Titus (Hans-Günther Dotzauer) sucht sein [Sauna-]Bad in der Menge





"...winkt dir die Liebe, so folge ihr..."





Zwischen Verlangen und Selbstverleugnung: Sextus (Gisela Schubert)

"...gebt mir ein anderes Herz!"

Mozarts La clemenza di Tito
Uraufführung 1791

In einer ital.(Arien)-dt.(Rez.) gemischten Fassung

Premiere: Theater Ulm, Jan. 2000
Bühne: Hans Dieter Schaal
Kostüme: Marie-Luise Strandt
Dramaturgie: Bettina Bartz

Brutal und larmoyant, dekadent und kraftvoll, egoistisch und zur Selbstaufgabe bereit sind diese Figuren. Widersprechende Strebungen zeigen sie. Macht und Ohnmacht, Liebe und Verrat, Melancholie und Aggression liegen da eng beieinander. Und Mozarts Musik lässt alle diese Affekte spüren. Sie lässt das Zeitliche hinter sich, sie untergräbt die strenge Form der Opera Seria. Dem dramatischen Element lässt sie Vorrang vor dem rein Dekorativen. Im Titus zeigt Mozart sich als ganz früher Romantiker. Er bricht die Form auf. Die Seele kann darunter hervor scheinen. Er befreit das Drama aus der Konvention. Zum Maßstab wird das Menschliche.

Eine Aufführung des Titus heute muss alle drei Zeitebenen vereinen: die historische Regierungszeit des Kaisers Titus, die Zeit Mozarts und unsere heutige. Was die Ebenen verklammert ist ein Endzeitgefühl.  Nehmt mir die Macht oder gebt mir ein anderes Herz! ist der zentrale Satz des Titus in Mozarts Oper. Der Kaiser leidet an der Macht. Er kann sie nicht vereinbaren mit seinen eigenen Gefühlen. Und doch will er seine Macht erhalten. Melancholie und Sehnsucht resultieren aus diesen widersprüchlichen Regungen. Auch die beiden anderen Hauptfiguren leiden an dem gleichen Lebensüberdruss. Lebensekel und Todessehnsucht greifen ineinander über. Der Todesgedanke ist ein Hauptmotiv in dem Stück. Alle drei Hauptfiguren sind Opferfiguren - und doch sind sie zugleich auch durch ihre soziale Stellung zur Machtausübung prädestiniert. Aber aller Reichtum, alle Macht kann ihnen die Liebe nicht ersetzen. Sie sind ohne Halt, ohne Zukunft. Daraus resultiert ihre Melancholie. Dadurch sind sie uns heute nah: Sehnsucht nach Liebe, die Identität im andern suchen - ein sehr vertrautes Gefühl. Eher scheint die Unfähigkeit, sein Leben aus sich heraus selbst zu gestalten, im Kommunikations-Zeitalter noch gewachsen zu sein. Wir sehen nicht den Reichtum, der in den eigenen Gefühlen liegt, im einfachen Dasein, im Menschsein. Eine große Irritation entsteht daraus. Auch die Figuren dieses Stücks haben damit zu kämpfen. Keiner genügt sich selbst. Alle drei suchen ihr Glück außerhalb ihres eigenen Zentrums. Titus hat die Macht satt, er will Liebe. Vitellia will die Macht - und zerstört die Liebe. Sextus will Vitellias Liebe - und lässt sich von ihr missbrauchen.

Titus’ Güte speist sich aus verschiedenen Motiven: er will gefallen, er will von den Römern geliebt werden. Aber er kaschiert damit auch sein Desinteresse und seine Überreiztheit, seine Sattheit und Müdigkeit. Die Macht interessiert ihn nicht mehr. Er ist an ihr zerbrochen. Als römischer Feldherr hat er den Tempel der Juden zerstört. Er hat Jerusalem bis auf die Klagemauer niedergebrannt. Seine Seele ist krank, sie schreit nach Linderung. Güte soll seine Grausamkeit, an der er sich lebenslang delektierte, aufwiegen. Den jungen Sextus sieht er für sich als richtige Medizin; der soll sein krankes Herz nun heilen. Sextus schwebt Ikarus gleich zwischen Verlangen und Selbstverleugnung. Er ist wie viele jungen Leute heute: ohne eigenes Zentrum, aber voller Projektionen. Er strebt nur nach Erfüllung seiner Wünsche, Rücksicht auf die Folgen kennt er nicht. Die Welt draußen dringt zu ihm nicht herein. Aber er ist manipulierbar in diesem pubertären Wahn. Vitellia ist eine starke Frau, aber sie kann ihre hochgesteckten Ziele legal nicht erreichen. In der Männergesellschaft ist sie rechtlos. Sie greift zum Terror. Sie wird zur Anarchistin. Sie wiederholt die Fehler der anderen. Mit ihrem Anspruch auf den Thron will sie nicht gelebte Liebe kompensieren.

Arila Siegert / Bettina Bartz (für das Programmheft)
Ulm im Januar 2000

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