Nicht mehr Sklave sein: ein Fest der
Fantasie, Freiheit, Kreativität
Die Comédie lyrique „Les Paladins“ von Jean-Philippe Rameau (*1683 in Dijon, † 1764 in
Paris)
Zur Produktion an der Rheinoper
Düsseldorf, Premiere 28. Jan. 2010
(Premiere Duisburg 29.04.10)
Dirigent: Konrad Junghänel / Inszenierung und Choreografie: Arila Siegert / Bühne: Frank
Philipp Schlößmann / Kostüme: Marie-Luise Strandt / Live Malerei: Helge
Leiberg / Dramaturgie: Hella Bartnig
Es war Rameaus vorletzte Oper, eine Ballett-Oper. 1760 wurde sie
uraufgeführt – und kein Erfolg. Rameau, damals knapp 77 Jahre alt, war
in einer Krise. 1752 wurde er hinein gezogen in den sogenannten
Buffonisten-Streit. Es ging darum, die etwas schwerfällig-zeremonielle
Tragédie lyrique ästhetisch zu öffnen hin zu mehr Leichtigkeit im Stile
der italienischen Buffa mit ihren lebensnäheren Stoffen, weg vom
barocken Ausmalen der Mythologie. Auch Rousseau und die Aufklärer
mischten sich ein in die Debatte, warfen Rameau seine allzu verzierte,
zu wenig natürliche Melodik vor, zweifelten generell am Französischen
als operngemäßer Sprache gegenüber dem Italienischen als einer „Musik
des Herzens“.
Rameau konnte die Kritiker zwar abschütteln, aber lange Jahre brachte
er keine neue Oper heraus. Mit „Les Paladins“ wollte er neu anfangen. Der
Stoff ist, einer Fabel La Fontaines folgend, nachgebildet den
Vormund-Mündel-Stereotypen der Neapolitanischen Buffa: älterer Mann und
Vormund einer jungen Frau, will diese (und ihre Mitgift) ehelichen. Aber
die junge Frau hat einen anderen jungen Partner im Sinn. Es gilt den
Ausbruch zu organisieren aus dem nicht nur sprichwörtlichen Gefängnis.
Und dieser junge Mann, Atis, macht das durchaus mit Pfiff: er maskiert
sich als frommer Pilger, mimt mit seinen Genossen den Aufbruch nach
Kythera. Dem Alten, Anselme, werden die goldenen Knochen vorgeworfen, an
denen er ja eigentlich nagen wollte. Und Argie, so heißt die junge Frau,
sucht mit Atis das Weite. So feiern sie den Triumph ihrer Liebe in einem
Fest der Kreativität.
Aber Rameau wäre nicht Rameau,
hätte er nicht auch einige kleine
Gemeinheiten in seine Oper verpackt, wiewohl er den Rationalisten
durchaus nahe stand. Dass Atis und seine Pilgrime als Blumenkinder daher
tanzen, als ob sie sich à la Watteau einschifften nach Kythera, ist gewiss auch ein Klacks Senf des aus Dijon gebürtigen
Komponisten auf das Haupt von Rousseau und seiner Anhängerschaft. So
porentief bio-rein wie der Natur-Philosoph sich gab, war er nun wirklich
nicht. Und auch die verfaulende Aristokratie des ewig lüsternen und
immer klammeren Louis XV und seine geldgierigen Ministerial-Bürokratie
bekommen ihr Fett ab. „Wir wollen keine Sklaven sein“, auch
Liebessklaven nicht, singt Argie triumphierend am Ende. Der „liberté“
wird schon hier das Wort geredet unter dem Zeichen bruderschaftlicher
„fraternité“.
Woran das Publikum
damals sich störte, war Rameaus Vermischung der
Gattungen. Man empfand das als Einebnung der Klassen. Es durfte nicht
sein, dass ein Komponist die Elemente der älteren Tragédie lyrique, auch
wenn die aufgefächert waren durch viele Ballette, mischte mit den neuen
Elementen der Buffa. Da konkurrierten mit einem alternden Freier von
aristokratischem Habitus auch dumme Gefängniswärter und listige
Dienerinnen auf der Opernbühne.
Uns heute reizt gerade diese Mischung.
Dennoch ist diese Oper seit der Wiederentdeckung 1967 in Lyon nur selten
aufgeführt worden. Zum einen wohl, weil sich keine wirkliche
Rameau-Aufführungs-Tradition heraus bilden konnte; der französische
Königshof hatte die Opern Rameaus für sich reserviert in Paris, und sie
wurden mit der Revolution „verschluckt“. Zum anderen bedarf es sie
aufzuführen einiger organisatorischer Anstrengungen wegen der Ballette.
