Champagnertanz am Kraterrand
Hanna Superstar - zu Franz Lehárs Die lustige Witwe
Premiere am 04. Nov. 2006
Dass dies ein Welterfolg werden würde, ahnte anfangs keiner.
Die
Direktoren des Theaters mäkelten: keine Musik, ein bloßer Mischmasch von
Melodien sei das. Der Librettist fand darin zu wenig Besonderes. Dem
avisierten Hauptdarsteller des Danilo, Louis Treumann, fehlten „Exotik
und Erotik“. Für die Uraufführungs-Inszenierung begnügte man sich mit
einer Ausstattung aus dem Fundus. Erst zur 300.Vorstellung leistete man
sich ein neues Outfit. Da auch bekam das Stück erst seine heutige
Gestalt. Es musste nun auch nicht mehr enden mit dem „Zauber der
Häuslichkeit“, in den das Paar Hanna-Danilo verwiesen werden sollte. Den
Part bekam das zweite Paar zugewiesen, Valencienne und Camille. Für
Hanna und Danilo ging es frisch ins volle Liebesleben, und
selbstironisch stimmt da auch Hanna ein in den Refrain „ja das Studium
der Weiber ist schwer“.
Die „Botschaft“ von diesem neuen Typ selbstbewusster Frau, die nicht
geizt mit ihren Reizen und der die Männer zufliegen, machte schnell die
Runde. Über Berlin, London, New York tanzten Hanna und Danilo sich bald
rund um die ganze Welt. Amerika machte aus der Witwe und ihren
Accessoires eine neue Mode. Fan-Artikel wie für Hollywood-Produktionen
heute wurden überall verkauft. „Merry Widow“-Schuhe, -Korsetts und -Hüte
kamen in die Auslagen, „Merry Widow“-Kuchen, -Schnitzel und -Liköre auf
die Speisekarte. Junge Paare fanden sich zu Hochzeiten massenweise.
Hollywood meldete sich gleich dreimal. Erich von Stroheims Stummfilm
1925 wurde zu einem der größten Erfolge des Kinos damals überhaupt. Ein
Jahrzehnt später drehte Ernst Lubitsch die Tonfilm-Version mit Maurice
Chevalier und Jeanette MacDonald als Stars. Und auch nach dem Krieg
stürzte sich Hollywood noch einmal auf den Stoff.
1905 tanzte die „Lustige Witwe“ erstmals über die Bretter des Theaters
an der Wien. Es war die Zeit des Analytikers Sigmund Freud und des
Erotomanen Arthur Schnitzler. Wenige Wochen vor der „Witwe“-Premiere
hatte Richard Strauss‘ „Salome“ ihren betörenden Schleiertanz erstmals
aufgeführt. Allerdings nicht in Wien, wie Gustav Mahler wollte, sondern
in Dresden. Die k&k-Zensur fürchtete die Verletzung religiöser Gefühle –
man kennt das. Dass man anfangs auch der Witwe nicht über den Weg
traute, hat letztlich mit der umstürzlerisch neuen
Geschlechter-Konstellation zu tun, die hier exponiert wird: eine Frau
sitzt auf einem Banktresor. Und sie sucht sich ihren neuen Liebhaber
nach eigenem Gutdünken aus, will ihn sogar ausschließlich der Liebe
wegen heiraten und nicht wegen irgendwelcher Konventionen. Und diese
Frau tanzt auch noch mit dem Objekt ihres Begehrens in holder
Zweisamkeit und auf Lippenfühlung.
Für eine Frau wie Josephine Baker im Bananendress und mit Raubkatze im
Körbchen war sie ein Prototyp. Die „Lustige Witwe“ war die neue
Zeitoperette des frühen 20.Jahrhunderts. Sie hatte aufgeräumt mit der
alten k&k-Herrlichkeit. Und dass der fiktive Balkanstaat Pontevedro
alias Montenegro vor dem Bankrott steht, verstand jeder als Zeichen für
das alte Europa. Die damit gemeinte Donaumonarchie trudelte ihrem
finalen Stadium entgegen. Sogar die einsichtigeren Mitglieder der
Kaiserfamilie – wie der 1889 durch Selbstmord zu Tode gekommene
Thronfolger Erzherzog Rudolf und seine kapriziöse Mutter Elisabeth, 1898
erstochen am Genfer See von einem Attentäter – wussten es längst und
geißelten die Borniertheit des sich zu Tode feiernden Adels.
Sisi allerdings stand auch mit Pate für dies neue Frauenbild. Wie Hanna
eher ein „Landei“, befreite sie sich bald von den Konventionen, in die
sie der Hof „einkerkern“ wollte. Sie separierte sich in ein „Eremiten“-Leben
mit Wandern, Reiten, Dichten, Schwimmen und auch luxuriöseren Hobbys bis
hin zu einem extremen Körper- und Schönheitskult, der im Welt- und
Lebensekel mündete. Aber sie eroberte sich als „Elfen-Königin Titania“
ihren eigenen Planeten. Gustav Klimt mit seinen geometrisierenden
Frauenporträts wurde der Landvermesser dieses neuen „Planeten“. Lou
Andreas-Salomé, die sowohl von Friedrich Nietzsche wie von Rainer Maria
Rilke angebetete russisch-hugenottische Literatin, seziert deren Psyche.
Diese und das in der Figur des Danilo angedeutete komplementäre
Männerbild, wie es heute zumal auch der Psychoanalytiker Horst-Eberhard
Richter wieder preist, macht das Stück so frisch und aktuell: Ein „champagnisierter“
Tanz auf dem Vulkan mit erstaunlichen Perspektiven vom Kraterrand.
