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konzept

Blockflöten zur Bluttat

Oratorium La Giuditta von Alessandro Scarlatti in Mainz

Siegfried Kienzle, in „Mainzer Allgemeine Zeitung“, 15. Okt. 2007

Überraschend der Schluss: Giuditta hat dem feindlichen Feldherrn Oloferne den Kopf abgeschlagen und kehrt mit der Trophäe in die Heimatstadt zurück. Triumphierend schwenkt man die Sektgläser, genießt Sieg und Befreiung - das übliche Opernfinale, denkt man. Da kauert sich Giuditta abseits, hält den Kopf ihres Opfers im Schoß und stimmt ein sanftes Schlaflied an. Trauer und Mitleid für den Toten! Die Giuditta der bewegend singenden Tatjana Charalgina ist dann nicht mehr die patriotische Heldin, sondern zeigt Zwiespalt, Gefühlszerrissenheit und rückt die Giuditta der Barockzeit nahe an die Judith, wie sie Friedrich Hebbel 150 Jahre später psychologisierend vertieft hat.

Für den überraschenden Ausklang im Oratorium "La Giuditta", das Alessandro Scarlatti 1693 komponiert hat, sorgt im Kleinen Haus in Mainz eine Zusatzarie, die sich als zartes Lied einer Amme in einem andren Scarlatti-Opus findet. Für eine solche Erweiterung steht bei Scarlatti, der 114 Opern und über 800 Kantaten schrieb, ja genügend Material zur Auswahl. In Mainz hat die Auseinandersetzung mit der alttestamentlichen Judith, die um ihre Heimat Bethulia zu retten, mit ihrer Schönheit den Feind Holofernes becirct und im Schlaf tötet, bereits Tradition. Vor drei Jahren hat man Vivaldis Oratorium "Juditha triumphans" auf die Bühne gebracht.

Die Ausgrabung von "La Giuditta" ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Mainzer Hochschule. Rühmend ist hervorzuheben, dass - die Titelrolle ausgenommen - Gesangsstudenten singen, die in vokalem Ausdruck und Intensität grandios die virtuosen Anforderungen der Partitur erfüllen.

Tatjana Charalgina formt als Giuditta in perfekter Stimmführung den Spannungsbogen zwischen Klage, Trotz, Liebeszauber und heldischer Emphase, wo die Koloraturen wie Dolchstöße emporschnellen. Der Counter Dmitry Egorov zeigt in geschmeidiger Kantilene Oloferne als schwärmerischen Weichling in den Posen des Kriegers. Eindrucksvoll der Mezzo von Jasmin Etezadzadeh als Bethulia-Fürst Ozia. Überzeugend vermittelt der Tenor Christian Rathgeber den Zwiespalt von Achiorre, der als Hebräer im Heer der Assyrer dient, sich zum Vaterland bekennt und zwischen die Fronten gerät. Sonor gibt der Bass Kyoung-Suk Baek den Hohepriester.

Die Regie von Arila Siegert vermeidet das historische Spektakel. Da Siegert, früher Ballerina der Semperoper, von der Tanzschule der Gret Palucca geprägt ist, setzt sie auf skulpturhafte Körpersprache und überlässt die Bewegungsenergien dem Gesang. Auf schmaler Vorbühne ziehen die bedrohten Juden in Zeitlupe vorbei. Sparsam wird aktualisiert, wenn der Marsch der Juden in die Gefangenschaft mit dem Stempel im Pass einsetzt. Hans Dieter Schaal baut einen Raum aus orientalischen Gewölben mit Durchblicken und Explosionsloch.

Scarlattis Musik ist vom Streicherklang getragen. Wie Ironie klingt es, wenn die Mordtat von zarten Blockflöten wie eine Pastorale grundiert wird. Der Dirigent Clemens Heil hat nicht viel Gestaltungsraum, denn Scarlatti bietet neben der Fülle an Da-capo-Arien nur zwei Duette und den Schluss-Chor. Heil sorgt für straffen Ablauf, der ohne Pause auf spannende 80 Minuten verdichtet ist. Ovationen für die entlegene Neuentdeckung.


Tyrannenmord

„La Giuditta“ von Allessandro Scarlatti in Mainz

Elisabeth Risch, in FAZ Rhein-Main, 15. Okt. 2007

Ein rundum empfehlenswertes Theatererlebnis ist die Mainzer „La Giuditta“. Inszeniert von der Tänzerin Arila Siegert, lebt Alessandro Scarlattis szenisches Oratorium hier durch ausdrucksstarke Choreographien ebenso wie durch die Musik, für die alle Beteiligten ein großes Lob verdienen: die beiden zwischen Cembalo und Truhenorgel oder Theorbe und Barockgitarre wechselnden Continuo-Spieler, die federnd leicht phrasierenden Streicher, die tapferen Bläser – wunderbar, dass das Philharmonische Staatsorchester Mainz inzwischen mit einer solchen Phalanx von Barock-Spezialisten auf Originalinstrumenten aufwarten kann! Clemens Heil als bisweilen am Cembalo improvisierender musikalischer Leiter begeistert durch seine vom Sängerischen her empfindende und daher höchst lebendige Gestaltung von Spannungsabläufen, seine in hellwachen und klaren Bewegungen modellierte, strategisch sicher durchgeplante Dramaturgie und sein sensibles Ausloten der barocken Affektenlehre. Wohltuend, welch eindringliche Ausdrucksspektren er dem Pianobereich abgewinnen kann, den er nur äußerst selten verlässt.

