Verstörende Weltsicht
Vinko Globokars Musikdrama L‘armonia drammatica
Eckhard Britsch in Neue Westfälische (Bielefeld) /
Lippische Landeszeitung (Detmold), 17.Juni 2002
Die Welt ist aus den Fugen geraten und der Mensch seiner
Mitte beraubt. Er ist sich selbst der größte Feind. Die "Harmonia mundi"
ging verloren; das Chaos bleibt, aber auch die Widerständigkeit der Kunst:
So etwa die Bestandsaufnahme, die Komponist Vinko Globokar und Librettist
Edoardo Sanguineti in ihrem Werk L‘armonia drammatica verdeutlichen.
Die deutsche Bühnen-Erstaufführung am Theater Bielefeld geriet zum
überzeugenden Beweis dafür, dass auch spröde, eher philosophisch-kritische
Materie durch szenisches Geschick eine intensive Bühnengestalt annehmen
kann.
Zentrales Lebens- und Arbeitsthema Globokars, so die Deutung der
Bielefelder Musikdramaturgie ist der Widerstand gegen Gewalt und totalitäre
Unterdrückung. Wenn dazu Edoardo Sanguineti, italienischer Erneuerer
der Theatersprache, Literaturwissenschaftler und Motivator der Gruppo '63,
die Avantgardismus und Experiment auf ihre Fahne geschrieben hat, einen Text
verfasst, ist eines vorab klar: Den Besucher erwartet keine leichte Kost,
zumal Globokars Musiksprache viel Ausdrucksintensität bietet, aber auf
gefällige Anbiederei verzichtet.
Globokar, ein Mann mit Prinzipien, wollte
Sanguinetis Text in ungekürzter Unversehrtheit vertonen. Hieraus
entsteht ein dramaturgisches Ungleichgewicht: Der verdichtenden Wucht des
Finales steht ein schematisierter Figurenaufbau von Solo bis Septett im
ersten Teil entgegen. Da zeigt das Musikdrama deutliche Längen. Globokars
Bescheidenheit hingegen feiert Triumphe, wenn er der szenischen Deutung
(sprich Regie und Ausstattung) gleichgewichtigen Wert zu Musik und Text
zumisst: Arila Siegert hat aus ihrer Sicht und dem vorliegenden
Material ein großes Gesamtkunstwerk geformt. Wesentlichen
Anteil hat dabei Maler Helge Leiberg, der mit dem
Tuschepinsel live magische Figuren und Zeichen entwirft,
die per Lichtübertragung das Bühnenbild komplementär variieren.
Dort auf der Bühne geht es widerständig zu, denn die Protagonisten müssen
Widerstände überwinden. Innere und äußere, denn der quaderförmige
Bühnenaufbau von Marie-Luise Strandt sorgt mit Treppenelementen und
Steig-Latten für die Verbildlichung jener Last, die Lebensbewältigung bis
hin zum Scheitern bedeutet. Handlung im eigentlichen Sinne wird erst im
zweiten Teil symbolisiert, wenn Mensch zum Mob wird und den Protagonisten
"an den Kragen" geht, wenn er zum Galeerensklaven gleichgeschaltet wird und
alle Würde versinkt. Zuvor spielt das Stück eher mit gedanklicher Evolution
und Schlüsselwörtern wie Kraft, Liebende, Tod, Teufel, Papst, Gericht,
Mäßigkeit oder auch so grundlegenden Erkenntnissen wie "Die Zeit ist
aufgehoben".
Da ist die Erkenntnis aufgegangen, dass Monologisieren auch in Terzetten
oder Quintetten der kontrastierenden Kraft durch den Chor braucht. Der ist
im zweiten Rang postiert, wie auch Teile des Orchesters auf den Seitenrängen
platziert sind. Das macht Sinn, weil einzelne Instrumentengruppen den
Solisten zugeordnet sind.
Musikalisch geordnet auf exzellentem
Niveau hat das Dirk Kaftan mit den ausgezeichnet agierenden
Philharmonikern. Souverän die Schauspieler-Gesangssolisten Espen Fegran,
Grzegorz Rózycki, Meryl Richardson, Sharon Markovich, Jenny Renate Wicke,
Bonita Hyman, Clemens C. Loeschmann und Simone Otto (Saxophon).
