Zu Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald
Gluck
Premiere am 5.Juni 2004 im Volkstheater
Rostock
Wie Orpheus
Warum
müssen wir uns entäußern? Was treibt uns? Entsteht der Drang zum
Ausdruck aus dem Mysterium des Todes? Weil wir nicht verstehen, was der
Tod macht mit denen, die am Leben bleiben. Wie soll man sich auch freuen,
wenn man das Liebste verloren hat, wie den Verlust ertragen, wie weiter
leben?
Etwas begehrt auf in uns.
Welche
Macht will uns bezwingen? Wieso erlaube
ich diesen Untergang, will ihn sogar? Der Gedanke ist verführerisch. Sich
abwenden, einfach abgehen von der Bühne. Ein inneres Bild, wie ein
eingebranntes Zeichen, nicht mit dem Verstand zu heben, drängt sich auf,
drückt, gibt keine Ruhe, als ob es ständig klopft und klingelt. Also, es
beginnt zu läuten, und wir konzentrieren uns, sammeln die Kräfte. Alles
wird in die Waagschale geworfen. Ein Glück, wer ein Instrument hat, wer
Worte findet für das Unsagbare. Der Sog ist stark, er droht uns hinab zu
ziehen. Aufstand gegen den Tod. Wir beginnen zu steigen. Wir nehmen den
Kampf auf.
Mühselig
kehrt Leben, Kraft, Lust zurück. Wie es sagen, tanzen,
singen? Wir machen einen Plan, finden eine Form. Wir tasten uns vor. Wort
für Wort, Schritt für Schritt. Es geht nicht weiter. Wir überlegen
Varianten. Es klappt nicht. Ein Umweg, ein Sprung? Abwarten. Zentimeter um
Zentimeter versuchen wir uns durchzukämpfen in der Dunkelheit.
Nichts wird einem geschenkt. Man muss früh aufstehen. Ohne Opfer kein
Erfolg. Durststrecken. Jetzt nicht nachgeben! Weiter, egal ob es sinnlos
ist. Angst! Plötzlich geht alles wie von selbst. Es fügt sich – Wort für
Wort, Schritt für Schritt. Das Lied ist fertig, es besänftigt die „Tiere“.
Ein Bild prägt sich ein, ein Ausdruck für den Schmerz, die Liebe. Jetzt ist
das Unsichtbare, nicht Greifbare, zu fassen. Es ist eingeschrieben in die Welt.
Unsterblich.
Arila Siegert

Zerrissen – eins
Es gibt nichts, was zufällig ist hier. Das Stück lebt vom Ton. Jedes
Wort wird durch Töne ausgedrückt, gerade auch in den Rezitativen. So
erläutert es GMD Wolf-Dieter Hauschild den Sängern am Beginn der Proben.
„Wenn es einfach ist, dann ist es das einzig Richtige“ – das war,
abgeleitet vom antiken römischen Dichter Horaz, das Motto der Autoren.
Eine „Musikalische Handlung“ nannten sie ihre Version des antiken Mythos
von Orpheus und Eurydike. Sie wollten nicht wie die Fiorentiner
Camerata mit Rinuccini-Peris Euridice (1600) die Oper neu erfinden,
sie wollten ihr einen neun Schub an Ausdruckskraft verleihen. Nicht
zufällig beziehen sie sich mit ihrem Werk auf den antiken Sänger und
Spieler der Kithara oder Leier, Orpheus, der der Sage nach mit der Kraft
seiner Musik Tiere bezaubern und Ungeheuer besänftigen konnte.
