Das Tier in uns – und wie man es zähmt
Arila Siegert zu ihrer zweiten Zauberflöte (Võluflööt)-Inszenierung
für das Theater
Vanemuine in
Tartu
(Estland)
Premiere am 1. Oktober 2005
Innerhalb weniger Wochen hast Du nach der ersten Zauberflöte im
Frühjahr in Osnabrück eine zweite Version in Tartu zu realisieren
begonnen. Die Proben mussten aus organisatorischen Gründen im
wesentlichen schon vor den Sommerferien stattfinden. Diese zweite
Version ist in vielen Aspekten ganz neu. Wie kam es dazu und warum hast
Du so viel verändert?
Wenn man ein Stück „gemacht“ hat, bekommt man ein anderes Verhältnis
dazu. Wochenlang, monatelang hat man sich damit auseinander gesetzt und
daran gearbeitet. Und wenn man am Ende ist, fühlt man sich wie am
Anfang. „Die Zauberflöte“ ist ein so komplexes Werk, dass es sehr
reizvoll ist, es wieder zu machen – wenn man das Glück dazu hat. Man hat
immer das Gefühl, nur einen Teil des Werkes umgesetzt zu haben. Ich habe
es in Osnabrück sehr allgemein inszeniert aus dem Aspekt der Liebe
heraus. Ich wollte in Tartu in einem anderen Land mit anderen Leuten
noch direkter an das Material heran.
Es gibt auch andere Bühnendimensionen hier, die eine Überarbeitung
des Konzepts erforderten. Die Perspektive ist in der neuen Version stark
verschoben. Gleich im ersten Bild deutet sich das an. Worauf kam es Dir
dabei an?
Wir sind in die Realität gegangen und haben gesagt: Es ist eine
Dachwohnung, in der Tamino träumt. Das große runde Fenster, vor dem sein
Bett steht, ist wie die Spiegelung seiner Träume. Die Träume spiegeln
sich in diesem Fenster und kommen zu ihm hinein – auch von dem Gedanken
her, dass, wenn wir träumen, die Träume so real sind wie das Leben.
Träume sind nur eine andere Ebene des Seins.
Die Zauberflöte ist ja, wie schon angedeutet, ein sehr
vielschichtiges Werk. Es gibt unendliche viele Deutungsansätze. Die
Zauberflöte hat was von einem Märchen und einer Farce, sie hat
philosophische, psychoanalytische, soziologische Aspekte. Sie hat etwas
von großer Oper und Musical. Es ist ein Werk, entstanden an einer
Zeitenwende. Was ist für Dich der wichtigste Aspekt?
Der des Lernens: dass wir in unserem Leben immer uns verändern, neue
Dinge lernen, alte über Bord werfen müssen. Dass Tamino bei Sarastro
durch die Mysterien seines eigenen Geistes geht, dass er dabei seiner
selbst sich bewusst wird, dass er dadurch die Frau, die er liebt,
gewinnt – das ist für mich der wichtigste Aspekt. Auch Sarastro und die
Königin müssen hinzulernen.
Das Stück hat etwas von einem Initiationsritus für zwei junge Männer,
Tamino und Papageno. Die Frauen kommen dennoch irgendwie besser weg, sie
sind von Mozart musikalisch liebevoller behandelt. Möglicherweise hat
das zu tun mit dem Versuch der beiden Autoren, Mozart und Schikaneder,
den freimaurerischen Ritus, vor dessen Hintergrund das Werk ja
entstanden ist, neu zu definieren. Sie wollten wohl, wie neuere
Forschungen bestätigen, das Freimaurertum aus dem Männerbündischen
emanzipieren. Aber zunächst mal sind die Frauen im Reich Sarastros, der
menschheitsgeschichtlich diesen „Fortschritt“ repräsentiert, nur
untergeordnete Wesen, eigentlich „nicht würdig“. Und die Königin der
Nacht hat ja auch ein etwas gespaltenes Verhältnis zu ihrer Tochter
Pamina. Sie will sie benutzen, um Sarastro auszuschalten. Wie siehst Du
dieses Verhältnis Männer-Frauen?
Es ist
natürlich ein Verhältnis des Kampfes und der Konfrontation. Es
herrscht eine Angst vor dem anderen Geschlecht, vor dieser anderen Welt.
Die Männer grenzen sich ab, intensivieren ihre Kulte und Philosophien.
Das ist ihre Methode, sich stark zu machen, indem sie sich abgrenzen.
Aber Mozart und Schikaneder waren da anderer Meinung. Sie führen die
Frauen sukzessive ein in das Stück. Und auch wenn der Königin der Nacht
der Coup nicht gelingt, Sarastro auszuschalten, wird trotzdem auch in
meiner Inszenierung am Schluss Frieden gestiftet. Es wird eine Frau mit
eingeweiht, Pamina. Und bei mir versöhnen sich die Königin der Nacht und
Sarastro gewissermaßen in gegenseitiger Koexistenz. Sie werden
kooperieren müssen.
