index-
archives
 


konzept

"Es ist nicht weniger als ein Triumph"

Marianne Schultz, in: Freie Presse Chemnitz, 20.04.2016

Freie Presse Chemnitz, 20.04.2016

*
Boris Gruhl, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 25.04.2016

Kritik Dresdner Neueste Nachrichten

*

Premiere Puccini-Oper umjubelt

Freie Presse, Freiberg, 17.04.2016

Giacomo Puccinis Meisterwerk "La Bohème" ist zur Premiere am Samstag am Mittelsächsischen Theater frenetisch umjubelt worden. Das Publikum badete über zwei Stunden in Klang. Regisseurin Arila Siegert hat mit ihrer modernen Lesart ein Gesamtkunstwerk aus Bühne, Licht, Bewegung und Musik geschaffen und mit der berühmten Liebe im Künstlermilieu des alten Paris ganz und gar den Nerv des Publikums getroffen. Die herausragende Solistenriege wurde von Sopranistin Leonora del Rio als Mimi und Tenor Sebastian Fuchsberger als Rodolfo angeführt. Die Mittelsächsische Philharmonie unter Raoul Grüneis leistete Herausragendes, Opernchor und Freiberger Knabenchor waren vollendet in Szene gesetzt. Ausstatter Moritz Nitsche hat den Bühnenraum kunstvoll geweitet, um den großen Stimmen ein Podium zu bieten. (mes)


Vom Tod unterwandert

Die neue „Bohème“ vom Mittelsächsischen Theater ist eindeutig, schlicht, ergreifend.

Jens Daniel Schubert, in: Sächsische Zeitung Dresden,
Montag, 18.04.2016

Der Opernkenner weiß es, der Neuling ahnt es: Die Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und Mimi, Puccinis Oper „La Bohème“ geht nicht gut aus. In der gefeierten Premiere in Freiberg zeigt Regisseurin Arila Siegert den Tod als Person. Auf sein Zeichen hin beginnt die Oper, bedeutsam schreitet er durch die Handlung, zum Schluss greift er Mimis Hand – ihre Erinnerung „Wie eiskalt ist dies Händchen“ bekommt neue Bedeutung.

Tod ist Schicksal. Die Künstler der „Bohème“ sind arm und mittellos gegen Mimis Krankheit. Das ist die herkömmliche Lesart, die Arila Siegert in klarer Figurenführung erzählt. Moritz Nitsche hat ein schlichtes Bühnenbild entworfen, eine lichtdurchschienene Atelierwand, die abhebt und schwebt. Mit dem ersten großen Glück hebt sie jegliche Begrenzung auf, öffnet den Blick auf den Sternenhimmel. In den großen Chorakten schafft die Inszenierung die Bilder durch Menschen und Licht. Der Weihnachtsabend im Quartier Latin wird durch Tische und Stühle angedeutet, im dritten Bild ist lediglich die Zollschranke quer über die Bühne zu sehen, Projektionen simulieren anhaltenden Schneefall. Und zum Schluss wieder die Atelierwand, die sich brutal auf das Geschehen legt, Mimi vom Land der Lebenden abzuschneiden. Schlicht und ergreifend.

Die Mimi von Leonora del Rio ist kein unbedarft junges Mädchen, ihre Stimme hat lyrischen Klang und beherrschte am Anfang die Szene. Da zeigte Sebastian Fuchsberger als Rodolfo noch aufgeregte Unsicherheit. Doch je aussichtsloser es für die Figur wird, umso mehr entwickelte der Tenor Glanz und Stärke. Neben dem tragischen Paar gibt es die kokette Musetta und den aufbrausenden Marcello, von Lindsay Funchal und Seymur Karimov verkörpert. Musetta glänzt mit ihrem verführerischen Walzer und berührt, wenn sie Mimis letzten Wunsch erfüllt. Marcello ist Rodolfos bester Freund und Karimov der beste Sänger-Darsteller des Ensembles. Vom ersten Ton an strahlte sein Bariton, sein Spiel verband Gesang und Haltung, stellte eine liebenswerte und nachvollziehbare Figur vor.

