Abgelehntes Liebeswerben
Mainz beendet mit Purcells „Dido und Aeneas“ die Barock-Reihe
„Gottes starke Töchter“
Doris Kösterke, in: Mainzer Allg. Ztg. / Wiesbadener Kurier,
05.Okt. 2009
Den Beginn der Ouverture bei der Premiere von Henry Purcells „Dido
and Aeneas“ im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters gestaltete
Michael Schneider so leise, dass
die Zuhörer förmlich in die Klänge hineinkrochen. Mit diesem Trick
machte er sie zu Beteiligten jener klangschönen Musik, die die Handlung
letztlich verklärt. Genial wandlungsfähig
ist das Bühnenbild von Hans Dieter Schaal und in seinen
gelungenen Proportionen überdies berückend schön: Ein großes Rund
im Hintergrund ist mal Sonne, mal Mond, mal Rahmen für Idyllen. Davor
die Grundformen von Booten, mal ruhend, mal schwankend, mal sich
lüftende Särge, das eine erst Liebeshöhle und dann Didos Fähre ins
Totenreich. Nicht minder ansprechend und
wandlungsfähig die Kostüme von Susanne Maier-Staufen.
Nach Alessandro Scarlattis „La Giuditta“ schloss
Arila Siegert mit dieser Barockoper die Trilogie
über „Gottes starke Töchter“ in sprechenden
Choreographien: Dido
(klangschön: Tatjana Charalgina)
versucht vergeblich, den Vergleich ihres Schicksals mit dem der Ariadne
auf Naxos von sich zu „schieben“, der sich ihr über das „Lamento
d´Arianna“ von Monteverdi (mit nur wenigen Verzierungen gesungen von
Regina Pätzer) aufdrängt. Aeneas (Patrick
Pobeschin) verfolgt sein allzu männliches Anliegen geradlinig
bis zur Profillosigkeit, während jede Geste, mit der Dido sein
Liebeswerben ablehnt, im Kern sagt: „Nötige mich doch noch mal“. Anne
Ganzenmüller mimt sehr gelungen die unbedarfte Belinda, hilflos
vertraulich gegenüber Dido und allzu weiblich in ihren Gesten des „wenn
sie nicht will, dann nimm doch mich“ gegenüber Aeneas, der ihr Werben
nur mit einem versehentlichen Fußtritt würdigt.
Auch der Chor aus Studierenden der
Mainzer Uni war im Ausdruckstanz gefordert:
als zudringliche Hofschranzen, als den Gräbern entsteigende
Rachegeister, als schmollende Dirnen und in die Pflicht fliehende
Matrosen. Countertenor Dmitry Egorov bildete eine
herrlich böse Zauberin und einen glaubwürdigen Geist beim Überbringen
der verhängnisvollen Falschbotschaft. Eine Hexe „drückt“ Aeneas den nur
vermeintlich göttlichen Auftrag auf, Dido zu Gunsten anderer Pflichten
zu verlassen. Seine Frage, wie er das denn Dido erklären solle, wirkt
wie ein vorweggenommenes „Sie wird meine Suppe schon auslöffeln“,
während Dido nur noch den Selbstmord als Ausweg sieht, wie sie in ihrem
letzten Rezitativ, „Thy hand, Belinda“ verkündet, während die zuvor so
eifrig um Nähe Bemühte weit weg mit dem Rücken zur Szene sitzt.
Eindrucksvoll, dass selbst im matriarchalen Karthago das Erfüllen
eines menschlichen Grundbedürfnisses für Männer so unverbindlich und für
Frauen so verhängnisvoll verlaufen musste. Oder war das nur die
Interpretation des Librettisten?
Mit Purcell auf großer Fahrt
Arila Siegert inszeniert „Dido and Aeneas“ in Mainz
Gerhard Schroth, in: FAZ, 06.Okt. 2009
Englische Musik hat es auf dem Kontinent immer schon schwer gehabt.
Ein fast rundes Jubiläum, der 350. Geburtstag Henry Purcells, ist nun
ein willkommener Anlass, sich – wieder einmal – an die einzige
durchkomponierte Oper des „Orpheus Britannicus“ zu erinnern. Dies
gelingt höchst eindrucksvoll im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters.
Es bietet einen glücklichen Rahmen für eine Frucht der langjährigen
Zusammenarbeit von Theater und Musikhochschule.
Eigenwillig bezieht Purcell in die noch junge Gattung Oper Elemente
der Masque ein. So lag die Regie bei der Tänzerin Arila Siegert,
die in Mainz schon Mozarts „Nozze di Figaro“ inszenierte, in den
richtigen Händen. Zusammen mit dem vertrauten Bühnenbildner
Hans
Dieter Schaal und Susanne Maier-Staufen, die
für die Kostüme verantwortlich war, gelang ein
Konzept, das sich durch Schlüssigkeit und Stringenz auszeichnete,
immer unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass der (von
Danilo Tepša
einstudierte) Chor, der hier wesentlicher Handlungsträger ist, vom
Vokalensemble der Musikhochschule gestaltet wurde. In ihm mischen sich
die Ebenen von Gut und Böse, Schwarz und Weiß; ein Kontrast von
zwingender Farbsymbolik.
