Gehetztes "herrliches Raubtier"
Teil des Erfolgs von Gret Palucca: unzählige Gastspiele in kleineren Städten, abseits der Zentren
Am 8. Januar vor 100 Jahren wurde
Margarethe Paluka
geboren. Als Gret Palucca avancierte sie zu einer der ersten Tänzerinnen und
Pädagoginnen Deutschlands. Ihre Schule feiert das Jubiläum
unter anderem mit
einem Festprogramm, bei dem auch ihr rekonstruiertes Erfolgsstück Serenata
aufgeführt wird. Über Serenata und die vielen, den Ruhm Paluccas begründenden
Tourneen berichtet exklusiv Paluccas Biograf
Ralf Stabel.
"Leider sehe ich immer nur Hotel, Theater, Eisenbahn", klagt Palucca am 29.
Oktober 1928 in Stettin. "Auch jetzt muss ich gleich zur Probe" - und weg ist
sie. Tatsächlich befindet sich Palucca auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes und damit
gleichzeitig in einem ununterbrochenen Hetztempo von einer Stadt zur anderen.
Aber genau darin bestand ja auch zum Teil ihr Erfolg: hypermobil und nahezu
gleichzeitig überall zu sein. Bis zu 100 Abende gab sie jährlich bis zur totalen
Mobilmachung 1944.
Von besonderer Bedeutung sind stets die Auftritte in Berlin, das damals das
Tanz-Zentrum Deutschlands war. Hatte man in Berlin bestanden, so hatte man an
den anderen Orten schon halb gewonnen. Doch ist Palucca nicht so leichtsinnig,
die Premiere ihres jeweiligen Tanzprogramms in Berlin anzusetzen. Ein beredtes
Beispiel dafür ist die Aufführungsgeschichte des Tanzes Serenata.
Erstmals tanzt sie ihn am 3. Oktober 1932 im Stadttheater Görlitz. Bis 1941
bringt sie es mit ihm auf insgesamt 131 Tanzabende. Bevor sie Serenata am 8. November 1932
im Berliner Bach-Saal aufführt, konnte man die Choreografie nach Görlitz in
Halberstadt, Glogau, Zittau, Bautzen, dann allerdings schon in Dresden,
Budapest, Leipzig, Magdeburg, Nordhausen und Gotha sehen.
Betrachtet man die gesamte Tanzkarriere der Palucca statistisch, folgt erst auf
Berlin ihre Wahlheimatstadt Dresden. Auf Platz drei dann Hamburg; Platz vier
Leipzig, fünf Stuttgart. Den sechsten teilen sich Heide, München und Hannover,
gefolgt von Düsseldorf. Königsberg und Stettin belegen Rang acht und Bielefeld,
Kassel und Plauen den darauf folgenden. Göttingen und Würzburg sind auf zehn
platziert.
Es scheint keine Stadt in Deutschland zu geben, in der Palucca nicht
getanzt hat: In Dessau ist man sich am 30. April 1927 darüber einig, dass
Paluccas Auftritt eines der stärksten künstlerischen Erlebnisse gewesen sei.
Seit dem Mai 1927, als Palucca mit ihrer Gruppe im Mannheimer Nibelungen-Saal
vor 5 000 Menschen tanzt, gilt sie dort als "Tanzwunder". Wenige Tage später
bejubelt das Publikum im Plauener Stadttheater ihren "Tanz der Ekstase". Auch im
Nordhäuser Stadttheater oder Hannoveranischen Schauspielhaus zwingt sie die
Zuschauer in ihren Bann.
Palucca tourt durch Europa. So tritt sie in Basel, Bern, Budapest, Davos, Lodz,
Luxemburg, Oslo, Paris, Wien, St. Gallen und Stockholm auf. Ihr erstes
Auslandsgastspiel findet am 10. Januar 1928 im Zürcher Schauspielhaus statt.
Dort nennt man ihren Auftritt einen "erfrischenden Abend". Im Warschauer
Konservatorium erleben die Zuschauer am 8. Dezember 1928 "ein bezauberndes
Geschöpf, ein herrliches junges Raubtier".
Einst hatte Palucca auf die Frage, ob der Beruf anstrengend sei, geantwortet:
sicherlich, aber tauschen mochte sie trotzdem nicht, und wenn der Beruf dreimal
so anstrengend sei wie andere; sie liebe ihn eben, denn sie lebe in ihm. Und auf
die Frage, wie sie sich die Zukunft vorstelle, sagte sie: "Danach darf man mich
nicht fragen, die Gegenwart beansprucht mich ganz. Nur so viel: Ich werde tanzen
und arbeiten, solange ich die Kraft habe ... Das ist mein Trost, und deshalb ist
mir vor der Zukunft nicht bange."
Das Ende der Tanzkarriere kommt unverhofft. Am 17. Februar 1950 wird Palucca bei
einem Autounfall auf der nächtlichen Rückfahrt von den Städtischen Bühnen
Brandenburg durch die Frontscheibe des Autos geschleudert. Sie muss sich
mehrfach Operationen unterziehen.
Der Arzt verbietet ihr das Auftreten und jegliche Tätigkeit - auch das Proben -
auf der Bühne. Da ist sie 48 Jahre alt. Für Palucca beginnt ein zweites Leben -
vorrangig in Dresden - als Pädagogin für den Neuen Künstlerischen Tanz.
Einzigartig und eigenwillig, intuitiv und widersprüchlich
Von Gabriele Gorgas
Erinnern ist eine komplizierte Angelegenheit. An wen erinnert man sich, und warum? Vor
allem aber, wie erinnert man sich? Palucca ist noch nicht einmal neun Jahre tot,
da ist ihr reales Bild schon wieder hinter allen möglichen Fantasiegestalten,
fixierten Erscheinungen verschwunden. Jeder hat seine eigene Art, sich zu
erinnern. Wie er sie gesehen hat, wie er sie sehen will. Es macht Mühe, Palucca
noch hinter all den Fotografien, biografischen Recherchen, Geschichten,
Legenden, gar Anfeindungen selbst zu entdecken. Auch Filmaufnahmen, so
authentisch sie scheinen mögen, zeichnen zuweilen in der Auswahl ein
trügerisches Bild.
Wie
also formt sich in uns und im öffentlichen Bewusstsein die Sicht auf
diese wunderbare Künstlerin? Die so menschlich wie groß war, vor allem aber, dem
Tanz ergeben in unvergleichlicher Weise. Und wie konkret sind die Erinnerungen,
beispielsweise an ihre letzten Lebensjahre? Als die kleine, schmale Frau, müde
und abgekämpft, sich und ihre Schule, in der sie nur noch selten anzutreffen
war, konfrontiert sah mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die ihr auch Angst
machten. Sie Furcht hatte vor endlosen Aufdringlichkeiten, wütend reagierte auf
Verrat und verfälschende Hasstiraden. Zuletzt lebte sie völlig zurückgezogen in
ihrem Haus in der Wiener Straße, nur noch im Kontakt zu wenigen Vertrauten. Am
22. März 1993 starb Gret Palucca im Alter von 91 Jahren in Dresden.
"Niemand weiß, wer Palucca war, ist oder sein wird." Diese Worte von
Ruth Berghaus - sie war in den Nachkriegsjahren ihre Schülerin - wirken schon fast
wie ein Orakel. Je tiefer sich Historiker in dieses Leben hineinbohren, je mehr
jedermann über Palucca erfahren kann, desto offensichtlicher verlieren wir sie
auch aus den Augen. Und vergessen über dokumentierten biografischen Details,
über Enthüllungen ohne Ende zuweilen das, was sie wirklich ausgemacht hat. Es
lässt sich immer beweisen, wann, wo und wie ein Mensch fehlte. Seine wahren
Motivationen aber, seine Gedanken, Hoffnungen nimmt er mit ins Grab. Zumal, wenn
von ihm dazu kaum Äußerungen überliefert sind.
Wie also soll man man Palucca gerecht werden im Nachdenken über ihre Kunst,
ihre Persönlichkeit? Gültige Antworten lassen sich zum heutigen 100. Geburtstag
ebensowenig geben wie wohl noch in fünfzig oder hundert Jahren. Das Wissen um
Daten, Orte, Ereignisse garantiert nicht mal die halbe Wahrheit. Und die ganze
dürfte ihr wahrscheinlich selbst nicht immer bewusst gewesen sein. Wer wollte
schon allen Ernstes behaupten, er wisse alles über sich selbst.
Was Palucca immer Freude bereitete, war die Art ihrer Schüler, Mitarbeiter
und wenigen Vertrauten, sie fantasievoll zu beschenken, mit ganz persönlichen
Überraschungen. Weit mehr als die offiziellen Anerkennungen, die Ehrungen in
Reih und Glied, schätzte sie die kleinen Beweise der Aufmerksamkeit,
schöpferische Ideen, Verwandlungen. Die für sie gesungenen Lieder, gestaltete
Bilder, Figuren oder Gedichte, und ganz besonders neue Tänze, das war ihr wahres
Geburtstagsglück. So ist die Hommage an Palucca heute Abend im Schauspielhaus
ein Gedenken ganz in ihrem Sinne. Zehn ehemalige Schüler - erfolgreich als
Tänzer, Choreographen, Pädagogen - haben Kammertanzszenen erarbeitet mit
Studentinnen, die derzeit an der Palucca Schule Dresden eine Tänzerausbildung
absolvieren.
Verbunden mit der Hommage ist die Geburt des Palucca Tanz Studios, quasi zur
selben Stunde, wenn die acht Studentinnen der Hochschulklasse 2 mit dem Programm
für Palucca ihre Feuertaufe auf der Bühne zu bestehen haben. Keine Frage, dass
sie den Schöpfern der choreographischen Miniaturen, sich selbst und ihren
Lehrern sowie im gewissen Sinne natürlich auch Palucca alle Ehre machen wollen.
Gearbeitet haben sie dafür in den zurückliegenden Monaten in beeindruckender
Weise, diszipliniert und beseelt, und sie tanzen derart hingebungsvoll, dass es
einem das Herz wärmt.
