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konzept

Oper in Stiefeln und Pumps

Beweglich wie Mozarts Musik:
"Le nozze di Figaro" am Staatstheater

Von Stefan Schickhaus, Mainzer Allgemeine Zeitung, 15.06.2009

Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, doch die Chancen stehen gut: Mit "Le nozze di Figaro", der letzten Premiere der Spielzeit des Staatstheaters Mainz, hat das Publikum eine neue Lieblingsproduktion gefunden. Der Schlussapplaus war jedenfalls für alle Beteiligten einhellig warm, die Laune der Premierenzuhörer ausgezeichnet. Der Tänzerin und Choreografin Arila Siegert, die nach der Barockoper "La Giuditta" hier nun ihre zweite Opernregie vorstellte, war ein nicht so kleines Kunststück gelungen: Einen "Figaro" auf die Bühne zu bringen, der nicht polarisiert und dabei dennoch neue, reizvolle Bilder liefert.

Hätte Arila Siegert vorher gewusst, wie viele Vorhänge das Mainzer Ensemble am Premierenabend bekommen würde, hätte sie vielleicht die Bühne für das letzte Bild nicht mit einer Unmenge Kakteen zugestellt. Diese Final-Konstellation, in der dem Grafen Almaviva im nächtlichen Garten die entscheidende Lehre erteilt wird, gehört zum schwächsten Bild der Inszenierung. Alles davor aber gelang der aus der Dresdener Palucca-Schule stammenden Arila Siegert überaus präzise: Dieser "Figaro" fließt einfach.

Der musikalische Fluss, für den im Orchestergraben der im August 2009 nach Oldenburg wechselnde Erste Kapellmeister Thomas Dorsch verantwortlich ist, zeigte zunächst etliche gefährliche Strudel. Nach der forschen Ouvertüre, bei der ein neuer, vibratoloser und auch auf Mittel- und Nebenstimmen bedachter Mozart-Ton angenehm auffiel, wackelten die ersten Ensembles noch etwas. Doch gab sich dies schnell, das Ensemble setzte Arila Siegerts ausgeklügelte Personenchoreografie ohne weitere Defizite im Musikalischen um. Mit Patrick Pobeschin als Figaro und Tatjana Charalgina als Susanna gaben zwei ohnehin extrem wendige Sängerdarsteller ein auch stimmlich tadelloses Paar ab, wobei die Sopranistin durchaus etwas mehr kokette Spitze in ihr weiches Timbre hätte mischen können. Dietrich Greve und Susanne Geb gaben ein starkes Grafen-Paar ab.

Besonders auffallend darüber hinaus: Alexander Kröner, der als Basilio extremes komödiantisches Bewegungstalent zeigte, sowie Patricia Roach, die flexibelste Stimme im Mainzer Ensemble. Eine heimliche Leidenschaft lebte die Kostümbildnerin Susanne Maier-Staufen aus: Die Schuhe aller Sänger scheinen bewusst ein stilistisch denkbar breites Spektrum abzudecken. Der Graf, ganz überkommener Adel, trägt Stiefel, sein Diener Figaro Turnschuh, zwischen Bergschuh, Chucks und Hochhackigem ist alles dabei. Verdientermaßen - schließlich spielen Füße keine unwichtige Rolle in diesem so beweglich gehaltenen "Figaro".


Des Spielers Sehnsucht nach Sicherheit

Mozarts "Figaro" begeistert am Staatstheater Mainz

Von Benedikt Stegemann, F.A.Z., 15.06.2009

In Mozarts Welt fehlt die schematische Einteilung in Gut und Böse. Die Mischung widersprüchlicher Eigenschaften in den Bühnenfiguren macht deren Lebensfrische aus, nicht zuletzt in der Oper "Le nozze di Figaro". Deren Titelfigur besticht durch Schlagfertigkeit und Handlungsenergie, ist aber zugleich ein charakterlich fragwürdiger Spieler. Figaros Kontrahent Graf Almaviva erweist sich im einsetzenden Intrigengemenge als guter Stratege, dem die eigene cholerische Natur und der Zufall freilich die Suppe versalzen.