Purcells Oper ist wohl nur unvollständig überliefert und nicht
abendfüllend. Daher lag es nahe, Ergänzungen vorzunehmen, auch, um die
schwierige Beziehung zwischen den Liebenden zu verdeutlichen. So gewährt
ihnen Purcells unnachahmliches „Music for a while“ einen Augenblick der
Erfüllung, dies in einem der symbolträchtigen Kähne, er dient zuletzt
Charon für die Fahrt der Dido in das Jenseits. Doch selbst
die Anleihen
aus der italienischen Madrigalkunst fügten sich organisch ein,
Monteverdis „Lamento d’Arianna“ in der Solofassung (ausdrucksstark:
Regina Pätzer) ließ die Parallelen der beiden
Frauenschicksale zwingend hervortreten. So dauert es allerdings ein
wenig, bis die Handlung an Kontur gewinnt und sich dann mit gnadenloser
Konsequenz vollzieht.
Musikalisch spiegelt sich dies in den Chaconne-Formen, dies
vorausdeutend bereits im frühen „Ah, Belinda“ der Dido.
Tatjana Charalgina gelingt stimmlich wie darstellerisch ein anrührendes Porträt
der Dido zwischen Zweifel und Liebesbedürfnis,
ihr unsentimentales „When
I am laid in earth“ wächst zum Höhepunkt des Abends, der auch grelle
Effekte, zumal in den Hexenszenen, nicht scheut. Dies ist vor allem ein
Verdienst des klangmächtigen Countertenors
Dmitry Egorov, der als
hasserfüllte Zauberin, Geist und 1. Matrose bemerkenswerte Flexibilität
und Bühnenpräsenz beweist. Patrick Probeschin als stattlicher Aeneas ist
derartigem Verwirrspiel nicht gewachsen. Seine Wandlung kommt zu spät,
ihm bleibt nichts übrig, als schleunigst abzusegeln und Rom zu gründen.
Anne Ganzenmüller (Belinda), Aurora Perry und
Ileana Mateescu (Hexen)
ergänzen das Ensemble vorzüglich. Michael Schneider, seit Jahrzehnten
anerkannter Spezialist der Pflege Alter Musik in Theorie, Lehre und
Praxis, beflügelte alle Beteiligten. Viel Beifall.
Ein Fährmann für Dido
Arila Siegert zeigt in Mainz mit „Dido and Aeneas" eine konsequente
Bewegungspartitur
Von Stefan Schickhaus, in: Frankfurter Rundschau, 05. Okt.
2009
Wenn eine Opernregie von Arila Siegert ansteht, darf
sich die Kostümkreateurin Susanne Maier-Staufen schon
einmal eine Extrarolle weißen Garns besorgen und der Bühnenbildner
Hans Dieter Schaal eine Extraration weißer Deckfarbe.
Ganz in weiß fand vor zwei Jahren Alessandro Scarlattis „La
Giuditta" statt, ganz in weiß trubelte vor einigen Monaten Mozarts „Figaro"-Oper
über die Bühne, die in beiden Fällen die des Staatstheaters Mainz war.
Jetzt folgte, in bekannter Optik, Arila Siegerts Umsetzung von Henry
Purcells „Dido and Aeneas". Zum Weiß trat diesmal das Schwarz, eine
Kontrastbildung mit Erinnerung an die 80er
Jahre zwar, aber ungenommen wirkungsvoll.
Weiß zeigten sich die Edlen: Dido, eigentlich Königin von Karthago,
hat zu kämpfen - mit sich, weil unglücklich verliebt, aber auch mit
ihren architektonischen Skizzen. Die Entwürfe und Pläne unterwandern und
zerreißen die Schwarzen, die Hexen, denen die karthagische Stadtplanung
so ganz zuwider ist. Auf dem Architektentisch feiern sie ein blutiges
Fest mit Geodreieck als Skalpell, und der Oberzauberer verkündet seinen
teuflischen Plan: Als Merkur verkleidet wird er Aeneas endgültig von
Dido trennen, was das fragil skizzierte Glück in sich zusammenfallen
lassen wird. Die Verwandlung zum behelmten Götterboten Merkur zeigt sich
dabei bildlich so einfach wie genial: Die Hexen greifen sich ein
Architekturmodell in Pyramidenform und setzen es dem Zauberer auf das
Haupt. Ein Bote wie aus dem Bilderbuch.
Doch es ist keineswegs die pfiffige
Zeitlosigkeit, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht, sie ist
lediglich die Tapete. Die eigentliche Stärke in
sämtlichen Opernarbeiten der aus der Dresdener Palucca Schule stammenden
Tänzerin und Choreografin Arila Siegert liegt in ihrer
Bewegungspartitur, die sie minutiös für alle Beteiligten anfertigt. Und
die sie mit den durchweg jungen Opernsängern so einstudiert, dass
zwar nicht unbedingt Speerspitzen-Tanztheater, aber
doch Musiktheater mit extrem konsequenter
Personenführung entsteht.
Das stets Überraschende dabei: Der permanente
Bewegungsfluss, der im Falle von „Dido and Aeneas" nun fast zu
geschmeidig ausgefallen ist und selten nur Kanten zeigt,
stört kein bisschen das Musikalische, ist immer
Bereicherung. Selbst wenn am Ende Dido ihren epochalen
Schlussgesang „When I am laid in earth" anstimmt und jede Weglenkung der
Fokussierung als Verlust empfunden werden müsste, setzt der die
Todessehnsüchtige rudernde Fährmann einen feinen Akzent.