Wenn sich die Protagonisten mit dem ambitioniert agierenden Chor und den überzeugenden Jungs vom Freiberger Knabenchor mischen und dazu die Mittelsächsische Philharmonie ihr Bestes gibt, ist das Theater voll aufbrausender, mitreißender Musik. Rauol Grüneis am Pult spielt diese Trümpfe aus, dosiert gefühlvoll leise Töne, scheut für den theatralischen Effekt auch nicht extreme Tempi, weiß Auseinanderfallendes schnell zu verbinden und Sängern Sicherheit zu geben. Jubel!


LA BOHEME
Premiere: 16.04.16
besuchte Vorstellung: 15.05.16
Jochen Rüth, in: www.deropernfreund.de
17.05.2016

Eine ganz besonders düstere Interpretation von Gioacomo Puccinis wunderbarer „La Bohème“ ist derzeit am mittelsächsischen Theater zu sehen. Von Anfang an macht die Regisseurin Arila Siegert die Ausweglosigkeit der Situtation deutlich und lässt den personifizierten Tod den Abend eröffnen. Er ist in den verschiedenen Bildern immer wieder präsent und leitet die arme Mimì damit ihrem unausweichlichen Ende zu. Lediglich im allerletzten Bild, bei Mimìs Todesgang, ist er seltsamerweise nicht zu sehen - das ist aber auch der einzige Bruch in der ansonsten sehr durchdachten Inszenierung von Arila Siegert.

Dass die vom Tanztheater kommt, merkt man dem Abend an. Viele Szenen scheinen regelrecht durchchoreografiert. Durch die durchdachte Personenführung gelingt es Siegert, auf der kleinen Freiberger Bühnen selbst in den Massenszenen den Fokus auf der Künstlergruppe und dem Liebespaar Rodolfe/Mimì zu halten - da friert beispielsweise der Chor ein oder bewegt sich in Zeitlupe und ermöglicht fast etwas Kammerspielartiges bei den Hauptakteuren und damit eine Konzentration auf das Wesentliche. Das ist bei Siegert mehr als trostlos. Regelrecht düster ist die Produktion angelegt, einziges Requisit auf der Bühne ist eine Art spanische Wand, die mitunter als Mansardenwand den Raum begrenzt und so zusätzliche Intimität schafft oder zu einer Art Oberlicht wird. Projektionen von Sternenhimmel oder fallendem Schnee sorgen zwar für romantische Akzente, die Kostüme von Moritz Nitsche, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, zeigen aber lediglich sämtliche Schattierungen von schwarz zu grau. Einzelne Farbtupfer setzen nur Parpignol und Musetta in ihrer Auftrittsszene - sobald die sich aber Marcello zugewandt hat und mit dem Künstler lebt, tritt auch sie nur noch in Grau auf. So wird Henri Murgers „La vie de bohéme“ in Freiberg zur hoffnungslosen und tristen Milieustudie.

Bis auf das Liebepaar Rodolfo und Mimì ist die Produktion ausschließlich aus dem Ensemble besetzt. Als Mimì buchstäblich in letzter Minute für das erkrankte Ensemblemitglied Leonora del Rio eingesprungen ist Rebekah Rota, die sich als wahrer Glücksgriff erweist. Sie glänzt nicht nur durch berauschende Pianobögen, zu Herzen gehendes Messa di voce, berührendes Spiel und ausdrucksstarken Gesang, sondern fügt sich auch nahtlos ins Ensemble und die anspruchsvolle Choreografie ein. Der österreichische Tenor Sebastian Fuchsberger lässt da und dort den Mut zum Piano ein wenig vermissen, stattet den Rodolfo aber mit bombensicherer und eindrucksvoller Höhe aus, singt und spielt fokussiert. Lindsay Funchals Musetta ist unglaublich facettenreich. Die junge Sopranistin ist ein wahrer Blickmagnet, zeigt im zweiten Aufzug eine beeindruckende Höhe, große stimmliche Beweglichkeit und fesselnde Bühnenpräsenz, weiß sich aber im letzten Bild zurückzunehmen und gibt ebenso überzeugend die mitfühlende Freundin. Ihrem on/off-Freund Marcello verleiht Guido Kunze mit gepflegtem Bariton Kontur, überzeugt vor allem in der zweiten Hälfte des Abends und heimst zusammen mit Sebastian Fuchsberger für die Duettszene im letzten Akt verdientermaßen Szenenapplaus ein. Die Künstler-WG komplettieren Sergio Raonic Lukovic als hinreißend komischer Schaunard und Martin Gäbler, der als Colline beweist, daß man kein Bass sein muss, um mit der berühmten Mantelarie zu Tränen zu rühren. Jens Winkelmann gibt überzeugend den bedauernswerten Benoît, Derek Rues heller Tenor darf als Parpignol leider nur kurz strahlen. Nikolaus Nitsche, Dimitro John Walter Moses und Frieder Post komplettieren das überzeugend aufspielende Ensemble in den kleineren Rollen. Überzeugend ist auch der Opernchor, dessen Einstudierung Tobias Horschke übernommen hat und der durch den Freiberger Knabenchor vortrefflich ergänzt wird.

