Eine Pastete von ganz eigenem Geschmack
Johann Strauß‘ Operette „Das Spitzentuch der Königin“ (1880)
Premiere der Wiederentdeckung am 27./28. April 2007 in der
Staatsoperette
Dresden
Wien 1877.
Die Ausbildungszeit des jungen Erzherzog Rudolf wird für
beendet, er selbst mit 19 Jahren für volljährig erklärt. Zwölf Jahre
lang durfte der einzige Sohn des Kaiserpaars eine Erziehung genießen im
Sinne eines liberalen, aufgeklärten Bürgertums. Für die besten,
fortschrittlichsten Lehrer war gesorgt. Mutter Sisi hatte das nach
erbitterten Gefechten mit ihrer Schwiegermutter Sophie beim Kaiser
durchgesetzt. Jetzt aber bestimmte der Kaiser wieder über den Sohn. Er
teilte ihm einen Haushofmeister zu, der den Thronfolger in die
Lebensweise des Adels einführen sollte: Frauen, Jagen, Bälle, Müßiggang.
Rudolf reagierte darauf erst nur zögerlich, teils mit Abscheu. Er
unternimmt Reisen nach England, wo man sich die Errungenschaften des
Bürgertums zunutze macht, das Bürgertum zu integrieren versucht in den
Staat. Im Gegensatz zum k&k-Österreich-Ungarn. Er wirbt für die
industrielle Entwicklung des Vielvölkerstaats, trifft sich mit
Wissenschaftlern, Journalisten, forscht selbst. Er verfasst
Denkschriften, teils anonym, knüpft internationale Bande. Er will einen
Ausgleich mit Frankreich, dessen republikanischen Geist er bewundert,
beäugt eher misstrauisch das zum Kernstaat Europas sich aufplusternde
Deutsche Kaiserreich.
Er ist die Hoffnung der liberalen Kräfte in ganz Europa und ein Dorn im
Auge der konservativen „Hofpartei“, die ihn möglichst aus der Politik
heraushalten will. Aber das „Unterhaltungs“-Programm funktioniert nur
teilweise. Zum Jagen hatte er schon als Knabe mit dem Vater keine Lust,
ängstigt sich eher um die abgeschossenen Tiere. Er macht seinen
Militärdienst, in den er schon als Kleinkind gepresst wird, aber er will nicht zum Töten abgerichtet werden. Und er
liebt die Frauen, wenn auch nicht unbedingt die, die er soll. Er schaut
sich eher um bei den einfachen, „nicht-standesgemäßen“, auch käuflichen.
Es wird ihm später zum Verhängnis.
*
Die
Zustände am Österreichischen Hof sind zweifellos der historische
Hintergrund der Operette „Das Spitzentuch der Königin“. Johann Strauß
(1825-1899) komponierte sie nach dem Libretto von Heinrich Bohrmann,
Richard Genée und anderen. Uraufgeführt wurde sie am 01. Oktober 1880 im Theater an
der Wien. Schon die damaligen Kritiker ordneten das Stück ein zwischen
Nestroyscher Posse und Komischer Oper. Einige der berühmtesten Melodien
wie der Walzer „Rosen aus dem Süden“ stammen von hier. Textiert ist er
hier als vokales Terzett der Sehnsucht nach der im übertragenen Sinn
wärmenden Sonne, nach der auch immer Sisi sich sehnte, möglichst weit
weg vom dumpfen steifen Hof-Zeremoniell.
Die Geschichte ist der Zensur wegen auch weit weg verlegt. Sie spielt am
Hof von Portugal, genau dreihundert Jahre früher. Der intrigante Premier
und Regent will den jungen, noch unmündigen König durch allerlei
Ablenkung – hier insbesondere feines Essen wie Trüffel-Pastete –
abhalten von der Politik.