Die Chöre Bielefeld/Münster (Angela Sleeman, Peter Heinrich) beeindruckten
durch exzessiven Ausdruck, das Ballet durch pantomimische Bildhaftigkeit.
Langer Rede kurzer Sinn: Das Theater Bielefeld hat
unter Anspannung aller Kräfte, insbesondere auch durch hervorragende
bühnentechnische Umsetzung, ein international wertiges Ereignis
zeitgenössischen Musiktheaters präsentiert.
Das Publikum dankte mit intensivem Beifall ohne Buhs.
Verdichtung und Vernichtung
Kraft zum Widerstand: Vinko Globokars Musikdrama L’armonia drammatica in Bielefeld
Man blickt nicht durch – und dennoch ist
alles klar. Das Libretto des italienischen Schriftstellers, des
"allegorischen Realisten" Edoardo Sanguineti zu
Vinko Globokars Musikdrama L’armonia drammatica gleicht einem Reißbrett der Personenführung. Es gibt
sieben Protagonisten, drei Frauen, drei Männer (die jeweils auf drei
Stimmlagen verteilt sind) und ein Mädchen. "Und das ist 'Die Welt'"
resümieren sie am Ende des ersten Teils und proben zugleich individuell den
Widerstand: "Denn widerstehen", meint der Alt, "ist alles". Ihr Auftreten
gleicht einem Kleine-Negerlein-Spiel rückwärts.
Erst ein Solo, dann einige Duette, Terzette und so weiter bis zum Sextett.
Das den ersten Teil in dieser Konsequenz abschließende Septett baut sich,
den Gang replizierend, noch einmal wie folgt auf: Zum Solo des Tenors treten
nach und nach die anderen Stimmen hinzu – bis zur Totalen.
Dieser erste Teil dauert eineinhalb Stunden, es folgt ein halbstündiger
zweiter, der nichts anderes schildert als die Vernichtung der sieben
Protagonisten durch Macht und Masse.
Schicksalsrätsel
Was wird eigentlich erzählt? Schwer ist es, Genaueres zu entschlüsseln.
Jeder der sieben Individuen hat ein privates Schicksal. Und wenn sie
miteinander kommunizieren, dann sprechen sie nicht mit- sondern
gegeneinander. Jeder berichtet über seine Situation, seine Erlebnisse, seine
Sicht der Dinge. Keiner hört dem anderen zu, dennoch entsteht ein magisches
Band zwischen ihnen. Vinko Globokar hatte, nach
der Lektüre der Ästhetik des Widerstands, ein Musiktheaterstück über
den Begriff "Widerstand" schreiben wollen. Und Sanguineti war in dieser Form
auf den Wunsch eingegangen.
Alle sieben Individuen haben, ganz unterschiedlich, den Stachel der
Auflehnung in sich. Darum sind sie letztlich für die Gesellschaft nicht
verträglich. Und so begegnen sich ihre unabhängigen Sätze in verwandten
Formulierungen, in gleicher Wortwahl. Der Text müsste mehrfach gelesen
werden: einmal die verstreuten Erzählstränge jeder Person rekonstruierend,
dann in Hinsicht auf das gleichsam unterirdische verbale Netzwerk zwischen
ihnen – das meint wohl das widersprüchliche Begriffspaar der dramatischen
Harmonie: L'armonia drammatica.
Solches kann und will das Musiktheaterwerk natürlich nicht leisten und
Globokar unterminierte das begreifende Verfolgen nochmals, indem er den Text
in mehrere Sprachen übersetzte und damit einen weiteren Horizont öffnete.
Aber seine Musik saugt sich fast süchtig fest an der Idee der sich fast
gesetzmäßig entwickelnden Konstellationen, am Prozess der Verdichtung im
ersten Teil, an dem der gewaltsamen Auflösung oder Vernichtung im zweiten.
