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„Alcina“ mit neuem Glanz

Nach der Aufführung im E-Werk wird Händels Oper jetzt im Großen Haus des Schweriner Theaters gezeigt

Michael Baumgartl, in: Schweriner Volkszeitung, 08.März 2010

Das ist ungewöhnlich: dass eine Inszenierung innerhalb des Theaters von einer Bühne auf eine andere versetzt wird, mit gänzlich anderen Dimensionen. Das geschah der Zauberoper „Alcina" von Händel am Mecklenburgischen Staatstheater, deren erste Fassung im vergangenen Herbst im E-Werk Premiere hatte. Nun, ein halbes Jahr später, hat die Regisseurin Arila Siegert ihre damalige Kammerfassung auf die technisch erneuerte Bühne im Großen Haus übertragen. Die Ästhetik ihrer Inszenierung hat sie beibehalten, und sie hat mit denselben Sängerdarstellern gearbeitet. Dennoch zeigte die neuerliche Premiere am Freitagabend, dass von der großen Bühne eine ganz andere Wirkung ausgeht. Man kommt nicht umhin, den Vergleich anzustellen.

So wurde gleich bei der Ouvertüre klar, dass der Orchesterklang nun einen ganz neuen Glanz bekommt. Befreit von der Enge des Seitenverschlages im E-Werk, kann das Ensemble der Staatskapelle unter der Leitung von Martin Schelhaas nun eine Brillanz entfalten, die Händels Kunst der musikalischen Charakterisierung erst richtig offenbart. Die Intentionen des Dirigenten, sensibler Wechsel zwischen gebundener und trockener Artikulation, prachtvolle Orchestertutti und virtuose Soli, kommen jetzt richtig zum Klingen.

Dafür ist der Zuschauer nun herausgenommen aus der Intimität des Kammerspieles, das einem das Gefühl vermittelte, sich mitten unter den Darstellern zu befinden, deren Liebe und Schmerz unmittelbar selbst zu erleiden. Doch wer dies im Großen Haus vermisst, dem begegnet Arila Siegert mit einer anderen, nicht weniger interessanten Dimension des Sehens. Der Architekt und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal baute ihr einen von Fenstern und Türen durchbrochenen Kubus, der fast die ganze Bühne einnimmt. Er symbolisiert den Palast der Zauberin Alcina, die in ihrem Inselreich die Macht der Liebe ausübt und alle „verbrauchten" Liebhaber in Tiere oder Steine verwandelt. Nur den jungen Ruggiero beginnt sie aufrichtig zu lieben, was sie am Ende in den Untergang treibt. Denn Ruggieros Verlobte Bradamante steuert die Insel an, um den ihr Versprochenen für Ehre, Pflicht und Kampf zurückzugewinnen. Dazu betrügt sie in männlicher Verkleidung Alcinas Schwester Morgana und bricht schließlich den Zauber auf der Insel.

Diese verworrene Geschichte erzählt die Regisseurin in einer ausgefeilten Kultur langsamer, ausdrucksstark choreografierter Bewegungen und in symbolträchtigen Bildern. Sie stellt den Kubus schief, denn mit dem ersten Blick auf die Bühne sind alle Dinge auf der Liebesinsel in Schieflage. So kann das Auge gar nicht mehr ausmachen, was wirklich aus dem Lot ist, die Menschen oder ihr Gehäuse. Aber die schiefe Position zeigt auch die erdrückende Last des ganz auf Liebesmacht ausgerichteten Reiches. Sie scheint Ruggiero zu zermalmen, als er sich vor Bradamante in dem schmalen Spalt unter dem Palastfundament versteckt. Und wie ein Schiff im Ozean versinkt der Palast am Schluss mit Alcina in den Tiefen der Bühnenmaschinerie, während das verlobte Paar sich bar jeden Ausdrucks von Glück in das Boot zurückzieht, mit dem Bradamante auf die Insel stieß.

Von den Sängerinnen wird der große Reichtum barocker Verzierungskunst und Artikulation hörbar, wo man zuvor die intimen Farben des Timbres genießen konnte. Katrin Hübner errang sich als Morgana mit makelloser Tongebung und ausdrucksvollem Spiel den größten Jubel der Zuhörer. Doch nicht weniger gefeiert wurden die spanische Mezzosopranistin Itziar Lesaka als Ruggiero und die junge Susanne Drexl als Bradamante. In der Rolle der Alcina berührte die neu zum Ensemble des Staatstheaters engagierte koreanische Sopranistin Hyunju Park vor allem dort, wo sie mit zart getupften Tönen den Verlust ihrer Liebesmacht besang. Christian Hees und Andreas Lettowsky komplettieren ein erstklassiges Solistenteam, das umgeben wird von einem klangvollen und spielfreudigen Opernchor in der Einstudierung von Ulrich Barthel. Dennoch ist es schade, dass man die Kammerfassung nicht noch einmal ansehen kann – zum Vergleich.


