Die Frauen


Erntetanz


Der Brief, ob sie ihn schreiben soll


Der Brief


hinten Onegin


Onegin belehrt Tatjana


Die Liebe im fernen Nebel


Lenski hadert mit Olga


Lenski vor dem Duell


Geisterball in St.Peterburg


Onegins Brief


Die Briefe übermalen sich


Onegin fleht um ihre Liebe


Vergeblich


Aus - alles vorbei mit Onegin

Das Glück erkennen

Arila Siegert über ihr zweites Herangehen an Tschaikowski-Puschkins „Eugen Onegin“

Premiere: Freiberg, 09.März 2013 /
Döbeln 30.März 2013
Musikalische Leitung: Ido Arad
Ausstattung: Moritz Nitsche

Plakat-Entwurf

 

„Eugen Onegin“ wird heute meist auf großen Bühnen gespielt. Du hast es so auch schon mal vor Jahren in Chemnitz inszeniert. Jetzt hier in Freiberg ist das eine sehr kleine Bühne. Wie geht man da ran?

Das zwingt einen zum Wesentlichen. Man lässt das Äußere weg und dringt immer mehr zum Kern vor. Das ist eine sehr mit Reduktion verbundene Konzentration auf die Basis von Leben, von zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine im besten Sinne Abstraktion, eine lyrische Verdichtung. Puschkin hat ja ein Poem geschrieben, und Tschaikowsky nannte es Lyrische Szenen.

Was ist denn der Kern? Onegin ist krank vor Langeweile und Ekel an seiner Adelswelt. Tatjana kuschelt sich in ihre Bücher, und plötzlich überbordet die Emphase ihres Liebes-Erlebnisses, was Onegin abschreckt. Am Ende ist es umgekehrt: sie bleibt cool, bei ihm wallen die Gefühle.

Leben lernen ist für mich der Kern: Dass wir mit unseren Gefühlen und mit den Lebens-Situationen oft nicht richtig umgehen. Es ist ein Drama der Liebe. Onegin und Tatjana können beide nichts dafür. Sie sind unerfahren, sind auch ausgeliefert ihren jeweiligen gesellschaftlichen Situationen. Onegin ist im Hochadel aufgewachsen. Sehr früh hat man ihm abgewöhnt Gefühle zu zeigen, sie ernst zu nehmen, stattdessen sollte er nur immer die Etikette befolgen. Tatjana ist aufgewachsen in der Einsamkeit auf dem Lande. Sie ist ein besonderer Mensch, freut sich nicht an all den Dingen, an denen sich sonst Leute freuen. Sie ist introvertiert, eine Suchende. Und diese beiden Charaktere, diese beiden Lebens-Situationen prallen aufeinander. Tatjana bewältigt dieses Drama mit Größe, sie wächst daran, sie kann das sublimieren in die Position eines Menschen, der die Gefühle auch der anderen wichtig nimmt und nicht nur sich selbst. Sie wird Quelle der Freude zumal für Gremin, ihren Mann, und für seine Umgebung. Onegin bleibt verhaftet in der Schuld, dass er sich mit seinem Freund Lenski duelliert hat, dass er ihm nicht die Hand geben konnte und sagen, das ist Quatsch, was wir hier machen, diese Eifersucht ist sinnlos – nein, sie zielen aufeinander, und Onegin trifft Lenski; ich glaube, er trifft ihn aus Versehen. Und nun hat er die Bürde zu tragen, dass er diesen Freund für immer verloren hat. Dazu die Haltung, dass er seinen eigenen Gefühlen nicht traut, sich überall langweilt und alles von oben herab betrachtet. Er kommt nicht weiter und endet dort, wo Tatjana angefangen hat: er ist seinen Gefühlen hoffnungslos ausgeliefert.

Hat sich dein Blick auf die Figuren verändert? Das eigentliche Thema des Stücks sind ja die scheiternden Beziehungen der Paare Tatjana-Onegin, bzw. Olga-Lenski. Wie aktuell sind die heute?