Das Libretto, nach dem apokryphen Buch Judith des Alten Testaments, stammte von einem guten Freund der Familie Scarlatti, Kardinal Pietro Ottoboni. Er hat öfters mit großzügigen Kompositionsaufträgen aufgewartet, wenn es Alessandro und seinem Sohn Domenico einmal schwerfiel, die inklusive Dienstboten fünfzehnköpfige Familie zu ernähren. Um einerseits dem engen Textbezug von Scarlattis Kompositionsstil wie auch andererseits dem handlungstreibenden Textgehalt seiner Arien gerecht zu werden, hat Dramaturgin Anne do Paço zum italienischen Gesang klug zusammengestellte Übertitel eingeblendet. Ansprechend ist auch das katakombenähnliche Bühnenbild von Hans Dieter Schaal, mal Versteck der Juden, mal Gemach des Oloferne.

Auch der Orchestergraben ist als Schauplatz mit einbezogen. Die Kostüme von Susanne Maier-Staufen bedürfen lediglich des Wechsels der Schuhe, um die wechselnden Funktionen der Statisten erkennbar zu machen: Als Juden tragen sie Sandalen, Soldatenstiefel als assyrische Krieger. Ihre Gebärden und ihre Stellung zueinander sprechen jeweils Bände, etwa die Huldigungshaltung gegenüber Oloferne mit gekreuzten Unterarmen. Über diesem Lob sollten die lupenrein intonierenden, virtuos artikulierenden und ensemblesicheren Sängerinnen und Sänger, teils noch Studierende der Mainzer Hochschule für Musik, nicht unerwähnt bleiben: als Gast die stimmlich fulminante und schöne Tatjana Charalgina, mit hohem Wuchs eine idealtypische Giuditta; eine anrührende Hosenrolle als Fürst Ozia, ein auch schauspielerisch anspruchsvoller Überläufer Achiorre.

Mit würdig-schwarzem Bass Kyong-Suk Baek als jüdischer Hohepriester. Genial angemessen die offensichtlich gewollt linkische Darstellung des Oloferne von dem Altus Dmitry Egorov, dessen allzu männliche Schwächen seiner künftigen Mörderin sehr entgegenkommen. Herrlich das ausgedehnte Duett zwischen ihm und Giuditta, das zwischen allen motivischen Bezugnahmen und Parallelführungen doch die unterschiedlichen Ziele spürbar werden lässt: Während sie in unmittelbarster Nähe zueinander ermatten, glaubt Oloferne mit Giuditta zugleich die Festung Betulia zu erobern, Giuditta will durch Tyrannenmord ihre Heimat befreien. Einem Kleinkind, das schlafen soll, nicht unähnlich, erwacht Oloferne jedoch wiederholt in just dem Moment, in dem Giuditta sich aus seiner Umarmung gewunden hat und unter Singen eines Gebetes nach dem versteckten Schwerte nestelt.

Doch endlich bietet, einem sich ergebenden Tiere gleich, der in tiefem Schlaf zur Seite gedrehte Tyrann seine Halsschlagader, Giuditta hat zu Ende gebetet, schwingt das Schwert, und die fallende Gaze färbt sich humoristisch rot (Video: Christoph Schödel). Betulia ist befreit. Ein paar Verwirrungen noch, dann kann das gefeiert werden. Dramaturgisch interessant folgt auf das Finale ein Chill-out-Epilog der Giuditta, in dem sie, das abgetrennte Haupt des Tyrannen auf dem Schoß, mit dem Gernegroß ein wenig Mitleid zu entwickeln scheint.


Die Farbe der Nachdenklichkeit

Alessandro Scarlattis „La Giuditta“,
in Mainz mit jungen Kräften auf die Bühne gebracht

Stefan Schickhaus, in „Frankfurter Rundschau“, 15. Okt. 2007

Der Schluss zeigt den Menschen, nicht mehr die alttestamentarische Heldin. Abseits der feierenden Israeliten sitzt Judith mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes. Zärtlich singt sie diesem Kopf ein Wiegenlied, hüllt ihn ein in ihren Schleier. Stockholm-Syndrom, Verbrüderung mit dem Peiniger? Oder nur Menschlichkeit einem Mann gegenüber, mit dem sie eine halbe Nacht verbrachte?

Alessandro Scarlatti ließ 1693 sein Oratorium „La Giuditta“ natürlich nicht so offen, so offenherzig enden. Das „Schlafe, schlafe“-Lied stammt aus einer späteren Überarbeitung des Werkes, hier singt es die Amme für den noch lebenden Tyrannen. Regisseurin Arila Siegert aber wollte für ihre Inszenierung für das Mainzer Staatstheater zum einen nicht auf dieses wunderbare Detail verzichten. Zum anderen gab das Schlaf-Lied ihr die Möglichkeit, eine neue Farbe in die biblische Schwarz-Weiß-Geschichte zu bekommen. Eine Farbe der Nachdenklichkeit.