Die sind integraler Bestandteil der Partitur, auch wenn man behutsam
kürzen muss, um den Fluss der Handlung nicht zu gefährden.
Die kleinteilige Musik des gelernten Organisten Rameau mit ihren
überraschenden Modulationen und oft abrupten auch rhythmischen Wechseln
empfanden die Zeitgenossen damals als „geräuschhaft“ wild. Gerade dies
und die rhythmische Kraft der eher rustikalen Tänze sind die Stärke
dieses Werks. Dennoch keine Oper wie andere, fast schon ein barockes
Musical. Man muss sich auf etwas sehr Besonderes ein- und alte
Opern-Sehgewohnheiten beiseitelassen.
gfk
*
Wie wir scheinen wollen, und was wir sind
Arila Siegert antwortet auf Fragen zu Rameaus „Les Paladins“
Das Besondere sind die Tänze. „Les Paladins“ von
Rameau ist eine Ballett-Opern-Komödie. Aber die Tänze sind nicht
eigentlich richtig in die Handlung integriert, sondern zum Teil mehr
Einlagen. Wie geht man damit um?
Tanz, Ballett, Oper
erfordern unterschiedliche Sicht- und
Herangehensweisen. Einlagen genügen mir in der Oper nicht. So habe ich
versucht, die Tänze in die Handlung zu integrieren. Für mich ist der
körperliche Ausdruck viel inspirierender, nicht unterworfen sprachlichen
Missverständnissen. Und das Körperliche gehört ja mit zur Komödie.
Konzeptuelles Theater – etwa auch ausgehend von einem Bühnenbild, dass
etwas in einem China-Restaurant spielt oder auf einer Wendeltreppe, und
dass das dann gnadenlos durchgezogen wird –, so was interessiert mich
nicht. Meine Arbeit geht aus vom jeweiligen Sinn der Szene. Ich versuche
daraus die Mittel zu entwickeln. Und körperliches Theater ist sinnliches
Theater; das gehört ja auch zur Commedia dell’ arte, die im Stück
präsent ist. Das Rhythmische der Musik, das Bewegliche der Fabel, die
auch mit einer Fee arbeitet, also mit der Ebene, die wir nicht sehen,
auf die wir aber reagieren – das alles hat mir geholfen, dass die Tänze
eingeflossen sind in die Handlung und dort Sinn machen. Ungewöhnlich
war, dass Sänger, Tänzer und Chor – dass alle körperlich arbeiten
mussten. Besonders auch der Chor war sehr glücklich dabei. Auch durch
meine spezielle Konzeption, dass ein Maler live die Szene übermalt,
ließen sich eigentlich alle Tänze im Wesentlichen erhalten mit leichten
Umstellungen und Kürzungen. Eine Linie im Stück heißt ja Beweglichkeit,
Fantasie, Pilgerschaft, Verrückt-Sein.
Weiß man denn, wozu die Tänze damals überhaupt
gedient haben? Hat mein damit ein Genre bedient, dienten sie zur
Unterhaltung oder sollten sie doch die Geschichte mit unterfüttern?
Tanz war
die große Leidenschaft Ludwigs XIV., und das hat sich dann
als Mode fortgesetzt. Tänze wurden einfach verlangt, sie gehörten zur
Noblesse und Eleganz des französischen Theaters. So empfinde auch ich
das, dass Musik und Tanz als eine ganz wichtige Ebene in der Oper
integriert wurden.
Die Geschichte ist ja relativ einfach, auch
vereinfacht gegenüber der Vorlage von La Fontaines Fabel, aber doch auch
sehr zeittypisch mit der neuen Bürgerlichkeit und gewissen Spitzen
gegenüber dem Adel und seinem System. Wie kann man das für heute
aufbereiten?
Der Anspruch auf Freiheit und Glück, um die es im Stück geht, bleibt
ja ein Menschenrecht, das immer wieder gefährdet ist, und das wir immer
wieder verteidigen müssen. Die Idee der Freiheit, des persönlichen
Glücks und der Brüderlichkeit, die ja schon im Titel der Paladins – der
Freunde, Vertrauten – mit angesprochen ist, das ist eine ganz
grundlegende Forderung an die Menschheit. Und insofern sickert das durch
alle Ritzen dieser hochartifiziellen Musik und dieser sehr eleganten und
überaus künstlichen Art, miteinander umzugehen. Interessant ist diese
Doppelbödigkeit, wie Rousseaus Maxime „zurück zur Natur“ verbunden wird
mit der hochartifiziellen Ausdrucksform der Verzierungen und der sich
immer mehr verkünstelnden Sprache. Das ist ein großer Reiz fürs Theater.
