Verbannte, wollt ihr ewig spielen?
Hüte dich vor dem Boten: Arila Siegert interpretiert Jacques Offenbachs
Hoffmanns Erzählungen in Chemnitz
Irene Tüngler*) in Sächsische Zeitung, Dresden, 29.03.2004
**)
„Macht die Liebe auch groß, macht noch größer der Schmerz“. So tröstet
die Muse am Schluss den verzweifelten Hoffmann, dahin geht auch die
Grundaussage von Arila Siegerts Chemnitzer Inszenierung von Hoffmanns
Erzählungen, die am Sonnabend Premiere hatte.
Die Inszenierung geriet schlackenlos und stringent, da sie sich weder
darauf versteifte, Geheimnisse der dreigeteilten Frauenseele zu erforschen
noch Hoffmanns Bindungsängste zu therapieren, nicht die Dämonie der Muse
suchte oder die Spieß- und Spaßgesellschaft geißelte. Siegert suchte keinen
Subtext, mit der Künstleroper erzählt sie von Künstlern.
Im Vorspiel auf dem Theater wird der Ausgangspunkt der Geschichte klar.
Untermalt von der präludierenden Solo-Violine geraten Hoffmann und Sängerin
Stella in einen Streit. Der um Verzeihung bittende Brief, mit dem die Oper
beginnt, ist somit motiviert. Dass der Bote – des Teufels Diener und niemand
anders als Klein Zack – ihn an den Rat Lindorf verkauft – den Teufel –,
sorgt für den tragisch großen Schluss.
Dieser Teufel, der große Verwandlungskünstler (ordentlich bassig: Thomas Mäthger) und sein dienstbarer Unterteufel (knatschig chraktertenoral:
Jürgen Mutze), sind immer deutlich erkennbar präsent.
Die Regisseurin tut dem so geistesklaren „Gespensterhoffmann“ alle Ehre
an. Als imaginiere man eine seiner Geschichten, gibt es Verdopplungen und
Verwandlungen, lebende Spiegelbilder und Spiegel ohne Bilder, tote Seelen
und solche, die nie lebten. Ihre schaurigste Erfindung ist ein höllisches
Orchester, dazu verbannt, ewig zu spielen und keinen Ton hervorzubringen.
Auch das lichte und praktikable Bühnenbild Johannes Conens hilft der
Handlung. Drei transparente Wände mit Bogentoren, dazu Tische und Stühle
ermöglichen rascheste Verwandlungen zwischen Lutters Weinstube und den
Schauplätzen der Liebeshandlungen.
Fabrice Bollon am Pult der Robert Schumann-Philharmonie spielte
tatsächlich Offenbach. Diese geniale Oper erschien endlich einmal nicht
abgekoppelt vom blitzenden Glanz seiner Operetten. Die Tempi waren frisch,
die Akzente schmissig, und wenn sattes Schwelgen verlangt war, ging Bollon
mit seinen Musikern wirklich zur Sache. Jana Büchners Olympia war die
puppenhafteste, die ich je erlebte. Stimme, Figur und Bewegungstalent der
Sängerin und die Fantasie der Choreografin-Regisseurin trafen sich auf das
Glücklichste. Stimmlich vorzüglich war auch Kerstin Randall als besessene
Künstlerin Antonia, ebenso ohne Fehl und Tadel Valérie Suty als carmenmäßig
sinnliche Giulietta. Ute Baum erfüllte die schwierige, „Neben“-Rolle der
Muse mit musikalischer und darstellerischer Präsenz und leuchtenden
Koloraturen.
In diesem Werk ist alles nichts, wenn man keinen Tenor hat. Selbst die
Kollegen applaudierten Edward Randall, als er im großen Schlussapplaus zu
Recht für seinen grandiosen Hoffmann gefeiert wurde.
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*) Auch für DLF-Musikjournal
Durchnüchterte Romantik
Joachim Lange, in: Opernwelt
6/200, über die Vorstellung am 16.April 2004 **)
Mit einem kleinen hinzuerfundenen Krach zwischen Hoffmann und Stella in
der Garderobe lässt Arila Siegert ihre Inszenierung beginnen, bevor der
frustrierte Dichter in Luthers Weinstube von „seinen“ drei Frauen erzählt.