Hörens- und sehenswert

Ingeborg Kalkus, in: Orpheus, Juli 2010

Nach sehr erfolgreichen Inszenierungen von Xerxes (2003) und Julius Cäsar (2007) wagte sich das Mecklenburgische Staatstheater mit der Zauberoper ALCINA in zwei verschiedenen Fassungen erneut an eine Händel-Oper.

Während der Umbauphase des Theaters fanden die Premiere und einige Aufführungen der Inszenierung von ARILA SIEGERT auf der Studiobühne des E-Werks statt. Die Regisseurin präsentierte die Handlung hier als psychologisches Kammerspiel in einem lebendig stilisierten szenischen Rahmen mit wenigen Versatzstücken, wobei sie Geschmack und Stilgefühl bewies (Bühne: HANS DIETER SCHAAL). Der Stoff wurde so näher an das Publikum und ans Heute herangetragen. Eine sympathische, in ihrer unaffektierten Natürlichkeit stimmige Interpretation, in der die Figuren durch choreographierte Bewegung lebendig wurden und hier Rollenverwirklichungen gelangen, die so diskutabel wie theatralisch wirksam und ungemein zeitgenössisch, nicht museal wirkten. Der Händel-Stil, der hohe vokale Ansprüche stellt, wurde von den Akteuren auch in diesem Rahmen auf hohem Niveau erfüllt (Alcina: HYON LEE, Ruggiero: ITZIAR LESAKA, Morgana: KATRIN HÜBNER, Bradamante: SUSANNE DREXL, Oronte: CHRISTIAN HEES, Melisso: ANDREAS LETTOWSKY).

Zu einem Ereignis hörens- und sehenswerten Musiktheaters wurde auch die überzeugende Verwirklichung der Wirrungen, Irrungen und Entwirrungen der Liebes-, Rache- und Erlösungshandlung in einer zweiten szenischen Fassung für die Bühne des Großen Hauses, die ebenfalls durch ästhetische Qualität beeindruckte. Ein schief gestelltes, dreh- und bewegbares mystisches Haus beherrscht hier die Bühne, in den einbezogenen Proszeniumslogen liegt auf der einen Seite das Boot von Bradamante und Melisso, auf der anderen Seite große Felsbrocken. Die Sänger, exzellent geführt, in phantasievollen schönen Kostümen (MARIE-LUISE STRANDT) spielen darin und davor und bewährten sich auch in dieser in italienischer Sprache gesungenen Version als hervorragende Händel-Sänger.

Beeindruckend, mit welcher stimmlichen Leichtigkeit Ausdruckstiefe gewonnen und mit welcher Geschmeidigkeit sowie sicherer Vehemenz die Arien gesungen wurden. An der Spitze beherrschte zweifelsohne HYON LEE als Alcina mit Leichtigkeit, Variabilität und gestochener Brillanz ihrer Koloraturen den Abend. Mit darstellerischem Engagement und bemerkenswerter Koloraturen-Sicherheit bewährte sich die Mezzosopranistin ITZIAR LESAKA in der Hosenrolle des Ruggiero. Als Bradamante machte die große schlanke SUSANNE DREXL auch in ihrer selbstsicheren Darstellung der Täuschung eines jungen Mannes nicht nur optisch gute Figur, sondern vermochte auch ihren schönen Mezzo blühend und kantabel schimmern zu lassen. Mit leicht geführtem Sopran und flüssigem Spiel gab KATRIN HÜBNER Alcinas Schwester Morgana. ANDREAS LETTOWSKY verkörperte den Melisso mit markantem, ausdrucks¬vollem Ton und CHRISTIAN HEES den Oronte mit flexiblem schlankem Tenor. Der ausgewogene und versiert bewegte Chor ergänzte eindrucksvoll Szene und Klangbild.

Sehr engagiert und genau leitete MARTIN SCHELHAAS die Mecklenburgische Staatskapelle, wobei sein Gespür für kammermusikalische Finessen deutlich spürbar ist. Da beeindruckte unprätentiöser höchst lebendiger, eleganter Händel-Klang.