Bei ihrer Neuinszenierung dieser "commedia per musica" am Staatstheater Mainz trägt Arila Siegert der Vielschichtigkeit Rechnung, indem sie Standesunterschiede zurücktreten und die Personen beinahe auf Augenhöhe agieren lässt: So können sich die Charaktere potentiell deutlicher entfalten. Bei Mozart und seinem Librettisten Lorenzo da Ponte ist das soziale Gefälle freilich wesentlicher Bestandteil des Spiels. Ihr Almaviva ist mächtig, intelligent, gewandt und wohl auch attraktiv, somit eine für seine Gegner wirklich harte Nuss. Wenn in Mainz Dietrich Greve als eher schmächtiger Graf mit einem Akkuschrauber anstelle des Degens gegen das Versteck Cherubinos vordringt, ist von dieser Aura nichts mehr zu spüren. Greves Ausloten der ungefestigten Persönlichkeit hinter der Fassade des Alphatiers ist gleichwohl beeindruckend.

Überzeugende Lösungen finden sich für die Durchdringung komischer und melancholischer Momente. An Einfällen zur Pointierung des Lustspielcharakters herrscht kein Mangel, und abgesehen von den enervierend omnipräsenten, in ihrem Symbolgehalt unmittelbar verständlichen Kakteen, verfehlen sie ihre originelle Wirkung nicht. Spezifische Komik entfaltet die Wandlung von Alexander Körner vom baumlangen Intriganten Basilio zum gnomenhaft verwachsenen Richter Don Curzio. Rätsel gibt hingegen eine Aluleiter auf. Auch Cherubino (Patricia Roach) muss von dort, unpassend zur Unbeweglichkeit verdammt, sein quecksilbrig lebendiges Liebesdrängen artikulieren.

Die Sänger, zumal Tatjana Charalgina als bewegliche und temperamentvolle Susanna und Patrick Pobeschin als Figaro, überzeugen mit ihrer szenischen und vokalen Präsenz. Bei aller Freude an der humorvollen Zuspitzung gerät ihnen das Gefährdete der Situation, in genauer Abstimmung mit Mozarts Musik, nie aus dem Blick. Inmitten der Maskeraden wird mit hohem Einsatz gespielt, denn das Lebensglück der vier Hauptpersonen steht auf dem Spiel. So brechen in der Komödie immer wieder wirkungsvoll Trauer, Verzweiflung, Eifersucht und Wut durch. Die Auffächerung dieses Spektrums durch das unter Thomas Dorsch mit vollem Einsatz spielende Staatsorchester gelingt sehr überzeugend.

Das Unsichere der menschlichen Beziehungen fängt die Regie im Schlusstableau suggestiv ein: Figaro und Susanna bekommen ihre Hochzeitsnacht, und der Wunsch nach Versöhnung ist ernsthaft. Doch während er vorgetragen wird, huschen in buntem Spuk die Phantasien und Versuchungen vorbei, welche das eben hergestellte Gleichgewicht morgen schon wieder zerstören können. Der Erfolg der Inszenierung wird hingegen wohl über die begeistert aufgenommene Premiere hinaus andauern.


Echinocactus grusonii mit Kokos

Weiß, leicht, ohne Schokolade: der Mainzer Mozart-"Figaro" vermag zu bestechen

Von Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau, 16.06.2009

Fast alle Kakteen, die in zunehmender Dichte die Bühne des Mainzer Staatstheaters bevölkern, gehören der üppig gerundeten Gattung Echinocactus grusonii an, gemeinhin auch "Schwiegermuttersitz" genannt. Nur einer ist anders: Steil aufragend und schlank steht er da, mit zwei kleinen Nebenkugeln unten. Der stachelige Phallus, ganz klar, steht für den Grafen Almaviva. Und wenn Figaro, des Grafen auch nicht von Nadelstichen verschonter Diener, in seiner zornigen "Aprite"-Arie von den Frauen als von "dornigen Rosen" singt, denkt jeder nur an Kakteen.

Die wehrhaften Pflanzen waren das einzig Grüne im ansonsten ganz in Weiß gehaltenen Bühnenbild von Hans Dieter Schaal, in dem am Mainzer Haus "Le nozze di Figaro" Premiere hatte. Regie führte mit Arila Siegert eine Tänzerin und Choreografin aus der Dresdener Palucca Schule, die seit gut zehn Jahren Opern inszeniert und dabei demonstriert, wie eine am Tanz geschulte Regiehand Opernsängern ungeahntes Körpergefühl vermitteln kann.

In Mainz jedenfalls war Mozarts "Figaro"-Oper in einem perfekten physischen Fluss. Keine andere Mozart-Oper ist temporeicher, tänzerischer und spielfreudiger, und genau diese Qualitäten unterstützt Arila Siegert durch ihre Bewegungsregie. Die Laufwege in den Ensembles sind da so minutiös durchgestaltet, als wären es melodische Stimmführungen, alles bewegt sich im Puls der musikalischen Zeit.