Aber es ist weniger gelebtes Leben, von dem da berichtet wird, als der
Versuch mit gescheiterten Beziehungen fertig zu werden und sie in Kunst
umzumünzen. Kunst kommt von Leben. Auch von nicht gelebtem, oder von
unerfüllter Liebe.
Arila Siegert findet in drei transparenten und verschiebbaren Bühnenmauern,
mit denen sich im Handumdrehen die Schauplätze wechseln lassen, den Rahmen
für jene durchnüchterte Romantik, mit der sie die Geschichte souverän und
konzentriert erzählt. Das teuflische Personal (Thomas Mäthger mit solider
Wandlungsfähigkeit und einer dunkel leuchtenden Spiegelarie als Krönung) und
sein komödiantischer Gehilfe (Jürgen Mutze) werden dabei nicht allzu
diabolisch überzeichnet.
Im Olympia-Alt singt Jana Büchner nicht nur glockenklar, sondern bewegt sich
unter den wohlwollend gemütlichen Blicken ihres Schöpfers auch perfekt automatenhaft. Für das Düstere der sterbenden Antonia (hochpräsent:
Kerstin Randall) versammelt sich ein gespenstisches Orchester auf der Bühne: zum
Spielen verdammt, ohne dabei auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen.
Schließlich entfaltet Giulietta (mit carmenesker Präsenz: Valérie Suty)
ihren handfesten Verführungsversuch im sparsam Atmosphärischen einer sanft
imaginierten Stuhlkippel-Barcarole mit Wellenreflexionen und auf dem
wankenden (Bühnen-)Boden Venedigs.
Bei Edward Randalls Hoffmann korrespondiert der mitunter angestrengte
Eindruck durchaus mit seinen scheiternden szenischen Annäherungen an die
Frauen. Da er stets mit vollem Einsatz singt, riskiert er auch, dass seine
Grenzen in puncto Geschmeidigkeit in der Emphase deutlich werden. Fabrice Bollon setzt mit der Robert-Schumann-Philharmonie auf eine melancholische
Ernsthaftigkeit, es klingt allerdings gelegentlich auch wie eine deutsche
Übersetzung. Die wird bei den Sängern immerhin für wenige ariose Lichtblicke
französisch unterbrochen.
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Happyend im Mantel
Erstaunlich leidenschaftsloser Jubel zur Premiere Jacques Offenbachs
einziger Oper Hoffmanns Erzählungen in einer Inszenierung von Arila
Siegert am Sonnabend in Chemnitz.
Zu Unrecht. Arila Siegert hat die drei seltsamen Weibergeschichten des
Dichters und Säufers Hoffmann (E.T.A. Hoffmann, Uraufführung vor 123 Jahren
in Paris) neu gemischt und das männliche Hecheln nach der Traumfrau bißchen
gespenstisch, meist spannend und wohltuend zeitlos in Szene gesetzt:
Hoffmann erzählt in der Kneipe von Liebeserlebnissen mit einer seelenlosen
Puppe, einer romantischen Künstlerin und einer lebenslustigen Venezianerin.
Keine Altertümelei, die Herrenrunde in passablen Modemarkt-Klamotten ist
gespannt bei der Sache, wenn es um das Thema Nummer 1 geht. Die Bühne mit
sparsamem Rundbogengemäuer: ein Wunderwerk aus Transparenz und Licht
(Johannes Conen / Holger Reinke). Erfrischende Einfälle mit Spiegeln, Tretrad,
Fleischwolf und verdrecktem Kammerorchester. Alles bewegt und alle bewegen
sich, selbst die Bühne nebst Leutchen kommt (Venedig-Szene) schön ins
Schwanken. Der Böse ist bei der Siegert ein schmierig-kluger Vertretertyp,
der Gute eine selbstmordgefährdete tragische Figur. Zum Happyend Offenbachs
fantastischer „Erzählungen“ vom Dichter, der Kunst und der wahren Liebe
wickelt sich das überhaupt nicht glücklich scheinende Paar in einen
übergroßen Mantel.
Das ist vor allem in der ersten Hälfte witzig gespielt, insgesamt toll
gesungen von einem hervorragenden Ensemble mit Thomas Mäthger (der böse
Lindorf), Jana Büchner (als Olympia ein Ereignis),
Edward Randall
(Schwerenöter Hoffmann), Ute Baum (souverän als Muse und Gefährte Niklas),
Valérie Suty (Giulietta), Kerstin Randall (Stella, Antonia),
Jürgen Mutze,
Dietrich Greve, Piotr Bednarski, Chor und Robert-Schumann-Philharmonie mit
Fabrice Bollon.
