„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Frederick Delius nach Gottfried
Keller ist eine Art Königskinder-Geschichte. Sie spielt im bäuerlichen
Milieu der Schweiz. Was ist das Interessante daran heute?
Für mich ist das Interessante, dass in der Oper und auch in der
Novelle bei Gottfried Keller die Zerbrechlichkeit, Besonderheit und
Unvergleichlichkeit von Menschen und von menschlichen Beziehungen
geschildert werden, dass über die Kostbarkeit menschlicher Bindungen
gesprochen wird und von dem Drama, das sich abspielt, wenn diese
gestört, zerstört oder vernichtet werden. Auch von dem, was ein Mensch
braucht, um lebensfähig zu sein. Ich glaube, dass dieses Drama auch
abhandelt, wie wichtig es ist, dass wir über den eigenen Gartenzaun
schauen, was der Nachbar macht, wie es unseren Freunden geht, angesichts
der Fragilität menschlichen Lebens und der Nähe des Todes.
Keller hat seine Erzählung nach einer wahren Begebenheit Mitte des
19.Jahrhunderts gestaltet, angelehnt an den Shakespeareschen Plot. Zwei
Nachbarskinder, die einander lieben, werden durch den Hass der Väter
getrennt, finden dann doch zusammen, sehen aber keine Lebensperspektive
und gehen gemeinsam in den Tod. Delius hat diese Geschichte für sein
Libretto stark verkürzt. Der von Keller mit vielen realistischen und
ironischen Details geschilderte soziale Niedergang der beiden
Bauersfamilien ist hier sehr komprimiert. Wie fängt man das bei der
Inszenierung der Oper ab?
Indem man gewichtet. Das Wichtigste ist diese zarte, verletzliche
Liebe dieser beiden jungen Leute, die kein Fundament, kein Haus, keine
Heimat – nichts hat. Im Gegensatz zu der Gier der Väter, die sich
gegenseitig von einem Brachland bereichern, das ihnen nicht gehört. Es
geht um dies Immer-mehr-haben-wollen als Ersatz für mangelnde
Liebesfähigkeit, oder dass dieses Miteinander, die Liebe und die
Menschlichkeit immer mehr an Raum auch in unserer heutigen Zeit
verlieren. Insofern ist es immer wieder wichtig, dass man sich selbst
dahin bringt, dass man überhaupt wahrnimmt, was mit den anderen Leuten
los ist in dieser materiellen Welt. Dort hat Delius durch die fein
psychologisierende und dennoch durchsichtige, einfache und farbige
Fast-Kammermusik versucht, an diese Art der Sprache von Gottfried Keller
heranzukommen. Ich glaube, dass er beim Komponieren auch immer wieder in
der Novelle gelesen hat. Keller hatte die Kraft des Wortes, in einem
Satz die ganze Welt erzählen zu können. Und das hat Delius in Töne
gebracht.
Delius‘ Musik ist 1900/01 entstanden, 1907 uraufgeführt in Berlin.
Sie changiert stilistisch zwischen Grieg, Wagner und Debussy, ist
harmonisch vielfältig mit stark impressionistischen Zügen. Sie
reflektiert mehr die inneren Gefühle und die Träume der beiden jungen
Liebenden als dass sie das dramatische Geschehen schildert. Wird da
nicht allzu sehr romantisiert? Wie bekommt man dennoch eine spannende
Szene? Der Grundkonflikt von Besitzgier und Bigotterie ist ja durchaus
nicht von gestern.
Ich verstehe das Innere und das Gefühlsleben so, dass es uns –
besonders als junge Menschen – durchs Leben begleitet. Ich stehe zu
dieser Romantik, ich kann mich da wiederfinden. Und für mich ist die
Verinnerlichung, dass die jungen Leute nicht in die reale Welt
reinkommen und nur im Traum oder in ihrem Gefühlsleben einen Raum finden
von Frederick Delius sehr gut eingefangen worden. Daraus ist eine Oper
entstanden mit großen musikalischen Bögen, in der sehr viel ohne Text
musiziert wird. Das stellt alle, die daran arbeiten, die Solisten und
den Chor, vor eine große Aufgabe. Sie müssen sich dort ganz anders
einstellen, als wenn sie ihren Text haben und sich nach den Worten
richten können. Sie müssen sich plötzlich nach musikalischen Bögen und
inneren Zuständen bewegen. Das ist eine wirkliche Herausforderung auch
für die Zusammenarbeit zwischen den Protagonisten und dem Regisseur und
in diesem Falle ja Choreografen, weil sich bei Delius oft die Worte
weiterspinnen musikalisch. Es ist wirklich ein choreografisches Denken
nötig, um dieses merkwürdige Zusammenspiel zwischen dem Text und der
Musik und der Szene so zu gestalten, dass es ineinander greift und nicht
nebeneinander herläuft.
