Drachensaat, von Akten flankiert
Gedanken zu Sache Makropulos
Premiere: 17. Mai 2008, Schlosstheater Neustrelitz
Liebe
ist das Hauptelixier, und der Mangel an Liebe tötet.
Das Triptychon des Lebens: in der Mitte unser Welt-Theater mit viel
Schminke, Masken, verschiedenen, wechselnden Rollen, Requisiten und
Bühnenbildern, unseren Dramen, Lustspielen und Farcen.
Auf dem
rechten Flügel das Hotel, die Heimatlosigkeit, Anonymität, Wanderleben.
Auswechselbarkeit. Das kalte Bett.
Auf der linken Seite die Bürokratie, die Herrschaft der Paragraphen,
Dokumente und Akten. Staub des Todes, der Berg der Skelette. Staatswesen.
Alles ist Schein und geht lautlos vorbei auf dem Altar des Seins,
wenn die Liebe abhanden gekommen ist, bei der Jagd nach Überlistung der
Natur, Perfektionierung, Konditionierung, Ausmerzung des Normalen, des
bedürftigen Menschen.
Der Balance-Akt
auf der Erfolgsschiene, die Macht des Theaters, die Selbstdarstellung.
Die Selbstbestätigung durch: immer höher, schneller, weiter.
Die Natur schlägt zurück mit der grausamen Waffe der Lustlosigkeit
und Empfindungslosigkeit.
Erstarrung. Versteinerung des Alltags. Verbrannte Erde.
Drachensaat, flankiert von Akten, Dokumenten der Rastlosigkeit im
Totenbett.
Extremer Abfall auf dem Müllhaufen der Zeit. Ausgeblutet.
Arila Siegert, im Dez. 2007
***
Zeitrennen – absurd
Arila Siegert im Gespräch zu Leoš Janáčeks
„Sache Makropulos“
„Die Sache Makropulos“ ist eigentlich ein philosophisches
Stück, die Inszenierung eher turbulent. Leoš
Janáček
schrieb „Makropulos“ nach einem Bühnenstück von Karel Čapek
zwischen 1923 und 1925, uraufgeführt wurde die Oper 1926 in Brno.
Es geht um das Glück oder Nicht-Glück eines überlangen Lebens,
hat was von Science Fiction und Akten-Krimi. Die Hauptfigur Emilia Marty
lebt dank eines experimentellen Elixiers schon über dreihundert Jahre
und will eigentlich auch noch weitere dreihundert Jahre leben.
Wie geht man
um mit einem so vielschichtigen Werk, das eigentlich
eine Konstruktion, eine Metapher ist? Die Hauptfigur, Emilia Marty, ist
keine reale Figur sondern ein Konstrukt. Dem muss man auch in der Art
der Inszenierung Rechnung tragen. Ich habe versucht, die verschiedenen
Eben, auch die Meta-Ebene des Stücks, die Krimi-, die Grotesk-Ebene, das
große Musiktheater, die kleine Boulevard-artige Komödie, dieses
mährisch-tschechische Moment von Satire da drin – das habe ich versucht zu
inszenieren, indem ich alle Spieler in die Rollen, die sie spielen, sich
hinein und wieder hinaus verwandeln lasse.
Also von dem Gedanken der
Vergänglichkeit aus, dass wir jeden Moment leben und sterben, dass der
Mikro- und der Makrokosmos eine Rolle spielt. Ich glaube, dass Janáček
das komponiert hat: diese Lebensexplosion und das Sterben, innerhalb
eines Taktes. Er hat sich die Freiheit genommen, jeweils den Moment, den
er komponiert hat, voll auszuleben. Und ich habe mir die Freiheit
genommen, den Moment, der sich ergeben hat, als szenisches Leben voll
auszuleben, sodass eine ziemlich dichte Arbeit entstanden ist, von der
ich hoffe, dass sie spannend und interessant ist.
Die Musik verlangt auch dadurch einen besonderen Inszenierungsstil,
dass sie sehr deklamatorisch angelegt ist, und es gibt gleichzeitig
immer wieder ein Hineinhorchen in eine ferne Vergangenheit oder eine
nebulöse Zukunft.
Für mich ist wichtig,
was hinter einem „Ja“ oder „Nein“, oder einem
„lass mich ausreden“ liegt. Dieses Leben hinter den Worten und Absichten
hat Janáček meiner Meinung nach komponiert.
Manchmal hat er auch richtig
illustriert, sodass die Bandbreite des Anspruchs, was Kunst zu sein hat,
hinterfragt wird. Er hat sich die Freiheit genommen, die er brauchte, um
seine Musik zu machen.
„Věc Makropulos“ ist
ein Ensemble-Stück par excellence. Die Sänger sind hier fast alle fast
die ganze Zeit auf der Bühne. Sie agieren, beobachten, kommentieren.
Ich habe versucht, die räumliche Dimension solcher seelischen
Gefühls-Welten zu zeigen. Unser Denken und Fühlen gibt uns die Kraft,
weiter zu machen; oder unser Denken und Fühlen sagt, wir machen Schluss.
Diese Gefühlsdimension habe ich in Szene gesetzt, indem ich zehn
Darsteller als Schattengestalten oder Lemuren immer wieder ins Spiel
bringe.
Schon in der Ouvertüre gibt es eine Art „Pantomime“,
oder wie könnte man das nennen?
Ich nenne es
theatralische Aktionen. Die Ausdruckskraft der
Körpersprache ist für mich Ausgangspunkt für die theatralische Aktion.
Die Ouvertüre bricht los wie ein Mensch, der aus den Nähten platzt, der
schreit. Es ist wie ein „Krieg der Takte“. Und ich habe das übersetzt in
ein „Zeitrennen“. Die Spieler hängen an Zügen und versuchen vorwärts zu
rennen.
