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konzept

Der Rache und der Liebe zerstörerische Kraft

Stefan Koch in: Mannheimer Morgen, 9.Nov.1999

...Beide Stücke schlummerten in den Archiven, vor wenigen Jahren gab es eine konzertante Aufführung der Dido in Schwetzingen, aber jetzt war es dem Nationaltheater und der kooperierenden Mannheimer Musikhochschule vorbehalten, sowohl Cannabichs Meldoram als auch Holzbauers Werk im kurfürstlichen Rokokotheater szenisch wieder zu beleben.

Es hat sich gelohnt. Denn beide Werke offenbaren den Rang beider Protagonisten der Mannheimer Schule. Vor allem Christian Cannabichs Melodram offenbart ein ingeniöses Einfühlungsvermögen des Komponisten in die inneren Befindlichkeiten der Elektra-Figur, wobei der Text des ersten Nationaltheater-Intendanten Wolfgang Heribert von Dalberg in seiner bildhaft-leidenschaftlichen Expressivität zusätzlich staunen macht. Dass er gesprochen wird und die Musik mit bisweilen geradezu kürzelartigen Floskeln, einzelnen Akkorden, knapp umrissenen Motiven und harmonisch reizvollen, atmosphärischen Illustrationen die Affekte der Figur umreißt, ergibt eine ganz eigene Spannung zwischen Wort und Ton. Zumal es die Schauspielerin Martina Roth vortrefflich verstand, dem empfindsam-pathetischen Gestus der Musik einen unprätenziös-introvertierten Sprechstil gegenüber zu stellen, so dass Cannabichs dramatisch-subtile Klangsprache sich wie eine zweite Haut um die zwischen Zweifel und Hass, Aufbegehren und Resignation zerrissene Figur legte.

Arila Siegert hat beide Stücke inszeniert. Sie entstammt als Tänzerin und Choreografin der Palucca-Schule, und so ergibt sich für sie der theatralische Ausdruck im Ineinanderwirken von Stimme, Gestik und Körperlichkeit. Die Bühne (Johannes Conen) ist bis auf ein hinteres Portal leer, aber in ihrem Boden wühlt Elektra nach ihrem Inneren. Unter den Holzplatten, die sie aufwuchtet und stapelt, schlängeln sich Furien als bleiche Gesichter des Todes empor, aber auch der Garten des Agamemnon erwächst als goldglänzendes Corps aus den sich öffnenden Gräben, sich ineienander windend wie ein Pflanzenhain. Später, in der Dido, wird sich ein auf dem Boden liegendes Podest nach und nach auf die vordere Kante heben, bis die Menschen vergeblich Halt suchen und herunterrutschen. Schließlich entpuppt sich das Holzplateau als brennendes Haus, mit Fensterhöhlen und flammenartigen Durchbrüchen. So verschlingt das glühende Karthago seine einsame Königin.

Es sind eindringliche Bilder, in denen Arila Siegert die Figuren mit großer choreografischer Expressivität führt. Und es ist bewundernswert, mit welcher Anheimgabe die Solisten diesem Konzept folgen. Allen voran Nicola Beller Carbone als Dido, die beherrschende Figur in Ignaz Holzbauers Werk, dessen vehementer dramatischer Impetus und emotionsgeladene Sinnlichkeit sich bisweilen Mozart verwandt zeigt. Nicola Beller Carbone zeichnet mit ihrem weit ausgreifenden, sehr klangschönen lyrischen Sopran eine beeindruckende Tragödin antiken Zuschnitts, in Gestalt und Ausstrahlung von wirklich großem Format. Ihr zugesellt mit teilweise horrend schwierigen, aber auf bestechendem vokalen Niveau gemeisterten Arien sind Thomas Jesatko als vergeblich um Didos Hand anhaltender Fürst - und Brandstifter - Jarbas, Bettina Eismann-Koloseus als koloraturenbewehrte Dido-Schwester Selene und Andreas Karasiaks Vertrauter Osmida. Der Bewegungschor des Nationaltheaters sowie Studierende des Tanzes gaben den beiden Einaktern in dezenter Genauigkeit das antikisierende Flair.

Cannabichs Elektra ist für das Orchester schwer. Die oft nur wenigen Takte Musik zwischen den Worten erfordern ein Höchstmaß an Konzentration, die beim Orchester der Musikhochschule unter Frieder Bernius nicht immer gewährleistet schien. Besser dann die Dido, dessen vehementen Sturm-und-Drang-Ton Bernius am Pult famos traf. Bedenkt man, dass die alte Musik an der Mannheimer Hochschule bedauerlicherweise nicht systematisch gepflegt wird, lässt sich ahnen, was für eine Arbeit mit dem Orchester dahinter steckt. Wenig Erfreuliches allerdings vom Chor der Hochschule: Wenn seine Aufgaben auch begrenzt sind, das ließe sich weitaus souveräner singen.

Großer Beifall im voll besetzten Haus und freudiges Erstaunen darüber, was diese beiden zweifellos wertvollen Stücke aus Mannheims großer Vergangenheit bieten.