So ist jede Stimme kompositorisch anders behandelt (durch Reihentechnik,
Sprechgesang, modal, rhythmisch starr, popartig und dergleichen), jeder ist
eine differenziert charakterisierte Orchestergruppe zugeordnet
(beispielsweise Blech, Streicher, Schlagwerk, Pop-Band). Der seriell
geführte Tenor bildet dabei einen Extrempunkt, er korrespondiert mit einem
Saxophon als Alter Ego auf der Bühne.
Das alles klingt nach viel trockener Theorie. Und nach politischer, nach
subversiver Motivation! Vielleicht waren das auch Gründe, warum das schon
zwischen 1986 und 1989 komponierte Werk an der Opéra Comique in Paris (von dort kam der Auftrag)
letztlich nicht uraufgeführt wurde. Es gab dann eine konzertante Version in
Berlin und eine für Globokar nicht befriedigende szenische Version in
Ljubljana (der Regisseur hatte wegen Gagenstreitigenkeiten die Arbeit
abgebrochen und Globokar musste damals alles alleine regeln).
So kam es jetzt am
Stadttheater Bielefeld zur "eigentlichen Uraufführung" (Globokar).
Und die war ein Glücksfall. Bielefeld hat ein junges, mutiges und
kreatives Theaterteam, die Bevölkerung Bielefelds weiß wohl selbst noch
nicht so recht, wie sie mit den neuen
Programmstrukturen umgehen soll. Vielleicht einfach mal hinhören! Denn
Globokars L'armonia drammatica bot eine Fülle von geradezu
süffiger Musik. Die genaue Strukturierung durch den Text wirkte keineswegs
als Hemmschuh, sondern im Gegenteil als Motivationsschub, die ständig
wechselnden klanglichen und stilistischen Kombinationen kreativ in Gang zu
setzen. Es entstand ein buntes Spektrum direkt zupackender musikalischer
Ideen und Globokar verlor dabei das Moment des Widerständigen als Leitthema
des Musikdramas nicht aus den Augen. Hier, im Klingen, fand sich also
wieder, was semantisch in der Oper nicht über die Bühne kommt:
Individualitäten des Widerstehens, Ignoranz der Anderen, der Masse,
Vernichtungstrieb. Das Private wird ausgelöscht, damit das dumpfe Treiben am
Laufen gehalten werden kann.
Bühnenbild-Energie
Erstaunlich die Ensemble-Leistung. Vielleicht hat sich Regisseurin Arila
Siegert etwas zu sehr in die Idee des Kriechens und Krabbelns auf
schräger Bühnenebene oder auf setzkastenähnlichem Aufbau verliebt. Aber
die Idee, den Maler Helge Leiberg mit einer
Live-Bemalung der Szene (über einfache Overhead-Projektoren) zu betrauen,
erzeugte so viel spannende Bühnenbild-Energie, dass die Blicke immer auf die
genialische Drastik dieser Bilder oder Einfärbungen gelenkt wurde. Globokars Musiktheateransatz sorgte dafür, dass
unterschiedliche Individuen fast unabhängig miteinander agieren (wie eben
die sieben Protagonisten auch). Hier war dies ebenso einfach wie schlagend
spontan verwirklicht. "Er will", sagte Globokar,
"keine Musik schreiben, die nicht von außen, von gesellschaftlicher
Beobachtung angestoßen ist. Die Idee
des Widerstehens (oder des privaten Scheiterns im Widerstehen) durchtränkte
so diese Aufführung und riss auch die Sänger und Musiker unter der Leitung
von Dirk Kaftan zu erstaunlicher Leistung mit.
Welt im Tarot-Spiegel
Dissonanzen gehören zum Wohlklang: Vinko Globokars Oper L'armonia drammatica
Gerhard Müller im Freitag Nr.30, 19.Juli 2002
Die Oper L'armonia drammatica war für Paris
bestimmt - auf Umwegen hat sie jetzt Bielefeld erreicht. Edoardo
Sanguineti und Vinko Globokar schrieben sie für die Pariser Opéra Comique,
1992 sollte die Uraufführung sein. Aber da war die Opéra Comique nur noch
ein Ballett. So kam das Stück nach Berlin. In einer unvergessenen
Aufführung unter der Leitung des Komponisten erklang es 1995 in einem
Konzert der internationalen Berliner Musikbiennale, die der jetzigen Opéra
Comique in einem Punkte ähnelt - sie existiert inzwischen gleichfalls
nicht mehr. Die nächste Station der Dramatischen Harmonie war
Ljubljana. 1998 hatte L'armonia drammatica dort Premiere, kurz
darauf hörte Jugoslawien faktisch auf zu existieren. Die Oper wirkte wie
die geheimnisvolle Trumpfkarte des Archipoeta aus dem 12. Jahrhundert,
die, wenn sie ausgespielt wurde, das Wirtshaus in Brand setzte.