Derweil paktiert er mit dem mächtigeren
Spanischen Hof. Er will Portugal für fette Pfründe verschachern an den
Nachbarstaat – eine Parallele zu den großdeutschen Kräften am Habsburger
Hof, die das 1866 um seine Macht im alten Deutschen Bund gebrachte
Österreich wieder an Deutschland anbinden wollten und auch die deutsche
Dominanz billigend in Kauf genommen hätten.
Mit
im Bunde des Premiers ist der Erzieher des Königs, Sancho, ein
fettleibiger, extrem kurzsichtiger Popanz, der am Ende mit seinem Mentor
selber das Land verlassen muss. Bei der Uraufführung verkörperte ihn
übrigens das populärste Schlitzohr des Hauses, Alexander Girardi.
Scharfzüngiger Widersacher ist Cervantes – eher eine Fiktion des
historischen, der aber auch ein scharfzüngiger Kritiker des Reichs von
Philipp II war. Hier lebt er in Portugal im Exil. Die Kammerfrau der
Königin, mit dem friedenstiftenden Namen Irene, ist seine Geliebte. Über
diese Schiene versucht Cervantes den König zu beeinflussen, obwohl der
um seine junge Frau sich kaum kümmert und eher andere Frauen beglückt.
Mit einem der nächtlichen Abenteuer beginnt das Stück. Cervantes hilft
will dem König dabei aus der Patsche. Das ermöglicht ihm, die Intrigen
seines Premiers ihm zu verdeutlichen.
Zwar versucht der Premier mit allen Mitteln, den Widersacher mundtot zu
machen. Er indexiert Cervantes‘ Bücher, stigmatisiert den verhassten
Dichters als heimlichen Liebhaber der Königin. Sogar für verrückt will
er ihn erklären lassen, es nutzt alles nichts. Der König beginnt, das
Lügengespinst um ihn herum zu durchschauen. Und langsam findet er dabei
auch wieder zurück zu seiner Frau, die ihn nie vergessen hat. Er erkennt
seine Pflicht: Er muss Verantwortung übernehmen, muss sich stemmen gegen
die Intrigen des Hofs. Zunächst jedenfalls.
*
Eine verlässliche Spiel-Fassung von dem Stück herzustellen, war erst mit
der Neuausgabe des „Spitzentuch“ durch die „Strauss Edition Wien“ im Vorjahr
möglich. Ohne Striche würde das Stück freilich gut vier Stunden
dauern. Man muss kürzen. Nicht nur gibt es verschiedene Textversionen.
Auch von den Couplets sind einige, schon bei der Uraufführung
gestrichene, verloren.
Der
jüngste Bruder von Johann Strauß Eduard hat bekanntlich im
Ersten Weltkrieg, als die Strauß-Walzer gegenüber denen von Lehár und
den geradtaktig-sportiven Märschen von Philipp Sousa an Beliebtheit
verloren, in einer Nacht- und Nebelaktion das gesamte Archiv verbrennen
lassen: Als „Racheakt“ an der vergesslichen Menschheit. Ein Terzett am
Beginn des zweiten Akts, das vielleicht schönste Stück Musik überhaupt,
von fern erinnernd an Offenbachs heute als „Barcarole“ aus „Hoffmanns
Erzählungen“ bekanntes Duett, ursprünglich ja komponiert für seine
1864 an der Wiener Hofoper uraufgeführten aber gefloppten „Rheinnixen“,
ist erhalten geblieben und wird hier erstmals überhaupt zu hören sein.
Vor der Uraufführung war es aus vermutlich musikalischen Gründen
gestrichen worden. Königin und König beginnen hier aus der Ferne wieder
einander zu suchen und das.
Vor allem muss man diese Geschichte
vom crashnahen Umlenken eines Staatsschiffs aber in eine heutige Wirklichkeit
übersetzen. Und man kann. Denn natürlich hat „Das Spitzentuch der Königin“,
auch infolge der zeitgebundenen Anspielungen und zumal nach dem tragischen Selbstmord von
Rudolf 1889 in Mayerling und der Ermordung seiner hier wohl als die
etwas scheue Königin gemeinten Mutter Sisi 1898 an ihrem Zufluchtsort
Genf, einiges an Brisanz eingebüßt. Aktuell bleibt es durch den mit den
Mitteln der Komödie in seltsamer Entblößung ausgestellten Mechanismus
von Machtmissbrauch und Verführung einerseits, von Besinnung auf die
eigene Kraft und Selbstbestimmung andererseits. Eine Erwartung damals,
die sich aber nicht erfüllte.