Zur Kammerfassung:

Kleinod in enger Fassung

Händels Oper „Alcina“ hatte
im Schweriner E-Werk Premiere

Michael Baumgartl, in: Schweriner Volkszeitung, 26.Okt. 2009

Das Drama auf einer Insel der Liebe inszenierte die Regisseurin Arila Siegert für die Bühne im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters als Kammerstück von berührender Nähe. Mochte es auch schwer fallen, sich das Werk in die Enge dieser Spielstätte versetzt vorzustellen, so wurde die Premiere am Freitagabend doch mit langem, begeistertem Applaus gefeiert.

Anlass zu weitaus mehr Jubel hätte es gegeben. Eine Kammerbesetzung der Staatskapelle, auf der linken Bühnenseite sichtbar, leitete Martin Schelhaas mit energischen Bewegungen. Er forderte die Musiker zu detailreichem, lebendigem und gut artikuliertem Spiel. Die Solisten erschienen auf der Galerie oder direkt auf der Bühne, wie Volker Reinhold mit einem gut in die Szene eingepassten Violinsolo. Matthew Jones begleitete Rezitative und Arien mit virtuoser Phantasie auf der Theorbe. Schade, dass die Bläser akustisch hinter die Seitenwand verbannt waren.

Königin Alcina in ihrem Inselreich verkörperte die Sopranistin Hyon Lee von der Oper Graz. Mit graziöser Gestik und wohldosierter erotischer Ausstrahlung vermag sie alle für sich einzunehmen. Erst später nimmt man wahr, dass sie ihre verbrauchten Liebhaber in Tiere, Steine oder Meereswellen verwandelt. Nun ist sie tief verliebt in den jungen Ritter Ruggiero, der seine Braut Bradamante zurückließ. Die schlüpft in Männerkleider und versucht unter dem Namen Ricciardo den liebesverblendeten Ruggiero in sein früheres Leben aus Pflicht und Ehre zurückzuholen. Welch ergreifenden Ausdruck legt Hyon Lee dann in das „Si son quella“, wenn sie Ruggiero erklärt, dass sie noch immer dieselbe sei, die ihn liebe. Doch fügt sie ihre hellen und sanften Töne lediglich linear, scheinbar ohne Verständnis für die ausdruckssteigernde Wirkung des harmonischen Flusses, an dem sie mit Intonationsschwankungen oft vorbeisingt.

Die junge Susanne Drexl hingegen, die gerade erst ihre Meisterklasse bei Helmut Deutsch in München abgeschlossen hat, vermag die Anforderungen der Bradamante souverän zu erfüllen. Makellos in der Intonation und mit einem dunklen Mezzo-Timbre führt sie ihre Stimme gleichermaßen sicher durch kantable wie durch kolorierte Passagen. Morgana, die sich sogleich in Bradamante in Männerkleidern verliebt und dafür ihren Geliebten Oronte verlässt, wird gesungen von Katrin Hübner. Auch sie führt ihren leichten, klaren Sopran stilsicher und klangvoll und bekommt dafür einen ersten Szenenapplaus. Beeindruckend spielt sie nach der Auflösung der Verwechslung den Kampf um die Wiedergewinnung ihres Oronte, der ihr aber nur noch mit Hass begegnet.

Die aus Spanien gebürtige Mezzosopranistin Itziar Lesaka hat als Ruggiero etwas Androgynes, das mehr verwirrt als bei der offensichtlich verkleideten Bradamante. Gut gelingt ihr der Liebhaber Alcinas zwischen Lust und Überdruss. Weniger deutlich geraten die Brüche, die Ruggiero zwischen Alcina und Bradamante hin und her taumeln lassen, bevor in ihm der frühere Kriegsheld wieder durchbricht. An Stimmkraft und Klangschönheit mangelt es weder dem Liebhaber noch dem Ritter. Christian Hees als Oronte und Andreas Lettowsky als Bradamantes Begleiter komplettieren ein überzeugendes Solistenensemble, das von einem diffizil agierenden Chor in der Einstudierung von Ulrich Barthel umgeben wird.

