"Lasst mich mit der Oper in Ruh"
Antonio Vivaldi – ein früher Opernunternehmer
Zur Uraufführung Vivaldi - il prete rosso von Mathias Husmann
Premiere, Kellertheater Ulm, 11.Januar 2002
"Kofferarien" und "Pasteten" – das Geschäft eines
Opernkomponisten um 1720 war eher das eines Fastfood-Produzenten.
Schnell, schnell musste es gehen in den
Theater-Manufakturen und mit der Lizenz, schon vielmals Aufgetischtes
erneut aufzutischen in etwas anderer Garnitur. Zu sagen hatte der
Notenschreiber ohnehin nichts. Das besorgten der Impresario, also der
Theaterbetreiber, und die Sängerstars, die Primadonnen und
primi uomini, die Kastraten. Und auch der Librettist rangierte weit oben über ihm auf der
Bedeutungs-Skala mit auch Souffleur, Pförtner, Statist. Ironisch
beschreibt Benedetto Marcello die Zustände der Zeit in seiner
Satire Il teatro alla moda (Das Theater der Mode). Der Untertitel sagt, worauf es
eigentlich ankommt: Die sichere und leichte Art, italienische Opern zu
komponieren und auf moderne Weise aufzuführen: mit schlampiger
Streicher-Begleitung im unisono, ausgedehnten Kadenzen, Verwendung
ausgefallener Bläsereffekte. In der Titelvignette abgebildet ist
ein Geige spielender Engel. Mit den Füßen
steuert er ein Ruderboot. Seinen Kopf bedeckt ein Priester-Hut.
Unverkennbar ist es der Impresario und Leiter des Theaters im Venezianer
Kirchsprengel "Sant'Angelo". Seit 1714 war das
erstmals Antonio Vivaldi – und Marcello sein Konkurrent.
Den "roten Priester" nannten sie ihn – der rötlichen Haare
wegen, nicht weil er ein Rebell war. Aber Vivaldi hatte erkannt, dass man
als Komponist nur reüssieren konnte, wenn man zugleich das "Marketing"
seiner Produkte mit in die Hand bekam.
Und Venedig zu Beginn des
18.Jahrhunderts war ein Dorado des Musikbetriebs. Die Lagunenstadt,
wirtschaftspolitisch verarmt durch den entschwundenen Gewürzhandel mit dem
Osten, versuchte zu wuchern mit ihren heimischen Pfunden. Statt "old
economy" eine neue mit Tourismus und
Fayencen-Herstellung als Wirtschaftsfaktor. Sechs Opernhäuser gab es
zeitweise parallel in der Stadt. Aus ganz Europa kamen die aufstrebenden
Künstler, um hier das "Geschäft" zu lernen. Nicht nur ein Georg
Friedrich Händel. Und auch für Kunstinteressierte Fürsten wie den
Sachsenprinzen Friedrich August II bzw. ihre Kapellmeister war es
ein "Muss", regelmäßig in der Weltstadt der Künste die neuesten Moden zu
studieren. Noch schwieriger allerdings war es für einen Komponisten, den
sensus auf die richtigen Pfade zu trimmen. Wie
lange konnte man selber den Geschmack mit bestimmen? Wann war man noch in
oder war man schon out?
Sein Priesteramt, zu dem der 1678 als erstes von sechs
Kindern eines Barbiers und Violinisten Geborene, mit 25 geweiht wurde, hat
er nur neun Jahre ausgeübt. 1712 las er letztmals eine Messe. Eine "Enge
in der Brust" von Geburt an habe ihn an der Ausübung des Berufs gehindert,
wie er später einem Gönner sein asthmatisches Leiden beschreibt.
Am
Ospedale della Pietà fand Vivaldi 1703, dem Jahr seiner Priesterweihe, seine erste
Anstellung, anfangs als Lehrer für Geige und Gesang. Später bekam er – mit
Unterbrechungen - Verträge als eine Art Hauskomponist und Konzertmeister.