So konnte Tatjana Charalgina, die Sängerin der Judith, jetzt die Premiere mit einer Intensität ausklingen lassen, über die diese szenische Oratorien-Produktion nicht über die vollen anderthalb Stunden verfügte. Die in Russland geborene und in Hamburg lebende Sopranistin ist mit 33 Jahren sozusagen die Seniorin im Ensemble: Die übrigen Protagonisten waren Mitglieder der Nachwuchsvereinigung „Junges Ensemble am Staatstheater Mainz“ und der Internationalen Sommerschule „Singing Summer“ – Sänger mit gutem Potenzial, aber naturgemäß noch nicht immer einer voll ausgeprägten Bühnenpräsenz.

Sowohl Scarlattis Partitur als auch die bewegungsintensive Inszenierung der bei Gret Palucca ausgebildeten und seit zehn Jahren für die Opernbühne arbeitenden Choreografin Arila Siegert forderten die jungen Darsteller stark. Der Countertenor Dmitry Egorov in der Rolle des Holofernes verfügt allerdings über einen stabilen, männlich markanten Alt; Jasmin Etezadzadeh als Fürst Ozia bekam für ihren virilen Mezzo, dem es noch ein wenig an Kern und Fokus fehlt, den stärksten Publikumsbeifall. Die überzeugendste Leistung neben der Judith-Darstellerin Charalgina aber bot Christian Rathgeber (Hauptmann Achiorre), gerade erst an der Mainzer Musikhochschule zum Studium angetreten, mit seinem ganz natürlich klingenden, frei tragenden Tenor.

Auch für die Profis war Scarlattis enorm wirkungsvolle, opernnahe Partitur ein Prüfstein. Clemens Heil forderte im Orchestergraben von den Streichern des Mainzer Orchesters einen zeitgemäß vibratofreien Ton, bekam aber oft eine gefährlich intonationsgetrübte Antwort – was Alte Musik angeht, hat man in Mainz noch nicht ganz aufgeschlossen zu den Opernhäusern der Umgebung. Schöne, vitale Impulse aber kamen aus der Generalbassgruppe, mit Barockgitarre, Theorbe, Orgel und zwei Cembali entsprechend farbig besetzt.

Wenn Regisseurin Arila Siegert nicht gerade auf die Idee kam, alle Sänger für eine Arie in den Orchestergraben zu schicken für einen recht unmotivierten Aufsteh-Hinsetz-Ritus, gelangen ihr auf der Bühne mit wenigen Mitteln starke Bilder. Hauptaccessoire war dabei ein weißer halbtransparenter Vorhang, mit dem sie geschickt Orte trennte und auch innerhalb einer Arie einen Sänger ausblenden konnte aus dem Geschehen. Und der den Akt des Kopfabschlagens verhüllte und dennoch so blutig deutlich machte wie nur möglich, indem der Vorhang zur Leinwand wurde für die Projektion eines dunkelroten Spritzers über die gesamte Breite des Raums.


Gottes starke Tochter: Judith

Alessandro Scarlattis „La Giuditta“ in Mainz

Deutschlandfunk, Musikjournal, Ursula Böhmer, 15. Okt. 2007

Das Herz schlägt Judith hörbar bis zum Hals. Sie liegt neben dem schlafenden Holofernes. Schon tastet sie nach seinem Schwert um ihn zu töten. Doch der Feldherr wacht immer wieder auf. Noch zweimal wird Judith den Tyrannen in den Schlaf wiegen müssen, bevor er endgültig ermattet – im wahrsten Sinne der Musik. In langsamer chromatischer Abwärtsbewegung lässt Alessandro Scarlatti den starken Feldherren sanft entschlafen. Judith spricht ihr letztes feierliches Gebet und schlägt ihm den Kopf ab.

Unkonventionell packend ton-malt Alessandro Scarlatti den biblischen Tyrannenmord in seinem Oratorium „La Giuditta“, entwickelt in schnellen Wechseln aus Arien, Duetten und Rezitativen eine stringente Geschichte mit runden Charakteren. Das Oratorium wird zur Oper sozusagen im geistlichen Talar. Gerade so wurde die Gattung Oratorium auch allgemein verstanden, als „Giuditta“ 1694 nach einem Libretto des Kardinals Pietro Ottoboni in Rom uraufgeführt wurde. Es macht also durchaus Sinn, Scarlattis geistliche Oper in Szene zu setzen.

Im Staatstheater Mainz ist es die Tänzerin Arila Siegert, die „Giuditta“ dabei sozusagen choreografiert, spürbar inspiriert von ihrer früheren Lehrerin, der Ausdruckstänzerin Gret Palucca. Die anfangs noch ängstlich kauernde Judith zieht sich selbst an ihrem langen Haarschopf hoch, um die Initiative zu ergreifen, während ihre schwarz gewandeten Leidensgenossen gestenreich aber tatenlos in Zeitlupe über die Bühne prozessieren oder gleich ganz in ihrem Bewegungsdrang erstarren.

Als sei Oper Film, wird Holofernes im Hintergrund dazu geblendet. Hinter einem durchsichtigen Vorhang, der die Bühne in Vorder- und Hinter-Raum unterteilt nimmt er die besetzte Stadt in Beschlag – bei Bühnenbildner Hans Dieter Schaal eine Art Bunkerraum aus hellem Beton mit zerstörter Rückwand.