Musikalisch kontrastieren Couplets und Lieder hier mit großen Ensembleszenen und
Arien. Das Ganze wirkt oft aber, wie Sisi und Rudolf das Wiener Hofleben empfanden
und Strauß es ja auch später bei seiner Scheidungs-Odyssee erfahren
musste, als Groteske, als absurde Farce: Eine Pastete mit ganz seltsamen, ganz
verschiedenen Gewürzen und von ganz eigenem Geschmack. Den König übrigens
hat Strauß als Hosenrolle konzipiert – sehr doppelbödig,
sehr hellsichtig - und feinsinnig. Zugetraut, dass er das Steuer
herumreißen könnte, hat er ihm wohl letztlich nicht.
Sich nicht zum Spielball anderer machen lassen
Arila Siegert im Gespräch über „Das Spitzentuch der Königin“
Das
„Spitzentuch“ ist ein sehr zeitbezogenes, anspielungsreiches Stück
und zeigt doch allgemein gültige Mechanismen im Umgang „an Höfen“, wie
es im Originaltext mal heißt. Wie setzt man das für ein heutiges
Publikum um?
Das Sich-gegenseitig-Verbeugen, -Benehmen, den anderen Hofieren in
der Politik, in der Diplomatie, im Betrieb – das ist ja gang und gäbe.
Ob das nun ein höfisches Gehabe oder ein Politiker-Gehabe ist – es
bleibt dieses diplomatische Sich-gegenseitig-ins-Verhältnis-Setzen und
zu überlegen, was der andere hören will, damit man das, was man
erreichen will, erreicht.
Das Stück hat auch viel Surreales und Farcenhaftes. Wie weit darf man
da gehen im Karikieren? Es ist ja ein Stück zwischen Nestroy und
Komischer Oper.
Die Blickwinkel, die wir einnehmen, um das Leben leben zu können –
das heißt die Sicht zu der jeweiligen Situation, zu den Menschen, das
hat ja oft groteske Züge. Das Stück fängt das mit einem sehr zarten
Lächeln ein. Die Überzeichnung ist zugleich Poesie und Vielfalt, ein
weinendes und ein lachendes Auge auf uns Menschen gerichtet. Das ist ein
großer Reichtum, aber auch fürs Herstellen des Stücks eine große
Schwierigkeit. Das Komische und das, was uns abhebt von dem was wir
sagen, ist ja sehr diffizil und anspruchsvoll zu gestalten.
Das
Stück ist auch sehr kleinteilig in der Struktur.
Ja, die Szenen und die Ideen überschlagen sich regelrecht. Der Inhalt
der Szenen, die einzelnen Abteilungen eins Couplets, die ganze Essenz
ist szenisch kaum ganz darzustellen. Ich habe versucht, sowohl die
musikalische Feinstruktur, als auch die wechselnden Gesichter der
Menschen zu erzählen.
Es gibt auch sehr viel Skurriles drin: ein Loblied auf Trüffel, auf
die Narrheit, aufs Boxen, auf den Stierkampf - mit entsprechenden
Sketches.
Ja, ich hab mich mit Vergnügen in dies Getümmel gestürzt. Wir kämpfen ja
viele Stierkämpfe. Wir sind alle süchtig nach Erotik, Süßigkeiten,
Reisen, Erlebnissen. Die Verallgemeinerungs-Möglichkeiten sind
unbegrenzt.