Treibende Kraft der Theater-Reform war der aus Genueser Finanzadel
stammende Graf Durazzo (1717-94), später Förderer von Mozart und
Wahrer des Nachlasses von Vivaldi. Seit 1754 war
er Hoftheaterdirektor in Wien. Als Komponist und Kapellmeister holte er
sich für seine zunächst an der französischen Opéra comique orientierten
Reformideen den fast gleichaltrigen Christoph Willibald Gluck
(1714-87). Der hatte nach langen Wanderjahren dort sich niedergelassen und
eine Bankierstochter geheiratet. Als Tanzmeister engagierte Durazzo den
Landsmann Gasparo Angiolini (1731-18303). Der Tanz nämlich sollte
integrierender Bestandteil der neuen Oper sein.
Auch
im Tanz wollte man mit dem „Danza parlante“, dem sprechenden Tanz, zu
neuer Ausdruckskraft finden, worauf die Erfinder des neuen Tanzes im
20.Jahrhundert – die Isadora Duncan, Laban, Mary Wigman,
Martha Graham, die Ballets Russes – dann wieder sich
besannen. Zuletzt stieß zu dieser Wiener „Viererbande“ der italienische
Dichter und ebenfalls Finanzmann Raniero de’ Calzabigi (1714-1795).
Als Herausgeber der gesammelten Werke des „Königs“ der barocken Oper, des
Librettisten und Kaiserlichen Hofpoeten Pietro Metastasio, wusste
er genauestens, wogegen er war. Leiten ließ er sich dabei von der Oper
Rameaus. Wenn erst einmal, schrieb er 1755 in seinem
Metastasio-Vorwort, „rein menschliche Handlungen“ mit einem „stark
besetzten Chor, dem Tanz, der mit Dichtung und Musik meisterlich
zusammengesetzten Szene“ Grundlage der Oper wären, dann würde ein „äußerst
erfreuliches Ganzes entstehen“.
Den Mythos Orpheus gestaltet er als rein menschliches Drama, als
inneren Kampf des Sängers mit den Furien des Todes und mit den Niederungen
häuslicher Zweisamkeit in der Eifersuchtsszene des dritten Akts.
Die
Hochzeit des Künstlers mit Eurydike ist anders als bei Monteverdi und
seinem Textdichter Striggio (oder gar bei Rinuccini-Peri) nur noch
Erinnerung. Calzabigi lässt die Oper beginnen mit dem Tod Eurydikes à la
Rameau. Gluck entwirft für den Gang des Orpheus in die „eigene Hölle“, wie
es im Text heißt, weit gespannte Tableaus. Ariose und rezitativische Teile
greifen dynamisch ineinander, Vorbild später für Wagners
„durchkomponierte“ Musikdramen. Alle Rezitative werden vom Orchester
begleitet, nicht nur von einem „trockenen“ Basso Continuo. Der Chor ist
bei Gluck Partner und Gegenüber wie in der Antike. „Barocke“ Elemente wie
etwa die Figur des Amor werden gleichwohl nicht ausgespart.
Sie
sind Zeitkolorit, zeigen wovon man sich absetzen will. Amor ist zu
verstehen als eine Art „Liebespolizist“. Er vertritt die höfische Moral,
nach der der Herrscher bestimmt, wie es zugeht in den Betten seiner
Untertanen – siehe das in Mozarts Figaro angeprangerte „jus primae noctis“,
jenes feudale Recht, das dem Souverän die Entjungferung der Braut
vorbehielt. Er ist aber auch Animateur.
Orfeo ed Euridice ist kein Auftragswerk im eigentlichen Sinn.
Schon vor der ersten öffentlichen Aufführung „testete“ Gluck einzelne
Arien in privatem Kreise. Die Uraufführung am 5.Oktober 1762 fand freilich
im offiziellen Rahmen statt: zum Namenstag des Kaisers Franz. Das forderte
seinen Tribut. Sie wurde dennoch ein irritierender Erfolg. Die Kaiserin
schenkte Gluck eine Tabaksdose mit Gold-Talern. Zum „Renner“ wird die Oper
aber erst durch die späteren Umarbeitungen. 1769 transponiert Gluck für
eine fürstliche Hochzeit in Parma den Orpheus vom Mezzo in die Sopranlage.