Der junge Altus Dmitry Egorov fesselt als Holofernes mit flexiblen Koloratur-Schnüren und einer außergewöhnlich kräftigen runden Stimme. Seine Selbstherrlichkeit kann ihn letztlich aber ebenso wenig schützen wie der eiserne Brustpanzer, den er trägt, denn die Judith der Tatjana Charalgina setzt weibliche Waffen ein, wiegt reich geschmückt im langen goldglitzernden Kleid sanft die Hüften und bezaubert ihn mit kristallklarem Sopran.

Im israelitischen Lager belässt man es unterdessen beim Warten und Beten. Wie von Geisterhand geschrieben erscheinen hebräische Schriftzeichen auf dem Vorhang, während der israeltische Fürst Ozia und seine Anhänger sich mit Gebetstüchern im Orchestergraben verteilen und Andacht halten. Jasmin Etezadzadeh, als Ozia mit klangschönem kräftigen Mezzosopran: Ein Scheinheiliger ist Fürst Ozia in Mainz, der hinter andächtiger Fassade ebenso brutal mit seinen Untergebenen umgeht wie sein Kontrahent Holofernes.

Wenn die siegreiche Judith ihrem Fürsten schließlich den Kopf des Holofernes bringt, lässt Ozia sie zunächst großzügig auf seinem Thron sitzen, während die Israeliten hinter ihrem Rücken bereits munkeln und dabei im festlichen Abschlusschor sozusagen „in die Fugen“ geraten. Dann schieben sie sich gegenseitig den Kopf des Holofernes zu, bis er wieder in Judiths Schoß landet. Ein bezeichnendes Bild: alle haben zwar von dem Tyrannenmord profitiert, doch mit verantworten wollen sie ihn dann lieber nicht.

So entsteht unter Arila Siegerts Regie eine sehenswerte, manchmal etwas bilder-überladene Inszenierung mit überraschendem Ende. Denn hinter den Schlusschor stellt sie noch eine melancholische Arie aus Scarlattis zweiter Oratorien-Fassung. Judith hockt einsam am Bühnenrand, den Kopf des Holofernes im Schoß. Und in der Ferne dräuen bereits die Kanonenfeuer eines neuen Machtkampfes.

Was bei Scarlatti im Freudentaumel untergeht, denkt Arila Siegert intelligent zu Ende. Mit dem Tyrannenmord sind die politischen Probleme längst noch nicht gelöst. Für die integere Judith aber war der Mord letztlich eine Gewissenstat – und vielleicht hat sie sogar ein wenig ihr Herz verloren an Holofernes, wenn sie mehrdeutig singt „Schlafe, du strahlender Held des Krieges“.


Und immer fällt das Haupt des Holofernes

Arila Siegert inszeniert
Scarlattis Oratorium „La Giuditta“
mit deutlichen Fingerzeigen zur Gegenwart

Claus Ambrosius, in „Mainzer Rhein-Zeitung“, 16. Okt. 2007

Eine aus mehreren Gründen außergewöhnliche Opernproduktion feierte am Wochenende in Mainz Premiere: Zum einen führt Alessandro Scarlattis „La Giuditta“ die Serie von szenischen Aufführungen von Oratorien fort, die am Staatstheater vor sechs Jahren mit Händels „Saul“ begann. Zum Zweiten erwies sich das Werk selbst als veritable Wiederentdeckung. Und nicht zuletzt ist „La Giuditta“ die bisher wohl anspruchsvollste Produktion des Mainzer Staatstheaters, die mehrheitlich Mitglieder des Jungen Ensembles in den Mittelpunkt stellt.

„La Giuditta“ – das ist die Geschichte der biblischen Judith, die den feindlichen Feldherren Holofernes listig für sich einnimmt und ihm schließlich den Kopf abschlägt. Ein faszinierendes Thema in der Grauzone zwischen Unterdrückung, Gewalt und Eros, das von Künstlern aller Epochen immer wieder als Inspiration für herrliche Gemälde, aber auch für Musikwerke genutzt wurde. In Alessandro Scarlattis Oratorium aus den 1690er-Jahren ist die heldische Seite der Judith betont, die sich in waghalsigen, wahrhaft heroischen Arien den Weg bahnt.

Diese heroische Ausrichtung ist eine der Grundlagen, auf denen Arila Siegerts Inszenierung aufbaut. Die Tänzerin aus der Ausdruckstanz-Schule der Palucca hat seit einigen Jahren eine Karriere als Regisseurin im Musiktheater eingeschlagen. Dabei geht es ihr aber, wie „La Giuditta“ jetzt beweist, keineswegs vordergründig um neue Körpersprache oder choreographischen Ausdruck, obwohl diese Mittel deutlich zum Zuge kommen: Arila Siegert erzählt die Geschichte der Judith als ewig-gültige Leidensgeschichte des jüdischen Volkes. Das alles mit deutlichem Fingerzeig (das entwürdigende Stempeln der Pässe der scheinbar Unterlegenen), aber ohne moralischen Zeigefinger: Eine schwierige Gratwanderung, die der Regisseurin im Team mit Bühnenbildner Hans Dieter Schaal und Kostümbildnerin Susanne Meier-Staufen beeindruckend gelingt.