Mit dem in Dresden vorgestellten Abend wird das neu gegründete Palucca Tanz
Studio, das unmittelbar zur Palucca Schule, der einzigen eigenständigen
Tanzhochschule Deutschlands gehört, bereits am 10. Januar auf der Bauhausbühne
in Dessau zu Gast sein, am 8. Februar im Rahmen der Tanzplattform Deutschland im
neuen Saal der Leipziger Musikhochschule auftreten und am 1. Mai in Gera sowie
im November in der Akademie der Künste zu Berlin gastieren.
Das experimentierfreudige, studiennahe Kammertanzensemble soll künftig,
ähnlich wie das Ensemble an der Folkwang Schule, Studenten und Absolventen
Gelegenheit geben, auf professionellem Niveau gemeinsam Projekte zu erarbeiten
und öffentlich vorzustellen. Einbezogen werden ebenso Choreographiestudenten der
Tanzhochschule, die ihre Diplominszenierung mit den Mitgliedern des Studios
einstudieren und aufführen können. Gewiss wird auch in diesem Zusammenhang die
Kooperation mit anderen künstlerischen Hochschulen Dresdens erneut und wieder
mal erwogen.
Wie genau allerdings die Arbeit des Studios künftig aussehen, was möglich
sein wird in Zeiten finanzieller Einschränkungen, darüber kann wohl erst später
gründlich nachgedacht werden. Zunächst sind alle Kräfte konzentriert auf das
naheliegende Ereignis; danach werden erstmal die Aufführungen in der Folgezeit
eine Rolle spielen. Jedenfalls soll sich das Palucca Tanz Studio immer ein
offenes Konzept bewahren, meint Hanne Wandtke, Professorin für Modernen Tanz an
der Schule. Und verweist auf den Gewinn in vielerlei Hinsicht: mehr
Bühnenerfahrung für die Tanzstudenten, intensives Arbeiten mit unterschiedlichen
choreographischen Handschriften, ein Zuwachs an tänzerischer, choreographischer
Präsenz... Auf alle Fälle eine alte, neubelebte schöpferische Idee, an der sich
Palucca erfreuen könnte.
Als stünde Palucca noch immer hinter der Tür
100. Jubiläum der großen Tanzpädagogin in Dresden gefeiert
Von Eva Prase
„Habt Ihr noch
Kraft? Also nochmal das Ganze. Los!“ Moderne Musik ertönt. Die Klasse, bestehend
aus zehn, zwölf Tänzerinnen, probt zum x-ten Mal jenes Stück, das heute im
Dresdner Schauspielhaus gezeigt werden soll. Es wird aufgeführt zu Ehren der
großen Palucca. Sie wäre heute 100 Jahre alt geworden. Nur wenige Minuten dauert
der Tanz. Kurze Zeit, in der volle Konzentration gefragt ist. Man kann durch
einen Fehler alles verderben - und eben nichts korrigieren. „Die Energie bei
Euch lassen! Im Zentrum! Ja! Schön! Hinten die Diagonale halten. Gut so. Jetzt
Tempo!“, kommandiert Ingrid Borchardt.
„Palucca war strenger“, sagt sie. „Viel strenger.“
Die Mädchen lachen.
Auch das kam bei Palucca eher selten vor. Ingrid
Borchardt kann sich noch gut erinnern an jene große Künstlerin, die den modernen
Ausdruckstanz in Deutschland zum Durchbruch brachte. Fordernd sei die Palucca
gewesen, zäh und ausdauernd, konzentriert und präzise. Doch zugleich war ihr nie
daran gelegen, „Kopien“ ihrer selbst herauszubilden. Ihr Konzept zielte darauf,
bei ihren Schülern Kreativität und Eigenständigkeit zu wecken. Palucca? Ihre
Kunst, der Tanz, ist etwas Flüchtiges, etwas, das nur für den Augenblick
inszeniert ist. Was blieb von ihr? Schaut einer heute in der Schule am
Basteiplatz in Dresden beim Training zu, erlebt er, worin das Verdienst der
Palucca besteht. Ihre Art lebt in ihren Schülern fort, ihre Kunst wurde von
ihnen verinnerlicht. „Es ist, als stehe sie hinter der Tür und komme jeden
Augenblick herein“, beschreibt ein Mitarbeiter.
Palucca wurde als Margarethe Paluka 1902 in
München geboren. Ihr Vater, ein Apotheker, stammt aus Konstatinopel, ihre Mutter
ist jüdischer Abstammung. In jungen Jahren bekommt „Gretel“ Ballettunterricht an
der Dresdner Oper. Doch viel lieber tanzt sie drauf los und spürt, dass sie
dabei ihre Gedanken und Gefühle besser zum Ausdruck bringen kann.
Der Zufall will es, dass 1919 die damals schon
bekannte Ausdruckstänzerin Mary Wigman in Dresden gastiert. Sie wird ihre
Lehrerin, und von Wigman lernt sie auch, dass man einen Nimbus um die eigenen
Person schaffen muss. Sie ändert 1921, noch nicht einmal 20-jährig, ihren Namen
in Palucca und legt damit den Grundstein für ihr Image. In der Wigman-Gruppe
wird sie nicht nur schnell zum Star, es gibt auch Dissonanzen. Die junge
Tänzerin ist kein Typ, der sich unterordnet, kein Typ für die Gruppe. Sie
startet schon bald eine Solokarriere. Tanz Palucca - nur mit zwei Worten lässt
sie ihre Vorstellungen ankündigen. Spartanisch einfach wählt sie ihre Kostüme.
Schnörkellos, doch zugleich kräftig und herb. Sie genießt Anerkennung von
Bauhaus-Künstlern und bereichert auch deren Arbeit.
Bereits Ende der zwanziger Jahre kämpft sie
darum, dass ihre Ausbildungsstätte in Dresden Hochschule wird. Vergebens. Der
aufstrebende Nationalsozialismus und der von Palucca selbst später gern
verschwiegene Auftritt während der Olympischen Spiele 1936 bringen der Tänzerin
einen großen Popularitätsschub. Doch ihre Schule wird geschlossen, weil sie sich
für jüdische Schülerinnen einsetzte. Sie gehört sie zu den wenigen Prominenten,
die man ohne „Ariernachweis“ leben und eingeschränkt arbeiten ließ. Sie war frei
und doch eine Gefangene der Nazis. Es folgt der Krieg, die Zerstörung Dresdens,
schließlich die Nachkriegsjahre.
Nicht zufällig galt Paluccas Sehnsucht von jeher Inseln.
Ihr ganzes Leben spielte sich auf und zwischen Inseln ab. Auf
solchen, die sie für sich gefunden hatte, wie Sylt und Hiddensee, und auf
solchen, die sie für sich und ihre Kunst geschaffen hatte, wie ihre Schule in
Dresden am Basteiplatz. Palucca wehrt sich nun, will, dass moderner Tanz und
nicht russisches Ballett gelehrt werde. Sie droht mit Ausreise, droht 1959,
nicht von Sylt zurückzukehren, wo sie gerade zum Sommeraufenthalt weilt. Sie
erwirkt immer wieder Teilerfolge gegen staatliche Bevormundung. Weil man die
Künstlerin im Lande halten wollte, hatte man sich beeilt, ihr 1959 den
Nationalpreis zu verleihen. Von dem damit verbundenen Geld ließ sie sich ein
kleines Häuschen in Vitte auf Hiddensee errichten. Palucca wird zum gern
gesehenen Gast auf der Insel.
Dass ihre Schule Hochschulstatus bekommt - das
war ihr großer Wunsch. Im Sommer 1993 ging er in Erfüllung. Die Palucca-Schule
Dresden wurde die einzige Hochschule für Tanz in Deutschland. Doch Palucca
erlebte das nicht mehr. Sie war im März 1993 gestorben. Ihre letzte Ruhestätte
fand sie auf dem kleinen Friedhof von Kloster auf Hiddensee. „Palucca“ steht auf
dem Stein, schlicht und schnörkellos. Eben so, wie sie war.
Heute wäre Gret Palucca 100 Jahre alt geworden
Erinnerungen an die legendäre Pädagogin
Von Bernd Hahlweg
Für die Eleven war schon die erste Stunde mit ihr etwas ganz besonderes. Alle
zappelten aufgeregt herum. Die Zehnjährigen warteten auf die Palucca, die sie
nur vom Eignungstest vor einem halben Jahr her kannten. Ihre Eltern hatten
gesagt, seid artig, eure Lehrerin ist weltberühmt. Und dann kam sie.
Gertenschlanke Gestalt, sprechende Arme, glattes Haar, kühne Nase, neugierige,
lächelnde Augen.
Zur allgemeinen Verblüffung sprach sie jeden mit seinem Namen an. Die
Gesichter hatte sich Palucca auf ihrem Urlaubsort in Hiddensee von Fotos
eingeprägt. Und für besonders gute Leistungen verschenkte sie Fantasien in
Stein, die sie auf ihrer Ostseeinsel gesammelt hatte, wo sie bei zwölf Grad noch
im Meer badete. Von Anfang an ging es um das Freilegen von Fantasien und eigene
Empfindungen. An die Mädchen verteilte sie Gummis, damit die Haare nicht ins
Gesicht fielen.
Alle tanzten ohne Schuhe, bei Palucca gab es keine "Spitze", keinen
gleichförmigen Drill nach klassischem Formenkanon, die "Barfüßigen" lernten ihr
Inneres künstlerisch auszuleben. Und welcher Junge etwa beim Hexentanz oder der
fleißigen Gärtnerin laut prustete, den herrschte die Palucca nicht an, sondern
meinte nur: "Lach dich erst mal aus!" Sie sagte nie "Kind", für sie waren alle
kleine Persönlichkeiten.
Palucca erteilte keine Zensuren. Sie legte ihren Bewertungen die
Selbsteinschätzung der Schüler zugrunde. Darum wurde sie öfters vom
DDR-Volksbildungsministerium ermahnt, Noten zu verteilen, doch sie ließ sich in
ihrer Pädagogik nicht beirren.