In den ersten Arien und Ensembles des ersten Aktes musste man gar befürchten, die Protagonisten richteten ihre Präzision mehr auf die Schritt- denn auf die Tonfolge, denn in den Figaro-Susanna-Duettini oder auch in Cherubinos Auftrittsarie wackelte es erst einmal ziemlich. Doch Thomas Dorsch, der (scheidende) Erste Kapellmeister im Orchestergraben, bekam die Lage bald in den Griff und steuerte mit dem Mainzer Staatsorchester einen ungewohnt vibratolosen, von überraschenden Akzenten gerade durch die tiefen Streicher geprägten Mozart-Ton bei.

Wer eine Susanna von soubrettenhafter Spitzigkeit erwartete, konnte von der Sopranistin Tatjana Charalgina nur zum Teil zufrieden gestellt werden. Ihre grazil-aufreizende Bühnenerscheinung kontrastierte mit einem eher weichen Timbre, statt mit Glockenhelle punktete die junge Russin mit Schmeichelton. Der Mann an ihrer Seite, Patrick Pobeschin, dagegen war ein Figaro-Bariton wie aus dem Lehrbuch, beweglich und pointiert. Dietrich Greve gab dem Grafen Almaviva eine schöne Portion Resignation mit, die Gräfin der Susanne Geb leuchtete warm und edel.

Besondere Erwähnung in dieser fast ausschließlich mit hauseigenen Sängern besetzten Produktion verdienen Alexander Kröner, der als Bartolo-Curzio-Doppel extremes komödiantisches Bewegungstalent zeigte sowie Patricia Roach, vielleicht die flexibelste Stimme im Mainzer Ensemble. Hier gab sie den Cherubino - sinnlich und intensiv wie immer, auch wenn sie in ihrem "Voi che sapete" doch deutlich dem Orchester hinterher schleppte.

Gesellschaftliche Brisanz oder einen irgendwie politischen Unterton hat der Mainzer "Figaro" nicht, vielmehr ist hier alles heiter und hell, wie jene weiße Kokos-Süßigkeit, die laut Werbespot bewusst ohne Schokolade auskommt. Doch diese Leichtigkeit wird nie belanglos oder flüchtig. Dazu sind Präzision und Präsenz aller Beteiligten viel zu sehr auf dem Punkt.


Alles Private ist öffentlich

Mozarts „Figaro“ überzeugt in Mainz sowohl darstellerisch als auch musikalisch

Jörg Sander, Offenbach-Post, 17.06.09

So possierlich die kugelrunden Kakteen aussehen: Immer wieder stoßen sich die Protagonisten empfindlich an den Pflanzen, die in Wolfgang Amadeus Mozarts „Le Nozze di Figaro“ die Bühne garnieren. Für die Neuinszenierung von Arila Siegert im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters hat Bühnenbildner Hans Dieter Schaal einen lichten Raum errichtet, in den frei stehende Türen hinein- und hinausgehoben werden: Es gibt kein Außen und kein Innen, alles Private ist öffentlich in dieser Sicht auf Lorenzo da Pontes Libretto – die Handlung spielt sich erfreulich bewegt ab.

Arila Siegert ist Tänzerin und Choreografin, das kommt dem „Figaro“ sehr zu Gute. Niemand hält sich zufällig auf, wo er steht, das ist schon während der Ouvertüre so. Musikanten schwingen ihre Instrumente im Gleichklang mit dem Duktus des voranschreitenden bis getriebenen Vorspiels – ein treffendes Bild für Mozarts Theater aus der Musik, wie in den Finales des zweiten und vierten Akts musikalisch auf enorm hohen Niveau zu erleben ist.

Diese Ensembleszenen sind aufs Beste ausgefeilt und abgestimmt. Kapellmeister Thomas Dorsch, der eingangs Diskrepanzen zwischen Bühne und Graben nicht verhindern kann, leistet Erstaunliches. Auch klingt das Philharmonische Orchester so leicht wie federnd, so kompakt wie präzise.

Auf der Bühne sorgen starke Charaktere für eine erfreuliche Produktion. Der Graf Almaviva von Dietrich Greve gibt sich vokal angemessen schwarz. Seine Gräfin in Gestalt von Susanne Geb reflektiert ihr Schicksal mit Würde. Als Figaros Verlobte Susanna macht Sopranistin Tatjana Charalgina manche Blässe und Schmalheit ihrer Stimme durch quirliges Spiel wett.