Ein zentraler Aspekt ist auch das Verhältnis der Jungen und der Alten
– für die Entstehungszeit in den 1790-iger Jahre sicher besonders
wichtig, aber auch für heute. Tamino scheint ja zuerst etwas lammfromm.
Und bezirzen lässt er sich eher von der Mutter als von Pamina selbst.
Während Papageno immer nur „das Eine“ will, und möglichst einen ganzen
Harem von Papagenas. Und zeitweise versucht er’s sogar bei Pamina. Aber
Papageno beugt sich dann doch den Riten, die Sarastro und seine Aufseher
ihm setzen. Gleichwohl bleibt er ein rebellisches Element.
Papageno
steht ja für die unbändige Natur, den Lebensmut, den
Fortpflanzungstrieb und die ganzen archaischen Aspekte in uns: die
Triebhaftigkeit, das Existieren aus dem Bauch heraus. Und das ist ein
für Mozart und Schikaneder ganz wichtiger Aspekt, dass wir diese „rechte
Art zu leben“ bei allen Lernprozessen nicht vergessen; dass es eine
ur-menschliche, grundlegende Haltung ist, dass wir mit dem, was wir tun,
innerlich und aus dem Bauch heraus harmonieren müssen; dass Nur-Kopf und
Konstrukte uns keinen echten Fortschritt bringen.
Ein anderes „rebellisches Element“ ist der Mohr Monostatos. Sarastro
benutzt ihn als Sklavenaufseher. Monostatos fühlt sich durch seine
schwarze Hautfarbe als Mensch zweiten Grades, zugleich mit
Aufseherfunktion – eine gefährliche Mischung. Häufig wird Monostatos als
etwas lächerliches Dummchen gezeichnet, so unbeholfen wie er sich an
seine Gefangene Pamina ranmacht. Aber er durchschaut zugleich dieses
Zwangsbeglückungs-„System Sarastro“, schlägt sich am Ende auf die
Gegenseite und macht gemeinsame Sache mit der Königin der Nacht und den
drei Damen.
Ich sehe
den Monostatos als einen jungen Mann, der keine Methoden
hat, sich seiner Gefühle und Affekte zu erwehren. Er wird affektiv
gesteuert mit seinem ganzen Temperament und seiner Wildheit. Er schießt
immer über sein Ziel hinaus. Dadurch liefert er sich natürlich Spott und
Hohn aus, wird ungerecht und unmenschlich behandelt und rächt sich
dafür. Aber ich versuche auch, ihn als einen jungen Mann zu zeigen, der
genau diesen anderen Aspekt nicht beachtet: dass man den Kopf
einschalten und bestimmte Gesetzmäßigkeiten respektieren muss.
Vielleicht ein extremes Bild der dunklen Seite der im Hass Vereinten,
Sarastro und Königin.
Zur Arbeit in Tartu allgemein: Du kommst vom Tanz, vom Ausdruckstanz,
der ja immer mehr war und sein wollte als nur Bewegung im Raum. Du
betonst auch sehr den komödiantischen Aspekt in der „Zauberflöte“. Die
Sänger mussten auch körperlich „viel arbeiten“. Wie war diese Arbeit mit
den Sängern und mit dem Chor?
Die Künstler
in Tartu bewegen sich sehr gern. Wenn ich Tanzen
gefordert habe, sind sie sofort drauf eingestiegen und haben ihre
ursprüngliche, für uns im Team sehr überraschende Bewegungslust
aktiviert – eine Lust sich zu bewegen, die bei uns in Deutschland oft
schon verschüttet scheint. Das bringt natürlich eine Vitalität ins
Stück, die ich sehr genossen habe. Es kam mal während der Arbeit ein
Einwand ‚wir sind ja keine Tänzer’ – und da habe ich gesagt, dass sie
sehr wohl Tänzer sind; aber ich verlange ja keine Kunstbewegung, sondern
ich will ihre Art Tanz und ihre Bewegungslust locken. Und ich glaube,
ich habe sie überzeugt.
Du hast in der Inszenierung auch kaum technische Übersetzungen
benutzt. Die Tiere etwa und die Schlange sind aus dem menschlichen
Bewegungsvermögen heraus entwickelt. War die Idee schon vorher oder kam
sie aus der Begegnung mit den Künstlern hier?
Die Idee hatte ich schon vorher. Ich wollte dem Stück noch näher auf
die Haut rücken. Wir hatten in Osnabrück große kaschierte Tiere, und das
hat mich am Ende ein bisschen kalt gelassen. Für mich war ein wichtiger
Aspekt, dass ich alles über den Darsteller und den warmen, pulsierenden
Körper erzähle. Denn die Tiere sind ja auch in uns.
Und wäre Dir auch noch eine dritte Version der Zauberflöte denkbar?
Ja, unbedingt!
Interview:fürs Programmheft, August 2005