Slonimsky/Bulgakow:
Der Meister und Margarita
Deutschsprachige Erstaufführung in Hannover
(dt. EXPO-Pavillon),
9.Juli 2000,
Premiere in Rostock
am 6.Oktober 2000
Etwas Fantastisches, Körperloses,
Gespenstisches hat im Moskau der Stalin-Zeit der Alltag
von Michail Bulgakows Meister und Margarita.
Der Autor ist in diesem
Jahrhundertroman Medium und Spiegel. "Echtzeit"
und Antike, reale und Fantasiewelten, Gefühlsräume und
Bilder stürzen ineinander. Die Gesetze von Ort, Raum,
Zeit, Dynamik, Logik, Schwerkraft und Perspektive sind
aufgehoben.
Moskau 1928/39 das ist die Zeit der Industrialisierung,
Massenkollektivierung, der Stalinschen
"Säuberungen". Krakenhaft will das System
alles in sich einfunktionieren, die Schaffensressourcen
des Einzelnen zerstören und zernutzen. Freiräume
öffnet im Roman die Verknüpfung der drei Ebenen von
realer Zeit, Historie (Pontius Pilatus & Jesus) und
einer zeitlosen Liebe.
Diese
Liebesgeschichte von Meister und Margarita ist der
"rote Faden". Die Liebe transzendiert die
kruden Kausalitäten. Die Ereignisse um die Versuche des
Meisters, einen Roman über Jesus & Pilatus zu
veröffentlichen und das Erleben, wie das politische
System dies hintertreibt, reißt Margarita in einen Strudel der
Aufsässigkeiten. Sie steigt aus dem System Stalins aus.
Margarita wird zur Unantastbaren, zur Hexe.
Ihre
Figur schlägt die Brücke zu dem anderen (historischen)
Aussteiger, dem Philosophen
Yeshua [Jesus]. Dessen Thesen
revolutionieren die jüdische Orthodoxie und zerstören
letztlich das Römische Reich. Seine Botschaft ist die
der Liebe - gegen einen stumpfen Materialismus. Der Bogen
weitet sich bis zum Heute - etwa eines Salman
Rushdie und seiner Satanischen Verse
in der häretischen
Blasphemie des islamischen
Fundamentalismus.
Entlarver
von Korruption und Amtsmissbrauch, von Lüge und
Schmeichelei bei Bulgakow ist der Teufel und Lichtbringer Voland, nachempfunden dem aus
Goethes
Faust. Er führt das
Sündenregister, sorgt für ausgleichende Gerechtigkeit.
Der Autor sieht in der Irrenanstalt sich enden, weiß,
dass er diese Attacken nicht unbeschadet überstehen
wird. Sein Martyrium wird zum Gleichnis für den Kreuzweg
individueller Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wahrer poiesis.
Es ist ein Kampf in virtuellen Welten auf der Suche nach
der eigenen Sprache, nach sich selbst.
Und
der Kampf wird immer schwieriger, je raffinierter die
geheimen Verführer programmiert sind, je besser sie sich
tarnen. Das macht aber auch das Aktuelle aus an diesem
Stoff: des sich selbst Findens in einem Netz von
Fallstricken, des Benutzens, sich benutzen Lassens und
benutzt Werdens. An der Liebe seiner Frau und ihrer
Hingabe zweifelt der Meister nicht. Die Fähigkeit seiner
Frau, alles für ihre Liebe zu opfern, bringt ihm
letztendlich die innere Ruhe.
Bulgakow (1891-1940) hat die
Veröffentlichung seines Romans nicht erlebt. Erst 1966
konnte das Buch in den Nachwehen der Chruschtschowschen
Entstalinisierung auszugsweise erscheinen. Die erste
vollständige Ausgabe erschien in der Sowjetunion 1973.