Die Pietà war eine der großen Venezianer Aufbewahrungsstätten
("Konservatorien") für Findelkinder. Um den eigenen Betrieb zu
finanzieren, wurden die (hier nur weiblichen) Zöglinge ausgebildet als
Musiker. Zu den regelmäßig veranstalteten Konzerten strömten Interessierte
aus ganz Europa. Für die Meister der
Mannheimer Schule etwa war die Venezianer Konzertpraxis, das Experimentieren mit
klanglichen Effekten, wie Vivaldi es vor allem in seinem Polit-Oratorium
Juditha triumphans
(1716) beispielhaft durchexerzierte, inspirierend.
Das große Geld zu machen war da freilich nicht. So versucht
Vivaldi sich, obwohl in die Geschichte eingegangen vor allem mit seinen
neuartigen Instrumental-Konzerten, schon bald im florierenden
Operngeschäft: 1713 erstmals, und zwar außerhalb von Venedig in
Vicenza. Ottone heißt diese erste Oper. Eine von um die vierzig. Genau weiß man das nicht.
In seinem Werkverzeichnis zählt Vivaldi auch Umarbeitungen, die er von der
einen in die andere Oper transportiert hat, die "Arie di baule", die Kofferarien, und
Pasticci, "Pasteten"-Opern,
Sammelwerke aus der Feder verschiedener Komponisten. Denn manchmal musste
es mit einem neuen Stück sehr schnell gehen, innerhalb von ein paar Tagen.
Und die "Saison" an einem Operntheater war sehr kurz mit dem Karneval als
Kernzeit. Achtzehn eigene Opern hat Vivaldi allein am Teatro "Sant’ Angelo" herausgebracht.
Ans Ospedale
kehrte er aber immer wieder zurück, oder konnte Verträge aushandeln für
den Ankauf von Kompositionen, die sie aufführten: Instrumentalmusik,
Oratorien, Solokantaten – und Bedarf an Neuem war in dieser Stadt ständig.
Am Ospedale aber lernte er auch Anna Girò kennen, die Tochter eines aus
Frankreich stammenden Perückenmachers. Sie wurde seine bevorzugte
Sängerin, von Goldoni beschrieben als
nicht besonders schön aber sehr temperamentvoll, eine Figur, auf die man
sah, wenn sie auf der Bühne erschien. Und nicht nur seine wichtigste
Künstlerin sondern wohl auch Freundin war sie, seine "amicizia",
wie der für seine Sittenstrenge bekannte und berüchtigte Kardinal von
Ferrara Tomaso Ruffo rüffelte. Per Edikt
verbot er 1738 dem Klerus, an Veranstaltungen zum Karneval teilzunehmen –
mithin auch an Opern. Vivaldi, der schon viel Geld investiert hatte für
eine 1737 begonnene stagione in Ferrara,
drohte der Ruin. Daneben äußerte der Kardinal auch (wohl berechtigte)
Zweifel, ob die "amicizia" des "prete rosso" denn
eine rein künstlerische Freundschaft war. Mit ihrer Schwester Paolina,
die Vivaldi als Krankenschwester pflegte, habe sie bei Vivaldi auch gelebt
– was beide zwar energisch bestritten, aber zweifelsfrei nicht zu
widerlegen war.
Die Saison in Ferrara jedenfalls musste abgebrochen werden,
auch mangels Erfolgs einer 1739 noch aufgeführten Siroe.
Der Zug der Zeit wendete sich ins noch Leichtere, die
Koloratur des schönen Scheins à la Porpora.
Und
in Venedig selbst hatte Vivaldi im Opernbetrieb schon längst keine
Zugkraft mehr. So begann er sich umzuschauen nach neuen Zielen, alte
Kontakte aufzufrischen, die er auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa,
meist mit Anna gemeinsam, geknüpft hatte. Am Hof des österreichischen
Kaiser Karl VI, den er 1728 bei einem Besuch in Triest kennen gelernt
hatte, mit dem er lange über Musik geplaudert hatte und dem er auch sein
opus 9 La cetra ("Die Leier") widmete, wollte er nach einer möglichen Stellung suchen.