Die meisten Partien sind aus dem Ensemble besetzt. So kann Patrick Pobeschin als Figaro brillieren, dem am auffallend stark umjubelten Premierenabend die Koloraturen und Verzierungen sehr gut gelingen. Als Page Cherubino klingt Patricia Roach nicht nur wissend und abgeklärt, wenn sie eine filigrane Leiter ersteigt. Der präzise artikulierende Chor (Einstudierung: Sebastian Hernandez-Laverny) freilich wird etwas pauschal und szenisch parallel zur Musik geführt – Siegert liegt die Arbeit mit Individuen spürbar besser.

Vom etwas gestrigen Sujet um das gräfliche Recht der ersten Nacht kann die Regie ablenken: Ihre Sicht ist eine ständige Posse, zeigt ein permanentes Getriebensein der Figuren, mit denen sie liebevoll umgeht – selbst mit dem autoritätshörigen Richter Curzio (herrlich devot: Alexander Kröner), der unter seinem Talar auf Knien rutscht und die Akten hinter sich herzieht (Kostüme: Susanne Maier-Staufen). Solche Einfälle geben dem „Figaro“ Witz und Esprit. Die Synchronität der Ensembles lässt keine Wünsche offen.

Wer sich an der verwickelten Handlung reibt, kann die Inszenierung als musikalisch äußerst hochwertige Revue an sich vorbeiziehen lassen. So ist dieser „Figaro“ auf hohem Niveau zu genießen: Zahlreiche Vorhänge; auch das Regie-Team wird ausdrücklich bejubelt.


Süchtig nach Aktion

Arila Siegert gelingen bei Mozarts „Figaro“ im Staatstheater Mainz überraschende Aktualisierungen

Von Siegfried Kienzle, Darmstädter Echo, 18.06.09

MAINZ. Zunächst war Schlimmes zu befürchten: Während die Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“ erklingt, verfolgt man bei offener Bühne, wie Almavivas Haus auf Vordermann gebracht wird. Da wird geschrubbt und über Treppen getrampelt. Im Schlafrock verfolgt der Graf einige Girlies. Sämtliche Figuren sind auf der Bühne und hektisch beschäftigt.

Die Regisseurin Arila Siegert kommt vom Tanztheater und ist süchtig nach Aktion. Sie verlagert Mozart aus dem Rokoko in die Gegenwart. So gelingt ihr manch überraschende Aktualisierung und im weiteren Verlauf eine packende Inszenierung. Wenn Figaro (Patrick Pobeschin), durch sein rotes Halstuch als Revoluzzer ausgewiesen, seine aufmüpfige Arie gegen den Grafen anstimmt, eilen Gärtner und Küchenpersonal herbei und lauschen wie auf einer Betriebsversammlung. Pobeschin wird zum Motor des Abends. Zwischen Lausbubencharme und Rüpel findet er mit seinem flexibel eingesetzten volltönenden Bariton auch den Ton der Verzweiflung, wenn er wegen vermeintlicher Untreue seiner Susanna zusammenbricht.

Wenn die Figuren im Netz der Täuschungen nicht mehr weiter wissen, unterbricht die Regie die possierliche Spielmechanik und lässt sie wie in Trance schwanken. Diese Zäsuren beim Verlust des Gleichgewichts gehören zu den eindrucksvollsten Momenten. Als Graf trägt Dietrich Greve noch den Mozart-Zopf und verfügt über alle vokalen Mittel der Verführung. Die Susanna von Tatjana Charalgina, bewegend in der Rosen-Arie, macht bei aller Zofen-Koketterie auch die Trauer spürbar, für alle im Stück als amouröser Leckerbissen zu dienen. Susanne Geb bleibt der Seelentiefe in den Monologen der Gräfin doch einiges schuldig. Recht dramatisch lädt Patricia Roach den Cherubino auf. Eine Delikatesse für sich ist der Basilio von Alexander Kröner. Als schwarzer Dracula weht er durch die Szenen und spioniert durch das Fernglas. Hans-Otto Weiß ist ein wuchtiger Bartolo, der bei seiner Rache-Arie als Metzger hantieren darf, Judith Christ eine Marcellina am Krückstock.