Für diese Barockopernproduktion, die durch zusätzlich eingearbeitete
Musik von Monteverdi (ein sinnfällig platziertes „Lamento d'Arianna"),
Locke und Purcell auf eineinhalb Stunden gebracht wurde, hatte sich das
Staatstheater mit der Mainzer Hochschule für Musik zusammengetan.
Entscheidende Komponenten aber kamen auch aus Frankfurt. So stand mit
Michael Schneider ein Kenner der barocken
Interpretationspraxis am Pult, der exzellente solistische Chor setzte
sich aus Frankfurter Musikstudenten zusammen, für das Continuo brachte
Schneider Musiker aus seinem Ensemble „La Stagione" mit, die sich dann
auch im barocken Zugriff dem Tutti als überlegen erwiesen.
Auf der Bühne konnte Arila Siegert auf das Protagonistenpaar ihres
„Figaro" zurückgreifen. Ex-Susanna Tatjana Charalgina
gab hier eine betont sinnliche Dido ab,
Patrick Pobeschin als Aeneas dagegen war seinerzeit als
Figaro-Spielernatur deutlich mehr in seinem Element. Aus dem Ensemble
ragte Dmitry Egorov heraus, ein
russischer Countertenor, der nicht nur über eine starke Bühnenpräsenz
verfügt, sondern auch über eine pointiert geführte, klangmächtige
Altstimme. Und der mit einem Architekturmodell auf dem Haupt kein
bisschen lächerlich aussah.
Aria, Dido and Aeneas
Was echte Regiearbeit bedeutet zeigt eine großartige Inszenierung in
Mainz
Christian Rupp, in: „Journal Frankfurt“ 16.-29.Okt. 2009
Fast könnte man glauben, das Staatstheater Mainz spezialisiere sich
gerade konsequent auf die Entstaubung barocker Opern: erst in der
vergangenen Saison eine klasse „Seramide“ – jetzt die Inszenierung von
Henry Purcells „Dido ans Aeneas“ durch
Arila Siegert. Und der ist mit
dieser Produktion ein ganz großer Wurf gelungen.
Denn hier hat sich endlich wieder einmal ein Regisseur seiner
Verantwortung gestellt, und uns seine ureigene Lesart des Stoffes
vorgestellt. Keine intuitive Möblierung eines akustischen Ereignisses,
kein billiges Hinüberretten der Geschichte in eine andere Epoche. Nein,
Siegert schält aus dem Notentext quasi die innere Handlung heraus.
Durchpsychologisierend, zwingend und stringent
wird Dido bei ihr zu einer Architektin, und Aeneas trägt einen weißen
Anzug, sich mit zeitlosem Ambiente innerer Motiviertheit bewegend. Hexen
kriechen Lemuren gleich aus Falltüren im Boden, und Module auf der Bühne
geraten je nach Situation zu Booten, Bäumen oder Särgen.
Dabei trennen Siegert und ihre Bühnenbildner Hans Dieter
Schaal die Bühne in zwei Räume: einen der Handlung und einen
des hintergründigen Reflektierens. Arien und die mit ihnen verwobenen
Schilderungen emotionaler Beweggründe finden in einem runden Fenster im
Hintergrund statt, handlungstragende Rezitative verortet Siegert auf der
Hauptbühne. Dass sie den kompletten Raum jeglicher Farbe entzieht,
erscheint dabei wie ein Sinnbild jener inhaltlichen Fokussierung.
Lediglich einzelne Spots setzen farbliche Akzente und lassen erahnen,
dass sich letztlich alles um die Frage dreht, welche Enttäuschungen der
Mensch doch auszuhalten in der Lage ist.
Freilich kann man diesem Ansatz vorwerfen, ein Relikt des
Regietheaters der späten 80er Jahre zu sein – denken wir nur an die
erstaunlich zufälligen Parallelen zu Dieter Dorns „Holländer“ aus dem
Jahr 1990 – aber dazu ist Siegerts Lesart dann doch zu modern, zu klar.
Dass dann noch mit dem Frankfurter Michael
Schneider ein absoluter Spezialist
für historische Aufführungspraxis engagiert wurde, erscheint da
fast dann schon als Selbstverständlichkeit und eine
großartige Tatjana Charalgina in der Hauptrolle
als Nebensache.
Eine der besten Inszenierungen, die wir seit langem
gesehen haben.
Die blaue Welt der Mythologie
Oper: Arlla Siegert inszeniert Henry Purcells Barockoper »Dido and
Aeneas« am Staatstheater Mainz
Susanne von Mach, in: Main-Echo, 05. Okt. 2009
MAINZ. Was die Götter im Olymp trieben und in welche Nöte sie die
Sterblichen stürzten, war den Menschen vor 300 Jahren wohl bekannt. So
wohl, dass der englische Komponist Henry Purcell es wagte, in seiner
Barockoper »Dido and Aeneas« - sie gilt als seine einzig vollendete -
die Geschichte der Liebenden stark gekürzt zu erzählen. Undenkbar heute:
Die meisten kennen sich so genau nicht mehr aus in der griechischen
Mythologie.
