Cervantes stellt sich dumm


Sancho, das Schosshündchen des Premier


Bei der Feuilleton-Lektüre


Träumen von duftenden Rosen im Süden


Cervantes macht der Königin den Hof


Der König träumt von Trüffeln - nicht nur zum Essen





Selbst die Hofdamen fallen da in Ohmacht


Das Ruder herum werfen

Rudolf als junger Mann



Rudolf als 3-Jähriger in Uniform



Plakat der Uraufführung 1880



Bismarck hat die 3 Kaiser am Haken



Sisi Ende der 1870-igerJahre



Sisi auf hoher See

Eine Pastete
von ganz eigenem Geschmack

Johann Strauß‘ Operette
„Das Spitzentuch der Königin“ (1880)

Premiere der Wiederentdeckung:
Staatsoperette Dresden, 27./28. April 2007
 
Musik.Leitung: Ernst Theis
Bühne: Hans Dieter Schaal
Kostüme: Marie-Luise Strandt

Wien 1877. Die Ausbildungszeit des jungen Erzherzog Rudolf wird für beendet, er selbst mit 19 Jahren für volljährig erklärt. Zwölf Jahre lang durfte der einzige Sohn des Kaiserpaars eine Erziehung genießen im Sinne eines liberalen, aufgeklärten Bürgertums. Für die besten, fortschrittlichsten Lehrer war gesorgt. Mutter Sisi hatte das nach erbitterten Gefechten mit ihrer Schwiegermutter Sophie beim Kaiser durchgesetzt. Jetzt aber bestimmte der Kaiser wieder über den Sohn. Er teilte ihm einen Haushofmeister zu, der den Thronfolger in die Lebensweise des Adels einführen sollte: Frauen, Jagen, Bälle, Müßiggang.

Rudolf reagierte darauf erst nur zögerlich, teils mit Abscheu. Er unternimmt Reisen nach England, wo man sich die Errungenschaften des Bürgertums zunutze macht, das Bürgertum zu integrieren versucht in den Staat. Im Gegensatz zum k&k-Österreich-Ungarn. Er wirbt für die industrielle Entwicklung des Vielvölkerstaats, trifft sich mit Wissenschaftlern, Journalisten, forscht selbst. Er verfasst Denkschriften, teils anonym, knüpft internationale Bande. Er will einen Ausgleich mit Frankreich, dessen republikanischen Geist er bewundert, beäugt eher misstrauisch das zum Kernstaat Europas sich aufplusternde Deutsche Kaiserreich.

Er ist die Hoffnung der liberalen Kräfte in ganz Europa und ein Dorn im Auge der konservativen „Hofpartei“, die ihn möglichst aus der Politik heraushalten will. Aber das „Unterhaltungs“-Programm funktioniert nur teilweise. Zum Jagen hatte er schon als Knabe mit dem Vater keine Lust, ängstigt sich eher um die abgeschossenen Tiere. Er macht seinen Militärdienst, in den er schon als Kleinkind gepresst wird, aber er will nicht zum Töten abgerichtet werden. Und er liebt die Frauen, wenn auch nicht unbedingt die, die er soll. Er schaut sich eher um bei den einfachen, „nicht-standesgemäßen“, auch käuflichen. Es wird ihm später zum Verhängnis.

*

Die Zustände am Österreichischen Hof sind zweifellos der historische Hintergrund der Operette „Das Spitzentuch der Königin“. Johann Strauß (1825-1899) komponierte sie nach dem Libretto von Heinrich Bohrmann, Richard Genée und anderen. Uraufgeführt wurde sie am 01. Oktober 1880 im Theater an der Wien. Schon die damaligen Kritiker ordneten das Stück ein zwischen Nestroyscher Posse und Komischer Oper. Einige der berühmtesten Melodien wie der Walzer „Rosen aus dem Süden“ stammen von hier. Textiert ist er hier als vokales Terzett der Sehnsucht nach der im übertragenen Sinn wärmenden Sonne, nach der auch immer Sisi sich sehnte, möglichst weit weg vom dumpfen steifen Hof-Zeremoniell.