Im Mittelpunkt steht ja die Liebesgeschichte von zwei
jungen Leuten, die sich ihr Glück erkämpfen müssen gegen einen älteren
Mann, der wahrscheinlich ein hübsches Konto und auch eine gewisse
Lüsternheit hat. Der Alte steht für das Etablierte und gegen die jungen
Leute, die ihr Leben selbst neu bestimmen wollen und dabei letztlich
gewinnen. Wie ergeht’s dem Alten?
Ganz direkt: er verliert, wird ausgelacht, aussortiert,
ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Er ist am Ende der Genasführte, der
jetzt anfangen muss zu „pilgern“, um aus dieser Einsamkeit, in der er
endet, wieder heraus zu finden.
Das heißt, er muss sich an die neue soziale Kultur
anpassen, verändern.
Wenn er daran teilnehmen will, muss er im Sinne des Stücks „pilgern“.
Insofern ist es auch ein Stück, das sehr genau den Finger auf das
Problem der Zeit legt. Dieser Alte, der Anselme, steht ja für den König
und sein System, er steht für die herrschenden Verhältnisse, die Macht,
das Geld und die Privilegien. Er verkörpert die feudale
Willkürherrschaft, die hier gebrandmarkt wird, er will bestimmen wie er
will. Die Autoren konnten das nicht direkt sagen, sie haben es auf die
bürgerliche Ebene geschoben, die ja auch modern war in dieser Zeit –
also nachzudenken, was möglich ist außerhalb der Hofgesellschaft –, aber
gemeint war schon der König und der Hof.
Mit den Tänzen ist das zum Teil sehr grotesk
umgesetzt bei dir. Atis, der junge Mann, ist Anführer einer Art Flower-Power-Truppe,
der Paladins. Wie ging das zusammen: Solisten, Tänzer, Chor?
Ganz harmonisch, auch mit dem einen Breakdancer in der Truppe. Diese
verrückte Musik mit dieser sehr ausgeprägten Rhythmik ist ja fast
Ba-Rock, wirkt sehr modern auch für uns heute.
Ein Mittel der Aufführung ist wie schon erwähnt die
Live-Malerei von Helge Leiberg. Warum wolltest du die mit drin haben?
Mein Thema im Stück ist die Fantasie, das Überwinden von auch
existenziellen Problemen durch eigenschöpferisches Denken im Sinne von:
„Okay, ich bin am Ende und was mache ich jetzt? Was stelle ich an, damit
ich weiter leben kann und Spaß habe am Leben?“ Dadurch kam die Idee,
Helges Malerei mit einzubeziehen. Die Malerei greift direkt in das Bild,
das der Zuschauer sieht, ein und verändert es im Moment nochmal. Dadurch
entsteht ein Impuls beim Betrachter, die Veränderung, die jede Minute
mit uns passiert, noch deutlicher wahrzunehmen. Das löst ein Gefühl und
ein Denken aus: alles ist beweglich, alles ist veränderbar, und du bist
derjenige, der das selber gestalten kann.
Die Musik ist sehr kleinteilig, braucht auch szenisch
viele schnelle Wechsel. Dazu ist auch das Bühnenbild sehr beweglich,
gelenkig, schnell wandelbar – aber dadurch auch etwas kompliziert. Was
war am schwierigsten bei der Arbeit?
Es hat sich eines aus dem anderen entwickelt. Die Kleinteiligkeit ist
schon ein Problem. Das hatte ich aber auch schon vorher bei Purcells
„Dido and Aeneas“ studiert: wie geht man mit solchen schnellen Wechseln
um? Es gibt in „Les Paladins“ keine langen Arien, die längste ist vier
Minuten, die meisten sind weniger als zwei. Und meistens sind es
Rezitative und Ariosi. Die Kleinteiligkeit bringt aber auch einen großen
Reiz und Unterhaltungswert. Die Gefahr ist, dass man sich verzettelt.
Man muss die großen Linien des Stücks im Auge behalten. Ob das gelungen
ist, wird man erst am Ende sehen.
Die Ästhetik dieser Ballett-Oper ist eine wohl sehr
französisch-besondere in der Mixtur von Divertissement und Diskurs.
