Rudern ins Elysium
Arila Siegert zu ihrer Erst-Inszenierung der
Zauberflöte
(The Magic Flute / La flûte enchantée)
Premiere am 26.März 2005 in
Osnabrück
Bei deinen Inszenierungskonzepten gehst du sehr von der Musik aus.
Jede Aufführung bekommt dadurch einen eigenen Duktus, einen eigenen
Rhythmus, ein eigenes Parfum. Wie ist das bei der Zauberflöte?
Sehr überraschend
für mich. Ich habe zwar mein Konzept entwickelt aus dem
Stück, aus den Texten, aus dem ganzen Umfeld. Aber innerhalb der
Probenarbeit hat sich mehr als sonst eine eigene Dimension eröffnet durch
das Zusammentreffen mit den Sängern, mit dem Dirigenten. Es ist so viel in
dem Stück. Wenn man daran rührt, fängt es an zu keimen, zu wachsen.
Die Zauberflöte ist ein Ideendrama und ein Märchen. Wie wird man zum
einen dem Aufklärungston der Sarastro-Welt zum anderen der Zerstörungswut
der Königin-Welt gerecht?
Für mich ist die Geschichte ein Welttheater. Es ist ein Querschnitt durch
alle Schichten von der philosophischen Beschäftigung mit der Welt bis zu
dem ganz naiven Ton, den wir brauchen um zu überleben. Es sind die
politischen und menschlichen Konflikte drin, die uns heute und immer
beschäftigen. Mir ist es wichtig, mich auf alles, was dort behandelt wird,
einzulassen und nicht die Brüche zu glätten sondern im Gegenteil. Man muss
die Welt, wie sie dort umrissen wird, zeigen. In den Märchen und Mythen
schichtet sich ja auch sehr viel an Psychologie, Mystik, Philosophie und
ganz naivem Geschichtenerzählen. Auch was uns immer wieder fesselt am
Theater: wie handeln Personen, was entsteht daraus – dies Prinzip von
Ursache und Wirkung, was wir nicht müde werden zu verfolgen, weil es unser
eigenes Leben betrifft.
Sarastro ist so eine Art Geheimbundchef. Zugleich hat er eine
Herrenmensch-Attitüde und auch was Väterliches. Wie findet man den Weg,
diese Figur zu zeigen: kritisch, aber ohne Denunziation?
Sarastro hat in den verschiedenen Szenen ganz verschiedene Gesichter. Für
mich ist es sehr wichtig, dass Sarastro durch das Zusammentreffen mit
Pamina und durch die Art, wie Pamina sich zwar diesem System dort fügt,
andererseits dieses System auch von innen heraus verändert. Sarastro
verändert sich durch Pamina.
Auf der anderen Seite steht die Mutter Paminas. Die Königin will zum einen
gluckenhaft ihre Tochter retten, zugleich ist sie machtgierig, will ihren
früheren Mann für seinen Machtverlust rächen und dem Sarastro an den
Kragen. Sie benutzt die Pamina.
Die Mutter geht den umgekehrten Weg. Aus der Liebe zu ihrer Tochter und
aus dem zerstörten Machtgefüge ihrer früheren Machtbereiche geht sie ins
Terroristische. Das ist der Gegenentwurf: dieses Kriegmachen und Zerstören
auf Teufel komm raus und die eigenen Kinder opfern. Insofern kriegt das
Stück über die Königin der Nacht noch mal wieder aktuelle Bezüge. Es sind
diese zwei Prinzipien in dem Stück: Konfrontation im Gegensatz zu Toleranz
und Kooperation.
Die jungen Leute sind Spielball zwischen den beiden Mächten: Sarastro und
Königin. Tamino ist eher brav mit fast vorauseilendem Gehorsam. An Pamina
zerren alle: die Mutter, Sarastro, Tamino und der Mohr Monostatos.
