Tatjana – der Fado, der Blues
Zur Inszenierung von Tschaikowskys Eugen Onegin
Welche
Sicht soll die bestimmende sein, die Tatjanas? Sie äußert sich im
Brief. Wie ist es mit Onegin? Er wird viel weniger deutlich erzählt, ist
deshalb aber nicht weniger präsent. Im Verlauf des Stücks lösen sie sich
gleichsam einander ab. Am deutlichsten umrissen ist die Abwesenheit des
Einen im Anderen. Ihre intensivsten Begegnungen haben sie in Gedanken oder
im Traum: Berührung in der Unmöglichkeit, Realität als Fremde!
Die beiden anderen, Olga und Lenski, fliegen tiefer. Sie glauben nicht so
an sich, ringen nicht so umeinander wie Tatjana und Eugen. Allerdings – Lenski verliert im Unterschied zu Olga sein Leben. Beide sind viel
einfachere Zeitgenossen. Sie lassen sich verkuppeln, leiten, lenken.
Tatjana und Onegin sind Außenseiter, Lenski und Olga segeln im Mainstream
– „Normallage Oberschicht“.
Begabte junge hoffnungsvolle Leute! Beide
neigen sie dazu, sich zu fügen, nach Anderen sich zu richten. Das gängige
Maß. Wiederholung wird nicht hinterfragt, sie wird gelebt. Wege sind
vorgezeichnet, Entwicklungen abgesteckt, Veränderungen nicht eingeplant.
Beide wollen Kinder bleiben, haben Angst vorm Erwachsensein, klammern sich
an Gewohnheiten, erwarten die Fiktion der großen Liebe vom Anderen,
projizieren sie auf den Anderen. Aber auch das kleiner karierte Leben
kostet. Die Angst hält den Spielraum eng.
Lenski wirbt auch um den ihm überlegenen
Freund und Nachbarn Onegin. Der
verhält sich interessiert aber aus der Distanz: Ein intellektueller
Städter, verwandt mit Gremin, also Hochadel, Elite. Onegin ist einsam,
unerfüllt, resigniert, ein Wanderer zwischen den Welten. Er findet sich
mit seiner Rolle nicht ab wie Lenski, der geliebt sein will, den Erfolg
braucht für sein angeschlagenes Selbstbewusstsein. Aber er fühlt auch, was
Onegin, was Puschkin, was die gesamte Adelsgeneration im zaristischen
Russland lange umtreibt: Sie sind überflüssige Menschen. Onegin reist
ziellos durchs Land, sucht nach Möglichkeiten, gesellschaftlich nützlich
zu sein, dem Leben einen Sinn zu geben. In Geheimbünden wie Puschkin?
Das
Problem beider Figuren: Sie brauchen einen Helden. Was bei Lenski als
Schwärmerei und überschwängliche Poeterei kompensiert wird, äußert sich
bei Onegin in Sarkasmus und distanzierter Geringschätzigkeit.
Die Schwestern Tatjana und Olga sind Landeier. Vielschichtig,
introvertiert, zurückhaltend und genügsam die ältere, extrovertiert,
direkt, realistisch die jüngere. Tatjana flüchtet aus Angst vor dem Leben
in die Bücher,
Olga sieht das Schicksal der Mutter und will keinesfalls so
enden. Mit einer gewissen Aggressivität fordert sie Leben ein: Sei will
Spaß! Sie will – wie die Mutter – die Hosen anhaben, sie will in die
Großstadt. Lenski ist ihr zu versponnen, sie will ihn ein bisschen
ummodeln, aber er scheint resistent. Vielleicht findet sich doch noch was
Besseres, was Handfestes? Bei Puschkin heiratet Olga später einen
Offizier. Aber das Schlimmste ist doch die Langeweile! Als Kind war es
irgendwie lustiger. Jetzt ist alles öde, ohne Reiz, das macht ihr Angst.
Olga ist eine Spielerin, sie liest nicht, die
heutigste Figur.
Die größte Entwicklung macht Tatjana durch. In der Liebe zu Onegin lernt
sie ihr inneres Potenzial erkennen, über das Gefühl sich zu erheben, stand
zu halten, sich nicht auszuliefern, nicht daran zu zerbrechen – „kälter“
zu werden, äußerlich. Aber es ist für sie ein Opfer auf dem Altar der
Liebe. Sie verwandelt die Traurigkeit in Schönheit und reift zu einer beeindruckenden Frau. Tatjana – es ist die
Elegie des nicht erfüllbaren Lebens, die Liebessehnsucht, der Fado, der
Blues!
Arila Siegert
Zu den historischen Hintergründen der Geschichte