1740 als 62jähriger tritt er die Reise an. Aber der Kaiser stirbt im
Oktober dieses Jahres. Und auch sein Sohn Franz Stephan, der
Großfürst von Toskana, als dessen "Maestro di Capella"
sich Vivaldi seit 1735 nannte, hatte für ihn nichts bereit.
Verarmt stirbt Vivaldi an "innerem Brande" am 27.Juli 1741
in Wien; der Totenschau-Bericht datiert vom
Tag drauf, nennt ihn nur einen Priester. Als Künstler ist er schon
gestorben. Mit einem Armenbegräbnis, ähnlich Mozart später, kommt Vivaldi
unter die Erde. "Durch außerordentliche Verschwendung" sei er bettelarm
gestorben, heißt es in einer zeitgenössischen Chronik. Versuchte er –
vergeblich – noch einmal in der neuen Umgebung durch Repräsentation auf
sich aufmerksam zu machen? Oder versuchte er, am Kärtnertor-Theater
noch mal eine seiner Opern zu lancieren?
Mathias Husmann zeigt in
seiner Kammeroper Vivaldi - il prete rosso (1997) das Farcenhafte dieses Lebens und vor allem dieses
Lebensendes.
Die
Geschichte setzt ein mit Vivaldis letzten Vorbereitungen
zur Abreise nach Wien. Der Komponist rekapituliert das Albtraumhafte
seiner Begegnung mit Kardinal Ruffo – der
übrigens bald aus Ferrara wieder abberufen wurde –, dessen geifernde
Rechthaberei. Im
Stil eines Bänkellieds rechnet Vivaldi, der Querelen müde, ab mit dem
Theater: "Lasst mich mit der Oper in Ruh", und auch Anna erzählt beim
Klamotten-Packen von ihrem Lebens- und Leidensweg teilweise eher
karikierend in Form eines Küchenlieds, aber auch mit dem hohen Anspruch
der großen Opern-Koloratur.
Die "Gerüchte" über den Priester und seine
Muse-Hausfrau-Geliebte-"amicizia"
darf den sehnsuchtsvoll von Venedig schon Abschied Nehmenden noch einmal
(zu Spaghetti und Fisch) Goldoni auftischen, in der Maske gleichsam des
Kardinals. Zwar beginnt auch er selbst schon zu leiden unter dem
neiderfüllten Gewimmel in der Szene. Dem sich wandelnden Publikumsgeschmack ist auch ein
Goldoni gnadenlos ausgeliefert. Natürlich aber will er, schon aus professioneller
Gier, selber immer auf dem neuesten Stand der Gerüchte sein. Die
Erst-Begegnung beider Künstler ist beschrieben übrigens in des Dichters
Memoiren. Zur Verblüffung Vivaldis konnte Goldoni
mindestens ebenso schnell dichten wie er Noten schreiben. Und Vivaldi
spannte Goldoni später immer wieder ein, jene
standardisierten Libretti der habsburgischen Hofdichter Zeno und Metastasio,
die allüberall als Stoffliferanten herangezogen wurden, den jeweiligen Umständen anzupassen, ein Regal zu
schaffen gleichsam für jene "Koffer-Arien" – von Goldoni
durchaus mit hoch gezogenen Augenbrauen betrachtet.
Ein leitmotivisch durchs Stück sich ziehendes "Misterioso"
leitet über zur Wanderung des Komponisten mit seiner Anna übers winterlich
frostige Gebirge der Karawanken. Die
Annäherung an Wien, der zweite Teil der Oper, ist eine Art Kreuzweg mit
Endstation Kaisergruft, vorbei an vielen Marterln. Formal angelegt als
Variationenfolge, wird ein Motiv ausgesponnen nach Art von Haydn,
Mozart,
Beethoven, Schubert, Bruckner, Mahler bis zu
Schönberg und Webern, gekrönt
von einem Wiener Walzer à la Johann Strauß: Der Totentanz. Mit dem
"dritten Mann" – anfangs der Kardinal, dann Goldoni,
hier nun der Wächter alias der Kaiser – findet das Paar Vivaldi-Anna zum
eigentlichen, mentalen Ziel ihrer Reise:
"Liebe ist der ganze Sinn des Lebens".