Die Befreiung von der Zauberherrschaft Alcinas inszeniert Arila Siegert als Kampf im Zeitlupentempo und erreicht mit dieser Stilisierung eine faszinierende Überhöhung. Sie spielt mit vielen Details. Da sind die Farben der Kostüme von Marie-Luise Strandt mit Morganas erotischem Rot, Alcinas kühlem Blau und Gold, Orontes Schwarzweiß. Der Tanz spielt bei der Tänzerin Arila Siegert natürlich immer eine Rolle. Er äußert sich in genau choreografierten Bewegungen der Darsteller, die jeder Geste symbolische Bedeutung verleihen und alle nichtssagenden Zufälligkeiten ausschalten. Dazu findet die Regisseurin wunderschöne Bilder für Erinnerungen, Träume oder Verblendungen. Sie erweckt die verbannten Liebhaber zu zauberischem Leben und zieht am Ende mit einer überraschenden Wendung als Frage in die Gegenwart. Ein Kleinod in enger Fassung!


Zauberhafte „Alcina“

Premiere im Schweriner E-Werk

Karin Gustmann, in: „Ostseezeitung“, 26.10.09

Mit der ersten Premiere in der neuen Spielzeit bestätigt das Schweriner Musiktheater, dass es sich selbstbewusst fernab der ausgetretenen Spielplanpfade von Carmen und Co bewegt. Kein vielgespielter Dauerbrenner eröffnete die Saison, sondern die wenig aufgeführte Oper „Alcina“ von Georg Friedrich Händel. 1735 wurde das Werk erfolgreich in London uraufgeführt, drei Jahre später gab es in Braunschweig die deutsche Erstaufführung – und dann wurde das Stück zu den musikalischen Akten gelegt. Erst in den letzten Jahrzehnten tauchte es vereinzelt wieder auf den Spielplänen auf.

In Schwerin hat sich Arila Siegert an das Stück gewagt – gewagt, weil sie es gleich zweimal inszenieren muss. In der ersten Version für das kleine E-Werk, in der zweiten für das noch wegen Bauarbeiten geschlossene Große Haus. Da wird am 5.März Premiere sein. In der Kammerspiel-Variante konnte die Konzeption von Arila Siegert und ihrer Ausstatterin Marie-Luise Strandt absolut überzeugen. Getreu dem Motto, „Ist es nicht, wie du willst, dann musst du wollen, wie es ist“, versuchte Marie-Luise Strandt gar nicht erst, den kleinen und kargen Bühnenraum mit barocker Opulenz zu verbrämen. Sie präsentiert den szenischen Raum in der Nüchternheit einer Werkhalle – die das E-Werk ja auch mal war – und setzt mit wenigen Details wie Steinen, Liegestühlen, einem Boot und einem Prunkbett handlungsweisende Akzente, ebenso mit den prachtvollen Kostümen.

Die Regie erzählt die Oper als logische Geschichte um Liebe, Lust und Schmerz. Die Königin Alcina (beeindruckend interpretiert und gesungen von Hyon Lee in der Balance von absoluter Herrscherin und verzweifelnd Liebender) lockt Männer auf ihre Insel. Sie macht sie zu Liebessklaven, um sie, wenn sie ihrer überdrüssig geworden ist, in Tiere zu verwandeln. Das sollte auch das Schicksal sein von Ruggiero (stimmlich und darstellerisch bravourös in dieser Hosenrolle die spanische Mezzosopranistin Itziar Lesaka). Die sonst so selbstsüchtig ihre Macht ausübende Alcina hat sich in Ruggiero verliebt, was sie hilflos und angreifbar macht.

Das Imperium ihrer Liebesinsel gerät ins Wanken, als die Verlobte Ruggieros Bradamante (Susanne Drexl) und ihr Lehrer Melisso (Andreas Lettowsky) auf der Suche nach dem verschollenen Ruggiero auf der Insel stranden. Nach einigen Wirren und Intrigen, an denen auch Alcinas Schwester Morgana (Katrin Hübner, stimmlich faszinierend speziell im Zusammenklang mit den Geigen) und ihr Diener Oronte (sehr solide geformt von Christian Hees) beteiligt sind, bricht Bradamante den Bann Alcinas, sie zerreißt die Zauberkette – und erlöst damit alle und entlässt sie in die Freiheit. Was sie damit anfangen werden? Hier gewährt die Regisseurin einen ironischen Blick ins Heute.

Gegenwärtig ist die Schweriner „Alcina“ allemal. Es gibt kein gestelzt-majestätisches Schreiten, die Figuren leben, nicht zuletzt durch die musikalische Charakterisierung der Personen. Das kleine Orchester unter der inspirierten Leitung von Martin Schelhaas ist ebenso zu loben wie der Mini-Chor aus vierzehn Damen und Herren, der nicht nur die musikalischen, sondern die spielerischen Herausforderungen meistert. Händel Oper „Alcina“ ist eine Entdeckung und eine Bereicherung für den Opernspielplan.