In Engels-Geduld sich üben mit der Aufführung seiner
Adaptation musste auch der Komponist
Sergej Michailowitsch Slonimsky. Bald nach
dem Erscheinen dieses - für die Sowjet-Gesellschaft -
Schlüsselromans begann er mit dessen Vertonung.
Vollendet hatte Slonimsky seine Oper 1972 (Libretto: Juri
Dimitrin und W.Fialkowsky). Nach einer geschlossenen
Aufführung des ersten Akts 1972 vor Mitgliedern des
Leningrader Kirow-Theaters hagelte es Attacken von Seiten
der Breshnewschen Kulturbürokratie. Als
"fehlerhaft" und "ideologisch
rückschrittlich" wurde das Werk abqualifiziert.
Erst in der späten Glasnost-Zeit, am 20.Mai 1989, konnte die Oper
konzertant in der großen Halle des Moskauer
Konservatoriums erstmals erklingen. Am 11.Februar 1991
folgte die szenische Uraufführung im Mossowjet-Theater
Moskau. Slonimsky übernimmt in Meister und Margarita
von Bulgakow den Montagestil. Alle drei Ebenen schichtet
er ineinander. Der Text in dieser rezitativischen
"Liturgie" ist gleichberechtigt neben der
Musik. Das Stück neigt sich zum Melodram und Schauspiel.
Die philosophischen und grotesken Züge werden
akzentuiert.
Als einer der ersten Komponisten der
"Nach-Stalin"-Generation hatte Slonimsky
experimentiert mit einer Erweiterung der musikalischen
Spielräume: 12ton-Technik, Aleatorik, grafische
Notation, Vermischung "ernster" und
"popularer" Sphären. Die intensive
Beschäftigung mit Folklore prägte seiner Musiksprache
eine Vorliebe ein für modale und mikrotonale
Modulationen.
Geboren wurde Sergej Michailowitsch
Slonimsky am 12.August 1932 in Leningrad (heute: Sankt
Peterburg). Ab 1955 studierte er am dortigen
Konservatorium. Ein Großteil von Slonimskys
Kompositionen sind Vokal- und Chormusik. Sein
dramatisches Talent zeigte er in seiner ersten Oper Virineja
(1967) über die Wirren im nachrevolutionären Russland.
Meister und Margarita ist Slonimskys zweites Bühnenwerk.
Seine dritte Oper Maria Stuart, uraufgeführt
1981, brachte ihm erstmals öffentliche Anerkennung. 1983
wurde Slonimsky prämiert mit dem Staatspreis der
Russischen Föderativen Republik, 1987 geehrt als
"Künstler des Volks".
Die konzertante Aufführung 1989 von
Meister und Margarita unter
Michail Jurowski galt als Meilenstein einer
durch Gorbatschow ermöglichten Rehabilitation des
Komponisten. 17 Jahre hatte Slonimsky sein Manuskript
versteckt gehalten. Die ursprünglich 3aktige sehr
russische Kammeroper haben wir gekürzt auf
eine etwa zweistündige Fassung. Sie akzentuiert das
Stück auf seinen aktuellen Kern: die Künstlichkeit
eines Lebens als entpersönlichtes Objekt anderer
Mächte.
Freie Assoziationsebene ist in unserer Aufführung die
Live-Performance des Malers
Helge Leiberg, der mit seinen
Übermalungen mittels sechs
Overhead-Projektoren die Szene kommentiert, befragt, der
in die Szene eingreift, sie verwandelt. Mit unserer
Inszenierung wollen wir das Überzeitliche dieses "Martyriums" zeigen:
die Schwierigkeiten der Selbstfindung in einer Welt immer
raffinierterer "Verführer".
Arila Siegert
▲
Suchen ins Dunkle hinein
Interview mit Arila Siegert zu Meister und Margarita
Den Roman von Bulgakow kennen
viele. Auch die Schwierigkeiten um seine
Veröffentlichung. Der Komponist Sergej Slonimski
hatte ähnliche Schwierigkeiten mit seiner Oper. Erst
zu "Glasnost"-Zeiten konnte sie aufgeführt
werden. Worum geht es in Meister und Margarita?