Denn manchmal sind es nur kleine Detailänderungen an schwarzen Uniformen, die bald asiatischen Anklang, dann aber auch die Nähe zur Uniform der Gestapo haben können. Und auch der betonartige Bühnenbau Hans Dieter Schaals zieht einen Zeitbezug in Heute: Organisch runde Aussparungen brechen die Strenge auf, ein ausgezacktes Loch in der Hinterwand macht den Geschosslärm vom Band, der das Stück beginnt und beschließt, eindeutig zum überaus heutigen Bombenschaden. Noch eine Zugabe erlaubt sich die Produktion: Nach dem Sieges-Schluss mit Chor ist ein Schlaflied aus einer späteren „Giuditta“ Scarlattis eingefügt, das die Titelheldin als zerrissene Außenseiterin präsentiert – schön als Inszenierungsidee, recht grausam gegen die Integrität der Musik.

Das kleine Orchester unter der straffen und sehr gut Bühne und Graben vermittelnden Hand von Dirigent Clemens Heil punktet vor allem in der hellwachen Continuo-Gruppe; als einzige Sängerin des Hausensembles gestaltet Sopranistin Tatjana Charalgina die Titelpartie mit Souveränität in allen geforderten Verzierungen und charakterstarkem Spiel. Im Jungen Ensemble finden sich derzeit ganz unterschiedliche, starke Begabungen: Den Fürsten Ozia gibt Jasmin Etezadzadeh mit starkem, deutlich zum Dramatischen verweisenden Mezzosopran und dominierender Bühnenpräsenz. Kyoung-Suk Baek bringt als Hohepriester einen sehr angenehmen Bariton ein, Dmitry Egorovs Countertenor in der Rolle des Oloferne beeindruckt mit ungewöhnlichem Volumen, Christian Rathgeber schließlich als Tenor im ersten Studiensemester (!) zeigt als ammonitischer Hauptmann eine völlig unangefochtene Leistung ohne jedes Forcieren – ein grandioses Debüt.

Und das in einem Umfeld, das sich in eine Produktion, die dem Staatstheater würdig ist, problemlos einfügt. Ein schöner Erfolg für die Nachwuchsförderung, die vom Staatstheater gemeinsam mit der Hochschule für Musik betrieben wird.


Die Kämpferisch-Ehrgeizigen

Alessandro Scarlattis "La Giuditta" am Mainzer Staatstheater mit bemerkenswerten Nachwuchssängern

Susanne von Mach, in: „Main-Echo“, 17. Okt. 2007

Selten gespielte Stücke sind eine feine Möglichkeit für Nachwuchssänger, Bühnenerfahrung zu sammeln. Die Bilder im Kopf des Publikums sind weniger präsent, die Erwartungen schlanker und die Räume für Interpretation offener, Alessandro Scarlattis Oratorium „La Giuditta“ ist ein solches Werk; im 18. Jahrhundert äußerst behebt, wird es heute kaum mehr gespielt. Seit Samstag ist es im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz zu sehen, erarbeitet in Kooperation mit der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität.

Fünf Sänger der Hochschule und des Jungen Ensembles am Staatstheater singen das von Arila Siegert inszenierte Oratorium, das den Auftakt zu einer Trilogie über drei Spielzeiten hinweg bildet. Das Theater wird unter dem. Motto „Gottes starke Töchter“ unbekannte Werke des Barock, der Frühklassik und eine Uraufführung zeigen. „La Giuditta“ gehen die Sänger mit Ehrgeiz, Schwung und musikalischer Tiefe an - Zuhören und Zuschauen macht Lust auf mehr.

Das gut 75 Minuten lange Drama Scarlattis erzählt die über die Jahrtausende hinweg immer neu vertonte und thematisierte Geschichte der Jüdin Judith, die ihr Volk vor der Knechtschaft rettet, indem sie den Anführer Holofernes verführt und im Schlaf ermordet. Der Römer Scarlatti gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker des frühbarocken italienischen Oratoriums; seine „La Giuditta“, die im kirchlichen Rom zu den herausragenden Werken zählte, ist ein streng komponiertes Werk voll dramatischer Brüche, weicher Arien, emotionaler Duette und anspruchsvoller, weil textstarker Rezitative. Ein Stück dem Arila Siegert und Dramaturgin Anne do Paço zusätzlich melancholische Dichte verleihen, indem sie Judith dem Holofernes ein Wiegenlied singen lassen, das erst in Scarlattis zweiter Fassung auftaucht und dort von der Amme gesungen wird.

Die Sänger meistern die Herausforderung souverän und technisch sauber, obwohl der eine oder andere bei großer Textdichte seine Atmung nicht unhörbar kontrolliert und das Potenzial einer Stimme in vollendeter Reife und Strahlkraft noch weiter ausgeschöpft werden könnte. Nichtsdestotrotz: Die klaren, volltönenden Stimmen bewegen sich auf gleich hohem Niveau und harmonieren wunderbar. Geführt werden sie von einer Judith mit Bühnenerfahrung: Sopranistin Tatjana Charalgina-Wilson, die in Mainz auch die Pamina in Mozarts Zauberflöte singt, verkörpert eine Judith voll Mut, Kampfgeist und Sanftheit.

Den Holofernes singt ein Mann, nicht selbstverständlich bei der Tonlage, die Scarlatti dem Feldherrn auf den Leib schrieb; die zweite Besetzung ist denn auch eine Sopranistin. Bei der viel beklatschten Premiere interpretierte der viel versprechende Countertenor Dimitry Egorov vom Jungen Ensemble den Holofernes, der an den Waffen einer Frau scheitert, kindisch in seinem Machthunger. Bemerkenswert auch Jasmin Etezadzadeh: Die Studentin und Ensemble-Mitglied singt mit klarem Mezzosopran und großer Hingabe.