Hatte jemand Sorgen, bemerkte sie das sofort und sagte: "Bring mich mal nach
Hause." Unterwegs ließ sich über alles sprechen, auch über Heimweh und
Liebeskummer. Die Eleven nannten sie verehrend "die P". Keine deutsche Frau des
Tanzes erreichte je ihre Berühmtheit und Beliebtheit. Wie keine andere hatte sie
die Tänzerin und zugleich Pädagogin in sich vereint. Nicht weit von Paluccas
Schule stand ihr Wohnhaus. Helle Wände, beige Vorhänge statt Gardinen, Geschirr
ohne Dekor. Bücher bis an die Decke. Und sie selbst stets in schlichter
Kleidung. Paluccas Einfachheit machte ihre Größe aus.
Geboren am 8. Januar 1902 in München. An der dortigen Ballettschule musste sie
hören: "Du bist total unbegabt, hör auf!" Dabei war ihr nur das Korsett des
festgelegten klassischen "Bewegungsapparates" zu eng. Ihr Credo: "Ich will nicht
hübsch und lieblich tanzen." In Dresden brachte sie Mary Wigman zum modernen
Ausdruckstanz. "Ich fühlte mich befreit und entdeckte mich neu." Längst hatte
sie die Spitzenschuhe weggeworfen und nur noch barfuß getanzt. Seit Mitte der
20er Jahre bis 1950 - unterbrochen von der Nazizeit, da hatte sie
Auftrittsverbot - gab sie in halb Europa tausende Solo-Abende. Unübertroffen
waren ihre Sprünge, ihre tänzerische Beherrschung des Raumes.
Der avantgardistische Bauhaus-Künstler Wassily Kandinsky setzte sich auf einen
Schemel an den Bühnenrand und zeichnete moderne Bewegungsstudien. Und László
Moholy-Nagy schwärmte. "Sie ist für uns das neu gefundene Gesetz der Bewegung."
Schon 1926 schrieben Kritiker: "Keine andere hat so sehr die Gabe und Gnade des
Frohmachens nur aus der Bewegung heraus." - "Wenn man sie sieht, sagt man nicht:
Wie herrlich ist die Palucca, sondern wie herrlich ist das Leben!"
Beim Bombenangriff auf die Elbestadt verlor sie alles, was sie besaß und schlief
im Liegestuhl. Gleich nach dem Krieg bekämpfte sie mit Tanz, der das Leben
bejaht, die Apathie, die viele Deutsche erfasst hatte. In der Trümmerstadt
suchte sie Schüler, das kulturelle Dresden hatte Hunger nach wahrer Kultur. Was
sie selbst in ihrer Jugend gesucht hatte, ließ sie ihre neuen Eleven finden -
eigenes Sichausdrücken, individuelle Kreativität. "Ihr müsst auch mit dem Kopf
tanzen und manchmal mit den Beinen denken."
Ihre Improvisierlaune war grenzenlos und steckte alle an. Nicht selten kam sie
mit einem Gemälde in den Übungsraum. Wie schwer ist es, ein mittelalterliches
Markttreiben nach Bruegel tänzerisch auszumalen? Sie verteilte buntes
Krepppapier. Schnell kostümierten sich damit die Barfüßigen. Die P ließ sich
immer neue Ideen von den Schülern anbieten, forderte: "Kopiert nicht, findet
Eigenes!" Sie verfolgte jede Bewegung, tanzte in jedem Schüler mit. So fing der
Mittelaltermarkt zu leben an - wie das hemmungslos ausrief, anlockte, zankte,
jubelte!
Palucca wollte immer das Höchste, was jeder geben kann, damit er wahr wird in
der Kunst. Gerade die größeren Eleven forderte sie unerbittlich, formte
nachdenkliche, sich einmischende Tänzer. Kein Wunder, dass ihre Absolventen an
allen Theatern sehr gefragt waren. Viele wurden berühmt, wie Primaballerina
Hannelore Bey. Bis 1991 war Professorin Gret Palucca Künstlerische Leiterin
ihrer Schule am Dresdner Basteiplatz, wo sie ihrem Neuen Künstlerischen Tanz zur
Weltgeltung verhalf, nicht zuletzt mit den ebenfalls enorm begehrten
internationalen Sommerkursen. Am 22. März 1993 verstarb sie in Dresden.
Seit 1999 führt Rektor Enno Markwart im Geiste seiner Lehrerin
die Palucca-Schule als einzige eigenständige Tanzhochschule Deutschlands. In den
letzten Tagen herrschte dort Hochspannung. Zum 100. Jubiläum studierten viele
Schüler und Absolventen ihre "Hommage à la Palucca" ein, um sie heute am
Dresdener Schauspielhaus aufzuführen. Zum gleichen Anlass wird das Palucca Tanz
Studio mit sieben Tänzerinnen gegründet. Für die P waren Tänze das schönste
Geschenk.
Viele erinnern sich an ihre enorme Vitalität. Wie sie es selbst im hohen Alter
noch vormachte: Tanzte derart im Raum, dass es schien, als käme jemand die
Treppe herunter, obwohl der Saal völlig eben ist. Oder sie sprang durch die
Diagonale und fiel dann aus Spaß leise in sich zusammen, so, als ob ein leichtes
Tuch herabsinke.
Sie tanzte die Zuversicht: Gret Palucca zum hundertsten
Von Klaus Geitel
Sie tanzte wie der Frühlingswind über die frischen Matten des Freien Tanzes in
Deutschland. Um sie und ihre Tänze war Freude, und man liebte Gret Palucca
dafür. Früh schon war sie, die geborene Margarethe Paluka, zur Schule Mary
Wigmans gestossen, war deren Schülerin geworden und hatte sich mit ihren
hellen Tänzen deutlich von der Meisterin abgesetzt. Sie hatte sich auf
durchaus eigene Weise die Podien Deutschlands erobert. Im künstlerischen
Dreigestirn mit Wigman und Harald Kreutzberg war sie sozusagen das
Strahlemädchen. Sie tanzte die Zuversicht.
Die konnte sie selbst aber am
meisten gebrauchen. Denn die Zeit schien sich gegen sie, die «Halbjüdin», zu
verchwören. Sie hatte noch bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 unter
den Augen der Weltöffentlichkeit repräsentativ auf dem Rasen von Berlins
Stadion getanzt. Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt, beim anschließenden
Festbankett Hitlers Tischdame gewesen zu sein. Jetzt aber überfiel man sie
urplötzlich mit Auftrittsverboten, die es mit allen erdenklichen Mitteln zu
unterlaufen galt. Auch darin erwies sich Palucca als Meisterin.
Im Besitz einer Sondergenehmigung setzte sie fast uneingeschränkt ihre
Karriere fort. Sie deshalb nachträglich zu schmähen, wie es heute gelegentlich
geschieht, bezeugt nur Unkenntnis der tagtäglich geforderten Überlebenskünste
im Dritten Reich. Viele gingen zugrunde. Palucca, durchaus gefährdet, tanzte
gewissermaßen über ihre Gräber dahin. Sie hielt durch. Selbst 1943 trat sie
noch mehr als 70 Mal auf. Sie tanzte kreuz und quer durch die Lande, zur Musik
von Corelli, Scarlatti, Pergolesi. Sie tanzte ausgiebig Schumann. Sie wählte
sich die denkbar populärsten Melodien: eine Madame André Rieu sozusagen, die
mit ihren Beinen zu musizieren verstand. Palucca überlebte. Es gelang der
künstlerischen Liebedienerin, trotz ihrer ununterbrochenen tänzerischen
Leistungen die Anerkennung als Opfer des Faschismus zu finden. Tatsächlich
aber waren die Opfer ganz andere.
Genauso aber, wie es ihr gelungen war, die Nazis mit ihrer Kunst hinters
Licht zu führen, so trieb sie es auch mit den künstlerischen Politruks der
DDR. Ihre Schule in Dresden stand geradezu unter staatlichem Denkmalsschutz.
Sie blühte auf, obwohl sie sich dem eher gehassten Ballett zu öffnen hatte.
Palucca ließ auf ihre lang erprobte Art die neuen Machthaber zittern, die
weltweit bekannte Künstlerin könnte republikflüchtig werden. Palucca war
vielleicht so etwas wie eine tanzende Glücksspielerin mit sorgfältig gezinkten
Karten. Aber sie spielte ein künstlerisch durchaus stichhaltiges Spiel.
Sie wurde einundneunzig Jahre alt. 1993 ist sie in Dresden friedlich und
hochgeachtet gestorben. Auch sie erntete den Schmäh, der über Leni Riefenstahl
herfiel und sich erst allmählich zu heben beginnt. «Tanz, Palucca» hatte sie
sich gesagt. Das war ihre Devise. Sie hat sie unnachsichtig gegen sich und
andere zeitlebens befolgt.
Das Ereignis war sie selbst
Gret Palucca hat mit Kompromissbereitschaft auf ihrem Idealismus beharrt
von Michaela Schlagenwerth
Ihr müsst eure Augen und Ohren offen halten. Ihr müsst euch
verausgaben, damit ihr wisst, was in euch steckt, und am besten ist es, einfach
drauflos zu tanzen: Das sind so typische, heute fast ein wenig altbacken nach
Siebziger-Jahre-Pädagogik klingende Palucca-Losungen. Aber Gret Palucca hat
dergleichen auch in den Fünfzigern, in kältesten Ulbricht-Zeiten, zu ihren
Dresdener Schülern gesagt; sie hat es zuvor, bis zu der Schließung ihrer Schule
im Jahr 1939, unter den Nazis gesagt; in den Zwanzigern schon und bis zu ihrem
Lebensende im März 1993.
Ein pädagogisches Konzept oder gar ein Bewegungssystem hat Gret Palucca nicht
hinterlassen: Sie selbst war das Konzept. Anderen zu den jeweils eigenen
Bewegungen verhelfen, das war eine weitere ihrer typischen Losungen, und die
galt auch für das Unterrichten selbst: Jeder muss seine eigene Weise des
Unterrichtens finden. Es gibt kein System, das für mehr als eine Person gilt.
