Sterbende Violetta



alle im Bett mit Violetta



Erstes Zusammentreffen



Violetta und Alfredo



Violetta und der Schuh



Alfredo, Hausherr auf dem Land



Der Vater I



Der Vater II



Der Vater III und was er angerichtet hat



Der Vater und der "gefallene Engel"



Fest bei Flora



Die Einsamkeit der Liebenden



Erinnerungen - Karneval



Violetta und Anina



Violetta im Endstadium



Der Abschied



Violetta geht



Violetta stirbt

Diese Suche
nach dem anderen Sein

Arila Siegert im Gespräch
über ihre Inszenierung
von Giuseppe Verdis

„la traviata“


Premiere:
14.Mai 2011, Theater Regensburg
Musik.Leitung: Philip van Buren
Ausstattung: Marie-Luise Strandt

Die vom Weg Abgekommene. Violetta, die Hauptfigur von Verdis Oper, ist eine Kurtisane. Im Frankreich des frühen 19.Jahrhunderts repräsentiert sie eine verbürgerlichte Gruppe von Frauen, wie sie im 18.Jahrhundert bei Hofe üblich waren und in höchste Ämter aufsteigen konnten. Die Geschichte der Marguerite Gautier, die Alexandre Dumas d.J. unter dem Titel „Die Kameliendame“ („La dame aux camélias“) 1848 veröffentlicht hat, ist authentisch: Die seiner eigenen Liebe zu Marie Duplessis, die er aufgrund der Intervention seines Vaters nicht haben durfte und die in jungen Jahren, mit 23, an Schwindsucht starb. Soviel zum historischen Umfeld. Das Thema ist: gekaufte Liebe. Was kann heute spannend sein an dem Thema, wo Sex an jeder Straßenecke und medial zu kaufen ist?

Der Mensch als Ware – das ist das Interessante daran, unter anderem. Am Beispiel der Violetta wird ad absurdum geführt, dass der Mensch eine Ware ist. Wo Liebe sich ereignet, verschwindet das ganze Warensystem. Marguerite ist im Moment, wo sie liebt, zu den größten Opfern fähig. Sie wächst über sich selbst hinaus in dem Streben, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Ihr größter Liebesbeweis ist, dass sie auf diese Liebe zu Alfredo verzichtet. Sie ordnet sie der Liebe des Vaters zu seinem Sohn unter – und opfert sie. Das Stichwort Mensch als Ware hat mich auch interessiert im Zusammenhang mit dem Chor. Das eigentliche Drama in dem Stück ist der Umgang der Menschen untereinander, die Art, wie wir miteinander verkehren. Der Wert des Menschen liegt nicht im Verkauf von menschlichen Fähigkeiten. Das gehört mit dazu, aber der wahre Wert liegt in der Liebesfähigkeit, in der Opferbereitschaft einem anderen gegenüber und in der Toleranz.

Violetta ist eine offensichtlich recht gebildete Frau. Fast jeden Abend geht sie ins Theater, gabelt dort mit den signalhaften Kamelien (weiß bzw. rot an ihren Tagen) ihre Liebhaber auf – auch den Alfredo. Und es ist anfangs eine geschäftsmäßige Beziehung zwischen den beiden. Sie ist kalt zu ihm. Aber irgendwann wird es anders. Wie kann man sich den Umschlag erklären? Violetta weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird. Ist es das?

Violetta ist selbst überrascht. Sie fühlt zum ersten Mal eine wahre Liebe. Das ist für sie ein universelles Moment, ein tiefes Erlebnis. Sie wehrt sich dagegen, kann aber nicht widerstehen, diese Erfahrung zu leben. Sie finanziert sie ja auch. Was die beiden auf dem Land an Geld brauchen und was der Unterhalt ihrer Pariser Wohnung kostet, bezahlt sie mit dem Verkauf ihres Besitzes. Alfredos Auftauchen ist für sie schon ein Aha-Moment. Als es ihr schlecht geht, fliehen alle ihre Freunde zum Tanz nebenan. Nur Alfredo bleibt. Ein bisschen ironisch kommentiert sie, da kümmert sich wohl jemand um mich. Alfredo fängt sie auf, gibt ihr einen Anker in dieser Waren-Welt mit ihren wechselnden Moden, die unfassbar ist und in der man sich eigentlich nicht wieder findet.