Die Handlung spielt an zwei Orten, die in der Musik nicht scharf getrennt sind: in der belagerten Stadt Betulia und im Lager Holofernes'. Hans Dieter Schaal, der öfter schon mit Arila Siegert inszeniert hat, hat ein raffiniertes Bühnenbild entworfen: eines, das den Zuschauer interpretieren lässt und in dem Raum, Zeit und Handlung eine bildintensive Brüderschaft schließen, was dem Geschehen spannende Tiefe verleiht. Die weißen Mauern können Palast. Kerker oder Höhle sein. Ein durchsichtig weißer Vorhang trennt sie vom Publikum; er dient als Schreibtafel, Wand oder Klagemauer.

Die Musik ist die vierte im Bunde: Clemens Heil dirigiert zielsicher und einfühlsam ein Orchester, das die Dramatik wie die Süße des Werks herausarbeitet. Diese „La Giuditta“ ist hörens- und sehenswert.


Heimkehr mit dem Haupt des Feindes

Daniel Honsack, in: „Darmstädter Echo“, 19. Oktober 2007

Das Projekt ist bundesweit einzigartig, und vor allem funktioniert es tadellos. Herausragende Gesangs-Studenten der Mainzer Musikhochschule erhalten die Möglichkeit, begleitend zu ihrem Studium kleinere Rollen in Produktionen des dortigen Staatstheaters zu übernehmen. Außerdem gibt es regelmäßig eine Inszenierung, in der ausschließlich oder überwiegend Mitglieder dieses „Jungen Ensembles" mitspielen. Nun war es wieder soweit. Als Auftakt der dreiteilig geplanten Reihe „Gottes starke Töchter" feierte Alessandro Scarlattis Oper „La Giuditta" Premiere.

Das Werk entstand um 1690 und geht auf einen Text von Kardinal Pietro Ottoboni zurück. Es handelt sich dabei um ein „szenisches Oratorium" und enthält tatsächlich Momente beider Genres, was die Musik umso vielfarbiger werden lässt. Die Geschichte entstammt der Bibel und ist im Buch Judith zu finden. Die israelische Stadt Betulia steht kurz vor ihrer Vernichtung durch den assyrischen Feldherrn Holofernes. Entsprechend deprimiert ist die Stimmung unter den Oberen der Stadt. Da mischt sich die junge Witwe Judith ein, die glaubt, Holofernes Einhalt gebieten zu können. Sie will sich in das feindliche Lager schleichen, Holofernes mit ihrer Schönheit gewinnen und ihn schließlich töten. Ihr Plan geht auf, und sie kehrt siegreich mit dem abgeschlagenen Haupt als Trophäe zurück.

Der Regisseurin Arila Siegert ist in Mainz eine sehr kühne und gleichzeitig feinsinnige Inszenierung gelungen, die reich an starken Momenten ist. Noch bevor die Handlung beginnt, erklingt das bedrohliche Schlachtengetümmel, das auch am Ende wieder zu vernehmen ist. Judiths Kleid färbt sich nach der Tat blutrot, und am Schluss bleibt sie einsam beiseite, wahrend die Einwohner Betulias ihren Sieg feiern. Judith aber singt voller Mitgefühl sogar noch ein Schlaflied für den Getöteten, das aus einer anderen Fassung der Scarlatti-Oper stammt.

Bestens aufgelegt ist in dieser spannenden Inszenierung das „Junge Ensemble": Jasmin Etezadzadeh gibt einen facettenreich interpretierten Fürsten Ozia von Betulia, der Counter Dmitry Egorov verleiht Holofernes weichen Glanz, der bestens zur Inszenierung passt. Die Titelpartie ist mit Tatjana Charalgina, einem Ensemble-Mitglied besetzt. Sie kann mit ihrem hellen, in den Koloraturen besonders brillanten Sopran glänzen. Clemens Heil dirigiert dabei ein sehr filigran arbeitendes, auf barocken Umfang dezimiertes Staatsorchester.


Eine Frau wird zur Mörderin

Das „Junge Ensemble“ am Staatstheater Mainz präsentiert mit Alessandro Scarlattis Oper „La Giuditta“ eine gelungene Ausgrabung.

Von Daniel Honsack, in "Frankfurter Neue Presse", 19.10.2007

Die Geschichte stammt aus dem biblischen Buch Judith und ist fesselnd wie grausam zugleich. Die israelische Stadt Betulia steht kurz vor ihrer Vernichtung durch den assyrischen Feldherrn Holofernes. Der befindet sich gerade mitten in einem Plünderungs- und Eroberungsfeldzug, hat bereits zahlreiche Städte zuvor zerstört. Dementsprechend deprimiert ist die Stimmung unter den Oberen der Stadt. Da mischt sich mit der jungen Witwe Judith eine Frau ein, die glaubt, dem Treiben des Holofernes Einhalt gebieten zu können. Diese Geschichte verpackte Alessandro Scarlatti nach einem Text seines Gönners Kardinal Pietro Ottoboni in den 1690er Jahren in einem szenischen Oratorium. Das kaum mehr bekannte Werk wurde nun vom „Jungen Ensemble“ des Mainzer Staatstheaters im Kleinen Haus aufgeführt – wohl eine deutsche Erstaufführung.