Was also tun, soll der Zuschauer von heute Gefallen an »Dido and
Aeneas« finden? Regisseurin Arila Siegert hat sich am
Staatstheater Mainz für eine um musikalische Einschübe
erweiterte Fassung entschieden,
mit der sie die tragisch-traurige Liebesgeschichte
der Karthager-Königin Dido mit dem Trojaner auf der Durchreise, Aeneas,
besser erklärt und romantisch aufwertet. Zur Oper stellt sie zwei
Lieder Purcells sowie Werke von dessen Zeitgenossen Claudio Monteverdi
und Matthew Locke. Zu Lockes »Curtain Tune« werden damit noch vor der
Ouvertüre die Protagonisten und deren Beziehung in Pantomime vorgestellt
und danach Didos Schicksal – sie wird die Liaison mit Aeneas nicht
überleben – zu Purcells »O solitude« angekündigt. Später darf sich Dido
mit Aeneas zu dessen »Music for a while« vereinen, was der Komponist in
der Oper gar nicht vorgesehen hatte - bei Arila Siegert ausgerechnet in
jenem Boot, das Dido später ins Totenreich übersetzen wird.
Es ist Michael Schneiders
Verdienst, die Musik so zusammen zu führen, dass sie als Einheit
erscheint. Der Dirigent ist spezialisiert auf historische
Aufführungspraxis und verbindet die Barockelemente so fließend, dass
sich die magisch schöne, seelenvolle Inszenierung wie auf Rosen gebettet
ist. Die Regisseurin, die zuletzt in Mainz
mit Mozarts »Le Nozze di Figaro« Erfolge
feierte, entführt ihre Zuschauer im Kleinen
Haus des Staatstheaters in die blaue Welt der
Mythologie, in der weiße Boote und eine runde, lichtumflossene Scheibe
im Hintergrund von Ankunft und Aufbruch, Werden und Vergehen erzählen
(Bühne: Hans Dieter Schaal). Die Figuren dieser Welt
leben in weiß und schwarz, elegant und verräterisch, deren Abbild und
Wege auf Papier skizziert und verworfen werden. Weiß sind Dido, ihre
Schwester Belinda und Aeneas, schwarz umtoben sie die Hexen, die auf
Geheiß der Göttin Juno Didos Glück zerstören werden. Sie gewinnen aber
auch deshalb, weil Dido sich gegen die Liebe wehrt – und dabei sich
selbst zerstört.
Federleicht, stark und ausdrucksvoll ist Arila
Siegerts Inszenierung, und sie zeigt stärker noch als Mozarts »Figaro«
ihre Herkunft aus dem Ballett. Vor zeitlos mystischer Kulisse lotet sie
alle Tiefe und Energie der Figuren aus, die in der Musik angelegt ist
und in Spiel und Gesang ihre Entsprechung findet. Die
Inszenierung ist eine Produktion des Staatstheaters mit der Hochschule
für Musik in Mainz; die Sänger sind fast alle Mitglied des jungen
Ensembles am Theater, das ein Sprungbrett ist für Sänger am Ende ihrer
Ausbildung. Dennoch singen am Samstag bei der lange beklatschten
Premiere die Titelpartien zwei Mitglieder des regulären Ensembles:
Sopranistin Tatjana Charalgina ist Dido, Tenor
Patrick Pobeschin Aeneas.
Dabei müssen sich die jüngeren Sänger absolut nicht hinter ihren
erfahreneren Kollegen verstecken; besonders
Countertenor Dmitry Egorov als Zauberin und Anführerin
der Hexen sowie Anne Ganzenmüller als Belinda
überzeugen stimmlich wie schauspielerisch. Gut eineinviertel
Stunden dauert es, bis sich der schwarze Netzvorhang über Didos
Schicksal senkt. Es konnte keine Liebe für sie geben, und so umarmt sie
vertrauensvoll den Totenmann, der sie in die Unterwelt bringt.
Hexen bringen die Liebenden um ihr Glück
Mit Henry Purcells «Dido and Aeneas» beendet das Staatstheater Mainz
die Trilogie «Gottes starke Töchter».
hon, in: „Frankfurter Neue Presse“, 09.10.09
Henry Purcells «Dido and Aeneas», eine «Masque» in drei Akten, gehört
zu den frühen Musiktheatern, deren Wirkung heute noch durchschlagend
sein kann. Vorausgesetzt, man nimmt sich ihrer mit Elan an. Diesen haben
der Frankfurter Experte für Alte Musik, Michael Schneider,
und die Regisseurin Arila Siegert in Mainz ohne Zweifel
bewiesen. Das einstündige Werk haben sie am Kleinen Haus mit weiteren
Werken von Purcell, dessen Lehrer Matthew Locke und des knapp hundert
Jahre älteren italienischen Komponisten-Kollegen Claudio Monteverdi
ergänzt.
Dank eines erstaunlich vitalen und
leistungsbereiten Ensembles wurde eine dreihundert Jahre alte Oper
frisch und ungezwungen auf die Bühne gebracht, ohne einen Moment der
Leere zuzulassen. Gleichzeitig wurde damit die Trilogie «Gottes
starke Töchter» beendet. Einmal mehr erwies sich die Zusammenarbeit mit
der Mainzer Musikhochschule und deren Internationaler Sommerschule «Singing
Summer» als produktiv und belebend. Neben den Angehörigen des Hauses und
des «Jungen Ensembles» wurden auch Studierende eingesetzt. Sie stellten
den klanglich stets präzisen und differenziert agierenden Chor dar und
bereicherten die Szenen bildmächtig und flott choreografiert.
