Der Rache und der Liebe zerstörerische KraftStefan Koch in: Mannheimer Morgen, 9.Nov.1999...Beide Stücke schlummerten in den
Archiven, vor wenigen Jahren gab es eine konzertante
Aufführung der Dido in Schwetzingen, aber jetzt war
es dem Nationaltheater und der kooperierenden Mannheimer
Musikhochschule vorbehalten, sowohl Cannabichs Meldoram als
auch Holzbauers Werk im kurfürstlichen Rokokotheater
szenisch wieder zu beleben. Dreiklänge umspielen die ZauberinselJulia Spinola in FAZ, 10.Nov.1999...Beide Stücke drehen sich um den inneren Monolog einer Frau, die in einer prekären Entscheidungssituation steht, nah am Wahnsinn, empfänglich für Sinnestäuschungen und Visionen aller Art, bereit, sich und andere ins Verderben zu stürzen. Cannabichs Melodram ... setzt die neuen Mannheimer Ausdrucksmittel in plastischer Wechselwirkung mit dem Bühnengeschehen ein. Letztlich wird indes tatsächlich eine Manier daraus ... weil die Kette aus aneinander gereihten Effeffekten ... immer kleingliedriger und löchriger wird. Holzbauer dagegen gelingt der überzeugende dramatische Bogen des Ganzen. Er komponiert vielleicht im Detail nicht so raffiniert wie Cannabich mit seiner filigranen Satzkunst, aber Holzbauers Verschmelzung von Arienform und Accaompagnato-Rezitativen mit ihrer bisweilen bruchlosen Verschleierung von Nahtstellen garantiert dem Werk größeren Schwung und Atem... Arila Siegerts Inszenierung und Johannes Conens Ausstattung scheinen einen Gegenpol zur expressiven Fülle beider Werke gesucht zu haben... Etwas mehr Pfeffer im Graben und auf der Bühne hätte man den beiden fast vergessenen Pionieren anlässlich ihrer Exhumierung aus der Mannheimer-Schule Gruft zum Jubiläumsjahr durchaus gönnen können. Das Melodram: Begegnung mit einer fossilen GattungStephan Hoffmann in: Saarbrücker Zeitung, 11.Nov.1999 und Radio: NDR/SFB/ORB-Musikforum, SWR-Musikmagazin, DLF-MusikjournalManchmal wird auch gesungen in Christian Cannabichs
Elektra, allerdings nur selten und wenn,
dann vom Chor. Die Hauptperson wird von einer Schauspielerin
verkörpert der ausgezeichneten Martina Roth
und ist folglich nur sprechend zu hören. Denn bei Cannabichs Werk handelt es sich um ein Melodram, dessen
Kennzeichen in der Verbindung von Musik und gesprochenem Wort
besteht... Die Gattung Melodram entstand nicht zufällig in
einer künstlerischen wie politischen Umbruchzeit. Genauso
schnell, wie es gekommen war, verschwand es am Ende des
18.Jahrhunderts auch wieder fast vollständig... Die
Mannheimer Aufführung ... zeigte, warum das so ist. Es liegt
an der Form selbst, am ständigen kurzgliedrigen Wechsel von
Musik und Wort, wodurch die Sänger daran gehindert werden,
sich wirklich auszusingen... Doch bei allen musealen
Empfindungen bei der Begegnung mit dieser eigentlich fossilen
Gattung: Unter den zahlreichen Elektra-Vertonungen der
Musiktheater-Geschichte nimmt Cannabichs Werk eine reizvolle
Sonderstellung ein, gerade weil durch die ungewöhnlichen
künstlerischen Mittel auch neue emotionale Dimensionen des
Stoffes erschlossen werden. Aus Mannheims großen TagenHorst Kögler in Stuttgarter Zeitung , 9.Dez.1999...Cannabichs Elektra scheint als innerer Monolog der Atridentochter auf die damaligen Zeitgenossen eine ähnlich verstörende Wirkung ausgeübt zu haben wie auf uns heutige ein Theaterstück von Heiner Müller oder Christa Wolf. Elektra ... kann sich zu dem Racheakt nicht entschließen... Sie verkraftet die Tat so wenig wie ihr Bruder Orest... Und beide müssen dann erkennen, dass Rache nur neues Unrecht zeugt. Als Melodram erfordert die Hauptrolle eine Schauspielerin wie Martina Roth, die mit der verklärten Stimme einer Hellseherin die tragischen Verstrickungen ihrer Familie rekapituliert - in der schlichten und strengen Inszenierung und Choreografie von Arila Siegert, accompagniert von visionären Erscheinungen auf einer Bühne, die von Johannes Conen als Blutteppich und Gräberfeld hergerichtet ist. Die Musik ... lässt durchaus aufhorchen. Düster und tragisch gestimmt fesselt sie durch ihren permanenten Erregungszustand, und ihre Kurzatmigkeit entspricht exakt dem dramatischen Gestus der Gedächtnisfetzen... Stärker der Tradition verhaftet gibt sich Ignaz Holzbauers Singspiel über den Tod der Dido, das doch eine richtig durchkomponierte Oper ... ist... Auch Holzbauer kann sich nicht genug tun, die berühmten Mannheimer Klarinetten gebührend brillieren zu lassen... Von seinen drei Hauptsängern verlangt er gleichwohl eine gediegene Kehlkopfartistik, eine Aufgabe, der Nicola Beller Carbone (Didone), Bettina Eismann-Koloseus (Selene) und Thomas Jesatko (Jarbas) mit viel Effet gerecht werden...
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