Judiths spektakulärer Plan: Sie versucht, sich in das Lager des Assyrers einzuschmuggeln, ihn zu bezirzen und schließlich zu töten. Was sie vorhat, geht auf. Es kommt zu einer der berühmtesten Enthauptungen der Menschheitsgeschichte. In der Zwischenzeit aber erweisen sich die in der Stadt verbliebenen Entscheider als höchst wankelmütig. Ein von Holofernes übergelaufener Hauptmann flüchtet in die Stadt und wird vom Hohepriester und dem Fürsten Ozia skeptisch beargwöhnt. Als er davon berichtet, Judith im Lager gesehen zu haben, scheinen sie wieder beruhigt, doch als sie einige Tage nichts Neues erfahren, ist ihr Glaube dahin, und sie bereiten sich darauf vor, sich dem Eroberer zu unterwerfen. Just in diesem Moment erscheint Judith mit dem Haupt des Holofernes.

Die Inszenierung von Arila Siegert zeigt sich als überaus konzentriert und besticht durch eine klare Personenführung, die mitunter etwas schablonenhaft wirkt, gerade dadurch jedoch an Reiz gewinnt. Außerdem setzt sie auf Symbolkraft. So hat die vorher ganz in weiß gekleidete Judith nach ihrer Tat ein blutrotes Kleid an, die sich ergebenden Israeliten werden mit einem Stempel im Pass gekennzeichnet, bevor sie ins feindliche Lager können. Das alles geschieht jedoch ohne platte Aktualisierungs-Zwänge, sondern passt sich in die zeitlose Inszenierung von Arila Siegert ein. Das Bühnenbild von Hans Dieter Schaal bleibt überschaubar. Die weißgetünchten Wände mit großen Durchgängen und einem Einschusskrater dienen gleichermaßen als Kulisse für die Heimstätte der Bürger Betulias wie für das Kriegslager der Assyrer.

In der Titelpartie überzeugt Ensemble-Mitglied Tatjana Charalgina mit angenehm offenem Sopran, der sowohl koloraturensicher ist als auch im emphatischen Einsatz bestens wirkt. Den Fürsten Ozia gibt Jasmin Etezadzadeh darstellerisch und sängerisch sehr ausgereift wieder, in die Rolle des Hohepriesters findet sich Kyoung-Suk Baek problemlos hinein. Mitunter etwas angestrengt wirkt der Counter Dmitry Egorov, was aber seine ansonsten tadellose Leistung nur selten schmälert. Als Hauptmann Achiorre ist schließlich Christian Rathgeber mit heller, ungekünstelter Stimme zu hören. Unter der Leitung von Clemens Heil macht das zu barocker Größe geschrumpfte Staatsorchester einen überaus beweglichen Eindruck.


Die Qual der Wahl

Scarlatti-Oper tritt mit zwei Besetzungen an

Claus Ambrosius, in Mainzer Rhein-Zeitung, 20. Oktober 2007

Ein Überraschungserfolg am Kleinen Haus des Staatstheaters: „Ausverkauft!“ hieß es zur zweiten Vorstellung der Produktion „La Giuditta“ nach dem Oratorium von Alessandro Scarlatti – durchaus nicht selbstverständlich für ein dermaßen selten zu hörendes Werk.

Dafür gab es für die Zuschauer der zweiten Vorstellung eine großenteils neue Besetzung zu erleben: Für „Giuditta“ hat man die Qual der Wahl, da sich mehrere Mitglieder des Jungen Ensembles in den Solorollen abwechseln. Einfach besetzt und deswegen in jeder Hinsicht allein ist Tatjana Charalgina vom Hausensemble, die erneut in der Titelpartie glänzen konnte. Bewundernswert, wie sie nach langen und fordernden Koloraturen noch die Ruhe für das an das finale Ende gesetzte Schlaflied findet – ein echtes Melodieschmankerl, eingängig komponiert und anrührend interpretiert von der jungen Sopranistin.

Sie durfte an diesem Abend zur Abwechslung einmal einer Frau den Kopf abschlagen: Diana Schmid alterniert mit Countertenor Dmitry Egorov in der Partie des Holofernes. Jetzt muss jeder Zuschauer selbst entscheiden: Eine hohe Männerstimme in der Partie des Bösewichts, oder lieber eine Hosenrolle – also eine Frau in der Männerpartie? Gewichtige Argumente gibt es für beide, die Mezzosopranistin Schmid hat dem jungen Countertenor noch sicherlich einiges an vielfältigen Stimmfarben und Gestaltungsraffinesse voraus. Überdies macht die wandelbare Sängerin – einmal ganz abgesehen von Aspekten des Gesangs – auch darstellerisch eine gute Figur als Assyrischer Feldherr.

Der Wechsel in den Gesangspartien verändert auch die Stückdramaturgie: Nina Schubert als Fürst Ozia bringt eine helle und junge Stimmfärbung mit – gleich ist dieser Fürst weit weniger bedrohlich und dominierend, gleich fokussiert sich das Drama mehr auf die aktivere Giuditta. Erik Ginzburg steuerte als jüdischer Hohepriester einen jungen und angenehmen Bariton bei – insgesamt kann sich diese alternative Besetzung der „Giuditta“ hören lassen.