Dreiklänge umspielen die Zauberinsel

Julia Spinola in  FAZ, 10.Nov.1999

...Beide Stücke drehen sich um den inneren Monolog einer Frau, die in einer prekären Entscheidungssituation steht, nah am Wahnsinn, empfänglich für Sinnestäuschungen und Visionen aller Art, bereit, sich und andere ins Verderben zu stürzen. Cannabichs Melodram ... setzt die neuen Mannheimer Ausdrucksmittel in plastischer Wechselwirkung mit dem Bühnengeschehen ein. Letztlich wird indes tatsächlich eine Manier daraus ... weil die Kette aus aneinander gereihten Effeffekten ... immer kleingliedriger und löchriger wird. Holzbauer dagegen gelingt der überzeugende dramatische Bogen des Ganzen. Er komponiert vielleicht im Detail nicht so raffiniert wie Cannabich mit seiner filigranen Satzkunst, aber Holzbauers Verschmelzung von Arienform und Accaompagnato-Rezitativen mit ihrer bisweilen bruchlosen Verschleierung von Nahtstellen garantiert dem Werk größeren Schwung und Atem... Arila Siegerts Inszenierung und Johannes Conens Ausstattung scheinen einen Gegenpol zur expressiven Fülle beider Werke gesucht zu haben... Etwas mehr Pfeffer im Graben und auf der Bühne hätte man den beiden fast vergessenen Pionieren anlässlich ihrer Exhumierung aus der Mannheimer-Schule Gruft zum Jubiläumsjahr durchaus gönnen können.


Das Melodram: Begegnung mit einer fossilen Gattung

Stephan Hoffmann in: Saarbrücker Zeitung, 11.Nov.1999 und Radio: NDR/SFB/ORB-Musikforum, SWR-Musikmagazin, DLF-Musikjournal

Manchmal wird auch gesungen in Christian Cannabichs Elektra, allerdings nur selten und wenn, dann vom Chor. Die Hauptperson wird von einer Schauspielerin verkörpert - der ausgezeichneten Martina Roth - und ist folglich nur sprechend zu hören. Denn bei Cannabichs Werk handelt es sich um ein Melodram, dessen Kennzeichen in der Verbindung von Musik und gesprochenem Wort besteht... Die Gattung Melodram entstand nicht zufällig in einer künstlerischen wie politischen Umbruchzeit. Genauso schnell, wie es gekommen war, verschwand es am Ende des 18.Jahrhunderts auch wieder fast vollständig... Die Mannheimer Aufführung ... zeigte, warum das so ist. Es liegt an der Form selbst, am ständigen kurzgliedrigen Wechsel von Musik und Wort, wodurch die Sänger daran gehindert werden, sich wirklich auszusingen... Doch bei allen musealen Empfindungen bei der Begegnung mit dieser eigentlich fossilen Gattung: Unter den zahlreichen Elektra-Vertonungen der Musiktheater-Geschichte nimmt Cannabichs Werk eine reizvolle Sonderstellung ein, gerade weil durch die ungewöhnlichen künstlerischen Mittel auch neue emotionale Dimensionen des Stoffes erschlossen werden.

Für das zweite Werk dieses Abends gilt das nur bedingt: Auch Ignaz Holzbauers Opern-Einakter Tod der Dido ist eine Ausgrabung, auch diese Oper entstand für das Mannheimer Nationaltheater. Aber es ist eben eine handelsübliche Oper, und von denen haben wir schon einige gehört, darunter auch bessere. Der Name Mozart, der seine Opern zur selben Zeit schrieb, fällt einem ein, und natürlich ist der Abstand beträchtlich. Immerhin ist Holzbauer einer der ganz wenigen Komponisten, den Mozart für sein "Feuer" und seinen "Geist" ausdrücklich lobte. Bleibt noch auf die wirklich eindrucksvolle Leistung der Regisseurin Arila Siegert hinzuweisen, die mit minimalem technischen Aufwand ein Höchstmaß an Dichte und Eindringlichkeit beider Stücke erreichte. Und auf die sängerisch überragende Nicola Beller Carbone, die die Partie der Dido mit wunderbarer Weichheit und stimmlicher Ausgewogenheit ausstattete.

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Aus Mannheims großen Tagen

Horst Kögler in Stuttgarter Zeitung , 9.Dez.1999

...Cannabichs Elektra scheint als innerer Monolog der Atridentochter auf die damaligen Zeitgenossen eine ähnlich verstörende Wirkung ausgeübt zu haben wie auf uns heutige ein Theaterstück von Heiner Müller oder Christa Wolf. Elektra ... kann sich zu dem Racheakt nicht entschließen... Sie verkraftet die Tat so wenig wie ihr Bruder Orest... Und beide müssen dann erkennen, dass Rache nur neues Unrecht zeugt. Als Melodram erfordert die Hauptrolle eine Schauspielerin wie Martina Roth, die mit der verklärten Stimme einer Hellseherin die tragischen Verstrickungen ihrer Familie rekapituliert - in der schlichten und strengen Inszenierung und Choreografie von Arila Siegert, accompagniert von visionären Erscheinungen auf einer Bühne, die von Johannes Conen als Blutteppich und Gräberfeld hergerichtet ist. Die Musik ... lässt durchaus aufhorchen. Düster und tragisch gestimmt fesselt sie durch ihren permanenten Erregungszustand, und ihre Kurzatmigkeit entspricht exakt dem dramatischen Gestus der Gedächtnisfetzen... Stärker der Tradition verhaftet gibt sich Ignaz Holzbauers Singspiel über den Tod der Dido, das doch eine richtig durchkomponierte Oper ... ist... Auch Holzbauer kann sich nicht genug tun, die berühmten Mannheimer Klarinetten gebührend brillieren zu lassen... Von seinen drei Hauptsängern verlangt er gleichwohl eine gediegene Kehlkopfartistik, eine Aufgabe, der Nicola Beller Carbone (Didone), Bettina Eismann-Koloseus (Selene) und Thomas Jesatko (Jarbas) mit viel Effet gerecht werden...