Bei Verdi ist es auch eine Dreiecks-Geschichte. Der Vater Giorgio Germont tritt zwischen die beiden, er will die Konvention durchsetzen: man darf als Mann eine Liebhaberin haben (wenn man sie sich finanziell leisten kann), aber heiraten muss man bürgerlich – und nicht eine „Professionelle“. Verdi kreidet die doppelte Moral dahinter an, an der er auch selber litt – diese Ausgrenzung aufgrund seiner persönlichen Lebensumstände.

Die Problematik von Schein und Sein spielt hier groß herein und wird von Verdi auch groß ausgeführt. Der ganze zweite Akt handelt ja überwiegend davon. Violetta wird durch den Vater Alfredos aus ihrem eigenen Haus vertrieben. Das ist ein großes Unrecht Germonts – was er später auch bereut. Der Drang, den Schein aufrecht zu erhalten und vor den Nachbarn und Leuten draußen als ehrbar und perfekt zu wirken, ist stärker als die Stimmen in seinem Inneren, die ihm sagen: dies ist aber eine sehr feine Frau. Es gibt einige beiseite gesagte Bemerkungen von ihm, die zeigen, dass er überrascht ist und einen ganz anderen Typ Frau erwartet hat. Aber diese Gier, zu bestehen und den Lebensstandard für die Familie zu erhalten, ist so groß – da spielt auch dieses Warendenken mit herein –, dass er unmenschlich wird.

Ist der Vater Germont sich seiner Schuld wirklich bewusst? Die Bühne, die Marie-Luise Strandt gebaut hat, suggeriert eine Art Arena. Ist Violetta das gehetzte Tier darin? Von wem oder wodurch wird sie zu Tode gehetzt? Oder hetzt sie sich selber zu Tode? Den Mittelteil, die Flucht aufs Land, habt ihr auf eine Art Liebes-Insel verlegt.

Wir erhöhen die Bühne, es gibt eine Art Wolken-Kuckucks-Heim und der-Welt-Abhanden-Gekommen-Sein. Die Liebenden schweben über der Normal-Höhe. Eine große Treppe führt da hoch zu diesem Liebes-Nest. Und die Treppe ist auch die „Fall“-Studie für die Vertreibung aus diesem Paradies, aus dieser vielleicht Illusion. Es hätte ja auch funktionieren können, wenn der Vater nicht dazwischen gekommen wäre.

La traviata“ ist auch eine Oper vom Sich-Aufbäumen gegen das Sterben. Die Oper beginnt mit der vorweggenommenen Sterbemusik, und dieser wird immer wieder gegenübergestellt die Musik der Feste und Maskenspiele. Was bedeuten die Feste der Violetta noch, nachdem sie Alfredo kennen und lieben gelernt hat? Diese Feste scheinen ihr ja präsent bis zuletzt, und sie kann nach der durch den Vater erzwungenen Trennung schnell wieder in dieses Pariser Leben zurück. Gelingt ihr das schlackenlos?

Sie ist innerlich zerbrochen. Es ist makaber für sie. Sie nimmt an den Festen nicht wirklich teil. Sie taucht da nur auf. In dem Fest, bei dem sie Alfredo wieder trifft, versucht sie ihn davon abzuhalten, dass er sich anlegt mit dem Baron, mit dem sie wieder liiert ist. Sie fürchtet um Alfredos Leben. Daraus entspinnt sich die Auseinandersetzung darüber, dass Alfredo seine Ehre, seine Wut und seine Eifersucht wichtiger sind als dass er sein Wissen bewahrt, ein wie wertvoller Mensch Violetta ist.

Die Struktur der Oper ist geprägt von einer gewissen Atemlosigkeit in den Ensembles: schnelle Wechsel, hohes Tempo. Wie gelingt es, dennoch einen dramatischen Sog zu entwickeln, ohne dass das in Einzelteile zerfällt?