In dem Stück mischt sich die französische tragédie lyrique mit der
italienischen opera buffa. Im Grunde denkt der über siebzigjährige
Künstler Rameau hier nach über seine eigene Situation: wie kann, wie
muss sich die ältere französische Tradition der tragédie lyrique wandeln
unterm Einfluss der modernen italienischen Oper? Was passiert in diesem
Spannungsfeld von Volks- und Hoftheater? Es geht um Jung und Alt, auch
um die Erziehung der Jugend. Im Stück gibt es ja auch diese
philosophische Ebene, dass die Fee Manto – also die unsichtbaren
Geister, die um uns sind – helfen zu uns selbst zu kommen. Das wird
vorgeführt an der Hauptrolle, dem Atis, dem jungen Mann, der seine
Liebste, Argie, verloren hat und sie wieder zu gewinnen sucht mit Hilfe
seiner Freunde. Also es sind sehr viele Gedanken, die das Stück zu dem
machen, was es ist: ein philosophisch-theatralischer Entwurf, über Zeit
und Leben zu reflektieren. Man spürt auch die große Distanz, wie das
Material behandelt wird. In der Komödie liegen ja Lachen und Weinen eng
beieinander und die Trauer, warum wir etwas so machen und nicht anders.
Diese Art des Kommunizierens aus der Distanz ist ja
wohl auch eine besondere französische Eigenart dieser Zeit.
Darin unterscheidet sich Händel, dessen „Alcina“ ich zuvor inszeniert
habe, sehr von diesem Stück. Bei Händel ist alles sehr direkt. Hier wird
alles verklausuliert. Man drückt sich immer indirekt aus, durch die
Blume, verdreht Dinge, um an sein Ziel zu kommen. Sich geistreich,
spritzig, verrückt zu geben, sodass alle von einem begeistert sind, und
man dennoch hartnäckig seine Ziele verfolgt, das ist eine ganz
eigentümliche Form der Kommunikation. Am Hof waren sie ja hochgebildet,
langeweilten sich und ersannen Ränke. Auch verbale, indem sie sich
gegenseitig in die Irre führten.
Der Barock arbeitet ja auch im Bildhaften sehr viel
mit Schein.
Schein und Sein, sich dahin zu erziehen, dass man knallhart seine
Ziele verfolgt, aber das überhaupt nicht zeigt, sondern ganz charmant
und obenhin sich darstellt, ohne dass man seine wahren Absichten zeigt –
das ist in diesem Stück sehr präsent. Rameau hat das in einer sehr
witzigen, fantasievollen Form künstlerisch bearbeitet.
Aber der Anselme, der Alte, fliegt auf das
Scheinhafte herein. Er giert nach allem, was ihm die Manto, die Fee, an
Gold-Schätzen anbietet und lässt dafür lieber den eigentlichen möglichen
Schatz, die Argie, fahren. Also schon hier: Geld statt Liebe.
Die Prostitution, dass man seine Ziele erreichen will und die anderen
dafür benutzt und es einem ganz egal ist, ob man lügt und die anderen in
die Irre führt – die Härte dieser nebulösen Scheinwelt ist auch in dem
Stück. Ganz brutal – und sehr aktuell. Und es wird immer simuliert, als
ob das alles ganz toll ist. Das ist schon sehr verrückt und hat sehr
viel zu tun mit dem, wie wir scheinen, erscheinen wollen und was wir
wirklich tun, was wir sind.
gfk, Düsseldorf, 16. Jan. 2010
*
Den Tiger Eifersucht mit kreativer Taktik besiegen
Jean-Philippe Rameaus „Les Paladins“, Ballett-Oper in drei Akten
(1760) nach der Feen-Fabel von La Fontaine („Le petit chien qui secue de
l'argent et des pierreries“) - der Inhalt
Der
Paladin Atis
ist zu Tode betrübt. Er liebt Argie, aber sie ist getrennt von ihm, gefangen gehalten
mit ihrer Dienerin Nérine von einem
alten Mann, ihrem Vormund Anselme. Der will sein Mündel heiraten, wenn
er von seiner Geschäftsreise zurück ist. Eine Schlange, die Fee Manto
will Atis bei der Befreiung Argies helfen - und schlüpft dazu in
verschiedene Gestalten, spielt auch mal einen dukatenscheißenden Hund.
Todtraurig ist auch Argie. Sie träumt von ihrem jungen Atis. Bewacht werden Argie und Nérine von Orcan, einem etwas einfältigen und bösartigen
Osmin-Typ. Der hat es abgesehen auf Nérine. Aber Nérine verweigert sich
ihm. In einem Gefängnis könne man doch keine Zärtlichkeiten austauschen,
wirft sie ihm vor. Warum lässt er sie nicht frei – dann sähe die Welt
doch gleich ganz anders aus?