Die Männer haben’s schwerer als die Frauen. Die Männer müssen Helden
spielen, müssen siegen, erobern. Insofern hat Tamino als jemand, der
reinpurzelt in die Welt der nächtlichen Königin und dort zum Werkzeug erst
der Königin, dann von Sarastro gemacht wird, weniger Chancen sich zu
behaupten als Pamina. Er ist der kindlich-junge Mann, der glaubt, dass er
jetzt seinen Mann stehen muss. Es geht um Pubertätsprobleme junger Männer
- auch ein Topp-Thema. Dieses Klammern an das jeweilige Idol: ob es das
Bildnis von diesem Mädchen ist, was er nun plötzlich retten oder befreien
soll; ob es die Mutter ist, die ihn vereinnahmt; ob es Sarastro ist, der
ihn in seine Welt einführt und auch konfrontiert. Das Interessante ist,
dass neben dem gesellschaftlich höher stehenden Tamino der Papageno, der
die Welt ganz anders erfährt, mitläuft durch diese Prüfung. Der Weg dieser
beiden: der eine, der ganz naiv durchstolpert, der andere, der versucht zu
funktionieren – das ist eine so lebendige Mischung, zu beobachten, wie sie
sich auseinander setzen mit Situationen, in die auch wir hinein geraten
können und wo wir sehen müssen, wie wir damit umgehen, wie wir unbeschadet
da heraus kommen oder durch Schaden klug werden oder wie schlimm es uns
ergehen muss, bis wir die einfachsten Dinge verstehen. Bei Monostatos ist
es ähnlich wie bei der Königin: er wählt für seine Ziele die falschen
Mittel. Selbst beleidigt, verachtet er auch und will Rache. Deswegen geht
er unter mit der Königin und ihrer Welt.
Die Autoren, Mozart und Schikaneder, haben in Papageno ja auch ein „Modell“
vorgeschlagen, wie man die Probleme des Lebens löst und ins „Elysium“
der Liebe kommt ohne viel Nachdenken
und ohne großes Plänemachen. Wie ist das mit dem Verhältnis des „niederen“
Paars Papageno-Papagena und Tamino-Pamina?
Ich habe keine Lust das zu werten, es gibt ja so viele Lebensentwürfe. Was
ich schön finde, dass er sagt: wenn ich ein Weibchen hätte, dann könnt’
ich mit Fürsten mich messen, dann könnt’ ich im Elysium sein und es wäre
das Paradies auf Erden. Das heißt, dass die Liebe und die Art wie wir mit
der Liebe umgehen, mit dem was wir an Verantwortung füreinander empfinden,
dass das das Paradies ist. Das Paradies liegt zwischen Mann und Weib, in
der Welt, die sich da eröffnet zwischen den beiden Geschlechtern. Papageno
ist das Haupt-Korrektiv.
Zur Männer- und zur Frauen-Welt: es gibt ja zum einen den Männerbund der
Sarastro-Leute. Frauen singen zwar, aber haben dort eigentlich keine
Funktion. An Frauen gibt es dieses Quintett im 2.Akt. Die sind die
Gesandten der Königin und sie haben ihr Pendant in den drei Knaben, den
„Genien“, wie es im Libretto heißt. Man hört an Mozarts Musik, dass er die
Frauen sehr viel lieber mochte. Im Stück kommen die Frauen als Gruppe aber
so richtig nicht vor.
Was den Chor betrifft - die Frauen sind unterbelichtet. Aber die drei Damen
sind im ersten Akt sehr stark: im Quintett mit Papageno und Tamino und im
Terzett mit Tamino allein. Sie lösen ja als verlängerter Arm der Königin
der Nacht diese Wanderung der beiden jungen Männer aus. Die Königin und
die drei Damen beherrschen den ganzen ersten Akt. Im zweiten Akt bestimmt
vor allem Sarastro die Spielachse. Aber dadurch dass Pamina so stark ist,
kippt das in ein ganz anderes Verhältnis. Plötzlich sind Pamina und
Sarastro die beiden Antipoden. Sarastro ringt um Pamina. Pamina geht mit
dem konfliktreichen Gefühl, was er für sie hegt, in einer ganz
positiv-menschlichen Weise um. Es wird immer von Frauen gesprochen – ob
schlecht oder gut. Es geht die ganze Zeit um Frauen. Ich habe in zwei
Aspekten versucht, die Frauen im zweiten Teil zusätzlich zu beleuchten.