Im Falle Vivaldi ein verpasstes Ziel? Erfüllung verheißend nur noch im
Tod, Tristan gleich, wie die Final-Musik assoziieren lässt?
Die Inszenierung von Arila Siegert mit der
Ausstattung von Martin Rupprecht zeigt Vivaldis Scheiden aus der Serenissima nach Wien ironisch leicht
aus dem Geiste der Commedia. Der Zuschauer sitzt mitten im Raum
um die Musiker im Zentrum. Auf Drehstühlen verfolgt er das Geschehen wie
im Panorama um sich herum. Es sind dies Erinnerungen eines Sterbenden auf
einer postmodernen Zeitreise in die Zukunft, Rückspulen im Kreislauf vor
dem Tod. Ein Tristan der Barock-Oper war der Komponist gleichwohl nicht. Priester wurde man - und
der Vater als nebenberuflicher Geiger an der Kapelle von San Marco wusste
Bescheid -, weil der Priester-Beruf für Leute aus "einfachen"
Verhältnissen der leichteste Weg war, Karriere zu machen, überhaupt einen
Beruf zu finden, auch wenn das offiziell den Verzicht bedeutete auf ein im
Diesseits erfülltes Leben. Vivaldi nahm das Leben wie es ist,
geschäftstüchtig und zielstrebig. Eine Federzeichnung von Pier Leone
Ghezzi 1723 zeigt sein Gesicht als eine
Mischung von Adlerauge und gespielter Unschuld, durchaus karikierend.
Wie
dann erst Mozart versucht Vivaldi schon am Beginn des 18.Jahrhunderts ein
Leben als freiberuflicher Musiker und Theaterleiter weitgehend ohne Netz
und Boden. Und es konnte gut gehen nur zeitweise, abhängig von den Moden.
Den Kontakt zu suchen auch zum, dank neuer Drucktechniken, aufblühenden
Notenmarkt, war dringend geboten. Mit als Druck verkaufter "opus"-Musik,
zumal L’estro armonico("Die Stechfliege" oder "harmonische Eingebung" oder das "harmonische
Feuer") als opus 3 (1711), dann La stravaganza als opus 4 (1714) wird
er bekannt in Kontinental-Europa, hat erste Erfolge. Spätestens mit Le quattro stagioni(Die vier Jahreszeiten,
op.8, 1725) als frühe "Programmmusik" – kennt man ihn überall.
Musik-Drucke waren auch eine Art Selbst-Werbung. Von Opern wurden im Druck
nur Libretti verbreitet, nicht Partituren. Die Musikgeschichte verbindet Vivaldi denn auch vor allem mit
seinen Leistungen als Komponist von Instrumental-Konzerten "mit vielen
Instrumenten",
gemeint
mindestens vier konzertierenden Solisten. Darin
wurde er stilbildend. Die Abschriften und Umarbeitungen Vivaldischer
Konzerte etwa durch Johann Sebastian Bach sprechen für sich.
Aber unterliegt die Musikgeschichtsschreibung nicht
vielleicht darin doch einem Mechanismus damaligen Musik-"Marketings"?
Das funktionierte vor allem ja über Notendrucke.
Opern-Pausen pflegte Vivaldi zu überbrücken mit seinem Violinspiel. In zeitgenössischen Berichten wird
vor allem dies immer gerühmt. Sein Virtuosentum überstrahlte alles. Aber
die Oper war eben auch ein sehr viel teurerer, komplizierter zu
bedienender Apparat. Das späte 18.Jahrhundert hatte Vivaldi bald schon
fast ganz vergessen. Und erst die Bach-Forschung Anfang des
20.Jahrhunderts holte ihn wieder ans Licht. Ein Konvolut von Werken wurde
zugänglich erst wieder Anfang der Zwanziger Jahre. Gesammelt hat sie ein
italienischer Diplomat, der zeitweilige Intendant am Kaiserlichen Theater
in Wien (1754-64), Giacomo Durazzo. Der von Maria Theresia Geschasste
hatte sich in Wien mit Gluck und Calzabigi verdient gemacht hatte um die Reform der Oper. Vielleicht
sah er ja auch in Vivaldi ein Vorbild seiner Ideen, zumal als Kunst-Unternehmer?