***
Eine kapitale Frau und ein Aussteiger
Arila Siegert im Gespräch
An dem Stück verblüfft zunächst der Typ Frau, der hier exponiert wird
– und das vor über hundert Jahren: Hanna, die Witwe, ist eine
unabhängige, reiche, schöne Frau, ein bisschen wie die Models heute. Sie
ist eine Frau, die mit den Männern spielt – und die spielen mit. Die
Frage ist immer, geht es um Geld oder Liebe, meinen die Männer Hanna
oder ihr Geld?
Dieser Umbruch, dass plötzlich eine Frau das Kapital hat, ist das
total Neue. Und auch heute noch ist das was Besonderes, die Frauen
bleiben meist im Hintergrund. Hier waren die beiden Autoren Lehár und
Léon ganz vorn dran. Sie haben den totalen Wechsel auf die Spitze
getrieben: eine mittellose Frau wird plötzlich zum Kultobjekt, weil sie
die Bank hat. Es ist der ganze Kampf von Schein und Sein wie heute, und
es ist dies bis zum unmoralischen Sich-Entblößen. Damit man an diesen
Mammon rankommt, gibt man alle Werte auf. Das ist nach hundert Jahren
noch unser Thema. Jetzt gerade bei Siemens, wenn es seine Handysparte
verkauft an BenQ, wohl wissend, dass sie in kürzester Zeit bankrott geht
und dreitausend Leute arbeitslos sind.
Hanna will dennoch echte Liebe, und sie baut dem Danilo, ihrem
Geliebten von früher, immer wieder eine Brücke, dass sie trotz ihres
Geldes zueinander finden.
Dass echte Liebe nicht für Geld zu kaufen ist, ist ein Ur-Ding: dass das
Beste, was wir im Leben haben, „kostenlos“ ist, die Lebenszeit, die
Luft, das Wasser, das Feuer, die Liebe – diese elementaren Dinge. Aber
gerade in den reichen Familien gibt es so viel Mord und Todschlag,
soviel Gosse und extrem schlimme Abgründe, die vergleichbar sind mit der
Kriminalität, die sich aus Armut und Hunger entwickelt.
Es gibt ein Kontrastpaar: Der Gesandte Zeta und Valencienne, seine
junge Französische Frau. Aber die Ehe existiert mehr auf dem Papier.
Valencienne liebt einen anderen, Camille, muss den Schein wahren, spinnt
bei diesem Spiel um das Geld der Hanna ihren eigenen Faden und führt die
angedachte neue Ehe der Hanna ad absurdum.
Das
ist eine zweite Linie, das Stück hat ja sehr viele Schichten,
obwohl alles sehr leicht und ironisch verpackt ist. Valencienne,
möglicherweise früher eine Grisette, von Zeta hochgeholt als seine junge
Frau für die Repräsentation, versucht in anderer Weise den Luxus,
wirklich das zu kriegen, was sie will, indem sie ihren Freund Camille de
Rosillon mit der Witwe zu verkuppeln sucht. Sie unterläuft Zetas
Bemühen, dass Hanna einen ponteverdrinischen Landsmann heiratet, damit
das Geld im Lande bleibt. Für Valencienne ist Pontevedro keine Heimat.
Sie will, dass Camille mit der Witwe eine Vernunftehe „nach Pariser Art“
– wie das hier heißt – eingeht. Und Valencienne selber könnte dann mit
Camille sehr viel freier leben als mit dem verarmten Baron Zeta, der
nichts mehr hat.
Was ist der Danilo für ein Typ? Er will die Geldtour nicht mitmachen.
Er liebt die Hanna, will es sich aber nicht zugeben. Ist es ein schönes
Märchen, dass er sie nur ohne ihr Geld haben will? Am Ende findet er
doch zu ihr und erbt sogar ihr Vermögen.
Im Danilo haben wir einen ganz modernen jungen Mann. Viele machen
diese Geldtour nicht mit, steigen aus. Oder sie machen ihren Job – und
leben dann im Wald. „Downshifting“ nennt sich die Bewegung heute ...
…Oder was Horst-Eberhard Richter sagt: die Männer müssen den
weiblichen Anteil ihrer Psyche wieder stärker entdecken, zumal die
Frauen sehr viel männliche Anteile in sich aufgenommen haben…
Es kommt immer darauf an, welche Energie du wohin leitest in dir: ob
du dich bemühst, zart, klein und schwach zu sein, oder ob du dich
bemühst, deinen Mann oder deine Frau zu stehen, und die Kraft in deine
Handlungen steckst und das so vorbereitet planst, damit das dann auch
funktioniert. Die männliche Kraft des strategischen Denkens gewinnen die
Frauen in dem Stück immer mehr. Und Danilo hat sich dem ganz entzogen,
lebt eigentlich seinen Gefühlen, obwohl er sehr genau beobachtet und
leicht sarkastisch diese etwas borniert-leichtsinnige Party-Gesellschaft
auch verachtet. Er guckt von der Seite, und er hat zurück gedrängt, dass
er seine Liebe finden wird. Er versucht das in der Breite, indem er alle
Frauen liebt und – das ist ein Wert – sich auch sehr gut zu den Frauen
verhält. Er versucht zärtlich und verantwortungsvoll mit ihnen zu
verkehren. Er will nicht einwirken auf sie, er partizipiert, macht sein
Leben dadurch leicht und vernachlässigt jede Pflicht.
Was macht die Musik dazu? Sie ist sehr tänzerisch, prickelnd bis zum
Schluss.
Es ist bei Lehár die Orchestrierung, die diese Vielschichtigkeit
ausmacht. Er arbeitet so differenziert mit den Instrumentengruppen, dass
man, wenn man genau zuhört, alles darin findet, um die Geschichte nicht
oberflächlich sondern in ihren vielen Schichten zu erzählen.
Programmheft