Generalmusikdirektor Raoul Grüneis kitzelt im Graben reinsten Puccini aus der Mittelsächsischen Philharmonie. Er zeigt die Partitur frisch und voller Farben, schwelgerisch, gefühl- und auch kraftvoll, wo es angezeigt ist, und so gelingt ihm eine starke Interpretation dieses Gassenhauers.
Das Publikum im ausverkauften Haus ist zu Recht begeistert, applaudiert enthusiastisch und ausdauernd. Die sehenswerte Produktion ist - zumindest in dieser Spielzeit - in Freiberg nicht mehr zu sehen, wird aber ab dem 21. Mai beim Theaterehepartner Döbeln gezeigt.


Zweit-Premiere in Döbeln, 21.05.2016: "umjubelt"

Döbelner Allg. Ztg. 23.05.2016


 

Vorberichte:

"Mimi bis in die Fingerspitzen"

Die Sängerin Leonora del Rio über die bevorstehende Premiere von Puccinis "La Bohème" im Theater in Freiberg

Freie Presse, Freiberg, 16.04.2016

Leonora del Rio mit Seb. Fuchsberger

Leonora del Rio als Mimi in einer Szene mit Sebastian Fuchsberger in der Partie des Roddolfo.
Freiberg. Leonora del Rio singt die weibliche Hauptpartie in der heutigen Premiere von Puccinis Oper "La Bohème" am Mittelsächsischen Theater. Es ist die Krönung ihrer glanzvollen Spielzeit mit Werken von Lehár bis Strauss. Marianne Schultz sprach mit ihr über Mimi, Zufälle und Eitelkeiten auf der Bühne sowie über einen Ausflug in die Oper Chemnitz.
Freie Presse: Leonora del Rio - Ihr Name klingt wie Musik. Woher kommt er?
Leonora del Rio: Es ist kein Künstlername, sondern typisch spanisch. Und Leonora heiße ich, weil meine argentinischen Eltern Opernsänger sind. Als meine Mutter schwanger war, sang sie die Leonore in Verdis Troubadour - und gab mir deshalb diesen Namen.

Zweimal haben Sie unlängst als Gast in Chemnitz die Angèle in Lehàrs "Der Graf von Luxemburg" gesungen. Das Publikum hat Sie regelrecht gefeiert, wie ich selbst erleben konnte ...
Ich liebe diese Rolle, habe sie am Landestheater Innsbruck ebenso wie beim Lehár-Festival in Bad Ischl gesungen. Dort sogar wie in Chemnitz mit Michael Heim als Graf, weswegen wir das Wiedersehen natürlich genossen haben. Es war schon ein toller Zufall. Ich habe mich mit dieser Rolle intensiv auseinandergesetzt, und wer sagt, dass Operette leichte Kost ist, der irrt. Sie muss bewusst und genau gearbeitet werden wie eine große Oper.

Nun stehen Sie kurz vor der Premiere von "La Bohème". Mimi ist eine bescheidene kleine Stickerin, keine toughe, strahlende, triumphierende Schönheit. Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Puccini ist ein großer Liebhaber der kleinen und einfachen Dinge - und in jedem von uns steckt diese Affinität für die kleinen, einfachen Dinge. Deshalb wird sich jeder angesprochen fühlen, wenn Mimi zu Rodolfo kommt und in ihrer bescheidenen Art seine Nähe sucht. Ich habe einen engen Bezug zu ihr, weil dieses Gefühl in mir steckt und ich damit das Publikum erreichen möchte. Das ist eine andere Geschichte als Lehárs Heldinnen Angèle Didier oder Hanna Glawari, die von Männern umworben werden. Für mich ist es die große Herausforderung, weil ich allein durch die Musik und meine Stimme diese Einfachheit ihres Gefühls rüberbringen möchte. Eine Stille, die das Publikum zu erreichen versucht.