Erzählt wird ja, dass ein Dichter seinen
Roman nicht drucken lassen kann. Slonimski
konzentriert sich auf die Geschichte zwischen Jesus,
Pontius Pilatus und Judas, also die Passionsgeschichte.
Er setzt sie ins Verhältnis zu den Leiden eines
Künstlers in der Stalin-Zeit und seiner Schaffenskrise,
bewirkt durch den Zwang eines politischen Systems.
Bulgakow untersucht am Fall Jesus Christus das Schöpferische und
die Liebe, die für ihn eine Einheit sind. Slonimski
nähert sich diesem Roman in großer Ehrfurcht. Die Worte
haben für ihn die gleiche Bedeutung wie die Musik und
der Gesang. Es ist ein Dienen, sich zum
"Jünger" machen für eine Sache ohne
Eitelkeit. Slonimski komponiert eine Art Liturgie, spart
aber auch die bizarren und grotesken Seiten des Romans
nicht aus.
Schon der Roman hat durch den
permanenten Wechsel der Ebenen - Historie, Gegenwart,
Traum - etwas Virtuelles. Wie ist das umgesetzt in
der Musik? Das Stück hat ja was von Passion im
doppelten Sinn: als Leiden und Leidenschaft.
Es springt
zwischen den Ebenen wie im Kino. Und der Komponist
versucht die Intensität durch Reduktion zu erzeugen. Er
reduziert den musikalischen Apparat auf meistens nur ein
oder zwei Instrumente, die kammermusikalisch
kommentierend, umschreibend, treibend eingreifen. Das
geht so weit, dass zwei Begleiter des Voland - das ist
eine Art Teufel - zwei Musiker aus dem Orchester sind,
Piccolo und Fagott, die als Begleiter mit auf der Bühne
agieren. Das ist bei Slonimski schon so vorgedacht. Bei
Bulgakow sind das die zwei wüsten Gesellen Begemoth und
Korowjew, die ganz Moskau durcheinander wirbeln.
Wie ist die Verschränkung der verschiedenen
Erzähl-Ebenen auf der Bühne umgesetzt?
Es ist eine Art
Puzzle, aber ich habe den einzelnen Ebenen doch Orte
zugewiesen. Die Geschichte zwischen Meister und Margarita
findet auf der Vorbühne gleichsam über dem
Orchestergraben statt. Es ist ja eine Kommunikation im
Geiste. Meister und Margarita erreichen sich nicht, sie
haben sich verloren. Die Pontius-Pilatus-Jesus-Ebene
findet im Hauptraum der Bühne statt, einer Art Büro,
einer Zentrale. Die Szenen mit den
Schriftsteller-Funktionär Berlioz und Besdomny, einem
jungen Lyriker, sind in einem eingeklappten Vorzimmer.
Aber das wird auch immer wieder durchbrochen. Das
zentrale Thema aber ist schon die Liebesgeschichte der
Margarita zum Meister. Margarita wird zu einer Art
Ur-Frau, zur Hexe, zur Revolutionärin. Sie setzt sich
ein für das Werk des Meisters, sie ist seine Muse und
eine Kämpferin für die Sache der Kunst.
Der Teufel heißt Voland nach einer Figur in der
Goetheschen Walpurgisnacht. Ist er wie Mefisto: ein
Geist, der stets das Böse will und stets das
Gute schafft?