So hatten auch die Kastraten-Stars der Zeit, die Sopranisten, neue
Glanzstücke zum Brillieren. Der Orfeo in dieser Fassung wurde gegeben als
vierter Teil eines Apollo-Fests. Das Werk (für uns heute: in idealer
Filmlänge) schien für den damaligen Zeitgeschmack zu kurz.
Oft
wurde denn auch eine der italienischen Fassungen mit Einlagen anderer
Komponisten „vermischt“ zu einem „Pasticcio“. Die gravierendste
Umarbeitung besorgte Gluck 1774 selbst für die Pariser Oper. Nach seinem
ersten Erfolg mit der Iphigenie in Aulis musste er schnell ein zweites
Stück nachschieben. In der Pariser „Académie royale“ waren Kastraten
unmodern. Aber seit Lully mussten die Opern ausgiebige
Ballett-Einlagen haben. So mutierte der Orpheus in eine Tenor-Partie, die
Handlung wurde ausgeschmückt mit zahlreichen Balletteinlagen. Aus dem
lapidaren Fresko wurde Große Oper. Der Pariser Fassung verdanken wir indes
einige Hinweise über den fast naturalistischen Ausdruck des Schmerzes, den
Gluck sich wünschte, etwa wenn Orpheus ins Reich der Furien vordringt.
1859 bearbeitete Berlioz dann diesen „Orphée“ noch einmal für
modernes Orchester. Die Titelfigur gestaltete er als Alt-Partie.
Wir wollen zurück zu der kantigen Frühform mit einer auch im
Gesangsstil und im Orchesterklang der „historischen“ Aufführungspraxis
angenäherten Musizierweise. Orfeo als Counter in Italienisch – eine
versierte Männerstimme kann sich durch ihr Obertonspektrum besser
durchsetzen gegenüber dem Orchester als ein Mezzo. Die dem Zeitgeschmack
geschuldeten Triumph-Balli sind gestrichen. Sie waren den Autoren, zumal
Calzabigi, ohnehin bloßer Tribut an den Hofgeschmack. Das ebenfalls der
Konvention geschuldete Happyend des „lieto fine“ unterlaufen wir durch
Anfügung eines Musikstücks, das auch Gluck adaptierte aus dem 1761 mit
Angiolini als erstem Reform-Ballett entworfenen Don Juan. Etwas anders
instrumentiert (mit Posaunen statt Flügelhörnern wie hier) kennt man es
als „Danse des Furies“ (Furien-Tanz) aus der Pariser Fassung. Es ist Don
Juans „Höllenfahrt“. Eingefügt haben wir auch die (getanzte) Figur der
Persephone als verführerische Fürstin der Unterwelt.
Dem
Mythos zufolge wurde Orpheus von thrakischen Tempeldienerinnen eines
matriarchalen Kults, den Korybantinnen, „zerrissen“, weil er nach
Eurydikes zweitem Tod der Frauenliebe abschwor. Sein Haupt soll nach
Lesbos geschwommen sein mitsamt der Leier. Ein Orakel wurde dort nach ihm
benannt. Bei uns wird er sterben, innerlich zerrissen. Er verliert die
Kraft über sein Instrument, seine künstlerische Kraft.
Orpheus, von dem es heißt, er habe am Zug der Argonauten teilgenommen
zum Raub des Goldenen Vlies – einer wichtigen Schaltstelle beim Wechsel
vom Matriarchat zum Patriarchat –, Orpheus galt vielen als vorchristlicher
Religionsstifter. Sein Zeichen: das Ei. Immer wieder diente er als Prophet von Reinheits-,
Askese- und Seelenwanderungs-Kulten bis in die nachchristliche Zeit. Auch
die künstlerische Bewegung des Orphismus von Apollinaire (1912),
die sich als eine Reinigung der Malerei von der Gegenständlichkeit zum
koloristischen Kubismus verstand, lieh sich von ihm den Namen.
Programmheft