Gret Palucca war für eine kurze Zeitspanne, für die Jahre von 1928 bis 1933,
die bedeutendste moderne Tänzerin neben Mary Wigman und Harald Kreutzberg. Aber
während der Name Kreutzberg heute nur noch den Tanzexperten vertraut ist,
während Wigman ihren begrenzten Ruhm der Entwicklung einer bahnbrechend neuen,
modernen Tanzästhetik verdankte, und während es der ganzen Schar bekannter,
einst gefeierter Ausdruckstänzer nach 1945 nicht mehr gelungen ist, auch nur
einen Zipfel des einstigen Ruhms zurückzugewinnen, wurde Gret Palucca nach ’45
sozusagen von Jahr zu Jahr berühmter und mit zunehmendem Alter schließlich
regelrecht zur Legende. Sie war eine der bedeutenden Persönlichkeiten, die der
kleinen DDR Glanz verliehen - auch international. Unbestritten war Gret Palucca
eine große Tänzerin und eine große Pädagogin. Doch worin die ruhmreiche
künstlerische Leistung bestanden haben soll, die eine solche Bedeutung
begründet, weiß man trotzdem nicht so recht. Liest man die vor wenigen Wochen
erschienene Palucca-Biografie des Leipziger Theaterwissenschaftlers Ralf Stabel,
kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das eigentliche Ereignis nicht
ihre Kunst und nicht ihre Pädagogik, sondern Gret Palucca selbst gewesen ist.
Mit unnachahmlichem Eigensinn, mit List und natürlich auch einer gehörigen
Portion Kompromissbereitschaft hat sich Palucca in den fünfziger und sechziger
Jahren gegen alle Versuche, ihre Schule staatlich zu indoktrinieren, zur Wehr
gesetzt - auch wenn ihr SED-Parteimitglieder als Direktoren vor die Nase gesetzt
wurden und auch wenn das klassische Ballett ihr eigentliches Gebiet - den neuen
künstlerischen Tanz - als Unterrichtsfach völlig an die Seite drängte. Die
Siege, die Palucca über die Direktiven der Parteileitung errang, waren oft nicht
mehr als Millimeterarbeit, aber dass sie es geschafft hat, sich zu behaupten;
dass sie wie ein lebender Widerspruch zu dem, was die DDR an Ordnungsprinzipien
verkörperte, ungebrochen ihren Nonkonformismus an einer staatlichen Schule nicht
nur als Tanz-, sondern auch als Lebensprinzip unterrichtete - das hat sie am
Ende so berühmt gemacht.
Natürlich war das auch ein Geschäft. In der DDR wollte man sie wegen des
Ruhmes, den man selbst mitproduziert hat, unbedingt halten. Oft hat sie mit
Weggang gedroht, und jedes Mal wurde sie ein bisschen besser bezahlt und ihre
Schule ein wenig vergrößert. Ihre Biografie, ihre Erfolge bei den Nazis, die sie
trotz ihres Status als "Halbjüdin I. Grades mütterlicherseits" nach ihrem
Auftritt bei den Olympischen Spielen 1936 zur deutschesten aller deutschen
Tänzerinnen kürten, wurden im gegenseitigen Einverständnis geschönt.
Auskunft über sich selbst hat Gret Palucca nie gegeben. Alle Versuche, mit
ihr Gespräche über die Nazizeit oder auch die für sie sehr schwierigen fünfziger
und sechziger Jahre zu führen, scheiterten. Gret Palucca war ein lebender
Widerspruch. Einerseits waren Offenheit und Spontaneität ihre obersten
Lebensmaximen. Gleichzeitig gilt, was ihre berühmteste Schülerin Ruth Berghaus
einst über sie gesagt hat: "Niemand weiß, wer Palucca war, ist oder sein wird."
Am 8. Januar 1902 wurde Gret Palucca als Margarethe Paluka in München geboren.
Mit 16 begann sie eine klassische Tanzausbildung, die sie aber bald schon wieder
abbrach, um stattdessen bei Mary Wigman modernen Tanz zu studieren. Nach drei
Jahren verließ sie die Wigmantruppe, im Jahr darauf reüssierte sie als
Solotänzerin. Mit Unterstützung ihres wohlhabenden Mannes Friedrich Bienert
stilisierte sie sich mit einigem Werbeaufwand zunächst einmal selbst zur großen
Künstlerin. Dass es ohne Marketing nicht geht, hat sie von Anfang an gewusst.
Sie hat immer auf ihren Idealismus beharrt und ist immer außerordentlich
geschäftstüchtig gewesen. Am 22. März 1993 ist sie gestorben, am 1. April 1993
wurde sie auf Hiddensee begraben. Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.
Keine Erregung, sondern Erfüllung - die Geheimnisse der Gret Palucca
Jochen Schmidt zum 100.Geburtstag in der FAZ am 8.Januar 2001
...Mag sein, dass ... jene Aussage über die
eigenen Anfänge, die Palucca 1927 in einem autobiografischen Text publizierte,
Teil einer sorgsam gepflegten Legende ist: "Tanzen wollte ich schon immer, nur wusste
ich nicht, wie. Als Kind, in Amerika, wollte ich Rollschuhläuferin werden, Ich
übte auch in meiner schulfreien Zeit eifrig auf den Rollschuhbahnen, kam aber
nur bis zum Walzer damit".
Die Familie, die 1908 in die Vereinigten Staaten gezogen war, blieb jedoch nur
ein Jahr in Amerika; so konnte Gret Palucca, schon 16jährig, 1918 bei Heinrich
Kröller in München mit dem Ballettstudium beginnen. Zwei Jahre später wurde sie
eine der ersten Schülerinnen in der neu gegründeten Schule von Mary Wigman
in Dresden und tanzte bald schon in deren Ensemble. Wegen einer
Undiszipliniertheit auf offener Bühne wurde sie von Wigman gefeuert und begann
fast augenblicklich eine Solokarriere. Schon ein Jahr später, nachdem sie sich
selbständig gemacht hatte, 1925 eröffnete sie in Dresden eine eigene Schule, die
in ihrer ersten Phase bis zur Schließung durch die Nazis 1939 bestand.
In jenen Jahren lag die Creme der künstlerischen Avantgarde der Zwanziger Jahre
der brillanten jungen Tänzerin zu Füßen: die Architekten Walter Gropius
und Mies van der Rohe, die Maler Schlemmer, Feininger,
Dix und Jawlensky, der Fotograf Moholy-Nagy. Wassily
Kandinsky rühmte Paluccas "Exaktheit" und Formgefühl, Paul Klee
empfand sie als "wichtig" und bescheinigte ihren Arbeiten, dass in ihnen "alles
allzu Individuelle, Zufällige überwunden und ins Typische gesteigert" sei,
Georg Kolbe fand in ihren Tänzen "keine Erregung, sondern Erfüllung".
Im Gegensatz zu Mary Wigman, deren Tänze vor allem mit Arm- und Handbewegungen
arbeiteten, betont Palucca vor allem Füße und Beine. Ihre Choreografien
entwerfen geometrische Muster, setzen aber auch zunehmend akrobatische Mittel
ein. So wird Palucca, neben Vera Skoronel und Harald Kreutzberg,
zur virtuosesten unter den deutschen Ausdruckstänzern, elegant und beinahe
schwerelos als Walzer- wie als Charleston-Tänzerin.
In der Nazizeit feierte man Palucca zunächst
als "lebensbejahende Tänzerin". Für Goebbels' Propagandaministerium beteiligte
sie sich an der Neuordnung der deutschen Tanzszene, enthielt sich aber in der
Öffentlichkeit jeder politischen Aussage. Obwohl sie wegen ihrer Freundschaft zu
vielen als "entartet" gebrandmarkten Künstlern und der Beschäftigung jüdischer
Lehrer an ihrer Schule als "vorbelastet" galt, wurde sie 1936 zur Beteiligung an
der Gestaltung des Festspiels "Olympische
Jugend" eingeladen. Erst danach geriet sie in Schwierigkeiten. 1939 musste
sie die Leitung ihrer Schule abgeben; doch erhielt sie, im Gegensatz zu Mary
Wigman, kein Auftrittsverbot.
Früher als andere Kolleginnen (und aus eigenem Antrieb) hat Palucca mit dem
Tanzen aufgehört; als 48jährige stand sie, 1950, zum letzten Mal auf der Bühne.
Seitdem gab es Palucca nur noch als Schulleiterin und Pädagogin an ihrer eigenen
Schule, die sie schon 1945 wieder eröffnet hatte und unter ihrem Namen
weiterführen durfte, als die DDR-Führung das Institut 1949 verstaatlichte. Der
ästhetischen Gleichschaltung durch die SED entkam sie nicht (ganz); auch an der
Palucca Schule bildete man fürs klassische Ballett in seiner sowjetischen
Spielart aus, das die DDR-Tanzkonferenz 1953 gleichsam zur ästhetischen
"Staatsreligion" erklärt hatte. Doch gelang es Palucca, mit DDR-Nationalpreisen
und Vaterländischen Verdienstorden hoch geehrt, etwas von jenem Geist der
Freiheit, der den deutschen Ausdruckstanz in den 20iger Jahren beseelt hatte, in
den Ausbildungsalltag der DDR hinüber zu retten: Wer bei Palucca studiert
hatte, war für die engstirnige SED-Partei-Ästhetik verloren.
Golliwog's Cake Walk zu Musik von
Debussy war das erste Stück, das Palucca (1922) choreografierte, ein Werk mit
dem Titel Variationen zur Musik des Padre Martini beschließt (1950) ein Œuvre-Verzeichnis von rund 200 Titeln: meist kürzere
Stücke, vereinzelt nur Zyklen darunter wie die Hellen Tänze (1930) mit
Musik von Bach, die Händel-Suite von 1933 oder die Herbstgesänge
zu Chopin-Etüden von 1940. Außer einigen auf Film konservierten Häppchen
ist nichts davon für die Nachwelt erhalten geblieben. Von ihrer Meinung, dass
die großen Werke des Ausdruckstanzes untrennbar mit den Persönlichkeiten ihrer
Schöpfer
verbunden seien und mit ihnen ins Grab sinken müssten, ist Palucca ...
nie abzubringen gewesen.