Opernwelt, Ausgabe 04/2010
SCHWERIN: Alcina, 5. März 2010
Autor: R. Erkens

Nach der Sanierung der Unterbühne präsentierte sich das Mecklenburgische Staatstheater nun mit einer weiteren Premiere im Großen Haus, die jedoch für das Schweriner Publikum keine wirkliche Neuheit mehr war: Das von der Regisseurin Arila Siegert für den kleinen Saal des E-Werks in Szene gesetzte Zauberreich der Alcina zog nun um auf die große Bühne und wurde vor allem durch die raumdominierende Installation von Hans Dieter Schaal neu ausgestaltet. Zu einem skelettierten, fahlgrauen Wohnkubus reduziert erschien hier der mythische Inselpalast, der zusehends sein Fundament verlor und auf diese Weise zum Symbol des unaufhaltsamen Untergangs der Zauberin wurde. Konnte sie diesen während ihrer großen Beschwörungsarie „Ombre pallide“ noch insofern aufhalten, als sie den seitlich verschobenen Kubus wieder an seinen ursprünglichen Platz zu rücken vermochte, so versanken Zauberin samt Palast am Ende der Oper dennoch buchstäblich in den Untergrund: Ein allzu schwerfälliger Theatereffekt, der sich weniger aus dem Bewegungsfluss der Inszenierung als vielmehr aus den neuen bühnentechnischen Möglichkeiten des Großen Hauses erklärte.

Die Anpassung der Regiearbeit an den neuen Spielort gelang der Regisseurin vielleicht nicht restlos überzeugend. Die kleindimensionierten Spielaktionen verloren sich bisweilen auf der Bühne, etwa als Bradamante, klangschön gesungen von Susanne Drexl, die Kette Alcinas zerriss, mit der die Macht der Magierin letztlich gebrochen und ihr Reich als Scheinwelt entlarvt wurde. Wirklich brillieren konnte in diesem eher auf das Detail berechneten und weniger auf eine Entwicklung der Figuren abzielenden Konzept neben dem spielfreudigen Christian Hees als Oronte vor allem Katrin Hübner in der Rolle der verliebten Zauberinnenschwester Morgana. Ihr gelangen durch eine tänzerisch-leichtfüßige Bühnenpräsenz und einen sehr agilen und zugleich raumfüllenden Sopran die anrührendsten Momente des Abends.

Dagegen hatte es das neue Ensemblemitglied Hyunju Park schwerer, zu einer interessanten szenischen Interpretation der Titelpartie zu finden. Die Idee, Alcina in der ersten Hälfte des Abends ausschließlich im Wohnkubus agieren zu lassen, zeichnete zwar das Bild einer distanzierten und machtverwöhnten Frau, die durch Liebe allmählich an Menschlichkeit sowie dann auch an Nähe zum Publikum gewann. Dadurch aber ließ die Rollenzeichnung nur äußerst mühsam ein schlüssiges Charakterprofil entstehen, das jedoch bei dieser Händel-Oper von grundsätzlicher Bedeutung ist. Hieran mag es auch gelegen haben, dass die dynamische Balance der Gesangsphrase in den ersten Arien der Alcina recht unausgewogen war. Ihren sehr farbenreichen Sopran und ein schön geführtes Piano konnte die südkoreanische Sängerin aber spätestens ab der Arie „Ah! Mio cor! Schernito sei!” souverän in die musikalische Interpretation einbringen.

Es war sicher ein Wagnis, Händels musikalisch so reiche und szenisch so aufwändig zu realisierende Partitur für eine räumlich beengte Spielstätte wie das E-Werk einzurichten und auf das Format einer Kammeroper zu stutzen; für die Übernahme ins Große Haus allerdings wäre eine Zurücknahme dieser Eingriffe wünschenswert gewesen. Die vollständige Streichung der Rolle des jungen Oberto, die Händel für den damals 14-jährigen Knabensopran William Savage komponiert hatte, mag dabei noch dramaturgisch begründbar sein. Misslicher erscheint die Fragmentierung nahezu der Hälfte aller Da-capo-Arien, sei es durch das Weglassen des musikalischen Mittelteils oder durch die Verkürzung des zu variierenden Anfangs auf die Wiederholung des Orchesterritornells. Besonders Ruggieros kriegerische Arie „Sta nell’Ircana pietrosa tana“, mit rundem und warmem Timbre gesungen von Itziar Lesaka, machte deutlich, wie sehr hierbei die textliche und musikalische Logik untergraben wird und der gesamte Rhythmus der Aufführung ins Stocken gerät.