Programmheft
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Wo es war, wie es war

Der Wiederaufbau des Gran Teatro
La Fenice
Henning Klüver in "Süddeutsche Zeitung", 13.Okt.2003
Nun wird alles gut. Die ersten Gerüste fallen, eifrig sind Stuckateure am
Werk, in den „Sale Apollinee“, den apollinischen Sälen über dem Foyer,
glänzt bereits der Goldbelag, und himmelblau leuchtet die Kuppel wie einst
über dem Zuschauerraum, in dem nur noch der schwere Kronleuchter fehlt. In
dem ganz aus Lärchenholz errichteten, hufeisenförmig von Logen umgebenen
Saal werden gerade Löcher für die Säulen der Klimaanlage in den Fußboden
gebohrt, die unter jedem Stuhl eine differenzierte Belüftung des Theaters
ermöglichen sollen. Wenn in letzter Sekunde nichts mehr anbrennt, werden
Ende November die Aufbauarbeiten des „Gran Teatro La Fenice“ in Venedig
abgeschlossen sein.
Das klassizistische Opernhaus war vor fast acht Jahren, am Abend des 29.
Januar 1996, bis auf die Außenmauern abgebrannt, nachdem Handwerker ein
Feuer gelegt hatten, um einer Konventionalstrafe wegen der Überziehung von
Fristen bei Restaurierungsarbeiten zu entgehen. Zur Wiedereröffnung jetzt am
14. Dezember wird das Orchester der Fenice unter der Leitung von Riccardo
Muti Beethovens „Weihe des Hauses“ spielen, das der Bonner für die
Einweihung des Josephstädtertheater am 3. Oktober 1822 in Wien geschrieben
hatte. Es folgt eine Programmwoche mit symphonischer Musik unter der
wechselnden Leitung unter anderem von Christian Thielemann, Myung-Whun Chung,
Marcello Viotti, Marris Jansons und Yuri Temirkanov – sowie ein Auftritt von
Elton John. Auf die erste Oper muss man allerdings bis zur folgenden
Spielzeiteröffnung im November 2004 warten, wenn, nach weiteren Monaten
gründlicher technischer Prüfungen, unter Lorin Maazel die Traviata
aufgeführt werden soll. So lange wird noch wie in den vergangenen Jahren im
Theaterzelt auf der Tronchetto-Insel und im kleineren Teatro Malibran unweit
der Rialtobrücke gespielt.
Der Phönix hat sich also wieder aus der Asche erhoben. Doch in Venedig
möchte man möglichst schnell die höchst verwickelte Auschreibungs- und
Baugeschichte vergessen, die zusammen mit den extremen logistischen
Problemen der Stadt, bürokratischen Hindernissen und Firmenpleiten (SZ vom
12. Februar 2001) den Wiederaufbau um mindestens vier Jahre verzögerte und
die Kosten von ursprünglich 45 Millionen Euro auf heute 80 Millionen Euro
ansteigen ließ. Noch in der Unglücksnacht vor fast acht Jahren hatten die
Stadtväter die Parole ausgegeben: „Com’era e dov’era“ – das berühmte
Opernhaus solle, „wie es war und wo es war“, wieder errichtet werden.
Während jedoch das „Wo-es-war“ im Bezirk San Marco zwischen dem Campo San
Fantin und einem kleinen „Rio“ (Kanal) auf der Rückseite des Theaters als
Selbstverständlichkeit galt, blieb das „Wie-es-war“ von Anfang an
interpretationsfähig.