Er hat reinigende
Funktion. Er stößt in die schwachen Stellen der
Figuren, lässt sie auf ihrem eigenen Schleim
ausrutschen. Dabei hebt Bulgakow zugleich die moralische
Wertung von Gut und Böse auf. Voland zeigt den Leuten
den Spiegel, die kriechen und lügen aus Angst. Sogar
Pontius Pilatus hält er vor, dass er feige ist, weil er
Jesus ans Kreuz liefert; im Kampf warst Du nie feige,
sagt er ihm. Und der fragt sich dann, warum er seine
Karriere aufs Spiel setzt, wo ihm dies Amt eigentlich
zuwider ist. Der Pilatus als Stalin-Chiffre ist schon
auch eine sehr interessante Figur. Bulgakow spricht ihn
ja am Ende von seiner Schuld frei, indem Voland den
Meister auffordert, seinen Roman zu vollenden. Bulgakow
räumt so Figuren wie Pilatus - sprich Stalin - eine
Chance ein, sich weiter entwickeln zu können. Der Teufel
ist ein Verfechter der Kunst: Manuskripte
brennen nicht, sagt er. Er ist ganz
empört, als Margarita ihm berichtet, der Meister habe
das Manuskript verbrannt. Aber Voland hält es in der
Hand. Er ist ein schöpferischer Geist. Er ist Ritter,
Tod und Teufel.
Zu
den drei Erzählebenen im Stück kommt in Ihrer
Inszenierung noch eine weitere: die eines
Live-Malers. Warum? Was hat er zu tun? Ist er auch
eine Art "Teufel", der gleichsam von außen
auf das Geschehen lenkend einzuwirken versucht? Kann
er in die Aufführung eingreifen?
Ich habe ein
theatralisches Mittel gesucht, der Immaterialität des
Stoffes gerecht zu werden. Was Helge Leiberg malt, wird
auf die Bühne projiziert. Zum Beispiel bei der
Judas-Szene malt er einen Fries. Der Judas
vervielfältigt sich, und der ganze Raum füllt sich mit
Denunzianten durch die Jahrtausende. Oder wenn Jeschua
(Jesus) versucht, den Pilatus zu bewegen, zu berühren,
dann fängt der ganze Raum an aufzublühen durch das, was
Helge malt. Es ist eine Art Kommentar, aber auch eine
Konzentrierung: zum Beispiel in der sehr langen
Kreuzigungsszene. Da wollen wir die figürliche
Assoziation vom Leidensmann am Kreuz tilgen. Das
Übermalen soll den Vorgang verallgemeinern,
abstrahieren. Realismus wollen wir vermeiden. Das ist
auch so in der Arbeit mit den Darstellern: wir meißeln
die Figuren heraus, wir legen Charaktere frei durch
Weglassen, um eine Kunstebene zu erreichen. Der
Zuschauer soll weiterdenken, interpretieren, assoziieren,
reflektieren. Wenn Darsteller auf der Bühne sich
bewegen, so wie wir uns immer bewegen, verwischt das das
Wesentliche.
Noch
mal zur Margarita. Neben dem Meister und dem Teufel ist sie in dem
personenreichen Stück eine Hauptfigur. Ist sie für Sie mit ihrem
Hexenhaften auch eine Art Identifikationsfigur? Mit Hexen hatten
Sie’s ja in Ihrer Arbeit als Tänzerin und Choreografin in der
Vergangenheit immer wieder.
Frauen, die Mut haben, Grenzen zu überspringen, beeindrucken mich
natürlich sehr. Das finde ich sehr wichtig für uns
jetzt im 21.Jahrhundert, wo die Frauen ja kommen. Und im
Vergleich zu Fausts Gretchen ist es eine solche Erholung,
diese emanzipierte und kreative Frau im Bulgakow zu
erleben. Sie durchdringt die Ebenen, sie geht in
virtuelle Welten, sie verkauft ihre Seele dem Teufel, um
den Meister zu sehen, um ihn wieder zu finden. Sie geht
keine ausgetretenen Pfade. Sie springt in Situationen,
die sie nicht kennt. Sie scheut die Angst nicht vor
verschlossenen Bereichen. Sie geht in die
Feuer-Wasser-Probe. Sie sucht ins Dunkle hinein. Wenn man
weiter kommen will, muss man springen. Das tut sie.
b.bartz
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