Arila Siegert weist jeder Szene ihr eigenes
Tempo zu, das Bühnenbild von Hans Dieter Schaal
beeindruckt durch seine Schlichtheit, die jedoch nie als Armut
wahrgenommen wird. Im Gegenteil: Seine stilisierten Boote sind
wandelbar. Aus ihnen kriechen die Hexen, die Aeneas und Dido um ihr
Glück bringen; die Boote werden als Versteck oder eben auch als
Transportmittel genutzt. Dementsprechend dezent fallen die in
schwarz-weiß gehaltenen Kostüme von Susanne Maier-Staufen
aus, die Projektionsräume ermöglichen. In Mainz gilt Claudio
Monteverdis «Lamento d’Arianna» als warnendes Beispiel für Dido.
Regina Pätzer ist eine empathische
wie gehaltvolle Erzählerin, die der Szene eine sehr intime Wirkung
mitgibt. Als Dido überzeugt Tatjana Charalgina mit fein
ausgesungenen Piano-Stellen sowie leidenschaftlicher Strahlkraft. In
Patrick Pobeschin steht ihr ein kerniger, beweglich und
vielseitig auftretender Aeneas zur Seite. Scharf konturiert und mit
brillanter Stimmgebung gibt Altus Dmitry Egorov eine
durch und durch dämonische Zauberin ab. Anne Ganzenmüller
wirkt als Belinda etwas zurückhaltend, Aurora Perry
indes zeigt in kleineren Rollen prickelnde Bühnenpräsenz. Eine Auswahl
des Staatsorchesters gestaltet das Werk mit scharf ausgefeiltem Sinn für
die Anforderungen der eher ungewohnten Klänge.
Mainz, Staatstheater – DIDO AND AENEAS
Julia Korst, in operapoint.com,
15.Okt. 2009
Aufführung: Das Bühnenbild von
Hans Dieter Schaal besticht durch seine raffinierte
Ästhetik. Im Hintergrund dient ein großer Kreis je nach Tageszeit
als Mond und Sonne. Davor liegen die Grundformen von zehn Booten auf der
Bühne, die durch Seile mit der Decke verbunden sind; sie liegen,
schaukeln oder hängen in der Luft. Mal dienen die Boote als sich
öffnende Särge, aus denen sich langsam die Hexen heraus winden, mal
nutzt das sich einende Paar ein Boot als Liebesnest. Schließlich steigt
Dido in die Gondel des Todes, singt ihr Lamento während sie davon fährt,
und erhält schließlich von dem düsteren Gondoliere ihren Todeskuss.
Die Kostüme von Susanne Maier-Staufen
bestechen durch gerade Schnitte und deutliche Farbgebung: Die
Hexen tragen schwarze Kapuzenwesten, die Hauptcharaktere weiße Anzüge
und – im Falle der Belinda – ein weißes Kleid.
Von den Aktionen der Darsteller sind besonders
die der Hexen und Matrosen hervorzuheben. Zurückhaltend und
distanziert ist das Verhältnis zwischen Dido und Aeneas. Meist steht sie
mit verschränkten Armen da, den Blick von ihm abgewendet. Selbst als die
Hexen das Paar zusammentreiben, stehen sie zunächst Rücken an Rücken auf
der Bühne und verschränken nur langsam ihre Arme ineinander.
Arila Siegert und Michael Schneider wählen für
den Prolog ein stummes Vorspiel zu den Klängen von Matthew Lockes
Curtain Tune, einer Schauspielmusik zu Shakespeares „The Tempest“:
Außerdem erklingt der von Dido gesungene Purcell-Song „O Solitude“ sowie
das von Ariadne vorgetragene „Lamento d’Arianna“ von Claudio Monteverdi.
Sänger und Orchester:
Tatjana Charalgina (Dido) singt klar und dynamisch. Die
aufbrausenden Passagen in der zweiten Szene des dritten Aktes einerseits
und ihr eher nüchtern vorgetragenes Lamento „When I am laid in earth“
andererseits bezeugen ihre erstaunliche Wandlungsfähigkeit.
Patrick Pobeschin (Aeneas) singt
kräftig und mit weichem Timbre. Ein weiteres Highlight ist der
beeindruckende Auftritt von Dmitry Egorov
(Zauberin, Geist, 1. Matrose): Sein klarer Counter erklingt kraftvoll,
dynamisch und äußerst agil. Vor allem das Vorspiel der Hexen zu Beginn
des zweiten Aktes gelingt ihm mit der nötigen Expressivität. Auch
Anne Ganzenmüller (Belinda)
besticht durch ihre klare Stimme, hat allerdings bei flinkeren
Passagen wie zum Ende des ersten Aktes Probleme mit der Intonation.
Beachtlich ist die Leistung des Orchesters unter der Leitung von
Michael Schneider. Er dirigiert ein extrem
dynamisches und flexibles Orchester und kann die Akustik im Kleinen Haus
des Mainzer Staatstheaters voll ausnutzen. So erzeugen leiseste
Passagen Spannung bis in die hintersten Reihen. Auch der Zusammenklang
von Chor und Instrumentalisten ist eindrucksvoll.