Mimi ist für Sie kein Neuland. Wo haben Sie die Partie bereits gesungen?
2007 in der Heimatstadt meiner Eltern in Argentinien, in Rosario - dort mit einem argentinischen Cast in einem prächtigen Theater, wo bereits die Callas und Enrico Caruso gesungen haben. Es gibt sogar eine Vorgeschichte: Meine Eltern haben sich auf der Bühne kennengelernt - meine Mutter sang die Mimi, mein Vater den Rodolfo. Jetzt sind sie meine Coaches - und heute Abend zur Premiere natürlich im Theater.

Die Regisseurin Arila Siegert ist bekannt für ihre Bühnenästhetik: Was erwartet uns?
Ich hatte das große Glück, dass ihre Intention mit meiner zusammenfindet, weil sie eine Kämpferin für diese kleinen Dinge ist. Die Figur der Mimi ist bis in die Fingerspitzen hinein ausgearbeitet. Es gibt Szenen, die mich selbst zu Tränen rühren. Hinter uns liegt eine sehr intensive Probenphase.
Sie singen in großen und kleinen Häusern. Gibt es da für Sie einen Unterschied?
Es muss an unserem Theater genauso gearbeitet werden wie auf einer großen Bühne. Sängerisch ändert sich gar nichts. Sicher aber stellt man sich als Sänger immer auf den Raum ein, in dem man singt. Hier hatte ich ein gewaltiges Rollenangebot, konnte Partien singen und darin wachsen, denke ich an die Marschallin im Rosenkavalier. Und Generalmusikdirektor Raoul Grüneis liebt diese Musik und hat mich gefördert und gefordert, um aus mir eine noch bessere Sängerin zu machen.

In der Lehár-Operette in Chemnitz trugen Sie ein Kostüm wie ein schillerndes rosa Bonbon. Mimi in "La Bohème" erfordert einen ganz anderen bildnerischen Zugriff. Welche Rolle spielen für Sie Kostüme?
Ich würde mich als Mimi sehr unwohl fühlen mit Hochsteckfrisur und langen Wimpern. Trotzdem möchte man natürlich schön aussehen in dieser Rolle und sich wohlfühlen in Rock und Bluse. Aber man darf nicht erwarten, dass Mimi in Abendrobe erscheint. Das ist nicht Sinn der Sache. Es muss ein stimmiges Gesamtbild ihrer Rolle, ihres Aussehens, ihrer Bewegungen und ihres musikalischen Erscheinungsbildes geben. Alles andere stört.

Ist für Sie Eitelkeit auf der Bühne ein Thema?
Ich habe gelernt und versuche es immer wieder, mich mit dem Auge des Publikums zu beobachten, damit alles zusammen passt. Insofern bin ich eitel, ja.

Werden Sie Freiberg auch in der neuen Saison 2016/17 verbunden bleiben?
Ja, das denke ich doch. Der Spielplan ist zwar noch nicht offiziell, aber ich denke, es wird eine wunderschöne aufregende Spielzeit werden.

Sie haben ein Riesenrepertoire und eine Traumstimme. Wo singen Sie derzeit noch außer in Freiberg?
Ich werde in diesem Sommer wieder bei den Tiroler Festspielen in Erl dabei sein, als Ortlinde in der "Walküre" und als Gutrune in der "Götterdämmerung".

Und Urlaub?
Die Zeit nehme ich mir, weil ich sehr viel gesungen habe in diesem Jahr. Zwar habe ich eine gute Technik, die mir das ohne stimmliche Probleme ermöglicht. Trotzdem braucht man eine Auszeit. Dann werde ich weder singen noch einen Klavierauszug anschauen.

Ihre Eltern sind Argentinier, Sie leben in Deutschland - wo ist Ihre Heimat?
In Deutschland, weil ich hier aufgewachsen bin, Freunde habe und mich wohl fühle. Mit zwei Jahren kam ich mit meinen Eltern nach Deutschland, aber jedes Mal in Argentinien merke ich, dass mein Herz im argentinischen Rhythmus schlägt, dass ich das Temperament, die Mentalität der Argentinier habe.

*

Vorbericht, in: Freie Presse Chemnitz, 31.03.2016
FREIE PRESSE 31.03.2016