Hans Dieter Schaal hat ein labyrinthisches Kartenhaus aus weißen Wänden hingestellt. Nach dem nächtlichen Verwirrspiel zwischen schmerzhaft stachligen Kakteen folgt nach Verzeihung und Versöhnung, wie Mozart sie in musikalischer Schönheit feiert, ein ernüchternder Schluss: Diesmal jagt der Graf der kleinen Barbarina nach, und die Gräfin verschwindet mit Cherubino. Der „tolle Tag“, den die Lichtstimmungen von der Morgendämmerung bis zur Nacht abbilden, nimmt kein Ende.

Thomas Dorsch führt ambitioniert durch die Partitur und macht die Rezitative lebendig in psychologischer Feinarbeit.


Leicht fließt die Zeit dahin

Das Mainzer Staatstheater zeigt eine gelungene «Hochzeit des Figaro» von Mozart.

Von Daniel Honsack, Frankfurter Neue Presse, 18.06.2009

Ausgerechnet der Chef, der gerade das «Recht der ersten Nacht» abgeschafft hat, will sich noch rasch vor der Hochzeit an seiner Braut delektieren. Almavivas Gattin wiederum hat schon fast damit abgeschlossen, noch einmal das Objekt seiner Begierde zu werden. Und dann ist da noch diese Alte, die ihn um jeden Preis an sich binden will.

Eine Menge Pläne werden geschmiedet und durchkreuzt an diesem «tollen Tag» von Beaumarchais, den Mozart zur Erfolgsoper «Le nozze di Figaro» verwandelte. Jener Figaro ist gerade allerorten zu besichtigen. Gerade vor vier Wochen wurde die Frankfurter Inszenierung von Guillaume Bernardi wieder aufgenommen, in Wiesbaden knüpft man an Cesare Lievis Sicht der Dinge noch einmal an.

Dritte im Bunde ist die Tänzerin und Choreografin Arila Siegert in Mainz. Zuvor hatte sie bereits festgestellt, dass es viel schwerer sei, eine derart fein konstruierte Handlung in Szene zu setzen, als die großen Bilder von Tod, Blut und Leiden. Nun ist es ihr aber gelungen, eine absolut sehenswerte Arbeit abzuliefern. Denn hier stimmt von Regieseite her alles – was sich in begeistertem Applaus niederschlug. Die Handlung fließt leicht dahin, die Zeit wird mitunter angehalten, manchmal aber auch wie im Zeitraffer beschleunigt.

Für den optischen Genuss hat Hans Dieter Schaal eine Bühne aufgebaut, die mehr andeutet, als zeigt. Eine skelettartige Fassade, die nur dazu dient, zu sehen, was hinter ihr geschieht. Dort tummelt sich unter anderem das stets neugierige Volk. Susanne Maier-Staufens Kostüme sind schlicht und benutzen das eine oder andere historische Zitat, so dass man nicht Gefahr läuft, sich an Üppigkeit satt zu sehen. Dank eines bestens aufeinander abgestimmten Ensembles gerät die Produktion endgültig zum Erfolg.

Kraftvoll und souverän kommt Dietrich Greve als Graf Almaviva daher, Susanne Geb gibt dessen Gattin mit dezenter Leidensfähigkeit, sanglich sehr beweglich. Besonders Patrick Pobeschin erobert sich verschmitzt als Figaro den Bühnenraum, zeigt eine erstaunlich konstante Präsenz, ohne die Rolle zu sehr zu vereinnahmen. Stimmlich schultert er die hohe Anforderung mit Leichtigkeit. Mit akkurater Schlichtheit verzaubert Patricia Roachs Cherubino in seiner Canzonetta wohl nicht nur die Gräfin. Unter der Leitung von Thomas Dorsch spielt das Orchester flott und befreit auf, klingt leicht und nahezu immer vergnügt.


Im musikalischen Fluss

Arila Siegerts "Le nozze di Figaro" am Staatstheater Mainz ist vom Tanz inspiriert

Von Stefan Schickhaus, 15.06.2009, Wiesbadener Tagblatt / Kurier

mainz. Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, doch die Chancen stehen gut: Mit "Le nozze di Figaro" am Staatstheater Mainz hat das Publikum eine neue Lieblingsproduktion gefunden. Der Schlussapplaus war jedenfalls für alle Beteiligten einhellig warm, die Laune der Premierenzuhörer ausgezeichnet. Der Tänzerin und Choreografin Arila Siegert, die nach der Barockoper "La Giuditta" des vergangenen Jahres hier nun ihre zweite, wieder von der Grundfarbe Weiß bestimmte Opernregie vorstellte, war ein Kunststück gelungen: Einen "Figaro" auf die Bühne zu bringen, der nicht polarisiert und dabei dennoch neue, reizvolle Bilder liefert; der sich nicht entscheiden muss, ob er historisch oder modern genannt werden möchte; und der von einer Bewegungsintensität ist, wie ihn Mozarts temporeiche Musik vollauf verdient.