Fazit: Dem Mainzer
Staatstheater gelingt mit Purcells „Dido and Aeneas“ eine großartige
Premiere. Musikalisch ist der Abend mehr als zufriedenstellend,
klanglich imposant, optisch ausgewogen und von gelungener Ästhetik. Ein
Besuch dieser Aufführung ist empfehlenswert. Da sind sich auch die
Besucher einig, die den Erfolg mit minutenlangem, tosendem Applaus
belohnen.
Verlass mich nicht
Jennifer Grupenbacher, in der Studentenzeitung
stuz.de, 07.Okt. 2009
Dido und Aeneas – das ist eine Geschichte, die auf Vergils Epos „Aeneis“
beruht. Dido, die Königin von Karthago, hatte sich geschworen nie wieder
zu lieben, nachdem ihr Mann von ihrem habgierigen Bruder Pygmalion
umgebracht worden war. Doch als der trojanische Held Aeneas an ihrer
Küste strandet, lässt sie sich vorsichtig und nach langem Zögern wieder
auf die Liebe ein. Allerdings wird Aeneas bald von Merkur daran
erinnert, dass er nach dem Untergang Trojas in Italien einen neuen Staat
gründen soll. So stellt er schweren Herzens die Pflicht über die Liebe
und segelt wieder davon. Dido erträgt die weitere Enttäuschung nicht und
wählt den Freitod.
Klare Symbolik: Die
Inszenierung von Arila Siegert kann als rundum gelungen
bezeichnet werden. Zunächst ist da die auffällig klare Symbolik,
die in Zusammenarbeit mit Architekt und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal
entstand. Zehn Boote befinden sich an Seilen befestigt auf der Bühne.
Zunächst sind sie mit der offenen Seite nach unten gelegt, und Aeneas
ist sich noch sicher bleiben zu wollen. In einer Waldszene, in der sich
die Zauberin mit ihren Hexen gegen die Liebenden verschwört, hängen die
Boote senkrecht. Sie mögen einerseits die Bäume verkörpern, doch
gleichzeitig auch die wachsende Unsicherheit. Schließlich senken sich
die Boote wieder, diesmal mit der offenen Seite nach oben. Sie sind
abfahrbereit. Aeneas stemmt sich noch mit dem Rücken gegen diesen
Prozess, doch die Pflicht scheint ihn förmlich zu erdrücken. Insgesamt
ist das Bühnenbild sehr reduziert. Alles beruht auf klaren Formen ins
weiß und schwarz. Ein angenehmer Kontrast zur barocken Musik. Dennoch
wirkt hier nichts unterkühlt. Mit geschickt eingesetztem Licht in den
Booten und im Hintergrund wird viel Atmosphäre geschaffen. Helle Szenen
der Realität werden mit dunklen Traum- und Zaubersequenzen effektvoll
kontrastiert.
Ein musikalischer Genuss: Siegert entschied sich
zusammen mit Dirigent Michael Schneider dazu, das nicht
abendfüllende Werk durch weitere Werke von Henry Purcell, seinem Lehrer
Matthew Locke und Claudio Monteverdi zu verlängern, aber vor allem zu
intensivieren. So erscheint zum Beispiel Ariadne Dido in einer
Traumsequenz und singt das berühmte „Lamento d’Arianna“ von Monteverdi.
Auch Ariadne wurde einst von einem Mann einsam zurückgelassen. Hier
wirkt sie wie eine Mahnung vor Didos bevorstehendem Schicksal. Mit
Schneider konnte ein Spezialist für historische Aufführungspraxis
gewonnen werden. Das stark reduzierte Philharmonische Orchester Mainz
ist um einen Lautenspieler und eine Cembalistin ergänzt worden. Einige
Streicher spielen mit Barockbögen. Ein warmer und zurückhaltender Klang
erwartet den Besucher, der sich ganz dem gefühlvollen Gesang
unterordnet.
Tatjana Charlagina legte
als Dido eine wahre Glanzleistung hin.
Patrick Pobeschin ließ hingegen ein wenig an Fülle und
Ausdruckskraft vermissen. Besonders hervorzuheben
sind aber die Mitglieder des Jungen Ensembles Mainz und
die Studierenden der Hochschule für Musik Mainz,
die die restlichen Rollen übernommen haben und auch den Chor darstellen.
„Sie haben hart an sich gearbeitet“, bekundete Arila Siegert. Von Arbeit
ist allerdings kaum etwas zu spüren. Frisch und
leicht kommen die jungen Sängerinnen und Sänger daher und lassen an
Professionalität kaum Wünsche offen. Besonders viel Applaus bekam
Countertenor Dmitry Egorov, der Zauberin, Geist und den
1.Matrosen mit großer Sicherheit sang und spielte.