Es wird auch viel Hochkultur parodiert, was mit zum Genre gehört. Der
Hauptgegenstand, um den es geht, das Spitzentuch, ist ja eine Anspielung
auf „Othello“ - zum einen; zum anderen wohl eine Anspielung auf
die Angewohnheit Sisis, ihre verweinten Taschentücher fallen zu lassen,
als Souvenir für die Leute. Der König als Erotomane ist ein halber Don Giovanni, über
den Sancho heimlich Buch führt als sein spitzelnder Leporello.
Die
grotesken Situationen sind auch in höchsten Kreisen heute bizarr
und extrem. Das Elend, dass man dominiert wird, dass man benutzt wird,
dass man zum Spielball wird, gibt’s nicht nur in den mittleren und
niederen Schichten. Das gibt’s auch in hohen Kreisen, in hohen Maßen –
sicher sehr kultiviert und freundlich, aber in schweinischster Form.
Was auch auffällt, ist die Abschätzigkeit, mit der die Mächtigen hier
reden über ihre eigene Zunft. Das korrespondiert auch etwas mit den
Personen, die wohl als Folie für das Stück dienten. Kaiserin Elisabeth,
Sisi, wie auch ihr Sohn, Erzherzog Rudolf, haben über Ihresgleichen sehr
despektierlich gesprochen und sich gefragt, warum das Volk sie überhaupt
noch erträgt. Auch der Kernsatz des Stücks „Eine Königin liebt dich,
aber du bist kein König“ zeigt diese Verachtung des Adels, also der
damals Mächtigen. Diese Offenheit ist ein großes Plus dieses Stücks, das
da Offenbachsche Qualitäten entwickelt und an der Zensur ja erstmal
vorbeimanövriert werden musste. Heute hört man solch kritische
Einschätzungen der eigenen Zunft von Regierenden eher selten, allenfalls
wenn sie aus dem Amt geworfen wurden.
Es gibt ja sehr viele Möglichkeiten, sich aus einer Affäre zu ziehen.
Je nach Vermögen, die eigenen Affekte zu beherrschen, versuchen wir,
eine negative Situation in eine positive zu drehen. Wir versagen, ziehen
uns aus der Affäre, es wird was herbei gelogen. Aber die Leute, die
wirklich die Sache, der sie dienen, höher stellen als ihre persönlichen
Eitelkeiten, ertragen auch, dass sie anfechtbar sind, dass sie sich
ausliefern, verändern müssen. Und die Schwächeren werden sich mehr
hinterm Ofen verkriechen, mehr lügen und sich anders aus der Affäre
ziehen. Ich glaube, dass diese ganzen Vorgänge in jeder menschlichen
Verbindung zu finden sind, egal ob beruflich oder privat, ob in einer
Gruppe, in einer Familie oder im Staat – es sind immer wieder die
gleichen Mechanismen.
Was
ist die Quintessenz dieses Stücks? Die Aufforderung von Cervantes
an den König, dass er endlich das Ruder selbst in die Hand nehmen soll?
Diese Aufforderung zur Selbstbestimmung ist ja für die Zeit nicht
ungewöhnlich aber doch recht gewagt. Und eigentlich war sie ja auch ohne
Aussicht auf baldigen Erfolg.
Heute gibt es eine andere Art von Selbstbestimmung: zum Beispiel dass
man sich ganz und gar heraus bewegt aus dem System, ob das nun sehr viel
bewegt oder nicht. Diese Aktivität, dass man für sich selbst die
Entscheidung trifft und dass nicht andere über einen entscheiden – das
haben wir als Ostdeutsche am eigenen Leib nur zu gut studiert. Sich
selber in die gewünschte Bahn zu bringen, das ist die große
Schwierigkeit. Diese Kraft zu haben und diese Entschlusskraft zu
produzieren aus unserem Denken, das ist für mich schon die Quintessenz
des Stücks: dass wir aktiv unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Pläne
verfolgen und uns nicht von irgendwelchen Konzernen, Parteien oder auch
privaten Situationen dominieren lassen. Sonst wären wir nicht mehr wir
selbst und würden erst recht zum Spielball anderer.
Dresden, im April 2007