Die Geschichte ist der Zensur wegen auch weit weg verlegt. Sie spielt am Hof von Portugal, genau dreihundert Jahre früher. Der intrigante Premier und Regent will den jungen, noch unmündigen König durch allerlei Ablenkung – hier insbesondere feines Essen wie Trüffel-Pastete – abhalten von der Politik. Derweil paktiert er mit dem mächtigeren Spanischen Hof. Er will Portugal für fette Pfründe verschachern an den Nachbarstaat – eine Parallele zu den großdeutschen Kräften am Habsburger Hof, die das 1866 um seine Macht im alten Deutschen Bund gebrachte Österreich wieder an Deutschland anbinden wollten und auch die deutsche Dominanz billigend in Kauf genommen hätten.

Mit im Bunde des Premiers ist der Erzieher des Königs, Sancho, ein fettleibiger, extrem kurzsichtiger Popanz, der am Ende mit seinem Mentor selber das Land verlassen muss. Bei der Uraufführung verkörperte ihn übrigens das populärste Schlitzohr des Hauses, Alexander Girardi. Scharfzüngiger Widersacher ist Cervantes – eher eine Fiktion des historischen, der aber auch ein scharfzüngiger Kritiker des Reichs von Philipp II war. Hier lebt er in Portugal im Exil. Die Kammerfrau der Königin, mit dem friedenstiftenden Namen Irene, ist seine Geliebte. Über diese Schiene versucht Cervantes den König zu beeinflussen, obwohl der um seine junge Frau sich kaum kümmert und eher andere Frauen beglückt. Mit einem der nächtlichen Abenteuer beginnt das Stück. Cervantes hilft will dem König dabei aus der Patsche. Das ermöglicht ihm, die Intrigen seines Premiers ihm zu verdeutlichen.

Zwar versucht der Premier mit allen Mitteln, den Widersacher mundtot zu machen. Er indexiert Cervantes‘ Bücher, stigmatisiert den verhassten Dichters als heimlichen Liebhaber der Königin. Sogar für verrückt will er ihn erklären lassen, es nutzt alles nichts. Der König beginnt, das Lügengespinst um ihn herum zu durchschauen. Und langsam findet er dabei auch wieder zurück zu seiner Frau, die ihn nie vergessen hat. Er erkennt seine Pflicht: Er muss Verantwortung übernehmen, muss sich stemmen gegen die Intrigen des Hofs. Zunächst jedenfalls.

*

Eine verlässliche Spiel-Fassung von dem Stück herzustellen, war erst mit der Neuausgabe des „Spitzentuch“ durch die „Strauss Edition Wien“ im Vorjahr möglich. Ohne Striche würde das Stück freilich gut vier Stunden dauern. Man muss kürzen. Nicht nur gibt es verschiedene Textversionen. Auch von den Couplets sind einige, schon bei der Uraufführung gestrichene, verloren.

Der jüngste Bruder von Johann Strauß Eduard hat bekanntlich im Ersten Weltkrieg, als die Strauß-Walzer gegenüber denen von Lehár und den geradtaktig-sportiven Märschen von Philipp Sousa an Beliebtheit verloren, in einer Nacht- und Nebelaktion das gesamte Archiv verbrennen lassen: Als „Racheakt“ an der vergesslichen Menschheit. Ein Terzett am Beginn des zweiten Akts, das vielleicht schönste Stück Musik überhaupt, von fern erinnernd an Offenbachs heute als „Barcarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ bekanntes Duett, ursprünglich ja komponiert für seine 1864 an der Wiener Hofoper uraufgeführten aber gefloppten „Rheinnixen“, ist erhalten geblieben und wird hier erstmals überhaupt zu hören sein. Vor der Uraufführung war es aus vermutlich musikalischen Gründen gestrichen worden. Königin und König beginnen hier aus der Ferne wieder einander zu suchen und das.