Mainz entstaubt die 300 Jahre alte „Dido and Aeneas“
Die Oper von Henry Purcell wurde von Arila Siegert lebendig und
spannungsvoll inszeniert
Niklas Sommer, in: Mainzer Rheinzeitung, 05. Okt. 2009
Wer einmal erleben möchte, wie man eine 300
Jahre alte Oper absolut frisch und ungezwungen auf die Bühne bringt,
ohne dem Zuschauer auch nur einen Moment der Langeweile zu ermöglichen,
dem sei die jüngste Musiktheater-Produktion am
Mainzer Staatstheater ganz dringend ans Herz gelegt. Zugegeben
„Dido and Aeneas“ von Henry Purcell dauert ohne hin nur eine Stunde und
ist auch samt den Zugaben, die der Alte-Musik-Experte Michael
Schneider und Regisseurin Arila Siegert
eingebaut haben, nicht länger als ein Fernsehspiel. Doch könnte gerade
die kompakte Form ja durchaus dazu verleiten, die Gestaltung auf die
leichte Schulter zu nehmen.
Nicht so in Mainz. Arila Siegert gelingt ein
ungemein lebendiges Beispiel für geschickte, spannungsvolle
Personenführung und beziehungsreiche Interaktionen. Die
Geschichte an sich ist schnell erzählt und bietet doch zahlreiche
Möglichkeiten zur Dramatisierung, die von der Regisseurin nahezu
ausnahmslos genutzt worden sind.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Produktion hat keinen
aktionistischen Anstrich. Im Gegenteil: jede der
Szenen wird genau beleuchtet. Arila Siegert
gönnt sogar jedem Abschnitt sein eigenes Tempo, sodass an diesem
Abend ein intensives Eintauchen ebenso stattfindet wie ein rasantes
Darüberfegen in Action-Manier. Passgenau darauf
abgestellt sind die klar definierten Kostüme von Susanne
Maier-Staufen. Die gleiche Schwarz-Weiß-Konsequenz setzt
Hans Dieter Schaal in einem Bühnenbild, das mit
wenigen, aber effektvollen Elementen auskommt, fort. Zehn Boote können
sich bei Bedarf problemlos und effektvoll in einen Hexenwald und wieder
zurück verwandeln.
Purcells „Masque“ in drei Akten geht auf eine Episode aus dem vierten
Buch von Vergils „Aeneis“ zurück. Das Textbuch hat der englische Dichter
Nahum Tate geliefert. Dido, Königin von Karthago, hat sich in den
trojanischen Kriegsherrn Aeneas verliebt. Da sie aber ihrem Gatten auf
dem Sterbebett versprochen hat, sich nicht mehr zu vermählen, sondern
sich nur noch um das Wohl der Stadt zu kümmern, entsteht für sie der
innere Konflikt. Durch eine List wird Aeneas wieder auf See geschickt,
Dido fühlt sich betrogen und stirbt sozusagen an gebrochenem Herzen.
In Mainz wird zu Beginn Claudio Monteverdis „Lamento d’Arianna“ als
warnendes Beispiel für Dido eingeblendet.
Regina Pätzer vom „Jungen Ensemble" ist eine empathische wie
gehaltvolle Erzählerin, die der Szene eine sehr intime Wirkung mitgibt.
In der Rolle der Dido überzeugt Tatjana
Charalgina von Anbeginn mit gleichermaßen fein ausgesungenen
Piano-Stellen wie mit der Steigerung hin zu enormer leidenschaftlicher
Strahlkraft. In Patrick Pobeschin steht ihr ein
kerniger, beweglich und vielseitig auftretender Aeneas zur Seite. Scharf
konturiert und mit brillanter Stimmgebung, gibt der Altus Dmitry
Egorov („Junges Ensemble“) eine durch und durch dämonische
Hexengestalt ab.
Anne Ganzenmüller wirkt als Belinda mitunter etwas zurückhaltend.
Ebenfalls Mitglied des „Jungen Ensembles", kann sie aber sicher ihr
angenehmes Timbre und darstellerisches Talent künftig noch
selbstbewusster ausbauen. Ihre Kollegin Aurora Perry indes zeigt eine
prickelnde Bühnenpräsenz, ist stimmlich enorm präsent und bereichert die
Szenen, an denen sie beteiligt ist, in ganz außerordentlicher und
bemerkenswerter Weise.
Vor allem der Chor aus Studierenden der Musikhochschule Mainz bringt
immer wieder zusätzlichen Schwung ins Geschehen. Klanglich stets sehr
präzise und differenziert kommentiert das neunköpfige Ensemble das
Geschehen, füllt vital die Szenen. Der Auswahl des Staatsorchesters, das
für seine glasklare Interpretation großen Applaus erhält, ist ein großes
Kompliment für die engagierte Erfüllung dieser außergewöhnlichen Aufgabe
auszusprechen.
Vorberichte:
Königin Dido und ihr Held
Arila Siegert inszeniert Purcell-Oper im Kleinen Haus
Von Daniel Honsack, 30.09.2009, in: Mainzer Allg. Ztg.
Obwohl
gerade einmal 60 Minuten lang, gilt "Dido and Aeneas" als die
einzige vollgültige Oper von Henry Purcell. Im Grunde genommen reiht
sich das dreiaktige Stück dennoch stark in die Tradition der englischen,
von mythologischen Szenen inspirierten "Masque" ein. Zu kurz allerdings,
um heute einen abendfüllenden Abend zu garantieren. Also haben Dirigent
Michael Schneider und Regisseurin Arila Siegert für ihre Mainzer
Produktion im Kleinen Haus weitere Werke von Purcell, dessen Lehrer
Matthew Locke und des knapp 100 Jahre älteren italienischen
Komponisten-Kollegen Claudio Monteverdi hinzu gefügt.