Das erklärt sich bereits aus der Baugeschichte der Bühne, die unter der
Leitung des Architekten Gianantonio Selva um 1792 entstand. Nach einem Brand
wurde das Haus 1836 von Tommaso Meduna weitgehend neu errichtet und mehrfach
umgebaut. Das jetzt umgesetzte Projekt von Aldo Rossi spielt mit dem
Traditionsbezug auf zweifache Weise. Einerseits greift es vor allem im
Zuschauerraum auf Pläne Medunas, also auf den Zustand von 1836 zurück.
Anderseits gaben die Auflagen des Denkmalschutzes, die vor allem eine genaue
Rekonstruktion aller Außenwände auch bei Nebengebäuden vorgaben, weitgehende
Möglichkeiten der Veränderungen im Inneren vor.
Aldo Rossi und seine
Mitarbeiter, die nach dem Tod des Architekten 1997 das Projekt weiter
geführt haben, nutzten diese Möglichkeit weit mehr, als auf den ersten Blick
sichtbar wird.
Über den Sale Apollinee im Eingangsbereich ist unter dem Dach ein Raum für
Ausstellungen und Kulturveranstaltungen für 200 Personen entstanden. Unter
dem Zuschauerraum mit seinen klassischen fünf Logenrängen sind – bei
extremen bautechnischen Schwierigkeiten - Probenräume für die
Orchestermitglieder in den Lagunengrund versenkt worden. Durch neue
Fluchtwege hat sich die Kapazität des von Marco Carosi szenographisch
gestalteten Zuschauerraums von den ehemaligen 840 auf 990 Plätze erhöht. Das
Bühnenhaus ist komplett neu und technisch (durch eine bayerische Firma) auf
den neusten Stand gebracht. Zum Kanal ist ein alter Nebeneingang ausgebaut
worden, so dass das Publikum jetzt auch von der Wasserseite aus Zugang hat.
Im Südflügel hat Rossi einen ganz neuen Saal mit einem eigenen Eingang zur
Seitengasse entworfen, der sowohl für Orchester- und Ballettproben als auch
für Kammerkonzerte (190 Plätze) genutzt werden kann. Architekturzitate von
der Basilica Palladiana, die diese „Sala Rossi“ zieren, sind nicht nur eine
postmoderne Hommage des Mailänder Architekten an den großen Palladio,
sondern öffnen das Theater gleichsam dem venetianischen Raum. Kurz: das alte
Theater ist zugleich ein neues.
Aber während man im Studio Rossi besonderen Wert auch auf den ideellen
Anspruch des Projektes legt, das Theater durch den Ausbau der Seitenflügel
und die Schaffung neuer Räume auch für Konferenzen in Stadt und Gesellschaft
neu zu verankern, vermeiden die Verantwortlichen in Venedig jede Anspielung
auf das Neue und betonen geradezu verbissen die Tradition und das Konzept
eines Wiederaufbaus, einer Restaurierung gar.
Die Dialektik zwischen Alt und Neu und der Einbau bislang unbekannter
Technikbereiche haben auch den Akustikern des Münchener Studio Müller BBM
vor nicht geringe Probleme gestellt. Um die heute üblichen Nachhallzeiten
ebenfalls in Venedig zu garantieren, mussten Ingenieur Jürgen Reinhold und
seine Mitarbeiter neben einer entsprechenden schwingenden Verankerung der
Holzkonstruktion des Saales viele kleine Veränderungen im Zuschauerraum
vornehmen: die ursprünglich horizontal ausgerichtete Proszeniumsdecke wurde
unter anderem schräg gestellt, auch ließ man Polsterungen auf den Rückseiten
der Stühle und den Brüstungen abnehmen oder – wie bei den Vorhängen – durch
weniger schallschluckendes Material ersetzen.
Noch immer aber kann der Besucher Folgen der Brandnacht sehen, auf die uns
beim Rundgang der Baustellenleiter hinweist. Das Feuer wurde damals
„gelöscht wie ein Waldbrand“, sagt er, das Gemäuer mit salzigem Meerwasser
geradezu „ertränkt“. Die wenigen erhalten gebliebenen Seitenwände im Foyer
haben sich voll gesogen, und durch den frischen, klassizistisch gelb farbenen
Marmorstuck brechen kristalline Salzspuren hindurch.