Eine Kämpfernatur
Zum 100. Geburtstag von Gret Palucca von Ralf Stabel
„Unserer lieben Palucca, der großen
Künstlerin, der großen Pädagogin, dem aufrechten und warmherzigen Menschen
danken alle Mitarbeiter, weil sie lernten, wie man mutig arbeitet und lebt,”
schrieben Mitarbeiter der Palucca Schule Dresden Ende der 50er Jahre in die von
ihnen verfasste Chronik der Schule. Palucca, eine Kämpferin? Fraglos hat Palucca
stets für ihre Kunst und ihre Schule gekämpft. Dass sie dadurch
selbstverständlich auch für sich selbst gekämpft hat, wird ihr mitunter heute
vorgeworfen. Doch, was meinten die Mitarbeiter damals konkret?
Im Jahr 1958 wurde Palucca in der DDR erstmalig für den Nationalpreis
vorgeschlagen. Die entsprechende Kommission lehnte allerdings ab und vertagte
das Problem auf 1962, um Palucca dann anlässlich ihres 60. Geburtstags für ihr
Lebenswerk auszeichnen zu können.
Als eine Art „Trostpflaster“ würde man ihr aber den Vaterländischen
Verdienstorden zum Jahrestag der DDR 1958 im Schloss in Berlin-Niederschönhausen
überreichen. Palucca fuhr hin, und stellte offensichtlich erst dort fest, dass
sie den Ordnen nur in Bronze erhält. An der Veranstaltung nahm sie zwar
diszipliniert teil, gab den Orden aber anschließend einfach zurück. Das war in
der DDR ein bis dahin unerhörter Vorgang. An den Ministerpräsidenten Otto
Grotewohl schrieb sie, dass sie in ihrer Tätigkeit durchaus nicht abhängig von
Titeln und Auszeichnungen sei, und wenn sie einen Wunsch habe, so diesen, für
ihre Tätigkeit eine günstige Basis zu haben. Wolle man ihr aber eine
Auszeichnung geben, so müsse diese der Bedeutung ihrer Arbeit und ihrem
internationalen Ruf entsprechen. In der Folge verhandelte man noch eine Weile
hin und her. Palucca zeigte sich einsichtig, nahm die Zurückgabe zurück, hatte
aber ihre Position deutlich gemacht.
Heute kaum mehr vorstellbar war diese inzwischen fast schon als Anekdote zu
lesende Begebenheit damals ein wirklicher Akt von Zivilcourage. Seit der
Gründung der DDR hatte man versucht, mit allen nur erdenklichen Privilegien
Künstler und Wissenschaftler in die DDR zu holen und dort zu halten. Nicht
anders verfuhr man mit Palucca. Auch sie ließ sich monatlich ein beträchtliches
Einkommen überweisen, nutzte Auto mit Chauffeur und – was das eigentlich
wichtige war – betrat jeden Morgen „ihre“ neugebaute Palucca-Schule am Dresdner
Basteiplatz. Auch diese hatte sie zu Beginn der 50er Jahre in zähen Verhandlung
bis hin zum ZK der SED der DDR abgetrotzt.
Früh selbständig
Wer nun glaubt, dass Palucca erst zu dieser Zeit und unter
diesen Umständen zu kämpferischer Höchstform auflaufen musste, irrt. Die am 8.
Januar 1902 als Margerethe Paluka in München Geborene musste früh lernen,
was es heißt sich allein durchzuschlagen. Der Vater, Max Paluka, starb im ersten
Weltkrieg als Soldat an der Ostfront, der um ein Jahr jüngere Bruder Hans kam
als Jugendlicher bei einem vermeintlichen Unfall im Bad der elterlichen Wohnung
ums Leben. Die Mutter Rosa starb bereits 1925. Zu dieser Zeit hatte Palucca, wie
sie sich ab 1921 nennen wird, schon eine ereignisreiche Kindheit und Jugend
hinter sich. In München, San Francisco, Plauen im Vogtland und Dresden war sie
aufgewachsen. Im Klassischen Tanz wurde sie bei dem bekannten Solotänzer und
Ballettmeister Heinrich Kröller in Dresden und München ausgebildet und als
unbegabt entlassen. Mary Wigman dann in Dresden erkannte 1920 das Talent
und nahm sie in ihre frisch eröffnete Schule auf.
Nicht hübsch und lieblich
Bei Mary Wigman konnte Palucca sofort ihre ganz individuelle
Ausprägung des Tanzes zeigen. Der Ausdruckstanz forderte ja gerade der inneren
Bewegtheit eine äußere Bewegung zu geben. Paluccas Parole hieß damals: Ich will
nicht hübsch und lieblich tanzen! Die Wigman bezeichnete ihre junge Schülerin
als skrupellos, besessen und sich temperamentvoll völlig verausgabend.
Mitschülerinnen wie Leni Riefenstahl sehen es ähnlich. Schon damals sei das
Besondere der Palucca sichtbar und dass sie einmal Karriere machen würde,
absehbar gewesen. Palucca konnte ihr eigenes Temperament kaum zügeln. Der
Kritiker Pawel Barchan beschrieb 1923 in der Zeitschrift „Die Dame“ das
Herausragende der jungen Tänzerin: „Die Palucca ist in ihrem Tanz wie gestanzt,
wie gehämmert, wie aus der Pistole geschossen. Sie ist wie ein Schrei, und
Rhythmus ist ihre Sprache, ihr unbändiges Leben. Ihr Trotz ist Kraft und nicht
Hysterie. Nicht im Gehirn, es sitzt im Rückgrat, in den Schultern, der Wille und
der Rhythmus (und im Nacken vielleicht der Teufel).”
Das musste wohl auch den jungen Fabrikantensohn Friedrich Bienert mitgerissen
haben, mit dem Palucca von 1924 bis 1930 verheiratet war. Im Hause Bienert
verkehrten zu dieser Zeit berühmte Künstler wie Kandinsky, Klee oder Moholy-Nagy.
Sie alle lernte Palucca kennen, lernte von ihnen und wurde von ihnen
unterstützt. In der ehelichen Wohnung gab Palucca Unterricht und erfand ihre
Tänze, mit denen sie die Menschen in Deutschland und Europa zu
Begeisterungsstürmen hinriss – wie den Tanzjournalisten John Schikowski, der
1926 bereits in seinem Buch Geschichte des Tanzes schrieb: „Dieser
jugendfrische Kraftmensch mit dem kecken Gassenjungenprofil ist eine
Kämpfernatur, scheint mit dem Raum wie mit einem unsichtbaren Feinde zu ringen,
marschiert mit festem, sicherem Paradeschritt zum Angriff auf, umkreist in
wilden Sprüngen den Gegner, entzieht sich seinen Gegenstößen durch überraschende
Schwenkungen und Wendungen, stürmt, stampft, fliegt über die Bühne, fährt in
kreiselnden Wirbelstürmen durch die Luft und triumphiert schließlich über das
besiegte Chaos des Raumes, das durch seine Schritte, Sprünge und Schwünge zum
harmonisch gegliederten Kosmos gestaltet ist.”
Die Beschreibung der Tänzerin Palucca liefert gleichzeitig eine
Charakterisierung des Menschen. Mit Wendigkeit und Angriffslust hatte sich die
Kämpfernatur Palucca an die Spitze der europäischen Tanzavantgarde getanzt und
wurde, dort angekommen, 1933 als „deutscheste Tänzerin“ ins „Dritte Reich“
eingegliedert.
Überleben
Die Wogen der Begeisterung trugen sie bis ins Olympiastadion,
wo sie 1936 als Solotänzerin im Eröffnungsprogramm der Spiele auftrat. Doch der
NS-Ruhm währte nur kurze Zeit. Zu ihrer Herkunft befragt, musste Palucca
offenbaren, dass sie – im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – „Halbjüdin 1.
Grades mütterlicherseits“ war. Sofort ließ das neue Deutschland sie fallen. Alle
„Kraft-durch-Freude“-Verträge wurden gekündigt, die Theater verhielten sich
abwartend. Die Schule musste Palucca schließen, durfte nur die in der Ausbildung
befindlichen Schüler bis zum Abschluss 1939 führen. Doch aufgrund von
geschickten Verhandlungen, an denen auch ihr damaliger Lebensgefährte Will
Grohmann beteiligt war, erhielt Palucca eine Sondergenehmigung, die ihr das
Auftreten gestattete. Einzige Ausnahme: bei Veranstaltungen von Reich und Partei
wollte man Palucca nicht. Und so tanzte Palucca durch das „Dritte Reich“ bis zur
zweiten Proklamierung des totalen Krieges 1944.
Neuanfang in der DDR
Den 13. Februar 1945 überlebte Palucca in Dresden. Die
restlose Zerstörung ihres Wohnhauses Bürgerwiese 25 erzwang einen vollständigen
Neuanfang. Mit ungebremster Kraft stürzte sie sich in den kulturellen
Wiederaufbau, eröffnete die erste Nachkriegssaison mit einem Tanzabend in der
Dresdner Tonhalle, begann wieder zu unterrichten und gestaltete als parteilose
Stadtverordnete in der SED-Fraktion die Geschicke der Stadt mit. Trotz aller
folgenden Auseinandersetzung mit den DDR-Kulturfunktionären blieb Palucca in
Dresden und damit in der DDR. Nach Beendigung ihrer Tanzkarriere 1950 erzog sie
Generationen von Tänzern, bildete offiziell auch Pädagogen, „unter der Hand“
auch Choreografen aus, die alle das Tanztheatergesicht der DDR entscheidend
prägten. Das wollten die Genossen in der DDR lange Zeit nicht erkennen, wollten
Palucca im Sinne des sozialistischen Realismus bevormunden und in ihrer
künstlerischen und pädagogischen Arbeit beeinträchtigen. Zu einer letzten
ultimativen Verwarnung holte Palucca aus, als sie im Frühjahr 1959 die DDR
verließ und von West-Berlin und Sylt aus ihre Forderungen diktierte. Erst dann
erkannten die Genossen der SED die Bedeutung der Palucca für die DDR, gaben
klein bei und überreichten Palucca den vormals verweigerten Nationalpreis
bereits 1960.
