die Hexen: sie verlustieren sich regelrecht am Kriegswillen, am Zerstörungsdrang, an den Triebkräften menschlichen Handelns. Sie baden sich im Blut.

Aber die Hexen sind nicht Anstifter. Und Lady & Macbeth sind nicht ihr Werkzeug. Die Hexen sind keine realen Figuren. Sie sind das Unbestimmte, die Energie, die uns treibt. Sie verkörpern das Affektive, das Unbewusste in uns. Sie gehen durch das ganze Stück. Sie sind nicht zu fassen. Sie wechseln die Gesichter, die Façon. Sie sind das Kraftzentrum, aus dem unsere Sinnlichkeit wächst. Sie sind immer präsent.

Worauf es Verdi (Fiorentiner Fassung, 1847) zunächst ankam, ist auch uns wichtig: Das menschliche Drama, das zu allen Zeiten und an allen Plätzen spielen kann und das darum so konkret ist. Wir klären nicht die Frage der Macht, wir wollen keine "Aktualisierung"*). Musikalisch minutiös, aus wechselnden Perspektiven hat Verdi die Vorgänge verdeutlicht, nachgespürt seiner "dramatischen Wahrheit".

Wie sehr er Distanz hielt zum Treiben um ihn herum, zeigt die fast zynische Siegeshymne am Schluss (Pariser Fassung, 1865). Ob der junge König Malcolm glücklichere Zeiten bringt, ob er anknüpfen kann an die Zeiten Duncans? Es bleibt offen. Wir kommentieren nicht, wir maßen uns nicht an, mehr zu wissen als die handelnden Figuren. Wir wollen von uns erzählen, wir wollen den Prozess des Nachdenkens in Gang halten.

Arila Siegert / Werner Hintze
für Theater Ulm, Mai 1998
*) auch wenn es reizt: wie etwa der Fall
Milosevic mit Slobodan und seiner zu den
Politmorden anstiftenden Lady Mara Markovic
oder der der Ceausescus...

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