Schöne Gotteskriegerin
auf der Mainzer Bühne

Junge Sänger und prägnante Bilder: Staatstheater Mainz gibt Gelegenheit, Alessandro Scarlattis Opern wieder zu entdecken

Klaus-Dieter Schüssler, in: Hanauer Anzeiger, 16. Okt. 2007

…Mit dem Oratorium "La Giuditta", einer Vertonung der biblischen Geschichte von Judith und Holofernes, beginnt ein auf drei Jahre angelegter Zyklus, der sich "Gottes starken Töchtern" widmet. Alessandro Scarlattis musikalische Rhetorik ist weder akademisch noch schematisch, sie ist expressiv, springt den Hörer unmittelbar an und reißt ihn ins dramatische Geschehen. Seine Oratorien verlassen den Gattungsrahmen der geistlichen Musik und landen im Opernrevier…

Stilisiert und körperbetont agieren die jungen Mainzer Sänger. Abgesehen von wenigen Momenten gelingen der Regisseurin und gelernten Tänzerin Arila Siegert prägnante szenische Bilder. Die Kampfhandlungen beginnen in Zeitlupe und erstarren vor der schwarz-weißen Bunkerarchitektur (Bühnenbild: Hans Dieter Schaal). Eine wehende Tüllgardine trennt den Tempelbereich der Juden vom Befehlsstand der Besatzer. Die gläubige Judith kämpft für Gott und ihr Vaterland. Um den feindlichen Feldherrn zu erobern, legt sie die Witwentracht ab, erstrahlt in bräutlichem Weiß und schmückt sich mit goldenen Ketten (Kostüme: Susanne Maier-Staufen). Der Mainzer Holofernes ist ein selbstverliebter Schwärmer, leichte Beute für die schöne Gotteskriegerin. Am Ende hält Judith den abgeschlagenen Kopf des Assyrers im Schoß und singt ihm - Ehre, wem Ehre gebührt und sei es der Todfeind - ein zärtliches Schlaflied.

Dirigent Clemens Heil liefert die farbenreiche Begleitmusik zu den emotionalen Verwerfungen der alttestamentlichen Geschichtsstunde. Filigrane Streicher, kraftvolle Zupfinstrumente und wendige Bläser präsentieren sich als stilsichere Sachwalter des Hochbarock. Im attraktiv besetzten Ensemble glänzt die agile Tatjana Charalgina (Giuditta) durch ihr sinnliches Timbre. Jeder Affekt sitzt an der richtigen Stelle. Trotz aller technischen Virtuosität wirken die Verzierungen nie gekünstelt; sondern steigern die Ausdruckskraft des Notentextes. Auch die anderen Solisten meistern die organische Verbindung von Sprachbehandlung und sanglicher Überhöhung. In der Hosenrolle des Fürsten Ozia beweist Mezzosopranistin Jasmin Etezadzadeh dramatisches Stehvermögen. Dmitry Egorovs flexibler Countertenor (Oloferne) besitzt Volumen und Leichtigkeit. Christian Rathgeber gelingt eine singdarstellerisch überzeugende Studie des Überläufers Achiorre. Für priesterliche Basswärme ist Kyoung-Suk Baek zuständig.


Dramatisches barockes Oratorium
mit berührendem Schluss

Staatstheater Mainz zeigt „La Giuditta“ von Alessandro Scarlatti – begeistert gefeierte Wiederentdeckung eines vergessenen Oratoriums

Britta Steiner-Rinneberg, in: Gießener Allgemeine Zeitung, 3. Nov. 2007

…Wer sich von Scarlatti als Opernkomponist einen ersten Eindruck verschaffen will, dem bietet das Mainzer Staatstheater dazu beste Gelegenheit: Die Tänzerin und Choreographin Arila Siegert setzte das vergessene Oratorium „La Giuditta“ in Szene. Die längst fälligen, sensationelle „Ausgrabung“ erweist sich als kostbare Perle…

Das barocke Oratorium »La Giuditta«, inhaltlich wie musikalisch von höchster Theaterwirksamkeit, wird ohne Pause durchgespielt. Arila Siegert, der Palucca-Schülerin, geht es in ihrer Inszenierung (einer Kooperation mit der Mainzer Hochschule für Musik) darum, die Protagonisten ihre Empfindungen »von innen heraus« gestalten und entlang Scarlattis Musik in Bewegung umsetzen zu lassen. In Tatjana Charalgina (als Gast) fand sie eine mit Statur, exzellenter Stimmführung, herrlichen Koloraturen, mit Raffinesse wie Charme bestechende, in jeder Phase überzeugende Giuditta, deren Gestaltung allein schon den Besuch wert ist. Sie wurde mit Ovationen überschüttet.

Dmitry Egorov spielt und singt mit geschmeidigem, schönem Altus den eitlen Tyrannen, dem seine Schwächen zum Verhängnis werden, Jasmin Etezadzadeh mit leuchtendem Mezzo den Fürsten Ozia, Kyoung-Suk Baek mit schwarzem Bass den Hohepriester und Martin Erhard den im Heer der Assyrer dienenden und zwischen die Fronten geratenen Achiorre. Das glänzend spielende Philharmonische Staatsorchester sorgt unter Clemens Heils ebenso ausgefeiltem wie transparentem Dirigat für ein wahres Hörerlebnis, dem die Zuschauer atemlos lauschen.