Nach einem langen kurven- und erfolgreichen Leben starb Palucca friedlich in der
Nacht vom 22. zum 23 März 1993 im katholischen St.-Joseph-Krankenhaus in
Dresden. Ihr unscheinbares Grab auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee
schmückt lediglich ein Findling mit der Inschrift PALUCCA. Doch Blumen und
Steine künden davon, dass dieser abgelegene Ort schon fast zu einer
Wallfahrtstätte geworden ist für Menschen, die weiterhin auf der Suche nach
Palucca sind. Denn Palucca hat ihr Leben stets gehütet und nur ausgewählte
Informationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und so wird die wohl
bekannteste Palucca-Schülerin, Ruth Berghaus, für immer Recht behalten
mit ihrem legendären Ausspruch: „Niemand weiß, wer Palucca
war, ist oder sein wird.”
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Kommentare zum Festprogramm der Palucca Schule
Feier der Harmonie
Packende und doch zwiespältige "Hommage à Palucca"
Von Bernd Klempnow
Den 100. Geburtstag der großen deutschen Tänzerin und
Pädagogin Gret Palucca feierte die von ihr gegründete Schule am Dienstag im
ausverkauften Schauspielhaus mit einem Festprogramm.
Jubiläen haben eigene Lobrituale, wie bei der Hommage à Palucca zu erleben
war: würdigende Festrede, Stipendien, ein biografischer Film und Paluccas Kunst
aufgreifende Choreografien. Nur stellt sich nach den jüngsten Publikationen die
Frage, ob man die 1993 gestorbene Künstlerin mit ihrem nun offenkundig
widersprüchlichen Leben nahezu kritiklos feiern kann?
Der Ballettschamane John Neumeier, der sie nie tanzen sah und auch erst sechs
Jahre vor ihrem Tod persönlich kennen lernte, sprach über den Einfluss der
modernen deutschen Tänzer auf den ihn prägenden American Dance. Was Neumeier
zunächst nur bei seiner Lehrerin in Amerika erfuhr, später in Bildern und Filmen
von Palucca sah, habe "mit ungeschminktem Ausdruck und Mut zur Hässlichkeit"
eine neue tanztheatralische Dimension erlaubt. Neue Dynamik verband sie mit
einer lyrischen Schwere. Ihr größtes Verdienst als Pädagogin sei, dass sie "die
innewohnende Kreativität" von Schülern freizusetzen vermochte.
Das demonstrierten überzeugend Ausschnitte aus einem neuen Film. Anfeuernd,
anspornend, ermutigend wirbelte sie - selbst als Hochbetagte - im Unterricht
voran. Zuweilen schien sie mit ihrer Lebendigkeit die Jüngste im Saal. Aber auch
von "treffender Härte" berichteten Schüler, "doch fing sie uns unten wieder
auf". Wer nicht wahrhaftig war, den lehnte Palucca ab. Konrad Hirsch und Ralf
Stabel sind dabei, den ersten kritischeren Film über sie zu produzieren. "Ich
will nicht hübsch und lieblich tanzen" verbindet bekanntes Material mit neu
entdeckten Originalaufnahmen, etwa die komplette Aufzeichnung der Serenata-Choreografie
von 1933. Sie fanden interessante Zeitzeugen, die Interpretationsversuche für
die merkwürdigen Wendungen in Paluccas Karriere gaben. So stellt sich aus Sicht
des Kritikerpapstes Klaus Geitel die Teilnahme Paluccas bei der Eröffnung der
Olympischen Spiele 1936 als "fleisch gewordene Freude" dar. "Sie hüpfte wie eine
kleine weiße Maus im Rund." Der Kunstpsychologe Rudolf Arnheim charakterisierte
die Beziehung von Bauhaus-Künstlern zu Palucca als "wohl auch
persönlich-erotische Beziehung". Die Tänzerin sei diejenige gewesen, die
"Anregungen aufnahm" und nicht gab, wie es bislang hieß.
Stärker als in seiner Biografie relativiert Filmautor Stabel seine Protagonistin
und kommentiert weniger. So soll Paluccas eher ablehnende Haltung zur
Parteiführung, von der sie gern Ehrungen nahm, eine gelangweilte Künstlerin
inmitten ebenso gelangweilter Pioniere verdeutlichen. Täuscht der erste Eindruck
einer zahmen Kritik? Sobald Palucca auftritt, nimmt ihre Ausstrahlung gefangen.
Vielleicht ist so zu erklären, weshalb jene, die die mitreißende Künstlerin
kannten, ihr Vorbild nicht verurteilen.
Dass der Kunstanspruch der Jubilarin an ihrer Einrichtung unverändert gilt,
sollte sich beim Premierenauftritt des Palucca Tanz Studios zeigen. Zehn
Absolventen, teils arrivierte Choreografen, studierten mit Mädchen des 2.
Hauptstudienjahres kurze Arbeiten ein, die Hanne Wandtke erbepflegend
zusammenstellte. Ihre Überleitungen zwischen den Stücken und das sensible Spiel
von Paluccas langjähriger Pianistin Antje Ladstätter gaben der Aufführung einen
Zusammenhalt, wie selten bei Schulabenden.
Wie bei Paluccas erster Gruppe tanzten diesmal nur Mädchen, leider auch in den
langen Kostümen, die für zeitgenössische, kantige Bewegungen oft ungeeignet
sind. Die Pastelltöne der Kleider trugen ihr Übriges bei, die Premiere in
Harmonie abgleiten zu lassen - hätte Hanne Wandtke zum Schluss nicht
Momente aus Serenata und Bilder aus den anderen Choreografien eindrucksvoll vereint. Das
Publikum war begeistert. Wahrscheinlich trifft John Neumeiers Beobachtung nicht
nur auf Palucca zu. In deren Augen habe er einmal einen "fast naiven
Enthusiasmus für den Tanz" gesehen.
Sie nahm, was die Welt ihr gab
Festveranstaltung zum 100.Geburtstag von Palucca im Dresdner Schauspielhaus
von Gabriele Gorgas
Tänzerischer kann eine Festveranstaltung zum 100. Geburtstag
von Gret Palucca (1902-1993) kaum sein. Diese
unvergleichliche Tänzerin zu erleben in dokumentarischen Filmaufzeichnungen,
dazu die stimmige Hommage von heutigen Tanzstudentinnen sowie Choreographen,
die aus der Palucca Schule hervorgegangen sind,
und der Festvortrag eines um Tanz Wissenden, über den nachzudenken lohnt - das
ist schon eine wahre Freude.
Er sei überrascht gewesen, meint der aus Hamburg angereiste John Neumeier, dass
ausgerechnet ihm die unerwartete Ehre zuteil wurde, noch mehr, dass er
zugesagt habe. Und spricht über Entwicklungsparallelen in der Tanzmoderne,
Nijinskis letzten Auftritt 1919 in St. Moritz,
über das feine Netz an Wegen, direkte und indirekte Begegnungen, die ihn zu
Palucca geführt haben. Besonders beeindruckt habe
ihn ihr Mut zum Häßlichen, Wahrhaftigen. "Tanz ist
vergänglich. Ist Tanz vergänglich? Wenn ich an Paluccas
leuchtende Augen denke, tanzt sie weiter."
Dieses Funkeln, Leuchten der Augen, ihre unglaubliche Energie und
Bewegunglust, wenn sie wie ein Kobold durch den
Raum wirbelt, sich im Tanz wiegt wie auf einer Meereswoge, überträgt sich mit
dem neuen Film zu Palucca "Ich will nicht hübsch
und lieblich tanzen" von Konrad Hirsch und Ralf Stabel
atmosphärisch auch auf das Publikum des Abends. Palucca
lebt Tanz, fühlt ihn mit Leib und Seele, muss ihn nicht erjagen. Hanne
Wandtke, ihre Schülerin, später Mitarbeiterin,
heute Professorin für Modernen Tanz an der Dresdner Schule, zitiert einen der
Lieblingssätze Paluccas, wenn ihr authentisches
Gestalten gefiel: "Das sind die Dinge. Die Dinge, die den Künstler ausmachen."
Zuweilen sind in den alten Aufnahmen die Augen der Palucca
aber auch müde, matt, im Erinnern an den Krieg oder in Zeiten
erschöpfender Auseinandersetzungen mit Dogmatikern.
Der Film bezieht unterschiedliche Aussagen, Fotos, Filmmaterialien ein. Mitarbeiter,
Freunde, Kritiker äußern sich. Darunter auch hochbetagt
Rudolf Arnheim, der bereits in den zwanziger
Jahren über Palucca in der Weltbühne schrieb. Fast
programmatisch seine Bemerkung: "Sie nahm, was die Welt ihr gab." Oder die
späte Erkenntnis des früheren Ballettpapstes der DDR, Eberhard Rebling, die
Gegner der Moderne seien in Klischees festgefahren gewesen, hätten diese als
Ganzes, so auch den Neuen Künstlerischen Tanz von Palucca,
abgelehnt. Ein guter, ein wichtiger Film. Der in unaufdringlicher, rhythmisch
erspürter, intelligent kommentierter Symbiose von Bild, Wort, Vergangenem,
Gegenwärtigem viel erzählt über das Nehmen und Geben der Palucca,
das schwer zu fassende Phänomen ihrer Eigenart.
"Ich glaube,
dass jeder Mensch träumen muss, und wahrscheinlich auch tut. Hoffentlich."
Dieser Gedanke Paluccas ist in schönster Weise in
der Tanzhommage assoziiert. Die unabhängig voneinander dafür entstandenen
Schöpfungen von elf Choreographen, erarbeitet mit acht Studentinnen aus dem 2.
Jahr des Hauptstudiums der Palucca Schule Dresden,
unterscheiden sich stilistisch, scheinen dennoch wie ein Ganzes. Eine
vielgliedrige Pflanze, die aus der gleichen Wurzel erwächst. Hanne
Wandtke hat die Tanzminiaturen mit Geschick
ineinandergewoben und im Déjà-vu erinnert. Erstaunlich, mit welcher Inspiriertheit die jungen
Tänzerinnen den Impulsen der Choreographen folgen. Die sie gut motiviert haben
müssen, begleitet von Tanzpädagogen und Choreographiestudenten der Schule.
