Arila Siegert, in: Ursonate

Politik braucht die Pose

Über die planmäßige
Verfertigung der Gedanken
vor dem Reden

Bill Clinton wusste immer,
dass ein Präsident schauspielern muss

 

Große politische Reden gleichen dem Scheinriesen in Michael Endes Kinder- und Erwachsenenbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer": Mit wachsender Entfernung werden sie noch größer und wirken noch bedeutsamer. Kernsätze wie Ernst Reuters "Ihr Völker der Welt..." oder Kennedys "Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann..." sind auf diese Weise über den Tag und Anlass hinaus zu Bestandteilen der rhetorischen Folklore geworden. Das kann politische Versprechen, die sprachlich zugespitzt formuliert werden, so gefährlich, weil unvergesslich machen. Des älteren Bushs "Read my lips: no new taxes" blieb jedem amerikanischen Steuerzahler erst in freudiger und dann in wütender Erinnerung. Das "Basta!", mit dem der von den Gewerkschaften gereizte Bundeskanzler den Eckstein seiner Rentenpolitik ein für allemal festmauern wollte, wird ihm aus den Reihen der Opposition bis zur nächsten Bundestagswahl wie ein höhnisches Echo entgegenschallen.

Auch Wochen danach ist von der Rede des Bundespräsidenten, die er am 9. November 2000 vor einer viertel Million Menschen am Brandenburger Tor hielt, kein einziger Satz mehr in Erinnerung. Schuld daran ist nicht nur Paul Spiegel, der nach Johannes Rau sprach und die Demonstration gegen den wachsenden Rechtsradikalismus zu einer radikalen Polemik gegen die Unionsrechte nutzte, wie sie sich nur ein Betroffener erlauben konnte. Dem Bundespräsidenten dagegen hätte man zu Recht jede parteiische Äußerung übel genommen. Johannes Rau hielt auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor eine Rede voller Aufrichtigkeit. Er sagte, was er glaubte. Er spielte keine Rolle. Seine Rede hatte nichts Einstudiertes an sich. Niemand konnte dem Bundespräsidenten vorwerfen, er habe seine Sätze vorher geübt und routiniert vorgetragen. Nicht zuletzt deshalb blieb seine Rede wirkungslos.

Wer spricht da noch von Affäre?

Zu den wirkungsvollsten Reden in der Amtszeit Bill Clintons zählt die "State of the Union Message" von 1998. Die Arbeit an dieser Rede begann wenige Tage, nachdem die Washington Post berichtet hatte, der Präsident habe eine Affäre mit einer Praktikantin des Weißen Hauses gehabt. Äußerlich ungerührt überzeugte der Präsident seine Mitarbeiter davon, jetzt sei die Vorbereitung der Botschaft an die Nation wichtiger als die angebliche Affäre "with that woman, Miss Lewinsky". Während seine Redenschreiber sich nach den Enthüllungen der Post bereits Rücktrittsformulierungen überlegt hatten, forderte Bill Clinton sie auf, über einen möglichst wirkungsvollen Kernsatz seiner "State of the Union Message" nachzudenken, der die müden Demokraten begeistern und die aufsässigen Republikaner in Schach halten würde.

In seiner Botschaft vor dem Kongress betonte Clinton, sechs Präsidenten vor ihm hätten vor den Gefahren warnen müssen, die dem Land durch das Haushaltsdefizit drohten. "Ich dagegen kann Ihnen heute sagen, dass das Haushaltsdefizit des Bundes - einst so unvorstellbar groß, dass es elf Nullen hatte - jetzt schlicht und einfach Null sein wird." In Zukunft würde es sogar einen Haushaltsüberschuss geben. "Was sollen wir mit diesem erwarteten Überschuss anfangen?" Auf diese Frage folgte der entscheidende Satz: "I have a simple four-word answer: Save Social Security first."