Hätte Arila Siegert vorher gewusst, wie viele Vorhänge das Mainzer Ensemble am Premierenabend bekommen würde, hätte sie vielleicht die Bühne für das letzte Bild nicht mit einer Unmenge Kakteen zugestellt. Diese Final-Konstellation, in der dem Grafen Almaviva im nächtlichen Garten die entscheidende Lehre erteilt wird, gehört dabei noch zum schwächsten Bild der Inszenierung - auch hier also sollte man bei dieser an einem einzigen "tollen Tag" spielenden Oper diesen Tag nicht vor dem Abend loben. Alles davor aber gelang der aus der Dresdener Palucca-Schule stammenden Arila Siegert überaus präzise: Hier kann man studieren, wie sinnstiftend jeder Gang, jede Bewegung auf einer Opernbühne sein kann, wenn eine Regisseurin vom Tanz her denkt. Dieser "Figaro" fließt einfach.

Der musikalische Fluss, für den im Orchestergraben der im August 2009 nach Oldenburg wechselnde Erste Kapellmeister Thomas Dorsch verantwortlich ist, zeigte zunächst etliche gefährliche Strudel. Nach der forschen Ouvertüre, bei der ein für Mainzer Verhältnisse neuer, vibratoloser und auch auf Mittel- und Nebenstimmen bedachter Mozart-Ton angenehm auffiel, wackelten die ersten Ensembles noch etwas - als wären die Protagonisten da noch mehr auf ihre anspruchsvollen Schritt- und weniger auf die ebensolchen Tonfolgen konzentriert.

Tadelloses Paar

Doch gab sich dies schnell, das fast komplett mit hauseigenen Sängern bestückte Ensemble setzte Arila Siegerts ausgeklügelte Personenchoreografie ohne weitere Defizite im Musikalischen um. Mit Patrick Pobeschin als Figaro und Tatjana Charalgina als Susanna gaben zwei ohnehin extrem wendige Sängerdarsteller ein auch stimmlich tadelloses Paar ab, wobei die Sopranistin durchaus etwas mehr kokette Spitze in ihr durchweg weiches Timbre hätte mischen können. Dietrich Greve und Susanne Geb gaben ein starkes Grafen-Paar ab. Besonders auffallend darüber hinaus: Alexander Kröner, der als Basilio extremes komödiantisches Bewegungstalent zeigte, sowie Patricia Roach, vielleicht die flexibelste Stimme im Mainzer Ensemble. Hier gab sie den Cherubino - sinnlich und intensiv wie immer, auch wenn sie in ihrem "Voi che sapete" doch überraschend dem Orchester hinterher schleppte.

Eine möglicherweise heimliche Leidenschaft lebte die Kostümbildnerin Susanne Maier-Staufen in dieser Produktion aus: Die Schuhe aller Sänger, ob Solist oder Chor, scheinen bewusst ein stilistisch denkbar breites Spektrum abzudecken. Der Graf, ganz überkommener Adel, trägt Stiefel, sein Diener Figaro Turnschuh, zwischen Bergschuh, Chucks und Hochhackigem ist alles dabei. Verdientermaßen - schließlich spielen Füße und deren Schritte keine unwichtige Rolle in diesem so beweglich gehaltenen "Figaro".


„Liebestänze im Kaktushain“

...titelt die Bild-Zeitung (15.06.09) und meint:

Mächtig viel los auf der Bühne schon zur Ouvertüre. Volk wuselt geschäftig rum. Figaro schleppt eine Matratze in seine neue Behausung, der Graf schleppt gleich vier Gespielinnen ab. Arila Siegert inszeniert Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in Mainz als ausgeklügeltes tänzerisches Stellungsspiel. Besonders die Arien werden zum lustigen Trippelkonzert. Die Sänger bewegen sich wie Traumtänzer, langsam und vorsichtig durch einen Kaktushain. Liebe ist gefährlich, stachlig, schmerzhaft. Patrick Pobeschin ist ein agiler Figaro in Turnschuhen, der sich fast in den eigenen Intrigen verfängt. Tatjana Charalgina ist eine hinreißende Susanne, umsichtig, selbstbewusst, raffiniert. Herrin der Lage mit berückender Stimme. Thomas Dorsch entlockt dem Orchester treffsicher die widerstreitenden Gefühle Melancholie, Überschwang, Aufbegehren, Liebreiz. Mozartscher Wohlklang. Einhelliger Jubel. Wertung: Sehr gut.