Vinko Globokar war inzwischen von Paris nach Berlin übergesiedelt, aber in
dieser Stadt begegnete man ihm mit Zurückhaltung; gegen die Macht seiner
Musik sind die gefährlichen Trompeten von Jericho harmlose Blockflöten,
sagten sich die zaghaften Intendanten der Berliner Opernhäuser, und
spielten sein Stück nicht. Bielefeld gebührt deshalb der Ruhm, den Berlin
leichtfertig verschenkte: der der deutschen Bühnen-Erstaufführung.
L'armonia drammatica ist ein universelles Stück. In den Facetten
eines Tarotspiels spiegelt es die heutige Welt, die Existenz der
Katastrophen und die Katastrophe der Existenz, den Widerstand gegen die
Unmenschlichkeit, den illusionslosen aufrechten Gang der Wenigen und die
Blindheit der Vielen. Seit Luigi Nonos Al gran sole carico
d´amore von 1974 hat es kein bedeutenderes neues Musiktheaterstück
gegeben, und auch Olivier Messiaens viel gelobter Franziskus
von Assisi, die neueste Produktion der Deutschen Oper, muss dagegen
verblassen. Wäre ich Intendant in Berlin, ich
schickte noch heute eine Einladung nach Bielefeld.
Im Musiktheater haben Provinz und Hauptstadt längst die Plätze getauscht.
In Berlin findet - ausgenommen die erst begonnene Zimmermann-Intendanz in
der Bismarckstraße - Musiktheater nicht mehr statt. Helmut Lachenmanns
Mädchen mit den Schwefelhölzchen, Wolfgang Rihms Eroberung
von Mexiko in Hamburg, die beiden Stockhausen-Uraufführungen
und Majakowskis Tod von Dieter Schnebel in Leipzig,
Christine Mielitz' Ring-Inszenierung mit dem Bühnenbild von
Alfred Hrdlicka in Meiningen und anderes mehr haben der Berliner Szene den
Rang abgelaufen. Nun also Bielefeld. Es ist eine internationale
Produktion, mit Sängern aus aller Welt, allen voran die erstaunliche
Kontra-Altistin Bonita Hyman, eine farbige Amerikanerin,
Met-erfahren, mit der Statur von Ella Fitzgerald und einer erregenden
dunklen Stimme wie aus dem Jenseits des konventionellen Operngesangs.
International auch die weitere Besetzung, darunter, als einzige aus dem
hauseigenen Ensemble die Sopranistin Sharon Markovich. Phänomenales
leisteten der Chor und die Musiker des Orchesters. Ein blutjunger Dirigent
von ungewöhnlichem Ernst und großer Begabung präsentierte souverän und
passioniert die Partitur: Dirk Kaftan.
Das Regieteam steuerte in dieser internationalen Produktion, die dank der
Unterstützung privater Stiftungen und des NRW-Kultursekretariats
ermöglicht wurde, die östliche Farbe bei: Arila Siegert,
Palucca-Schülerin, Tänzerin, Choreographin und
Regisseurin, lange tätig an der Komischen Oper Berlin, führte Regie.