Es gibt – wie in Erzählungen von Keller oft – eine geisterhafte
Figur, die erst die Kinder, dann die jugendlichen Liebende sozusagen in
ein anderes Leben locken will: in eine Art Paradies. Und Sali, der junge
Mann, scheint sogar etwas bereit dazu, aber Vrenchen, das Mädchen,
ängstigt sich vor diesem Ungewissen. Welche Funktion hat dieser
„schwarze Geiger“, wie er genannt ist?
Das ist schon eine Art Teufelsfigur oder Schicksalsträger in dem
Stück. Es ist der Heimatlose. Es ist der, der sich außerhalb dieser
materiellen Welt bewegt. Dieses Vogelfreisein ist ja heute auch wieder
ein Thema, wo wir von Land zu Land, von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle,
von Stadt zu Stadt, auch von Partner zu Partner ziehen und nirgendwo ein
richtiges Zuhause mehr finden. Und diese Haltung, dieses
Sich-nicht-binden und Seiner-eigenen-Natur-leben, das ist der schwarze
Geiger, der die beiden verführen will, sich einen eigenen Weg zu suchen,
im Positiven: sich zu befreien von den kleinbürgerlichen Grenzen und
über den Horizont zu schauen.
Andererseits ist es eben auch ein System,
wo gerade die beiden jungen Leute, Sali und Vrenchen, mit ihrem eigenen
Wertesystem überhaupt nicht klar kommen. Sie müssten alles, was sie
bislang erlebt hatten – sie hatten ja leidlich funktionierende Familien
erlebt –, das müssten sie verlassen und über Bord werfen zugunsten eines
Zigeunerlebens. Dafür fühlen sie sich nicht geschaffen. Und das gibt
letztlich den Ausschlag. Auch weil sie ganz monogam nur den anderen
wollen. Sie wollen nicht gestört sein, keinen Partnerwechsel, kein
sogenanntes modernes Leben. Sie wollen diese Liebe leben und dafür gibt
es keinen Platz. Das ist ihre Tragik. Sie können nichts dafür, sie sind
schuldlos.
Es gibt auch noch eine Art Schein-Paradies: die Kirmes, auf der Sali
und Vreni sozusagen sich noch einmal mit „irdischen“ Gütern vergnügen
wollen. Aber es gelingt ihnen nicht so recht. Ist es mehr eine Hölle?
Das ist eine Schlüsselszene. Es ist der Versuch, nachdem die Familien
sich ruiniert haben und das Haus von Vrenchens Eltern am nächsten Tag
verkauft wird, dass Sali seiner Freundin sagt: komm, wir gehen zusammen
weg. Und sie wollen sich wenigstens noch einen Tag auf dieser Kirmes
vergnügen. Delius hat das komponiert wie ein Gewitter, das auf sie
einbricht. Es ist eine Überlagerung von musikalischen und szenischen
Ideen in ganz kurzen Abständen. Es ist wie ein Feuerwerk von Realität,
was plötzlich auf sie einbricht, einschreit. Sie finden sich da gar
nicht zurecht. Sie versuchen in die Society hineinzukommen, werden
erkannt, werden hämisch beäugt und ausgestoßen. Sie können da nicht
ankern. Keine von den Verkäuferinnen – es gibt in der Szene u.a. eine
Glücksrad-, eine Pfefferkuchen-, eine Schmuckwaren-Verkäuferin sagt,
komm, hilf mir im Laden, du kannst dabei was verdienen, ich helfe dir
weiter. Das findet nicht statt. Sie ziehen fremd ein und bleiben es.
Das Bühnenbild, das Frank Philipp Schlößmann entworfen hat – du
arbeitest mit ihm zum zweiten Mal zusammen – ist einigermaßen
kompliziert. Es zeigt eine Welt von Mauern und Wänden, ein Sich-Drehen
im Kreise.
Es funktioniert wunderbar. Wir sind davon ausgegangen, das in Kreisen
zu erzählen. Dass wir einen inneren Kreis haben, das ist die innere
Welt, die man nicht sieht, die sich in uns abspielt, die Gedanken,
Gefühle, Ahnungen. Dann gibt es eine äußere Welt. Das sind die Väter,
die Kirmes, die Society. Und dann gibt es eine Meta-Welt außen herum.
Dazu gehören der Geiger und die Schiffer zum Schluss, die sie in die
Toteninsel hineinziehen, in das sog-hafte Zentrum dieses Lebens- und
Todesstücks.
Wie kann man diese Ausweglosigkeit der Titelfiguren heute vermitteln?
Es ist ja auch eine Flucht Salis vor der Verantwortung, dass er Vrenis
Vater mit einem Stein halbtot geschlagen hat. Hier flüchten sie sich
zunächst in eine Traum-Hochzeit, in ein Bündnis der Verschworen- und
Verschwiegenheit. Kann das tragen?
Sali versucht das Vrenchen zu verteidigen, als der Vater die beiden
jungen Leute im Feld beieinander entdeckt und das Vrenchen verprügelt.