Beerenzeit, Einmachzeit. Die Alten kochen Konfitüre, die Jungen träumen
von anderen Süßigkeiten. Doch die sind mit Gift versetzt. Onegin zum
Beispiel. Ein Weltenbummler, etwas von oben herab, etwas zynisch. Als
Tatjana ihn sieht, denkt sie: der ist es, von dem träumte sie schon immer;
den will sie haben oder keinen. Aber der hat für sie nur Sprüche. Sie
heiraten? Sie soll erst mal in Selbstbeherrschung sich üben! Und als sich
beide zu Tatjanas Namenstag im Januar wieder sehen – ihm eher lästig -,
tanzt er lieber mit der jüngeren Schwester: Olga. Die nimmt immer alles
spielerisch, leicht, auch die Liebe – und vergrätzt damit ihren von
Kinderzeiten an ihr „zugeteilten“ Freund Lenski. Der fühlt sich gar
persönlich beleidigt von Onegins Benehmen. Die Geschichte endet erst mal
im Duell, tödlich für Lenski.
„Lyrische Szenen“ untertitelte Peter Tschaikowsky seine 1877 begonnene,
zwei Jahre später im Maly Theater Moskau uraufgeführte Oper Eugen Onegin.
Es sollte etwas sein wie aus dem alltäglichen Leben gegriffen, ohne den
Pomp des Bolschoi, bekenntnishaft, intim - für Strawinsky Tschaikowskys
„russischste“ Oper. Die Anregung zu dem Stoff verdankte er
einer Sängerin. Und die Wieder-Lektüre von Puschkins gleichnamigem
Verspoem mit dem berühmten Brief elektrisierte ihn.
Es „traf“ ihn in
seiner eigenen Situation. Auch er suchte nach einer Verbindung, die ihn
endlich aus dem Schatten der Heimlichkeiten befreien könnte: Heiraten,
„wohlanständig“ werden, wie Tatjana nach dem Scheitern mit Onegin in den
Armen eines älteren Generals. Tschaikowsky nennt ihn bewusst Gremin. Und
nicht nur in dem Punkt ändert der Komponist die Vorlage Puschkins ab. Das
ganze Stück hat bei ihm einen viel persönlicheren, intimeren Charakter.
Fast „versteckt“ es sich. Ängstlich.
Für Puschkin war die Onegin-Figur sehr viel politischer, autobiografisch
gefärbt, ein Zeitbild. Abgelauscht ist sie anfangs der mefistofelischen
Titelfigur von Lord Byrons spätem Don Juan-Poem. Es ist ein Abgesang auf
die Enttäuschungen einer ganzen Generation, die laborierte an Napoleon und
seinem „Verrat“ an den Idealen der Französischen Revolution. Eine „verlorene“
Generation ist es, die sich hier artikuliert. Ihre „Langeweile“ ist ein
Leiden am stecken gebliebenen Aufbruch. Puschkin sucht eine neue Rolle für
sich und seine Standesgenossen im zaristischen Russland. Man verbandelt
sich in Geheimbünden. Auf der ersten Station seiner mehrjährigen
Verbannung beginnt Puschkin mit dem Poem, schreibt daran viele Jahre
(1823-1831). Ein Kapitel, in dem er die bittersten Erfahrungen seiner Zeit
schildern will, verbrennt er wieder. Es hätte die Zensur nicht passiert.
So bleibt der Schluss offen.
Wer also sind die Figuren in dieser Oper?
Ist Tatjana nur das anfangs
Romane träumende späte Mädchen, das von der Mutter dann aus dem Dorf in
die Stadt, nach Moskau und Sankt Petersburg spediert wird, damit sie
endlich unter die Haube kommt, und die ängstlich abweisend reagiert, als
Onegin sie dort aufstöbert und er nun von ihr begehrt, worum sie einst ihn
gebeten hatte?
Ist Onegin nur der kalte Zyniker und gelangweilte Dandy,
der erst die Dorfpomeranze Tatjana abblitzen lässt, dann möglicherweise
seinen Skandalpegel mittels einer Affäre mit der Fürstin in Petersburg
wieder heben will? Was verkörpert Lenski mit seiner etwas kindlichen
Schwärmerei für die noch kindlichere Olga, die nach seinem Tod einen
Ulanen sich schnappen wird? Warum saugt er sich fest am alten Ehrenkodex,
der ihm das Lebenslicht ausbläst? Für Onegin, der das Duell fast
verschläft, ist so was der Schnee von gestern. Und was verbindet sich mit
der Figur des Gremin? Ist auch er nur einer der enttäuschten Alten? Was
zieht Tatjana zu ihm?

Verfolgt man die Spuren in den Biografien der Autoren – Byron, Puschkin,
Tschaikowsky – und die historischen Hintergründe, ergibt sich ein sehr
viel klareres Bild. Es sind dunkle Schicksale in einer dunklen Zeit an
einer Wende, mit Parallelen zu heute. Und frappierend ist ja auch, dass
alle drei Autoren eines mehr oder weniger unnatürlichen Todes starben.
Byron als Freiheitskämpfer 1824 in Griechenland, Puschkin nach einem
sinnlosen Duell 1837 in Petersburg, Tschaikowsky (sehr wahrscheinlich)
1893 nach einem Glas vergifteten Wassers, das er leerte aufgrund eines
Femegerichtsurteils wegen seiner Homosexualität. In allen Figuren hat der
Komponist auch etwas eingeschrieben von sich, seinen Befindlichkeiten,
seinen Gefühlen – auch in der etwas harten Gutsherrin Larina und der
„eigentlichen“ Mutter Tanjas, der Kinderfrau Njanja. Sie steht für das
Erdige, die Bodenhaftung, das was ihm fehlte.
Eugen Onegin - es ist die Geschichte von im Fluss der Tränen
erstickten Hoffnungen, in Schönheit aufgehoben. Und immerhin Tatjana gelingt diese
Sublimation,
wenigstens auf Zeit. Die Partitur des Onegin weist in ihrer
kammermusikalischen Durchlichtung eher auf Frankreich, auf die
Sensibilität eines Massenet, ja eines Debussy voraus. Als das „Land der
Tränen“ gilt vielen Russland, und
Eugen Onegin ist gewiss auch in diesem Sinn Tschaikowskys
„russischste“ Oper.
Programmheft

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