Marie-Luise Strandt, einstmals Deutsche Staatsoper Berlin und
Mitarbeiterin von Ruth Berghaus, schuf Kostüme und Ausstattung. Die
eigentliche Bühnengestaltung oblag aber dem Maler Helge Leiberg,
einem gebürtigen Dresdner, der 1984 die DDR verließ. Er saß mit Pinsel und
Aquarellfarben inmitten des Publikums und warf eine farbige Skizze nach
der anderen auf - ja worauf? Nicht auf Papier, sondern auf die
Projektionsfläche eines Lichtkastens, und was er immer malte, füllte als
riesiges Bild den Bühnenraum. Das Portal war sein Rahmen, die Bühne die
Leinwand, die Solisten, Tänzer und Choristen die sich bewegenden Figuren
in seinen Gemälden; quer über Stufen, Flächen, Gesichter, Leiber, Hände
und Füße zog sein Tuschpinsel feine Striche oder klobige Balken, flächig
tauchte er das Oben oder Unten, das Rechts oder Links in braune, rote,
blaue Töne, er zauberte farbige Schatten oder gestrichelte Figuren im
afrikanischen Stil, Menschen erhielten einen Rahmen oder versanken in
einem Meer von Grün. Es war dies eine malerische Performance, intendiert
von der Musik. Am Szenenschluss wechselte Leiberg das Blatt und begann ein
neues Aquarell. Er war der mitspielende Arlecchino und lieh den farbigen
Tönen die tönende Farbe.
Leibergs Malerei war nur das auffälligste Element dieses Abends.
Die entscheidende Arbeit aber hatte Arila Siegert zu
leisten. Die musste ein neues Theater erfinden. Denn ein Stück, das die
Welt zum Thema hat, kennt natürlich keine Fabel, keine Figuren, keinen
Ort. Alles ist offen. Theater aber kennt nur Raum und Personen, es muss
konkret sein. Bewegung ist seine Sprache, Deutlichkeit seine Bedingung.
Daran schien es auf den ersten Blick zu mangeln. Der Dichter Edoardo
Sanguineti lieferte kein Libretto, sondern ein Poem, verfasst in einer
komplizierten Symbolsprache, einen fortlaufenden Text, angesiedelt im
Nirgendwo. Wir vernehmen sieben Erzählungen von sieben Protagonisten, vier
Frauen und drei Männern, sie sind in kleinen Bruchstücken ineinander
geschoben, gemischt wie ein Kartenspiel. Helas! Wie soll das ein Theater
sein? Der Regisseur muss es erfinden. Das ist die Aufgabe. Er muss den
unsichtbaren Gedankenbildern Raum und Gestalt, Gesicht und Charakter
geben.
Arila Siegert bestand die Herausforderung glänzend. Was wir sahen, war ein
gesungenes Tanz-Theater, und trotz des ernsten und tiefen Themas ein
gelöstes, fluktuierendes, spielerisches Stück, das den Titel der
Dramatischen Harmonie einzulösen vermochte. Der Titel
verwirrt, denn Harmonie halten wir gewöhnlich für ein Synonym von
Wohlklang. In der Musik bezeichnet es jedoch nur die Simultaneität
disparater Töne. Auch eine Dissonanz ist eine Harmonie. Der Übergang von
eine Klang in einen anderen geschieht durch die Ausscheidung und
Vernichtung einiger Töne und die Etablierung anderer.
Globokar wünschte 1986 einen Opern-Stoff zum Thema Widerstand, aber die
konkreten Geschichten, die aus den Schicksalen von Sophie und Hans
Scholl bis Che Guevara, von Patrice Lumumba bis
Salvador Allende gemacht werden, interessierten ihn nicht. Es sollte
um die Namenlosen gehen, und um die Frage, warum es immer wieder Menschen
gibt, die vernehmlich "Nein" sagen und alles auf sich nehmen, was daraus
folgt, die eigene Vernichtung eingeschlossen. Sanguineti übertrug
nun das Modell der Harmoniebildung und -vernichtung auf die Geschichte,
und hinter dem ästhetischen Vorgang erscheint ein dramatischer Prozess.
Die Dramatische Harmonie bezeichnet einen Weltzustand.