Vor allem muss man diese Geschichte vom crashnahen Umlenken eines Staatsschiffs aber in eine heutige Wirklichkeit übersetzen. Und man kann. Denn natürlich hat „Das Spitzentuch der Königin“, auch infolge der zeitgebundenen Anspielungen und zumal nach dem tragischen Selbstmord von Rudolf 1889 in Mayerling und der Ermordung seiner hier wohl als die etwas scheue Königin gemeinten Mutter Sisi 1898 an ihrem Zufluchtsort Genf, einiges an Brisanz eingebüßt. Aktuell bleibt es durch den mit den Mitteln der Komödie in seltsamer Entblößung ausgestellten Mechanismus von Machtmissbrauch und Verführung einerseits, von Besinnung auf die eigene Kraft und Selbstbestimmung andererseits. Eine Erwartung damals, die sich aber nicht erfüllte.

Musikalisch kontrastieren Couplets und Lieder hier mit großen Ensembleszenen und Arien. Das Ganze wirkt oft aber, wie Sisi und Rudolf das Wiener Hofleben empfanden und Strauß es ja auch später bei seiner Scheidungs-Odyssee erfahren musste, als Groteske, als absurde Farce: Eine Pastete mit ganz seltsamen, ganz verschiedenen Gewürzen und von ganz eigenem Geschmack. Den König übrigens hat Strauß als Hosenrolle konzipiert – sehr doppelbödig, sehr hellsichtig - und feinsinnig. Zugetraut, dass er das Steuer herumreißen könnte, hat er ihm wohl letztlich nicht.


Sich nicht zum Spielball anderer machen lassen

Arila Siegert im Gespräch über „Das Spitzentuch der Königin“

Das „Spitzentuch“ ist ein sehr zeitbezogenes, anspielungsreiches Stück und zeigt doch allgemein gültige Mechanismen im Umgang „an Höfen“, wie es im Originaltext mal heißt. Wie setzt man das für ein heutiges Publikum um?

Das Sich-gegenseitig-Verbeugen, -Benehmen, den anderen Hofieren in der Politik, in der Diplomatie, im Betrieb – das ist ja gang und gäbe. Ob das nun ein höfisches Gehabe oder ein Politiker-Gehabe ist – es bleibt dieses diplomatische Sich-gegenseitig-ins-Verhältnis-Setzen und zu überlegen, was der andere hören will, damit man das, was man erreichen will, erreicht.

Das Stück hat auch viel Surreales und Farcenhaftes. Wie weit darf man da gehen im Karikieren? Es ist ja ein Stück zwischen Nestroy und Komischer Oper.

Die Blickwinkel, die wir einnehmen, um das Leben leben zu können – das heißt die Sicht zu der jeweiligen Situation, zu den Menschen, das hat ja oft groteske Züge. Das Stück fängt das mit einem sehr zarten Lächeln ein. Die Überzeichnung ist zugleich Poesie und Vielfalt, ein weinendes und ein lachendes Auge auf uns Menschen gerichtet. Das ist ein großer Reichtum, aber auch fürs Herstellen des Stücks eine große Schwierigkeit. Das Komische und das, was uns abhebt von dem was wir sagen, ist ja sehr diffizil und anspruchsvoll zu gestalten.

Das Stück ist auch sehr kleinteilig in der Struktur.

Ja, die Szenen und die Ideen überschlagen sich regelrecht. Der Inhalt der Szenen, die einzelnen Abteilungen eins Couplets, die ganze Essenz ist szenisch kaum ganz darzustellen. Ich habe versucht, sowohl die musikalische Feinstruktur, als auch die wechselnden Gesichter der Menschen zu erzählen.

Es gibt auch sehr viel Skurriles drin: ein Loblied auf Trüffel, auf die Narrheit, aufs Boxen, auf den Stierkampf - mit entsprechenden Sketches.