Wunderbar schlicht, sparsam erzählend
beispielsweise das Frauenduett von Birgit Scherzer zu einem der
Venetianischen Gondellieder von Bartholdy,
einfühlsam getanzt von Julia Kathriner und Helene
Sophie Wawer. Die beiden sind eins, mit der Musik,
mit sich, der Bewegung. Erfreulich auch, wie Holger Bey die Allemande
von Bach in Szene setzt, spielerisch, konzentriert auf wenige
Bewegungsvariationen. Mareike Franz beweist in dem
Solo Gespür für Spontanität, Nuancen in den Tempi.
Launisch, leicht führt Arila Siegert in der
Sorocaba von Milhaud ihre Quadriga am Zügel,
und Irina Pauls
entwirft einen weiblichen Spießrutenlauf zu einer Etude
von Chopin. Christine Joy Ritter rechnet in der "Summertime"-Geschichte
von Dietmar Seyffert mit einem imaginären
geliebten Feind ab. Mit Marcato verlockt Mario
Schröder zur Belagerung des Tasteninstruments, bezieht die Pianistin -
sämtliche Arbeiten werden von Antje Ladstätter am
Flügel begleitet - in das Geschehen ein.
Zum Auftakt der Hommage, in der ebenso Arbeiten von Anke Glasow,
Mario Heinemann, Silvana Schröder und Raymond Hilbert zu erleben sind -
zugleich ist es die Geburtsstunde des Palucca Tanz
Studios, zu dem ebenso Lilli Horváth, Corinne
Emmenegger und Marianne Koch gehören - tanzt
Maria
Zimmermann Paluccas Serenata
von 1932. Eine enorme Herausforderung, nunmehr schon für die dritte
Tanzstudentin der Schule. Erstmals wurde an diesem Abend ein Stipendium für
zeitgenössische Choreographie und zeitgenössischen Tanz der Kulturstiftung
Dresden der Dresdner Bank vergeben, an die Absolventin Nora Schott. Zudem die
Förderung einer ergänzenden Jazz-Tanz-Ausbildung für Anne Retzlaff,
die sie in New York absolvieren wird.
Das Auftauen der Augenblicke
Tanz-Hommage und Ausstellung erinnerten an 100. Geburtstag Paluccas
Von Andreas Hillger
Ein ganzes Leben aus dem Koffer: Von der Geburt am 8. Januar
1902 bis zum Tod am 22. März 1993 passen die Erinnerungen an Gret Palucca
zwischen 14 Hartschalen-Deckel, die den Blick in bonbon-bunt beleuchtete Nischen
freigeben. So will es jedenfalls eine kleine, praktikable Ausstellung der
Akademie der Künste und der Dresdner Hochschule für Tanz, die derzeit im Bauhaus
zu sehen ist. Anlass für die Wander-Schau ist der 100. Geburtstag der
Choreografin und Tanz-Pädagogin Palucca, deren Karriere eng mit der Dessauer
Hochschule für Gestaltung verbunden war.
Dass das linde Licht freilich nicht nur die Höhen dieser einzigartigen Laufbahn
färbt, ist angesichts der kompakten Präsentation keine Selbstverständlichkeit.
Doch die Erben der Künstlerin sehen - zweifellos zu Recht - bei aller gebotenen
Achtung keinen Anlass zur kritiklosen Glorifizierung. So kommt zumindest der
gefährliche Flirt der erfolgreichen Ausdrucks-Tänzerin mit den
nationalsozialistischen Machthabern zur Sprache, der trotz "deutschem Gruß" und
Teilnahme an der Olympia-Eröffnung 1936 in einer gesellschaftlichen Grauzone
endete. Die späteren Arrangements mit der DDR-Obrigkeit bleiben freilich vage -
vielleicht, weil sie auch in der Geschichte der Hochschule noch nicht endgültig
bewertet worden sind.
Wer aber das persönliche Verhältnis der mehr oder minder
berühmten Absolventin zu ihrer Über-Mutter studieren will, wird im Jubiläumsjahr
abseits des Koffer-Archivs fündig: Hommage à Palucca heißt ein
Tournee-Programm, das szenische Miniaturen einstiger Schülern zum
ironisch-lakonischen Reigen vereint. Dabei bietet das Ausdrucks-Spektrum der
Nestorin vielfältigen Anlass für Einverständnis und Widerspruch - eine
Fortschreibung und Konterkarierung jenes gestischen Kanons, mit dem Palucca seit
den 20er Jahren ihr Publikum und die Kritik begeisterte.
Die Zeitlosigkeit, die Schul-Direktor Enno Markwart etwa der auch zum
Bauhaus-Gastspiel in einer Rekonstruktion von Hanne Wandtke gezeigten
Serenata bescheinigt, bleibt zunächst allerdings kaum mehr als eine
Behauptung. Paluccas raumgreifendes Solo, das entspannt fließende Bewegungen mit
kraftvoller Konzentration kombiniert, wirkt heute wie ein patiniertes
Prachtstück aus der Affektenkammer des Tanz-Museums.
Grazie und Grandezza sind noch immer erkennbar, der revolutionäre Impuls aber
wurde längst vom ästhetischen Konsens aufgesogen. Eine ähnlich heilsame
Entzauberung war am gleichen Ort bereits mit Oskar Schlemmers
Bühnentänzen zu erleben: Was auf historischen Fotografien als Ikone der
klassischen Moderne erscheinen mag, gibt sich in akribischer Reanimation leicht
als banal oder gar lächerlich zu erkennen.
Wie man die eingefrorenen Augenblicke dennoch zu flüssigem und folgerichtigem
Ablauf auftaut, zeigen hernach Anke Glasows Bagatellen. Hier
verbinden sich die expressiven Posen und vitalen Sprünge zum artistischen
Pflichtprogramm mit hohem Schwierigkeits-Grad: Eine Übung, mit der sich die
Studentinnen über die gemeinsame Basis verständigen und zugleich den Boden für
die folgenden Kür-Stücke bereiten.
Dass die Choreografen dieser Etüden jedoch sehr unterschiedlichen
intellektuellen Aufwand betreiben, ist unübersehbar. Während sich etwa Irina
Pauls sichtlich zurücknimmt, um ihre unverkennbare Handschrift nicht allzu
dominant wirken zu lassen, beschränken sich Choreografen wie Mario Heinemann
oder Holger Bey auf weitgehend akademische Exkurse. Und während
Raymond Hilbert mit seiner Melodie kaum mehr als eine Körperskizze im
Magnetfeld der Dinge entwirft, überrascht Arila Siegert mit einer zirzensischen,
heiter-resignativen Reflexion über die grell ausgeleuchteten Schattenseiten der Branche.
Überhaupt ist es - abgesehen von Mario Schröders klugem Anti-Manifest
Marcato - ein Abend der starken Frauen, die sich ihres Körpers und seiner
Wirkung voll bewusst sind.
Ich tanze, also bin ich
Ralf Stabel: Tanz, Palucca!
Von Manuel Brug in: Die Welt, 12.Jan.2002)
Tanz
lässt sich schwer zwischen Buchdeckel bannen. Anders noch als bei der ähnlich
ephemeren Musik, gibt es hierfür nicht einmal ein gültiges Notationsystem, mit
dem allgemeinverständlich operiert werden kann. Deshalb ist es geschickt, dass
Ralf Stabel - abgesehen von knappen Zeitzeugenbeschreibungen - nicht den Versuch
unternimmt, die Kunst einer singulären Tänzerin und Choreografin wie der von
Gret Palucca in Worte zu fassen. Und dennoch gelingt ihm das stauenswerte
Charakterbild einer Frau, die als Künstlerin vor allem ihre Individualität
gepflegt hat, die sich jeder Schulbildung, Ordnung und Systematik verweigerte,
obwohl sie, die am 8. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, neben Mary Wigman
jahrzehntelang die berühmteste Schule für deutschen Ausdruckstanz geführt hat.
Oder muss man eher sagen für Neuen künstlerischen Tanz? So nämlich
definierte die zeitweise in den USA aufgewachsene Münchnerin Palucca, die in
Berlin am meisten aufgetreten ist, doch in Dresden mehr als nur die zweite
Lebenshälfte verbracht hat und auf Hiddensee begraben liegt, ihren Stil. Vor
allem, um sich gegenüber der bürgerlich mystischen wie formalistischen
Anwandlungen misstrauisch beäugenden DDR-Kunstdoktrin eines sozialistischen
Realismus nicht verdächtig zu machen. Was ihr kaum gelungen ist. Von diesem
steten Kampf der späteren Nationalpreisträgerin um Tanzrichtung und Obergewalt
über die Schule am Neuen Garten berichtet Stabel so ausführlich wie spannend.
Die Palucca und die Behörden, das war ein Kampf zweier ungleicher Gegner. Die
weithin berühmte, als Garantin für die Weltoffenheit des deutschen
kommunistischen Staates überlebenswichtige Tänzerin fand wie die Maus immer ein
Schlupfloch, um Staat und Stasi auszutricksen und ihre Herkunft, Vergangenheit
und Leistung vor dem Krieg im Halbdunkel einer bereits Geschichte gewordenen
Vergangenheit zu belassen. Erst im hohen Alter fand sie ihren Frieden mit der
DDR. 1993 ist Gret Palucca, die so wichtige Choreografen und Tänzer wie Ruth
Berghaus, Hannelore Bey, Dietmar Seyffert, Arila Siegert, Hanne und
Harald Wandtke geformt hat, im Alter von 91 Jahren gestorben.