Sanguinetis Poem spielt wie ein mittelalterliches Epos auf den vier
Bedeutungsebenen der klassischen Rhetorik - der realen, allegorischen,
moralischen und anagogischen ("hinaufführenden"). Auf der realen Ebene
erleben wir den dramatischen Dreischritt von Verhör, Folterung und
Exekution. Darüber legt sich die Allegorie des Kartenspiels und der
gespiegelten Welt - jeder Mensch spielt mit seinem Schicksal wie im alten
Tarot-Spiel, aber die Karte ist zugleich sein Spiegelbild, er selbst nur
eine Karte in dem großen Spiel, nur weiß er es nicht und kann es nicht
beeinflussen, denn ein Anderes und Unbekanntes ist es, was mit ihm spielt.
So wird es zur Tat, sich dem Spiel zu verweigern, um Klarheit zu gewinnen;
aber sie führt in den Tod. Durch die Ekstasen der Realität und der
Allegorien leuchtet die skeptische Moral des Boethius, dessen Worte
der Chor am Anfang zitiert: "Nec speres aliquid nec extimescas" - Hoffe
nichts und fürchte nichts! Den letzten Sinn im mittelalterlichen Epos
bildete die göttliche Erlösung. Dorthin führt uns der Dichter nicht, er
nimmt eine häretische Wendung, indem er das letzte Wort nicht dem "Herr
Gott", gibt, sondern einer schwangeren Frau, die inmitten des realen
Sterbens des apokalyptischen Schlussbildes ihr Kind zur Welt bringt. Das
ist das letzte und größte Symbol - die Gebärende als mater dolorosa und
unbesiegbare Weltenschöpferin. Ihre letzten Worte muten an, als kämen sie
von Heiner Müller: "Sterben ist nichts, es ist so. Weit schlimmer ist es
dagegen, dem Leben standzuhalten. Geboren zu werden ist ein Horror."
Bonita Hyman hat diese Partie erschütternd dargeboten. Ihr prachtvoller
Kontra-Alt glänzte inmitten der orgiastischen Todesfuge des Chores wie
dunkles Gold.
Globokars Musik speist sich aus dieser wundersamen Vieldeutigkeit der
Szene. Jedem Sänger ist ein anderer Stil, ein anderer Klang und ein
anderes Instrumentarium zugeordnet. Die seriell komponierte Tenor-Partie
wird von einem Tenor-Saxophonisten sogar noch auf der Bühne sekundiert,
eine Reminiszenz aus der Jazz-Szene ohne Jazz. Doch die Schlagermusik
fehlt auch nicht, weil sie ebenso ein Aspekt in der widersprüchlichen
Harmonie der modernen Musik ist. Die Mädchenstimme Jenny Renate Wickes
bewegte sich mit italienischen Espressivo in diesem Idiom. Den anderen
Protagonisten sind verschiedene Arten modaler Musik und des Sprechgesangs
zugeordnet. Aus der Polyphonie der Stile erwächst ein eigentümliches
dramatisches Klima. Es ist wahr, die Worte werden in diesem Klangstrom
buchstäblich verschlungen, und nur einzelnes ist zu verstehen. Aber sie
werden aufgefangen und aufgesogen vom Gestus der Klänge, der Bewegungen
und Farben, und wer einmal den Faden zu diesem Stück gefunden hat, der
wird von ihm bis an das Ende geleitet wie Theseus am Ariadnefaden im
Labyrinth des Minotaurus, das ja auch nur ein Sinnbild der Welt war.
Globokars Musik verweigert sich linearem Verständnis, sie gleicht alten
Kirchenfenstern, auf denen im einfallenden Licht Hunderte von Szenen,
Episoden, Figuren, Ornamenten erscheinen, deren Farbigkeit uns zuerst
bezaubert und überrascht, während sich uns später allmählich ihr Sinn
erschließt.
Welten im Widerstreit oder Das Ende aller Harmonie
Markus Bruderreck in Zeitungen der WAZ-Gruppe, Essen, 18.Juni 2002
Die Arbeit, die das Bielefelder Theater zu
leisten vermag, ist bewundernswert. Regelmäßig widmet man sich dort
zeitgenössischen Werken des Musiktheaters, die höchste Ansprüche stellen.