 

„Der Stachel der Liebe“ 

...ist der Titel bei der Rheinpfalz (15.06.09), und Frank Pommer schreibt dann u.a.:

…Die Musik wird’s schon richten. Das haben sich wahrscheinlich auch Regisseurin Arila Siegert und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal gedacht. Sie haben die Szene quasi nur eingerichtet, ein herrschaftliches Anwesen in einer zeitlosen Gegenwart, eine gräfliche Villa um die Drehbühne herum aufgebaut, auf dass all die Intrigen und Versteckspiele, von den das Da-Ponte-Libretto zu erzählen weiß, wunderbar ablaufen können. Intensiver Lichteinsatz dient nicht nur der chronologischen Gliederung des Tagesablaufs, er wird auch vor allem im Schlussakt genutzt, um Personen in ihrem Innersten auszuleuchten. Da steht der eine im Schatten der Liebe, die ihm verweigert wird, der oder die andere dagegen wird von ihre geblendet, von der Leidenschaft aufgeschreckt, die oder sie im anderen entfacht hat. Siegert verlässt sich ganz auf das Traumpaar der Oper, das Team Mozart-da Ponte. Sie versucht erst gar nicht, einen eigenen Zugang zur Handlung zu finden… Stattdessen darf man zumindest das choreographische Talent der einest von der berühmten Gret Palucca zur Tänzerin ausgebildeten Regisseurin bewundern. Dies zeigt sich nicht nur in einem im Pseudo-Rokokostil aufgepeppten Hochzeitstanz des dritten Aktes, sondern mehr noch in einem ebenso feinen wie dicht gewebten Netz an Gesten und Bewegungen, das über der ganzen Aufführung liegt. Die Personen wirken wie Marionetten – und die Schnüre hält Amor in der Hand. Sie wirken vom Sturm der Liebe und Leidenschaften durch diesen Tag getrieben, und wenn sie nicht aufpassen, dann pieksen sie sich an einer der vielen Kakteen, die überall und manchmal auch in deutlich erkennbarer Phallusform herumstehen. Der Stachel der Liebe treibt sie dann wieder ab – weiterzumachen, wieder einzutauchen in diesen „tollen Tag“.


Remmidemmi vor schlichtem Bühnenbild

Britta Steiner-Rinneberg, in: Gießener Allgemeine, 31.06.09

Mozarts Oper »Figaros Hochzeit« fehlt auf keinem Theaterspielplan - auch in Mainz nicht. Das schier endlose, bis an die Grenze der Erschöpfung gehende und mit viel Komik und Satire gewürzte Durcheinander amüsiert das Publikum - obgleich am Ende keiner mehr durchblickt -, weil es einen flotten Abend verspricht. Doch in erster Linie dürfte es Mozarts zauberhafte Musik mit ihren hinreißenden Arien und der filigranen Orchesterpartitur sein, die Opernfans begeistert und immer wieder ins Theater lockt. In der neuen Inszenierung des Mainzer Staatstheaters und letzten Opernpremiere der Saison geht die Regie weit und verwischt die Schranken errichtenden Standesunterschiede vollends, lässt die aus Schlossbewohnern und Domestiken, Bürgern und Bauern zusammengesetzte bunte Gesellschaft trotz Ungleichheit und heillosen Verstrickungen gleichgewichtig erscheinen und am Ende in Eintracht, Vergebung und Liebesglück neu zueinanderfinden.

An Einfällen, die Vielschichtigkeit dieser »Welt im Kleinen« wirkungsvoll auf die Bretter zu stellen, mangelt es der Aufführung nicht, in der alles in ständiger Bewegung ist. So etwas wie kurzen Stillstand gibt es nur an »Wendepunkten«, die unverhofft mit neuen Hürden, Intrigen, Aufdeckungen oder anderen Überraschungen konfrontieren und die Protagonisten für Momente innehalten lassen. Der Inhalt von Mozarts in Mainz mit einigen Anfangslängen über die Bühne gehender Commedia per musica, für die Hans Dieter Schaal das schlichte, helle Bühnenbild entwarf, ist so bekannt wie seine von Susanne Maier-Staufen ausstaffierten Spielfiguren, die Regisseurin Arila Siegert glänzend zu führen versteht. An Ausdruck, Dichte und Substanz gewinnt ihre Aufführung nach der Pause noch hinzu. Sie hat ganze Arbeit geleistet. Sie lässt vom ersten Augenblick an klar erkennen, wie stark ihre eigenwillige Handschrift, die dem Ganzen Leichtigkeit, Geschmeidigkeit und Eleganz verleiht, vom Ausdruckstänzerischen her bestimmt ist, was besonders in einer der opulentesten Szenen, dem mit einer Quadrille eingeleiteten Ballvergnügen der Gesellschaft, hervorragend zum Ausdruck kommt.