Da die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin unter der einfühlsamen Leitung von Martin Schelhaas sehr nuanciert, klangreich und lebendig musizierte, verließ einen auch während des wohlwollenden Schlussapplauses für das gesamte Team nicht das Gefühl, dass die musikalische Zauberwelt Alcinas in Schwerin um ein Leichtes noch hätte reicher sein können.


Vorbericht: Karin Erichsen, in:
NDR 1, Kulturjournal, 23.Okt.2009

Ein breites Bett mit Pelzen und Seidenstoffen steht inmitten von rostigen Eisentreppen, gefließten Wänden und den Stahlträgern der alten Industriehalle. Das ist das Inselreich der schönen Zauberin Alcina. Ein weißer Tüllschleier trennt den Zuschauerraum von der Bühne und Alcina von der realen Welt. Mit wenigen Mitteln hat Bühnenbildnerin Marie-Luise Strandt eine skurrile Kulisse geschaffen, die das Innere der Figuren wiederspiegeln soll.

STRANDT: Der entscheidende Punkt ist natürlich immer die Möglichkeit des Theaters, des Budgets. Das war hier verdammt klein. Ich habe pro Kostüm, pro Figur 120 Euro. Und da muss ich sehr genau überlegen, wie gehe ich damit um? Das Äußere ist ja eigentlich in diesem Stück gar nicht so wichtig. Es geht ja um den Zustand der Figuren. Die knallen alle aufeinander in großer Liebe, großer Verzweiflung und großem Schmerz.

Regisseurin Arila Siegert stellt in ihrer Inszenierung zwei Frauen in den Mittelpunkt, Alcina und deren Gegenspielerin Bradamante. Beide kämpfen mit ungleichen Waffen um die Liebe des Ritters Ruggiero.

SIEGERT: Die Alcina – ihr Wertesystem ist Lust, weibliche Schönheit, die verzaubert, weibliche Intelligenz, die nicht auf Logik basiert. Und das Wertesystem von Bradamante ist das männliche, die Ehre, man muss die Familienehre retten. Und deshalb muss man die anderen alle tot machen. Und das inszeniere ich.

Die männliche Hauptrolle, ebenfalls gespielt von einer Frau, von der baskischen Mezzosopranistin Itziar Lesaka, bleibt in dieser Inszenierung seltsam blass – obwohl der Ritter Ruggiero in Händels Oper eigentlich der strahlende Held ist, der das verwunschene Zauberreich der Alcina schließlich zerstört.

SIEGERT: Da er zwischen diesen beiden Welten hin und her schwankt, verliert er an Kontur, indem er erst zu Alcina steht und an ihr hängt, und dann sie verteufelt und in die andere Richtung auspendelt. Das ist doch auch das Problem von uns, wenn wir jung sind, dass wir noch nicht recht wissen, was ist eigentlich für mich wichtig.

Siegert sucht die Verbindung von der Barockzeit in die Gegenwart. Sie wirft mit ihrer Lesart der Oper die Frage auf: haben wir uns in den letzten dreihundert Jahren eigentlich in irgendeiner Weise fortentwickelt? Oder beginnt das gleiche Spiel immer wieder von vorn?

SIEGERT: Und insofern springen wir zum Schluss in unser Zeitalter hinein und fragen uns: und was machen wir jetzt mit unseren tollen Möglichkeiten?

Sichtbar am Bühnenrand spielt ein zwanzigköpfiges Ensemble der Mecklenburgischen Staatskapelle, unterstützt von Barockexperten an Theorbe und Cembalo. Die Leitung hat Kapellmeister Martin Schelhaas.

SCHELHAAS: Im Prinzip ist das ganze Orchester jetzt natürlich kein Spezialisten-Orchester für Barockmusik. Aber das ist nun schon in relativ kurzer Zeit die dritte Händel-Oper, die wir hier am Staatstheater machen. Wir spielen zwar nicht auf alten Instrumenten mit Darmsaiten und alten Barockbögen. Aber wir bemühen uns natürlich auch mit den modernen Instrumenten, die barocke Artikulation zu machen und lebendige Barockmusik zu spielen.

Tatsächlich wird die Erfahrung des Orchesters mit der historischen Musizierweise deutlich hörbar. Das Ensemble erzeugt einen erstaunlich satten und klaren Barockklang.