Eine Meisterleistung lieferte das Ensemble nun mit der Erstaufführung von L'armonia
drammatica. Die Bezeichnung "Musikdrama", so
der Untertitel von Vinko Globokars 1986 bis 1989
komponiertem Werk, sollte nicht in die Irre führen: Keine
konventionelle Handlung wartet hier zum problemlosen Mitverfolgen. An der
Oper selbst interessiert den Komponisten lediglich die Institution, die ihm
das Reservoir seiner kompositorischen Möglichkeiten stellt. Wer entspannten
Traditionalismus erwartet, wird enttäuscht. L'armonia drammatica
gehört zu den komplexesten Werken des aktuellen Musiktheaters.
Der Titel zeigt an, worum es strukturell geht: Harmonie, die in Gefahr gerät,
eine konfliktreiche Gleichzeitigkeit des Verschiedenartigen, die am Ende der
Zerstörung anheim fällt.
Globokar und sein Librettist Eduardo Sanguineti haben dabei höchste
Abstraktionsebenen gewählt und auch Unverständlichkeiten in Kauf
genommen. Sanguinetis Text, zum größten Teil auf italienisch, ist für sich genommen bereits
Musik, polyphon wie Kompositionen von Bach. Sieben Szenen, die durch kurze
Zwischenspiele verbunden sind, hat der erste Teil, in Vokalsoli vom
Monolog bis zum Septett gefächert. Die Solisten, denen Globokar
unterschiedliche harmonische Ausdruckswelten zugeordnet hat, geraten
schließlich in Konfrontation, ehe der zweite Teil in zügiger Bewegung zum
finalen Massaker führt. Der Text behandelt die Idee des Widerstands in all
seinen Aspekten: Eine Thematik, die von Regisseurin und Choreographin
Arila Siegert nur bedingt aufgegriffen wird, denn letztlich verhalten sich
alle an Globokars Werk beteiligten Künste in bewusster Abstraktion zueinander.
In feinster Detailarbeit führt
Siegert die Tänzer und Sänger.
Auf die weiße Bühne Marie-Luise Strandts wirft der Maler
Helge Leiberg mit Overhead-Projektoren live
entstehende Zeichnungen, reagiert auf Akteure und Textinhalte. Zum
Spektakel wird L'armonia drammatica vollends durch das auch von den Rängen spielende
Orchester. Schlagzeug, der E-Bass einer Pop-Band, Sirenen und
Schwirrhölzer klingen dort. In den Tiefen des Saales ist der Chor
postiert. Im Foyer finden sich Monitore, auf denen die Besucher ins
Deutsche übersetzte Text-Ausschnitte verfolgen können. Ob sie wesentlich
zur Nachvollziehbarkeit des Werkes beitragen, sei dahingestellt. Vor allem
auch musikalisch ist die Aufführung beachtenswert. Von den hervorragenden
Vokalsolisten überzeugen besonders Tenor Clemens C. Löschmann und Alt
Bonita Hyman. Dirk Kaftan leitet das Philharmonische Orchester der Stadt souverän durch die
oft gewaltigen, lautstarken und auch scharfen Klänge, die dabei ebenso
abstrakt und polyphon wirken wie das gesamte Werk.
Mit ihm hat Vinko Globokar einen höchst originellen Beitrag zum zeitgenössischen
Musiktheater verfasst.
Geboren zu werden ist ein Horror!
Bielefeld wagt sich an die Deutsche Bühnenerstaufführung von Vinko Globokars L'armonia drammatica
Obwohl Vinko Globokar zu den profiliertesten
zeitgenössischen Komponisten zählt, stand die bisherige
Aufführungsgeschichte seines ambitionierten Musikdramas
L'armonia drammatica unter keinem guten Stern. Zunächst verhindert eine
kulturpolitische Entscheidung die Uraufführung des Werkes an der Pariser
Opéra comique, dann scheiterte die Oper in Ljublijana an
einer den Vorstellungen des Komponisten kaum halbwegs entsprechenden
Umsetzung.
So war dem Theater Bielefeld die "eigentliche Uraufführung" des
monumentalen Stückes vorbehalten. Und die mit Spannung erwartete
Inszenierung von Arila Siegert wurde den gestiegenen Erwartungen
mehr als gerecht. Denn Globokars multimediale Auseinandersetzung
mit dem heiklen Thema "Widerstand" entpuppte sich als künstlerisches
Ereignis ersten Ranges, das von sattsam bekannten, allzu
gut gemeinten Plattitüden den erforderlichen Abstand hielt.