Damit werden einzelne Szenen zusätzlich emotional intensiviert.
Besonders bekannt ist darunter Monteverdis monodische "Lamento d´Arianna".
Die Vorlage zu der Oper stammt aus Vergils "Aeneis" und wurde von dem
seinerzeit bekannten Dichter Nahum Tate erstellt. Karthagos Königin Dido
hat sich in den trojanischen Helden Aeneas verliebt, aber sie hat ihrem
verstorbenen Gatten versprochen, nie mehr zu heiraten. Dennoch kommen
sich die beiden näher, ihr Glück wird jedoch rasch von einer Zauberin
durch List im Keim erstickt.
Für Regisseurin Arila Siegert geht es hier um die schicksalhaften
Auswirkungen, die eintreten, wenn man sich auf eine Liebe einlässt.
"Dabei wird die Verinnerlichung von Liebe und Leid erzählt", erläutert
sie. Das Gefühl des Verlassen-Seins tritt später ins Zentrum.
"Liebesschmerz ist ewig", findet sie, daher lässt sich die Handlung auch
zeitlos interpretieren. "So selten, wie heute das Glück ist, so war es
damals auch", so ihre Ansicht. Michael Schneider, renommierter Experte
für historische Aufführungspraxis, findet es besonders spannend, die
antike Tragödie, wie sie in den Anfängen der Oper vermittelt wurde,
wieder zu beleben. Eine musikalische Herausforderung sei die "extrem
polyphone Musik" Purcells, deren Komplexität und Dichte.
Die Inszenierung von Arila Siegert, die in Mainz zuletzt Mozarts "Le nozze di Figaro" inszeniert hat, setzt auf das Fokussieren einzelner
Szenen. "Es soll wirken, als sei die Zeit angehalten worden und man kann
in den jeweiligen Zustand eintauchen", macht sie auf die Umsetzung
neugierig.
Erste englische Oper - Purcells "Dido und Aeneas"
Von Siegfried Kienzle, 04.09.2009, in: Mainzer Allg. Ztg.
Kaum mehr als 5o Minuten Spieldauer umfassen die drei Akte von "Dido
und Aeneas", die das Staatstheater in der englischen Originalsprache
herausbringt. Und doch gilt das Werk, das Henry Purcell 1689 für ein
Londoner Mädchenpensionat komponiert hat, als die erste englische Oper.
Dabei unterscheidet sich die Musik grundlegend von der italienischen
Barockoper, wie sie 50 Jahre später mit Händel die Londoner Opernszene
erobert. Purcells Oper ist eine Mixtur aus Deklamation, Chor, Tanz,
Gesang, Duetten, aber sparsam an Arien. Da der Komponist auf die damals
obligate Dakapo-Struktur verzichtet, bleibt er näher bei der offenen
Form eines Shakespeare als bei der Barockoper.
Die tragische Geschichte von Dido, der Königin von Karthago, die von
ihrem Geliebten Aeneas verraten und verlassen wird, war als Opernstoff
überaus beliebt. Über 90 Vertonungen gibt es, seit Francesco Cavalli
diese Episode aus der "Aeneis" des römischen Dichters Vergil erstmals
1641 in Venedig aufs Theater gebracht hat.
Der unglücklich liebenden Dido gönnt Purcell nur zwei Arien. Aber ihre
Schlussklage, bevor sie in den Tod geht "When I am laid in earth" (Werd
ich ins Grab gelegt) hat im stockenden Herzschlag-Rhythmus und den
dissonanten Reibungen eine emotionale Ausdruckskraft, wie sie in dem
ähnlichen "Liebestod" erst 200 Jahre später im "Tristan" erreicht wird.
Bewundernswert differenziert sind Didos Rezitative, die Purcell zum
Charakterporträt formt.
Aeneas, den es als Flüchtling aus dem zerstörten Troja nach Karthago
verschlagen hat, ist der tragische Held zwischen Liebe und Pflicht. Im
göttlichen Auftrag muss er weiter nach Italien, um dort Rom zu gründen.
Deshalb bricht er seinen Liebesschwur und verlässt Dido. Für die
feindlichen Mächte der Liebenden findet Purcell eine Musiksprache, die
in ihren dämonischen Untertönen bereits vorausweist auf die Romantik. Da
gibt es eine Zauberin, die hasserfüllt Didos Untergang herbeiführt. Sie
lässt einen Geist in der Gestalt des Gottes Merkur auftreten, der mit
dem gespenstisch fahlen Ton des Countertenors Aeneas zum Aufbruch nach
Italien drängt.
Da der Internatsvorsteher als Auftraggeber der Oper zugleich auch als
Tanzmeister am Londoner Dorset Gardens Theatre wirkte, fügt Purcell
reichlich Ballettszenen mit Triumphtanz, Hexentanz, Matrosentanz ein,
was sich in Mainz die Regisseurin Arila Siegert als ausgebildete
Tänzerin und Choreographin sicher nicht entgehen lassen wird. Premiere
ist am 3.Oktober als Gemeinschaftsproduktion mit der Hochschule für
Musik Mainz