Es ist also eine gewisse Verteidigung und Hilfe für Vrenchen. Es ist
kein Akt der Brutalität. Trotzdem wird Vrenis Vater Marti so verletzt,
dass er ab da geistesgestört ist. Das belastet die jungen Leute
zusätzlich. Auch dass beide Familien, die von Sali und Vreni, ruiniert
sind – besonders bei Vreni hinterlässt das eine Art Schuldkomplex. Sali
kann das eher rationalisieren; er sagt, wir sind nicht daran schuld, was
die Väter Marti und Manz im Hass getan haben. Aber Vrenchen hat sehr
früh ihre Mutter verloren – das wird von Keller ganz explizit erzählt –,
Vrenchen ist nicht so stabil und bezieht vieles masochistisch auf sich.
Das hat auch was mit Frau-Sein und Mann-Sein zu tun. Besonders im
19.Jahrhundert, aber heute auch. Wir Frauen verinnerlichen mehr als die
Männer, sind introvertierter.
Auf den beiden liegen zwei große Lasten. Der Ruin der Familien und der
Unfall mit Vrenchens Vater im Feld. Sie sind herausgelöst aus ihren
Familien, haben ein gutes Leben, früher als Kinder in ihrem Bewusstsein.
Das heißt: sie haben ein Bild von einem Zusammenleben. Deshalb können
sie nicht das Zigeunerleben ertragen. Sie kennen das: ein warmes Bett,
ein warmer Herd, warmes Essen und Zuhause-Sein. Insofern ist auch der
Gang in den Paradies-Garten eher schon ein Schritt in die Todesnähe, als
dass er ein echter Versuch wäre zu einem neuen Leben. Der ganze Versuch
an dem Tag, zuerst zur Kirmes, dann in den Paradies-Garten, einen alten
Gasthof, zu wandern, dient eher dazu, noch einen Tag zusammen zu sein
und dann zu sterben. Sie fühlen das sehr früh im Stück, dass sie keinen
Raum, keinen Boden haben.
Wie ist das mit dem Schluss? Bei Keller versuchen die jungen Leute ja
auszuwandern, finden aber keinen Weg – außer den in einen
schicksalhaften Tod. Auch bei Delius suchen sie ihr Ende in einer Art
Liebestod, im 19.Jh. eine poetische Metapher für Selbstmord. Den
Vagabunden, die ihnen begegnen mit dem schwarzen Geiger und sie in eine
neue Freiheit naturhaften Lebens locken, gelingt es nicht, sie zu
überzeugen. Insbesondere Vreni kann sich nicht lösen aus den engen
Moral-Vorstellungen dieser Zeit, obwohl die eine Frau der
Vagabunden-Gruppe ganz nüchtern sagt: irgendwann habt ihr einander satt,
und was ist dann mit eurer Liebe? Haben die beiden jungen Verliebten
keinen Sinn für die Realität, oder warum wollen sie unbedingt in den
Tod?
Es ist ihr Alter: das Alles oder Nichts. Sie sind noch nicht ganz
erwachsen, aber auch nicht mehr Kind, den Gefühls-Stürmen unseres Lebens
ausgeliefert, wo es kein Halten gibt. Es ist genau diese Phase des
Lebens, der heutzutage immer mehr junge Leute zum Opfer fallen, und wo
sie sich dann das Leben nehmen.
Dieser sehr pessimistische Schluss: Ist es auch eine Aufforderung zum
Widerstand gegen diese Schicksals-Bestimmtheit oder doch mehr Verklärung?
Die Geschichte hat ja durchaus autobiografische Züge: Delius selber hat
sich von seinem Vater nicht „einsperren lassen“. Er sollte erst
Textilkaufmann, dann Farmer in Amerika werden, ging dann nach Leipzig
und Paris und tauchte in die Künstlerwelt ein, hat damit seinen
Fluchtpunkt gefunden.
Komponiert ist es als eine Verklärung. Es ist eine unwahrscheinlich
schöne und eigenartige Musik am Schluss. Und für mich hebt es doch den
Wert einer Liebe und einer Liebesfähigkeit hervor. Tragisch ist es
sowieso, dass das immer wieder passiert, dass man ohne Liebe oder eine
soziale Bindung als Mensch kaputt geht. Und dass es so schwierig ist,
solche sozialen Strukturen so zu erhalten, dass sie Platz bieten für
alle. Es erfordert immer wieder alle Kraft, dass junge Leute
Möglichkeiten haben, sich zu „saddeln“, Arbeit zu finden – gerade heut
wieder ein großes Thema –, einfach diesen Schritt ins Leben zu schaffen.
Aus der Kindheit heraus, aus dem Nicht-Materiellen, aus der Gedanken-
und Gefühlswelt in die Realität, wo man seinen eigenen Unterhalt
verdient, eine Familie gründet und seine Erfahrung macht mit diesem
Leben.
Und trotzdem liebesfähig bleiben.
Gemeint ist auch in der Keller-Novelle, soweit ich das verstanden
habe, dass die Tragik nicht so akzentuiert ist, sondern dass das
Besondere, das Wertvolle einer Liebe aufgefächert wird; dass die Liebe
mehr wert ist als alles Gold der Welt; dass das uns am Leben erhält und
nicht das Anhäufen von Reichtümern.
14.Jan.2012, gfk