Die Demokraten sprangen auf und bereiteten dem Präsidenten Ovationen. Hinter Clinton, im Sessel des Speakers, saß der Republikaner Newt Gingrich. Gingrich, der Choleriker, der einmal die Politik als "Krieg ohne Blut" beschrieben hatte, konnte nicht anders: Er wurde zu einer Friedensgeste gezwungen, er musste Beifall spenden, erst sitzend und zögernd, dann im Stehen wie die Demokraten vor ihm. Stumm und verbissen sahen die Republikaner dem Schauspiel zu. "Wir sind erledigt", so Gingrich, habe er in diesem Augenblick zu sich selbst gesagt. "Mit diesem Kerl werden wir nicht fertig werden".

Diese Episode beschreibt Joe Klein in einem Artikel im New Yorker, der unter dem Titel "Eight Years. Bill Clinton and the politics of persistence" die beeindruckenden Überlebensstrategien des US-Präsidenten beschreibt, der entgegen vieler Prognosen seine zweite Amtszeit vollenden wird. Joe Klein ist der seit langem nicht mehr anonyme Verfasser von "Primary Colors", einem "politischen Roman", in dessen Hauptfigur, dem Präsidentschaftsbewerber Jack Stanton, Leser wie Bill Clinton mühelos Bill Clinton erkannten. Es zeugt von der kaltblütigen Professionalität des Präsidenten, dass er Klein, dessen Roman ihm alles andere als gefallen konnte, zu zwei Interviews für seinen Artikel im New Yorker empfing.

Für Jack Stanton, ein Genie der zwischenmenschlichen Kommunikation, beginnt Politik „mit einem Händedruck“. Karriere macht er trotz seiner Affären, nicht zuletzt, weil er fähig zum "aggressiven Zuhören" und ein begnadeter Schauspieler ist. Den Fiktionen lagen Fakten zugrunde: das Gleiche galt für Bill Clinton. Lange Zeit war weder ihm noch seinen Mitarbeitern der Kernsatz der Botschaft an die Nation eingefallen. Klar war nur, dass dieser Satz auf die Ankündigung des Haushaltsüberschusses folgen musste. Clinton verließ sich nicht darauf, dass ein Redenschreiber den Satz finden würde. Auch, als sein Mitarbeiter John Hilley den Vorschlag machte, den Überschuss zu nutzen, um die Sozialversicherung zu retten, war damit die genaue Formulierung noch nicht gefunden.

Clinton probte die Kernpassagen der Rede vor seinen Mitarbeitern im Weißen Haus. Als einziger trug er dabei Krawatte und Anzug: Er war bereits im Kostüm. Anders als Mirabeau, dessen Rede vom 23. Juni 1789 Kleist zu seinem Essay "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" inspirierte, wusste Clinton, was er nach dem Satz "What should we do with this projected surplus?" sagen wollte - aber er wusste nicht genau, wie. Also probte er die entsprechende Passage in Rednerpose immer wieder, bis er sich auf einmal selbst unterbrach: "Ich hab's. Wie wäre es damit: I have a simple, four-word answer: Save Social Security first."

Der begeisterte Applaus seiner Mitarbeiter nahm die späteren Ovationen der Demokraten im Kongress, den Newt Gingrich abgerungenen Beifall und das betretene Schweigen der Republikaner vorweg. Keiner wusste es in diesem Augenblick, aber manche ahnten es: Der Präsident würde den Lewinsky-Skandal überstehen. Clintons politische Karriere ist auch die Karriere eines Schauspielers. Zunächst fielen ihm dabei die Rollenwechsel schwer. Am Beginn seiner ersten Amtszeit war es mühsam, dem Präsidenten beizubringen, dass er nicht länger mehr den Gouverneur von Arkansas spielen durfte. Schnell aber wurde Clinton zum Profi. Als er in einem McDonalds bei einem großen Chicken Sandwich, einer Riesen-Cola und einer "Tonne" Pommes erwischt wurde, erwiderte er lachend: "Da ich bald ein ganz normaler Bürger sein werde, sollte ich langsam anfangen, diese Rolle auch zu spielen."