Ralf Stabel macht in seiner so flüssig wie sachlichen, nie besserwisserisch sich
in ein Gestrüpp von Vermutungen flüchtenden Biografie mit vielen Legenden der
Palucca Schluss, die diese sich - immer PR-bewusst - bequem zurecht gelegt
hatte. Er bringt Licht in ihre bayrische Herkunft. Er schildert ihren Werdegang
beim Münchner Ballettmeister Kröller, der sie im klassischen Tanz für ungeeignet
hielt. Ausgewogen wird der schwierige Abnabelungsprozess der Palucca von
Übermama Mary Wigman geschildert. Stabel beschreibt, wie viele der Protagonisten
des deutschen Ausdruckstanzes zu Fackelträgern der Nazis wurden. Was der Palucca
vielleicht nur erspart blieb, weil sie Halbjüdin war. Was freilich erst nach
ihrem Beitrag zu den Olympischen Spielen von 1936 ruchbar wurde. Aufgrund ihrer
Berühmtheit durfte sie weiter auftreten, wenn auch nicht bei
Parteiveranstaltungen. Stabel listet auf, dass Palucca nie mehr Gastspiele gab,
als zwischen 1939 bis 1944. Schon im Sommer 1945 durfte sie ihre Schule
wiedereröffnen. Was dann an Schikanen folgte, mutete ihr aus der Nazizeit
bekannt an. Doch die sie später perfekt ausfüllende Opferrolle, die spielte
Palucca nicht.
Schwierig erscheint es heute - und der getreue Eckermann Stabel überlässt
solches späteren Tanzwissenschafts-Monografen - die genuine Leistung, die
Faszination der Palucca weiterzutragen. Ihre Kunst war eine heitere,
gegenwärtige, in der klassischen Musik, gerne südlicher Herkunft, aufgehende.
Ihr Motto "TANZ PALUCCA", das abgewandelt, dem Buch seinen Titel gibt, war das
einer aus dem Bauch kommenden Improvisation, der Freude an der schönen,
impulsiven Bewegung. Wo andere urdeutsch im Tiefen gründelten und gerne
pathetisch wurden, tanzte die Palucca als frischer Wirbelwind und furioser
Springteufel theorieungesättigt drauflos. In der DDR war sie eine Heilige, in
der BRD hat sie man sie vorwiegend als Pädagogin wahrgenommen. Sie wollte nicht
mehr, das sich das änderte. Mit Palucca sind auch ihre Stücke gestorben.
Sprünge und Kurven
Neun Jahre nach Paluccas Tod hat der erste kritische Dokumentarfilm in Dresden Premiere
Von Bernd Klempnow
Die Dresdner Tänzerin und Pädagogin
Gret Palucca (1902 –1993) war die meistgefilmte Künstlerin der DDR. Die letzten
Aufnahmen entstanden 1990. Und Palucca gehörte zu jenen Stars, die sich
frühzeitig des Mediums bedienten. Dennoch gab es bislang keine filmische
Biografie, sondern eher nacherzählende, nie hinterfragende Darstellungen.
Vielleicht sind kritische Fragen erst nach dem Tod einer solchen, Generationen
prägenden Persönlichkeit möglich?
Der Tanzwissenschaftler Ralf Stabel beschäftigt sich seit Jahren mit dem
kurvenreichen Leben Paluccas, recherchiert in vielen Archiven und konnte in
seinen Publikationen fundiert manche Legende widerlegen. Mit Konrad Hirsch hat
er einen Partner gefunden, der mit ihm das Risiko eines kritischen Filmporträts
wagte. Aus bekanntem, aufgespürtem Material und historischen Dresden-Aufnahmen
sowie dank klug geführter Interviews mit Bewunderern, Schülern und Kollegen über
die Karrierewendungen und Eigenheiten der Frau entstand die spannende
Dokumentation „Ich will nicht hübsch und lieblich tanzen!“. So berichtet Leni
Riefenstahl vom gemeinsamen Unterricht bei Mary Wigman („Sie war schwerlos.“)
und der Kritiker Klaus Geitel vom Olympia-Auftritt 1936 („Sie war die
fleischgewordene Freude.“). Gut eine Stunde, nur eine Stunde bleibt in der Kino-
und TV-Version für die Annäherung an das Phänomen. Wirkungsvolle Montagen
illustrieren Fakten, gekonnt setzen Hirsch und Stabel auf den Bruch zwischen
suggestiven Palucca-Fotos und energievollen Tanzsequenzen dieser faszinierenden,
schönen Frau. Der Film ist berührend und ehrlich und dürfte dadurch der Frau mit
all ihren Facetten nahe kommen.
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Palucca - Der Weg zum Ruhm
Die erste und einzige deutsche Hochschule für Tanz in Dresden will das Wort
"modern" aus ihrem Vokabular streichen und durch "zeitgenössisch" ersetzen
Von Daniel Sturm, in: "Die Welt", 28.Sept.2001
Nein, einen Skandal werde es nicht geben, meint Enno Markwart. Was da seit
gestern im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin von der Palucca Schule
Dresden präsentiert werde, sei so seriös, wie eine Ausstellung zur 75-jährigen
Geschichte der einzigen Hochschule für Tanz in Deutschland eben nur sein könne.
"Wer Szenenfotos oder Verweise auf die Csárdásfürstin erwarte, wird eines
Besseren belehrt werden. Dieses Kapitel ist abgeschlossen, und es ist auch
keineswegs wichtig für das Selbstverständnis der Schule."
Ein Kapitel, das allerdings für einen der größten Theaterstreits der letzten
Jahre in Deutschland sorgte. So groß, dass ihn schließlich ein Gericht
schlichten musste. Hintergrund: Für die Silvester-Inszenierung der Operette
Die Csárdásfürstin
an der Sächsischen Staatsoper Dresden hatten Regisseur
Peter Konwitschny und Enno Markwart als Choreograph die Hauptdarstellerin mit einer
kopflosen Leiche tanzen lassen. Weil das einem Teil des Publikums unzumutbar
schien, wollte die Opernleitung die Szene herausnehmen, wogegen sich die
Künstler wehrten und schließlich klagten.
So absurd wie der Fall war dann auch das Urteil: Dreimal durfte das Stück in
der Originalfassung und einmal in der zensierten Version aufgeführt werden.
Markwart, selbst Palucca-Absolvent und seit vier Jahren Rektor der Palucca
Schule Dresden, ist immer noch amüsiert, wenn er davon erzählt. Und irgendwie
auch ganz zufrieden, weil damit seine Lehranstalt landauf, landab in der Presse
stand.
Sicher, Gret Palucca, die wichtigste deutsche Repräsentantin des
Ausdruckstanzes, kennt man. Dass sie in Dresden 1925 eine Schule gründete, die
seither - von einer sechsjährigen Unterbrechung in der Nazizeit abgesehen -
Künstler von Weltrang hervorbrachte, ist hier und da schon eher aus dem Blick
geraten. Zumal Palucca auch in Berlin und Stuttgart Schulen eröffnete.
Persönlich ausgebildet hat sie ihre Schüler bis zu ihrem Tod 1993 jedoch nur in
Dresden. Darunter später so erfolgreiche Künstler wie Marianne Vogelsang,
Dore
Hoyer und Ruth Berghaus.
Aus den folgenden Absolventengenerationen sind zu nennen Joachim Ahne,
Dietmar Seyffert, Hanne Wandtke, Harald Wandtke, Enno Markwart, Arila Siegert,
Birgit Scherzer, Holger Bey, Stephan Thoß, Mario Schröder, Anne Retzlaff, Mario
Heinemann, Irina Pauls, Nora Schott...
Dennoch will sich die Hochschule - sie wurde erst vor zwei Jahren in den
akademischen Stand erhoben - 2003 per Studienordnung von dem Begriff modern
verabschieden. Was wie eine Revolution klingt, ist nach den Worten Markwarts
jedoch nur die logische Konsequenz aus dem Sieg von Palucca und Co. über die
Gralshüter des romantischen Balletts: "Mittlerweile spricht kein Choreograf der
Welt mehr von klassischen oder modernen Bewegungen. Modern ist ein verwaschener
Begriff." Deshalb wolle die Schule künftig "zeitgenössischen Tanz" unterrichten,
was beide Tanzrichtungen einschließe.
Gret Palucca, selbst im klassischen Ballett ausgebildet, legte großen Wert
darauf, dass ihre Schüler den Tanz wie ein Handwerk von der Pike auf erlernen.
Eine Ansicht, die Markwart für aktueller denn je hält in einer Zeit, "in der der
Laie nicht mehr erkennen könne, was Kunst und was Scharlatanerie ist".
Auf die Frage, was denn einen Palucca-Tanz ausmache, schmunzelt Markwart und
meint: "Man kann ihn nicht nachmachen." Die Schule habe einmal einen Tanz der
Palucca rekonstruiert, was nur unter Mühen gelang. Und genau das müsse auch das
Ziel der Palucca-Schüler sein: So improvisations- und ausdrucksstark zu tanzen,
dass jeder Auftritt einmalig ist.
Die Voraussetzungen dafür sind gut. So kümmern sich in Dresden zwölf
Professoren und Dozenten - darunter fünf ehemalige Palucca-Schüler- um die 200
jungen Talente (151 weiblich, 48 männlich). Der Unterricht, der die
allgemeinschulische Ausbildung einschließt, beginnt in der 5. Klasse. Je nach
Begabung stehen den Schülern neben einem achtjährigen Diplomstudiengang
Bühnentanz und einem vierjährigen für Tanzpädagogik auch eine Meisterklasse und
zwei Ergänzungs-Studiengänge in Choreografie und Bühnentanzpädagogik offen.
2004, wenn die Palucca Schule ihr neues Haus in Dresden bezieht - derzeit läuft
der Architektenwettbewerb -, sollen 250 Schüler unterrichtet werden.
Neben dem Nachwuchs möchte Enno Markwart künftig auch den Profis Lehrangebote
machen, um sie auf die Zeit nach der Karriere vorzubereiten. So schwebt ihm eine
akademische Weiterbildung in Tanz- und Ausdruckstherapie vor - womit die Palucca
Schule Dresden einmal mehr neue Wege beschreiten würde.
Die Fülle von Zäsuren erklärt Markwart mit dem zu Ende gegangenen
Jahrhundert, das eng verknüpft sei mit der Ära von Gret Palucca. Nun stehe man
vor einem neuen Jahrtausend und vor der Frage, wohin sich der Tanz entwickele.
Und die Suche nach den Antworten habe erst begonnen.
Doch zuvor will die Hochschule nochmals die große Vergangenheit beschwören
und den 100. Geburtstag von Gret Palucca am 8. Januar 2002 zu einem rauschenden
Fest der Sinne machen.
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