Der "allegorische Realismus", den der wieder einmal als
Librettist auftretende Eduardo Sanguineti ebenso eindrucksvoll
wie überzeugend in Sprache fasste, verwandelte Globokar in eine Partitur
voll souveräner Formvollendung und emotionaler Eindringlichkeit. In
immer neuen Varianten näherten sich beide dem verzweifelten und
vielleicht auch hoffnungslosen Kampf des wund gestoßenen Individuums,
das den schmal gewordenen Grad der
Hoffnung – warum auch immer – nicht verlassen will. Dafür gibt es wenig
Motivation, aber viele gute Gründe, wie Performance-Legende Helge
Leiberg, der sämtlichen Vorstellungen in
Bielefeld das visuelle Geleit gibt, nachdrücklich betont: "Gegen
Sattheit, gegen Nachlässigkeit, gegen Ignoranz, gegen Bequemlichkeit –
dagegen bringe ich mit meiner Arbeit Widerstand auf."
Und so brauchen Leibergs kongeniale
Live-Projektionen, das quadratzentimeteradäquate Bühnenbild von
Marie-Luise Strandt und die
herausragenden Solisten, die vom Chor und Orchester des Theaters
Bielefeld unter der zielgenauen Leitung von Dirk Kaftan die denkbar beste
Unterstützung erfahren, fast nur noch ihr übriges zu tun, um den
Abend zu einem außergewöhnlichen Ereignis werden
zu lassen, an das die (leider nur) wenigen Zuschauer noch lange
zurückdenken dürften.
Im Westfalenblatt
(17.Juni 2002) erhellt sich für Uta Jostwerner
das Stück "durch die Kraft einer enorm
suggestiven Bild- und Tonsprache. In diesem Punkt spielt die
Inszenierung ihre Trümpfe vorzüglich aus. Arila
Siegert schafft nicht nur unter
Einbeziehung des Balletts eine ausdrucksstarke, emotional wirkende Choreografie
und sie bindet auch in kongenialer Weise Bühne und Kostüme (Marie-Luise Strandt)
sowie Malerei (Helge Leiberg) zu einem spektakulären Gesamtkunstwerk.
Constanze Natosevic in Die
Glocke (18.Juni 2002) schreibt:
"Die Inszenierung von
Arila Siegert präsentiert sich als eine vielschichtige,
ausdrucksintensive Collage … komplex und spannungsgeladen."
In der Rheinischen Post
(21.Juni 2002) nennt Ludolf Baucke
Globokars L’armonia drammatica "exemplarisches
Musiktheater"
In der Zeitschrift MusikTexte (Nr. 94, August 2002)
kritisiert Raoul Mörchen die [vom Komponisten freilich ausdrücklich so
geforderte] mangelnde Verständlichkeit des Textes:
"Statt in eine Geschichte setzt Globokar sein Publikum in die Mitte eines großen
dramatischen Strudels, den er irgendwann ... mehr oder minder gewaltsam anhält." Der
Regie von Arila Siegert gelinge es "trotz einiger schöner Ansätze nicht, der szenischen
Maßlosigkeit Globokars szenischen Halt zu schaffen."
In der Opernwelt (August 2002)
zollt Jörg Loskill der Produktion hingegen hohes Lob und schreibt von "mit ritualisierten
Motiven und Szenen stimmig 'bebildertem' Musiktheater"
"Das Projekt gelang imponierend, wobei
das ungeteilte Lob sowohl dem Orchester, allen Solisten, dem grandiosen Chor,
den Tänzern und dem Leitungsteam mit Dirk Kaftan am Pult,
Arila Siegert
(Regie), Marie-Luise Strandt (Bühne, Kostüme) und vor allem dem 'Live-Maler'
Helge Leiberg gilt..."
"Arila Siegert [versetzt] Solisten,
Chöre und Ballett in einen stupenden Furor von Leid und Gewalt: extreme
Körperlichkeit wechselt mit invers gerichteter Reflexion."