Mit Patrick Pobeschin steht Siegert ein ungemein spielgewandter Figaro zur Verfügung, der mit ebenso viel Stimme, Flexibilität und Temperament wie Schlitzohrigkeit besticht, seinen dünkelhaften Brotherrn mit Leichtigkeit in die Tasche steckt und ihm ungeniert herausgibt. Tatjana Charalgina gefällt als flinke, kokette, aber kühl und klar denkende Susanna, die gegen die Nachstellungen des notorischen Schürzenjägers Almaviva trotzdem nicht ganz gefeit ist: Ein resolutes Liebespärchen, das sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lässt. Dietrich Greve spielt den krankhaft eifersüchtigen Grafen. Susanne Geb gibt der enttäuschten Gräfin in ihrer großen Leidensarie bewegendes Profil. Patricia Roach spielt nicht ganz überzeugend den in Liebesdingen unerfahrenen Pagen Cherubino.

Das unter Leitung seines ersten Kapellmeisters Thomas Dorsch spielende Philharmonische Orchester Mainz tut sicher sein Bestes, doch waren bei der Premiere einige Unsauberkeiten der Streicher ebenso wenig überhörbar wie die nicht immer befriedigende Begleitung der Sänger. Schade.


Vorbericht:

Feines mit Charme

FIGAROS HOCHZEIT - Tragikomische Listen

Daniel Honsack, 12.06.2009, Mainzer Allgemeine Zeitung

Thomas Dorsch hat Recht. Wenn man jemanden bitten würde, die Handlung von "Le nozze di Figaro" in zwei Sätzen zu erzählen, bekäme man wohl immer unterschiedliche Berichte. Denn "Figaros Hochzeit", so der deutsche Titel von Wolfgang Amadeus Mozarts Erfolgsoper nach einem Libretto von Lorenzo da Ponte, ist ungemein vielschichtig. Sowohl mit Blick auf die Geschichte, wie auch in musikalischer Hinsicht. Auf letzteren Aspekt muss Dorsch besonderes Augenmerk legen, denn er hat die musikalische Leitung der Neuinszenierung von Arila Siegert im Großen Haus des Staatstheaters übernommen. Die Regisseurin, die in Mainz bereits mit großem Erfolg Alessandro Scarlattis "La Giuditta" produziert hat, spricht gar von einer "durchgeistigten Musik" und dem "höchsten Anspruch, den es gibt".

Tod und Blut und Leiden sei deutlich einfacher zu erzählen als diese feinkonstruierte Handlung, in der Menschen mit List und Charme andere Menschen auf den vermeintlich rechten Weg bringen wollen. Das sei auch das Revolutionäre dieser Komödie, findet Arila Siegert, die bereits einige Erfahrungen mit Mozart-Opern gesammelt hat. An einem einzigen Tag werden in der Oper, die auf dem Schauspiel "Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais basiert, enorm viele Handlungsstränge exerziert. "Das Komische und das Tragische aber bleiben gleich", spricht die Regisseurin das Bezeichnende des Stoffs an.

Hans Dieter Schaal hat für die Oper ein weißes Bühnenbild mit südlichem Flair entworfen. Eine Bühne, die ein realer Raum, aber dennoch irreal sei, wie Arila Siegert sagt. Die Besetzung kann fast komplett mit Bordmitteln bestritten werden. Patrick Pobeschin scheint Thomas Dorsch wie geschaffen für die Rolle des Figaro, seine Verlobte Susanna wird von Tatjana Charalgina gespielt. Den Grafen Almaviva gibt Dietrich Greve, seine Gattin Susanne Geb. Karten für die Premiere am 12. Juni sind noch erhältlich, besonders gute Plätze kann man insbesondere bei der zweiten Aufführung am 23. Juni ergattern, weil der Tag frei von Abonnements ist. Die Aufführungen beginnen jeweils um 19.30 Uhr.