Eine der Hauptfiguren ist der Albert McGregor. Bei ihm geht’s
wirklich um was. Er kämpft um sein wirtschaftliches Überleben, sein
Erbe. Und dann verliebt er sich in die Marty, als sie auftaucht.
In der Rolle des Gregor
ist wohl die Liebe
Janáčeks zu seiner fernen
Geliebten Kamila Stösslova verarbeitet, der Kampf um diese Frau, der er
näher zu kommen suchte; sie war ebenfalls verheiratet, eine
Kaufmannsfrau, seine Muse. Sowas spielt sich zwischen Emilia Marty und
Albert McGregor ab, dem „Bertelchen“, der ja ein Enkelsohn von ihr ist.
Um diese Kraft der Liebe und die Unerreichbarkeit dieser uns immer
treibenden Sehnsucht geht es in dieser Konstellation, um eine
Liebeskraft, die auch tödlich sein kann und an der Janek stirbt. Liebe
und Tod liegen hier sehr eng beieinander.
Es gibt auch einen ehemaligen Liebhaber, der plötzlich wieder
auftaucht, Hauk, eine ziemlich skurrile Figur, der mit ihr dann
durchbrennen will.
Das ist
eine ins Groteske getriebene Situation, die das Thema
Unsterblichkeit geißelt. Hauk ist ein Liebhaber aus Emilias
Vergangenheit, als sie „chula negra“, die Zigeunerin, war und Hauk
ruiniert hat. Er gilt seitdem als verrückt, weil er nur noch von diesem
Erlebnis zehrt. Emilia spricht auch immer von Pepi Prus. Das ist der
Mann, den sie wirklich geliebt hat und der mit ihr das Elixier nehmen
wollte, um mit ihr dieses Endlos-Leben zu leben. Also es geht immer
wieder um Liebe, sei es in der ferneren oder der jüngeren Vergangenheit
oder auch in der Gegenwart. Aber Emilia ist müde der Liebe. Und müde der
Liebe sein heißt todgeweiht.
Als zusätzliche Figur eingefügt ist ein Tänzer.
Der Tänzer
spielt die Rolle des Todes, der immer unter uns ist. Der
Tod liebt die Marty, er wirbt um sie und stellt sich auch immer zwischen
Albert McGregor und Emilia Marty. Albert beschreibt im Liebesduett, dass
etwas Grausames von Emilia ausgeht und dass er sie töten möchte. Ich
erzähle dieses sehr ungewöhnliche, extreme Fühlen von Gregor, indem er
mit dem Tod kämpft, wenn er die Marty berühren will. Die Bandbreite an
möglichen Denkansätzen ist etwas sehr Interessantes und Extremes in
diesem Stück. Es gibt keine gesetzte Ebene, sondern Janáček switcht
zwischen den Ebenen hin und her, ähnlich wie Mozart, der das in seinen
Partituren auch tut. Nur hält Mozart sich noch mehr an den
kompositorischen Kodex. Janáček macht
in dieser Partitur, was er muss, und das ist grandios.
Der Showdown kommt mit der Gerichtsszene.
Alles
mündet in dieser Szene im 3.Akt. Alle Figuren außer den beiden
Nebenfiguren – der Aufräumfrau, dem Maschinisten und Janek, der sich ja
das Leben genommen hat –, alle richten sie die Marty. Erzählt wird das
als Groteske. Am Ende des Stücks lösen sich diese Figuren in einen Chor
auf, also in die Allgemeinheit, mit der wir angefangen haben.
Was ist die Quint-Essenz dieses merkwürdigen Stücks? Die Marty
scheint auch wie ein Todesengel. In ihrer Gier nach Leben verbrennt sie
die Menschen um sich herum: den Gregor, der sich in sie verliebt und das
nicht leben kann; den Janek, der Selbstmord begeht; den Prust, der sie
begehrt und bitter enttäuscht ist von der Liebesnacht mit ihr. Sie
strahlt Kälte um sich wie ein Gesang-Superstar – sehr modern.
Diese Gier
ist die Quintessenz. Die Gier nach immer mehr: nach mehr
Geld, Macht, Schönheit, Lebensverlängerung, in den Kosmos reisen,
anstatt die Erde zu genießen, dass wir uns nicht bescheiden können auf
das, was wir sind und was wir in uns haben, sondern wir wollen immer
weiter nach außen. Ich glaube, darum geht es, um diesen zerstörerischen
Widerspruch.
Am Ende verbrennt sich die Marty gleichsam selbst – bzw. Krista, eine
junge Sängerin, die die Marty ebenfalls glühend verehrt und darum ihre
Karriere beenden will, Krista wirft das lebensverlängernde Rezept ins
Feuer. Marty stirbt. Es scheint wie ein Kommentar zu medizinischen
Experimenten heute, die Leben immer mehr verlängern wollen aber wenig
bewirken.
Ich glaube,
der Marty wird das bewusst: es geht nicht um die
Quantität, sondern um die Qualität. Das wird das Immer-Moderne sein an
dem Stück, dass wenn wir Ruhe haben, sauberes Wasser, gesundes Essen,
gute Luft, einen lieben Menschen, genug zu denken und zu tun, dass das
eine Erfüllung sein kann. Und dass das Immer-mehr-in-die-Extreme-gehen,
das Immer-schneller-höher-weiter – wie dieser Fackellauf jetzt zur
Olympiade bis auf den Mount Everest –, dass das alles ad absurdum führt,
was die Idee des Lebens eigentlich ausmacht: nämlich dass der Mensch
sein Potenzial lebt, dass er versucht, an das heran zu kommen, was er
kann, und dass er sich nicht mit irgendwelchen Ersatz-Pillen befriedigt.
gfk, Mai 2008
|
|