Wenn die Männer sich mit ihren wissenschaftlichen Sachen beschäftigen
(Priestermarsch, Versammlung), werden einige Frauen die Stiefel der Männer
putzen müssen als Gegenbild zu diesem abgeschotteten Männerbund. Und bei
Papagenos „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich“ denkt Papageno
sich seine eigene Welt aus. Und das sind Frauen, die aus allen Ritzen
kommen und ihm gedanklich das Nest bauen, das er sich wünscht. Also ich
will dieses lebenserhaltende Prinzip betonen von: sich was wünschen, sich
was erträumen.
Das Stück teilt sich nicht nur in zwei Akte. Es zerfällt wie in zwei Teile
– die entstehungsgeschichtlichen Gründe lassen wir hier mal beiseite. Der
erste Teil zeigt eher komödiantisch-leicht die Wanderung im Wald. Der
zweite Teil zeigt die Sarastro-Baumeister-Freimaurer-Welt, wo alles seine
gezirkelte Ordnung hat. Am Ende sitzen sie alle wie in einem Boot. Wohin
rudern sie?
Ich sehe das Ganze als Entwicklung. Es ist eine Art Schule. Du machst dich
auf, gehst in eine Schule, irgendwann hast du deine Prüfung. Und dann
sitzt du auf der Straße und wartest, was das Leben dir nun bringt. Dieses
offene Ende, das ist mir wichtig. Für mich ist das nicht abgeschlossen, in
dem sie zum Schluss jubeln. Es ist wieder ein Anfang. Jedes Ende ist auch
ein neuer Anfang.
Sidi & Lulu und die Kraft der Natur
Anmerkungen zur „Zauberflöte“
Was
ihn am meisten freue, sagte Mozart anlässlich einer späteren Aufführung,
sei der „stille Beifall“. Ein Renner war die Zauberflöte
anfangs nicht. Die Uraufführung am 30.September 1791 stieß auf ein zumal
im ersten Akt verhaltenes Echo. Mozart, der selber dirigierte, wirkte
darob blass und bestürzt, bekundeten Augenzeugen. War er vom Tode schon
gezeichnet? Erst im zweiten Akt hellte sich die Stimmung des Publikums
in Emanuel Schikaneders „Theater auf der Wiedn“ und beim Komponisten
selbst auf. Und der Erfolg wuchs. Schon ein gutes Jahr später, am
23.November 1792, ging die hundertste Vorstellung über die Bühne.
Unklar ist die Entstehungsgeschichte des Librettos. Die Spuren führen
zu Christoph Martin Wieland und dem Märchen Lulu oder die Zauberflöte.
Da hat ein böser Zauberer Dilsenghuin der strahlenden Fee Perifirme den
Feuerstrahl geraubt. Dessen Funken machen seinen Besitzer zum Herrscher
über das Geisterreich. Der noch unschuldige Prinz Lulu soll den Talisman
zurückbringen. Als Lohn ist ihm die vom Zauberer ebenfalls geraubte
Tochter Sidi versprochen. Als Schutzschild bekommt er eine Flöte, deren
Klang die Herzen verzaubert, und einen Ring. Der verleiht ihm jede
gewünschte Gestalt. In Greisengestalt entert Lulu die Zauberburg,
bezwingt mit der Flöte die wilden Tiere und gewinnt Sidis Liebe. Beim
Gastmahl schläfert er den Zauberer ein und entreißt ihm den Feuerstrahl.