So eine Oper kann man in tausend Varianten inszenieren, auch wenn das derselbe Mensch ist, wie ich, der das schon einmal auf einer größeren Bühne mit größerem Aufwand und einem viel größeren Ensemble realisiert hat. Ich glaube nicht, dass sich grundlegend was geändert hat an meiner Empfänglichkeit für Lyrik. Es hat sich hoffentlich konzentriert. „Eugen Onegin“ ist ein romantisches Stück. Tschaikowsky und auch Puschkin gestalten beide in ganz unterschiedlicher Weise ihr Denken, ihr Leben und auch ihre Erfahrung in ihren Werken. Es wird da ein großer Kreis über die Jahrhunderte gezogen. Und wir heute sind diesen Dingen genauso ausgeliefert. Wir sind zwar nicht mehr so stark in Klassen unterschieden, voneinander getrennt und entfernt in unserem Verhalten. Trotzdem ist die Verständigung zwischen den Menschen und das Wissen darum, was sollte man beachten und was kann man übersehen – das kommt erst mit der schmerzlichen Erfahrung des Lebens. Wenn man jung ist, ist man den Empfindungs-Stürmen und Moden ausgesetzt. Heute werden durch die Medien, das Internet und die sogenannten sozialen Netzwerke Trends gesetzt. Und was trendig ist und was nicht, bestimmt das Verhalten von jungen Menschen. Aber was Glück ist, kann man nicht googeln, man muss es erkennen.

Wie „russisch“ ist das Stück? Wäre es auch im heutigen Russland so denkbar?

Diese Duscha, die Seele, diese starke Gefühls-Betontheit ist sehr russisch. Verkörpert in der Oper durch die Bauern und die Njanja, aber auch letztendlich durch Gremin, der diese Liebe fast kultisch feiert in seiner großen Arie. Auch Tatjana, Onegin, Olga und besonders Lenski sind schwärmerisch bis ins Existenzielle. Das deutsche Wesen ist viel verkopfter. Das Schwärmerische findet man bei Puschkin und Tschaikowsky und eben diesen Figuren. Das ist, denke ich, immer noch so. Ich habe ja als Tatjana eine russische Sängerin. Sie verteidigt in dieser Inszenierung ganz Russland, und ich achte das auch sehr.

Eine Schwierigkeit auf solch einer kleinen Bühne ist wohl der Chor: Die Bälle im zweiten und dritten Akt. Andererseits war die Uraufführung ja zunächst für eine relativ kleine Bühne gedacht. Ein Mittel hier bei dir, die Spannung zu halten, sind die häufigen quasi filmischen Perspektiv-Wechsel.

Ich glaube doch, was für Russland klein ist, wäre für uns schon groß. Ich vermute, dass diese Moskauer Konservatoriums-Bühne so klein nicht war. Mit dem abrupten Wechsel zwischen Gruppe und Einzelnen will ich das Wesentliche hervorheben. Diese Schnitte sind ja auch komponiert. Und ich gehe manchmal ran wie im Film bei einer Nahaufnahme: Zum Beispiel bei Lenski im zweiten Akt, wie er immer weiter hinein driftet in diese wahnhafte Eifersucht – das erzähle ich sehr deutlich und anderes blende ich aus. Das ist ein Mittel, diese grundlegenden Stränge heraus zu modellieren, und das unterhaltsame Bunte zurückzudrehen in diesem – Liebesgedicht.

Im dritten Akt erscheint Lenski dann als eine Art Geist.

Nur in der Polonaise. Tschaikowski hat die ja so komponiert, dass man Onegin als einen Mann versteht, der von Ball zu Ball schweift und sich dennoch überall langweilt. Bei mir sieht er im Geiste alle früheren Figuren aus seinem Leben. Alle Solisten sind beteiligt in dieser Polonaise. Aber wo Onegin auch hinkommt – er kann seiner Vergangenheit nicht entfliehen. Er wird die Gegenwart immer an dem messen, was gewesen ist. Er flüchtet vor dieser Vergangenheit von Event zu Event und kann sie nicht verarbeiten. Deshalb ist die Polonaise schon ein Schlüssel für Onegin im Stück.

Die perspektivisch gestaltete Bühne von Moritz Nitsche, mit dem du zum ersten Mal zusammen arbeitest, hilft wohl auch, Spannung zu halten bzw. zu steigern.

Die Einfachheit, die Geometrie ist ein starkes Mittel. Der kannst du nicht entfliehen. Die prägt das Geschehen und ordnet es auch. Es bekommt dadurch etwas Eingezirkeltes.

10.Febr. 2013, gfk
Zu Eugen Onegin, Erstfassung, Chemnitz 2003

index-
archives
presse