Ja, ich hab mich mit Vergnügen in dies Getümmel gestürzt. Wir kämpfen ja viele Stierkämpfe. Wir sind alle süchtig nach Erotik, Süßigkeiten, Reisen, Erlebnissen. Die Verallgemeinerungs-Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Es wird auch viel Hochkultur parodiert, was mit zum Genre gehört. Der Hauptgegenstand, um den es geht, das Spitzentuch, ist ja eine Anspielung auf „Othello“ - zum einen; zum anderen wohl eine Anspielung auf die Angewohnheit Sisis, ihre verweinten Taschentücher fallen zu lassen, als Souvenir für die Leute. Der König als Erotomane ist ein halber Don Giovanni, über den Sancho heimlich Buch führt als sein spitzelnder Leporello.

Die grotesken Situationen sind auch in höchsten Kreisen heute bizarr und extrem. Das Elend, dass man dominiert wird, dass man benutzt wird, dass man zum Spielball wird, gibt’s nicht nur in den mittleren und niederen Schichten. Das gibt’s auch in hohen Kreisen, in hohen Maßen – sicher sehr kultiviert und freundlich, aber in schweinischster Form.

Was auch auffällt, ist die Abschätzigkeit, mit der die Mächtigen hier reden über ihre eigene Zunft. Das korrespondiert auch etwas mit den Personen, die wohl als Folie für das Stück dienten. Kaiserin Elisabeth, Sisi, wie auch ihr Sohn, Erzherzog Rudolf, haben über Ihresgleichen sehr despektierlich gesprochen und sich gefragt, warum das Volk sie überhaupt noch erträgt. Auch der Kernsatz des Stücks „Eine Königin liebt dich, aber du bist kein König“ zeigt diese Verachtung des Adels, also der damals Mächtigen. Diese Offenheit ist ein großes Plus dieses Stücks, das da Offenbachsche Qualitäten entwickelt und an der Zensur ja erstmal vorbeimanövriert werden musste. Heute hört man solch kritische Einschätzungen der eigenen Zunft von Regierenden eher selten, allenfalls wenn sie aus dem Amt geworfen wurden.

Es gibt ja sehr viele Möglichkeiten, sich aus einer Affäre zu ziehen. Je nach Vermögen, die eigenen Affekte zu beherrschen, versuchen wir, eine negative Situation in eine positive zu drehen. Wir versagen, ziehen uns aus der Affäre, es wird was herbei gelogen. Aber die Leute, die wirklich die Sache, der sie dienen, höher stellen als ihre persönlichen Eitelkeiten, ertragen auch, dass sie anfechtbar sind, dass sie sich ausliefern, verändern müssen. Und die Schwächeren werden sich mehr hinterm Ofen verkriechen, mehr lügen und sich anders aus der Affäre ziehen. Ich glaube, dass diese ganzen Vorgänge in jeder menschlichen Verbindung zu finden sind, egal ob beruflich oder privat, ob in einer Gruppe, in einer Familie oder im Staat – es sind immer wieder die gleichen Mechanismen.

Was ist die Quintessenz dieses Stücks? Die Aufforderung von Cervantes an den König, dass er endlich das Ruder selbst in die Hand nehmen soll? Diese Aufforderung zur Selbstbestimmung ist ja für die Zeit nicht ungewöhnlich aber doch recht gewagt. Und eigentlich war sie ja auch ohne Aussicht auf baldigen Erfolg.

Heute gibt es eine andere Art von Selbstbestimmung: zum Beispiel dass man sich ganz und gar heraus bewegt aus dem System, ob das nun sehr viel bewegt oder nicht. Diese Aktivität, dass man für sich selbst die Entscheidung trifft und dass nicht andere über einen entscheiden – das haben wir als Ostdeutsche am eigenen Leib nur zu gut studiert. Sich selber in die gewünschte Bahn zu bringen, das ist die große Schwierigkeit. Diese Kraft zu haben und diese Entschlusskraft zu produzieren aus unserem Denken, das ist für mich schon die Quintessenz des Stücks: dass wir aktiv unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Pläne verfolgen und uns nicht von irgendwelchen Konzernen, Parteien oder auch privaten Situationen dominieren lassen. Sonst wären wir nicht mehr wir selbst und würden erst recht zum Spielball anderer.

gfk, Dresden, im April 2007

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