Sie hören Musiker sich nähern aus der Ferne? Kommt der Alte zurück?
Droht die Hochzeit? Nein, friedliche Pilger nähern sich und in ihrer
Mitte Atis, verkleidet. „Wir sind Glückskinder“, sagt er, „zur Not
suchen wir ein anderes Klima“ nach dem Motto: „Liebe ist immer auf
Reisen und Blumen wachsen unter unseren Schritten“. Sie bitten Argie in
ihren Kreis. Und Argie klagt über den verlorenen Freund. Atis, noch
immer verkleidet, bietet ihr an, den verlorenen Freund zu suchen. Eine
Fee, Manto, wird ihnen helfen. Ob sie mit ihm kommen will? Gemeinsam
werden sie gegen Anselme kämpfen.
Der bürgerliche Haremswächter Orcan wittert den Feind und bläst zur
Attacke. Aber Atis erkennt seine Schwächen, umschmeichelt ihn – und
macht ihn dann fertig. Orcan jammert um Gnade, will auch Nérine
einspannen, weil sie ja mal ein Liebespaar waren. Aber auch Nérine
schlägt ihn mit seinen eigenen Waffen: „Mitleid ist Schwäche“ faucht sie
ihm entgegen. Atis hat eine bessere Idee: wie wäre es, wenn er mit auf
Pilgerschaft ginge? Der einfältige Orcan fühlt sich durch dies
Anerbieten geehrt. Man verleiht ihm die Insignien der Pilgerschaft,
Muschelkette und Zepter. Doch in der Ferne dräut Unheil: Anselme naht.
Die Pilger beraten: soll man fliehen?
Anselme, selbstgefällig wie ein Potentat, wähnt Argie schmachtend
nach seinen Lippen. Irritiert ist er durch den Lärm. Orcan warnt, leicht
beschwipst wirkend, seinen Herren vor den Pilgern, dass die ihn auch auf
Pilgerschaft schicken. Anselme stutzt über Argies merkwürdige
Kostümierung, was denn eigentlich los ist? Sie hat genug von ihm, blafft
sie, und will weg. Sie habe jetzt einen jungen Mann kennen gelernt, und
Anselme könne sie nur noch wie einen Vater lieben. Anselme schwört Argie
den Tod – aber erledigen soll das Orcan. Doch der hat auch Bammel.
Nérine greift ein mit der Macht ihrer Liebe, stöhnt Orcan Verliebtheit
vor. Und auch Orcan kommt in Fahrt. Nérine zieht die Reißleine, ruft die
Furien zu Hilfe. Die sollen Orcan dingfest machen und entwaffnen. Die
Furie Eifersucht stellt sich vor, die es macht wie die
„Minister-Barbaren“, wenn sie zürnen. Orcan winselt um Gnade. Und Atis
gewährt sie.
Anselme hat sich neue Helfer gesucht, um sich an Atis rächen. Aber da
öffnet sich der Blick plötzlich auf ein goldenes Schloss. Manto, die
Fee, hat es herbei gezaubert. Anselme ist ergriffen, zumal Manto ihm die
üppigen Goldschätze schenken will. Allerdings Widerspruch will die Fee
nicht dulden, sonst würde dieser Palast gleich wieder zusammen stürzen.
Und Manto hat auch noch einen Wunsch bezüglich Argie: nämlich dass
Anselme „der Schönheit“ sich unterwirft und Argie frei gibt. Sie soll
ihren Liebhaber selbst wählen dürfen, Atis solle das Feuer der Liebe in
ihr entzünden dürfen. Anselme redet sich heraus, er habe den Palast doch
nur für sie gewollt (Motto: „Ich liebe euch doch alle“). Und sogleich
schwört er Atis erneut Rache. Und von Argie fordert er, dass sie ihn
endlich liebe.
Doch Argie hat fertig mit Sklavin sein, Schluss, ein für alle Mal!
Anselme schäumt vor Wut, aber er muss klein beigeben. Argie und Atis
schwören sich ewige Liebe und der Chor besingt den Triumph der Liebe und
ihrer Kreativität. Nérine zieht für sich eine etwas nüchternere Lehre aus dem
Spiel: man muss einen Gatten betrügen, um ihn von der Eifersucht zu
befreien. Am Ende: Party und ein großes Fest der Liebe - aber nicht für
alle. Einer muss weiter wandern, pilgern üben. Anwaltsperücke und Krone,
die Zepter einstiger Macht, helfen nun nicht mehr...
gfk