Ja, es ist so eine Hatz. Die Meute hetzt das Wild. Man jagt dem Glück, dem vermeintlichen Abheben aus dem grauen Alltag nach. Jedes Mittel ist einem recht, auch die Selbstzerstörung. Man sieht das ja heute in der Drogen-Szene, dass die Leute wissentlich für diesen Kick ihre Gesundheit und ihre Unabhängigkeit riskieren. In der Oper wird dies Hetzen, dies Gieren nach dem Glück, nach dem Einkaufen von Waren kontrastiert mit der Zeitlosigkeit der inneren Welt, des Seelischen. Diese Sterbemusik oder Seelenmusik, wie ich sie nenne, ist wie ein Anhalten von Zeit. Auch im Zusammentreffen von Alfredo und Violetta wird diese Hatz angehalten. Alfredo hält die Zeit an. Und als Violetta später reflektiert, es ist Wahnsinn auf eine solche Beziehung sich einzulassen, stoppt Alfredo sie eigentlich wieder darüber zu reflektieren. Violetta hört dann auch auf, innerlich zerrissen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es dies andere Sein gibt: die Zeit anzuhalten, einfach da zu sein, sich zu erden und nicht wie ein Luft-Geist durch die Botanik zu rasen. Erstaunlich in der Oper ist, wie knapp, konzentriert, komprimiert Verdi das abarbeitet. Und man muss aufpassen, dass man das visuell im Zusammenhang mit der Musik bannt: diese beiden Pole, dies Äußerliche, fast Militante, marschmäßige Rasen wie bei Lemmingen – und auf der anderen Seite, dies traumhafte, innere Erleben.

Verdi hat diese Oper wie im Fiebertraum geschrieben. Die Uraufführung 1853 in Venedig war ein Misserfolg – wohl wegen der gesellschaftlichen Implikationen…

…die Autoren mussten das ja zurückdatieren. Es war ganz unüblich, einen zeitgenössischen Stoff auf die Opernbühne zu bringen. So haben Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave das künstlich historisiert, ich glaube, auch daran ist das gescheitert.

Du hast die Inszenierung mit dem Regensburger Ensemble relativ schnell realisiert. Man spürt den inneren Sog im Übergang der Szenen. Liegt das auch an dem dramaturgischen Aufbau – dass Violetta eine Art innere Rückschau hält auf ihr Leben? Oder ist diese Oper einfach ein Selbstläufer, bei der man eigentlich nichts falsch machen kann?

Ich denke, in dem Thema und wie Verdi das bearbeitet hat, liegt eine große Kraft. Und diese Kraft wirkt in dieser Oper. Je tiefer man eindringt, desto mehr offenbart sich, dass die Dynamik und das Leben zwischen den Schicksals-Schlägen sehr real, gültig und uns Menschen sehr nah ist: wann verkaufst du dich und wann bist du authentisch, wann lässt du dich verführen und wann kannst du verzichten, was bringt dich um und was hält dich am Leben? Das erleben wir täglich, und das wird in diesen hundert Minuten frappierend aufgeschlüsselt.

Wie sieht’s aus mit den Strichen? Manchmal werden bestimmte Genre-Szenen oder Arien gestrichen.

Wenig. Wir haben in der letzten Arie von Germont (2.Akt), wo er den Sohn drängt, zurück in die Provinz zu kommen, und fürs bürgerliche Leben anwirbt. Und wir haben ein Stück von der Arie Alfredos, Anfang des 2.Akts, gestrichen. Im Prinzip ist alles geblieben.

Nach „Macbeth“ und „Aida“ ist „la traviata“ dein dritter Verdi. Verdi scheint dir gut zu liegen. Was ist für dich das Besondere bei Verdi?

Das ist echte Theatermusik. Wie Verdi sich so emotional in die Kontraste unseres Lebens und Denkens und in die Brüche rein fügt mit seiner Musik und versucht, diese Bruchstellen zu komponieren und dabei ins Extrem geht – das gefällt mir so. Es ist eine Musik, die Theatervorgänge impliziert. Man kann sie sich nicht ohne Theater denken.

Sonst wird’s manchmal umtata-bumbum?

Dieses scheinbar Konventionelle – das ist durchaus ernst gemeint. Das sehe ich als kritische Setzung.

gfk, 25.April 2011
Fotos: Zitzlsperger

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