In Gestalt eines Uhu kann er fliehen. Die Zauberburg wird zerstört, der
Bund der Liebenden im Feenschloss gesegnet. Soweit der ursprüngliche
Plot.
Schon bald aber kehrt sich die Figuren-Konstellation um: aus der
strahlenden Fee wird die nächtlich sternflammende Königin. Die sitzt
verschleiert auf ihrem Thorn, umgeben von fackeltragenden Damen. Der
Zauberer wird zum lüsternen Mohren und Sklavenhalter. Der Held wird
gelockt mit dem Bildnis des Mädchens, drei weise Knaben sollen ihn
geleiten. Als „japonischer“ Prinz Tamino erscheint er nun, der von der
wilden Schlange befreit werden muss durch die drei Damen. Ein
Vogelmensch namens Papageno stellt sich ihm als Retter vor und soll
Tamino im Auftrag der Königin zum Palast begleiten usw. Die Königin, die
drei Damen und die drei Knaben („Genien“) verkörpern noch das gute
Prinzip, Sarastro und Monostatos sind die Bösen. Doch plötzlich ändert
sich die Figuren-Konstellation erneut: Nun wird Sarastro die
Lichtgestalt. Der residiert in einem Tempel der Weisheit und weiht das
liebende Paar in seine Mysterien ein. Die Königin und die drei Damen
werden zu Bösen.
Was war der Grund des Sinneswandels? Verherrlichung der Freimaurer,
Verachtung der Frauen? Frauen hatten in diesem Männerbund von
Baumeistern, Architekten und Handwerkern keinen Platz. Oder wollte
Mozart ein vielleicht auch politisches Zeichen setzen? „Bezahlten“ die
Freimaurer gar für die Gratiswerbung? Der neue Kaiser Leopold II hatte
dem Bund von Freigeistern, die mit der Revolution von 1789 liebäugelten,
die Gunst entzogen. Sein Vorgänger Joseph II gehörte ihnen selbst wohl
noch an. Der Geist der Menschheitsverbrüderung war modern. Ein neues
Publikum wartete darauf, in die Tempel der Kunst eingelassen zu werden.
Den Titus, seine vorletzte Oper, schrieb Mozart im kaiserlichen
Auftrag; diese Krönungsoper drängte ihn zurück ins längst verlassene
Bett der „opera seria“. Andererseits drohte der Abstieg ins sonst eher
hanswurstige Wiener Singspiel. Mit dem Humanitätsgedanken war gleichsam
eine Adelung der populären Gattung möglich. Der Ort war nicht mehr das
kaiserliche Hoftheater sondern ein Bürgertheater auf der Wiener
Vorstadt.
Die Zeit muss jedenfalls gedrängt haben. Ouvertüre und Priestermarsch
entstanden zwei Tage vor der Premiere. Der zweite Akt wirkt
dramaturgisch etwas gedehnt, weniger plausibel. Man musste über
Umstellungen, Straffungen nachdenken, das etwas aufgeblasen wirkende
Deutsch behutsam entschlacken und modernisieren. Mozarts unmittelbare
Nachwelt rühmte an der Zauberflöte im Geiste der Aufklärung vor
allem den Kampf zwischen Licht und Finsternis. Beethoven in
seinem Fidelio, Weber in seinem Freischütz haben den Faden weiter gesponnen. Liebe
verschwistert sich beim hohen Paar mit Weisheit und Tugend. Papageno und
Papagena singen eine stammelnde Ode an die Kraft der Natur. Ein Kosmos
öffnet sich. Beobachtern in jüngerer Zeit erschien dies Werk indes als
ein „Machwerk“. Mozart selbst nennt dies Werk, obwohl aus der
Singspiel-Tradition erwachsen, eine „Große Oper“. Merkwürdig heterogen
ist es. Darin liegt auch sein Reiz.
Interview: für Programmheft, März 2005