"...gebt mir ein anderes Herz!"
Mozarts La clemenza di Tito Uraufführung 1791
Brutal
und larmoyant, dekadent und kraftvoll, egoistisch
und zur Selbstaufgabe bereit sind diese Figuren. Widersprechende Strebungen
zeigen sie. Macht und Ohnmacht, Liebe und Verrat, Melancholie und Aggression
liegen da eng beieinander. Und Mozarts Musik lässt alle diese Affekte spüren.
Sie lässt das Zeitliche hinter sich, sie untergräbt die strenge Form der Opera
Seria. Dem dramatischen Element lässt sie Vorrang vor dem rein Dekorativen. Im
Titus zeigt Mozart sich als ganz früher Romantiker. Er bricht die Form
auf. Die Seele kann darunter hervor scheinen. Er befreit das Drama aus der
Konvention. Zum Maßstab wird das Menschliche.
Eine Aufführung des Titus
heute muss alle drei Zeitebenen vereinen: die historische Regierungszeit des
Kaisers Titus, die Zeit Mozarts und unsere heutige. Was die Ebenen verklammert
ist ein Endzeitgefühl.
Nehmt mir die Macht oder gebt mir ein anderes Herz! ist der zentrale
Satz des Titus in Mozarts Oper. Der Kaiser leidet an der Macht. Er kann sie
nicht vereinbaren mit seinen eigenen Gefühlen. Und doch will er seine Macht
erhalten. Melancholie und Sehnsucht resultieren aus diesen widersprüchlichen
Regungen. Auch die beiden anderen Hauptfiguren leiden an dem gleichen
Lebensüberdruss. Lebensekel und Todessehnsucht greifen ineinander über. Der
Todesgedanke ist ein Hauptmotiv in dem Stück. Alle drei Hauptfiguren sind
Opferfiguren - und doch sind sie zugleich auch durch ihre soziale Stellung
zur Machtausübung prädestiniert. Aber aller Reichtum, alle Macht kann ihnen
die Liebe nicht ersetzen. Sie sind ohne Halt, ohne Zukunft. Daraus resultiert
ihre Melancholie. Dadurch sind sie uns heute nah: Sehnsucht nach Liebe, die
Identität im andern suchen - ein sehr vertrautes Gefühl. Eher scheint die
Unfähigkeit, sein Leben aus sich heraus selbst zu gestalten, im
Kommunikations-Zeitalter noch gewachsen zu sein. Wir sehen nicht den
Reichtum, der in den eigenen Gefühlen liegt, im einfachen Dasein, im
Menschsein. Eine große Irritation entsteht daraus. Auch die Figuren dieses
Stücks haben damit zu kämpfen. Keiner genügt sich selbst. Alle drei suchen ihr
Glück außerhalb ihres eigenen Zentrums. Titus hat die Macht satt, er will
Liebe. Vitellia will die Macht - und zerstört die Liebe. Sextus will Vitellias
Liebe - und lässt sich von ihr missbrauchen.
Titus’
Güte speist sich aus verschiedenen Motiven: er will gefallen, er will von
den Römern geliebt werden. Aber er kaschiert damit auch sein Desinteresse und
seine Überreiztheit, seine Sattheit und Müdigkeit. Die Macht interessiert ihn
nicht mehr. Er ist an ihr zerbrochen. Als römischer Feldherr hat er den Tempel
der Juden zerstört. Er hat Jerusalem bis auf die Klagemauer niedergebrannt.
Seine Seele ist krank, sie schreit nach Linderung. Güte soll seine Grausamkeit,
an der er sich lebenslang delektierte, aufwiegen. Den jungen Sextus sieht er für
sich als richtige Medizin; der soll sein krankes Herz nun heilen. Sextus schwebt
Ikarus gleich zwischen Verlangen und Selbstverleugnung. Er ist wie viele jungen
Leute heute: ohne eigenes Zentrum, aber voller Projektionen. Er strebt nur nach
Erfüllung seiner Wünsche, Rücksicht auf die Folgen kennt er nicht. Die Welt
draußen dringt zu ihm nicht herein. Aber er ist manipulierbar in diesem
pubertären Wahn. Vitellia ist eine starke Frau, aber sie kann ihre
hochgesteckten Ziele legal nicht erreichen. In der Männergesellschaft ist sie
rechtlos. Sie greift zum Terror. Sie wird zur Anarchistin. Sie wiederholt die
Fehler der anderen. Mit ihrem Anspruch auf den Thron will sie nicht gelebte
Liebe kompensieren.