Das Wort "schauspielern" hat im Deutschen einen negativen Klang. Es klingt nach Verstellung und Unaufrichtigkeit. Nur zu gerne werden daher Politiker, diese von einer Legislaturperiode zur anderen Durchreisenden, mit dem fahrenden Volk verglichen. Der Generalverdacht der Unaufrichtigkeit aber tut beiden unrecht. Im "Paradox über den Schauspieler" hat Diderot daraufhin gewiesen, dass der gute Schauspieler über Scharfblick, nicht aber über Empfindsamkeit verfügen muss. Das vollständige Fehlen von Empathie ist geradezu die Voraussetzung für den großen Schauspieler. Um echt zu wirken, muss er "ein strenger Kopist seiner selbst oder seiner Einstudierung" sein. Seine Tränen müssen aus dem Hirn, sein Mitgefühl muss aus dem Kopf kommen.

Selbstinszeniert ist der Mann

Dies gilt auch für den Akteur auf der politischen Bühne. Der Empfindsame, so Diderot, wird nie ein großer König sein, weil er alles empfindet, was er sagt. Der Politiker muss auch Schauspieler sein. Keiner hat diese Lektion besser gelernt als Bill Clinton, der musterhaft die Rolle des Politikers im Übergang von der Industrie- zur Kommunikationsgesellschaft verkörpert. Clintons Affären, seine Ausflüchte und Leugnungen legen den Verdacht nahe, damit werde die Unaufrichtigkeit zum politischen Verhaltensideal erhoben. Doch dieser Verdacht geht in die Irre.

Im Englischen ist "schauspielern" ein unschuldiger Ausdruck: "to act" heißt zunächst einmal, etwas zu tun, im Leben wie auf der Bühne. Die Selbstinszenierung ist legitim - auch dann und nicht zuletzt, wenn sie einer guten Sache dient. Sie ist für jeden Politiker notwendig, der redend Wirkung erzielen will. Clintons "State of the Union Message" ist eine große politische Rede - in ihrem Gehalt wie in ihrer Gestalt. Um den äußerst wahlwirksamen Vorschlag der Republikaner, den Haushaltsüberschuss zu Steuersenkungen zu nutzen, abzublocken, genügte es nicht, einen besseren Vorschlag in der Sache zu machen. Dieser Vorschlag musste mit rhetorischem Raffinement vorgebracht werden. Dazu war nicht nur Talent, sondern Training nötig. Die richtige Idee alleine reichte nicht aus: Ihre Inszenierung war entscheidend. Die Politik brauchte die Pose.

Der Rede des Bundespräsidenten vom 9. November [2000 am Brandenburger Tor in Berlin gegen Rechtsradikalismus] fehlte jede Inszenierung. Das machte den Präsidenten sympathisch - und die Rede wirkungslos. Auch zögern wir in der Bundesrepublik immer noch, obwohl es das längst gegeben haben mag, uns ein Staatsoberhaupt vorzustellen, das vor seinen Mitarbeitern im Schloss Bellevue Pointen übt, damit sie vor Hunderttausenden am Brandenburger Tor richtig ankommen. Vielleicht aber wäre dies eine politische Utopie, für deren Verwirklichung sich Anstrengung lohnte: aufrichtig zu sein und zugleich diese Aufrichtigkeit so überzeugend zu spielen, dass jeder daran glaubt. Auch aus diesem Grund würde es sich lohnen, im Bundestag wieder über die Lage der Nation zu debattieren, was paradoxerweise seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht mehr geschieht.

WOLF LEPENIES
©  SZ-Feuilleton vom 03.01.2001


Claus Peymann über die Inszenierung von Politik (Spiegel Nr.44, 21.10.2015)

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