Es gibt freilich Momente, da ist die Siegert nicht wieder zu erkennen:
Pathos und Rampensingerei im 3. Akt. Männern, die sich vor ihrer Angebeteten
auf die Knie krachen, sollte ohnehin der Operntod gegönnt werden.
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Der Dichter singt das alte Lied
Offenbachs einzige Oper – Premiere einer fantasievollen Inszenierung
Er singt das alte Lied, nichts weiter. Hoffmanns Erzählungen sind
Fantasien von Liebe. Und das Ende vom Lied? Der Mensch geht dran kaputt.
Hoffmanns Erzählungen: drei Frauen – drei Dramen – drei Tote. Aber der gute
Mann selbst ist ja ein Dichter, er bleibt übrig, denn der hat seine Muse,
die wird ihn fortan küssen, die wahre Liebe des Künstlers ist treu.
Na also, es ist wiedermal so richtig Oper. Jacques Offenbachs „Hoffmanns
Erzählungen“ lassen sich seit Samstag in der Chemnitzer Oper hören und
sehen. Neu ist, dass Regisseurin
Arila Siegert alle drei Geliebten
Hoffmanns zu Grabe trägt. Doch das ist konsequent. Sie greift in die Luft
und drückt seiner dritten, der venezianischen Kurtisane Giulietta, einen
Becher Gift in die Hand. Vor ihr ist schon Olympia, das automatisierte
Technik-Monster, kaputt gegangen.
Und Antonia, die bedauernswert ehrgeizige Primadonna, sang erfolglos um ihr
Leben. Giulietta hingegen hatte schon etwas vom künftigen Schluss in die
Szene zu tragen. Sie gondelte mit einem Freier fröhlich über den Canale
Grande aus Hoffmanns Blick- und Schmachtfeld, dazu das berühmteste Stück
Opernmusik Offenbachs, die ohrenbetörende Barcarole. Auch das war logisch.
Gleich darauf verschwindet im Schlussakt die Operndiva Stella ebenso, und
zwar am Arm des einflussreichen Ratsherrn Lindorf. Und mit ihr nun ist
Hoffmann all seine Fantasien endlich los.
Denn Stella ist die eigentliche Liebe des Dichters gewesen, in ihr vereinen
sich Giulietta wie Olympia und Antonia, in ihr sammeln sich all diese
peinvollen Liebesdramen, die Hoffmann erzählend dichtet, bei Wein und Bier,
versteht sich. Und Gesang. Wein, Weib und so weiter. Banal etwa? Nein, die
Oper ist genial. Das Fantastisch-Gespenstische dieses Budenzaubers in
Lutters Weinkeller, der verknallten Obsessionen des Dichters, alles wird
durch die Musik Offenbachs real, zupackend glaubwürdig. Hör- und sichtbare
Dichtung.
Arila Siegert bringt gemeinsam mit dem Ausstatter
Johannes Conen
sinnliche Bilder in Szene, hier ist Klang zugleich optisch erlebbar.
Offenbach charakterisiert das Detail, den Moment des genussreichen Erlebens,
bei ihm geht es nicht um die große Linie oder gar um die durchgängige
Konzeption von Motiven. Dämonisch tragische deutsche Romantik in einem
Berliner Saufkeller, in dem der bunt schillernde E. T. A. Hoffmann wirklich
soff und dichtete, ist französisch erleichtert und dadurch gehoben: Die
Ballade vom Kleinzack am Hofe von „Eisenack“, die Hoffmann am Anfang singt,
wird die Tragik des Ganzen.
Aus dem Dichter wird der „Gespenster-Hoffmann“, der Künstler ist eine Art
Hofnarr, ein verunstalteter Gesellschafts-Clown. Die Studenten in Lutters
Weinkeller warten begierig auf Hoffmanns Lieder und Erzählungen, sie sind
nicht trinkfreudig allein, sie sind literatursüchtig, wenngleich sie den
komplizierten Verstrickungen Hoffmanns in die drei Gestalten einer Frau
nicht problemlos folgen können. Literatur ist eben nicht leicht zu
durchschauen. Bei Goethe noch verarscht Mephisto gewaltig die törichten
Studenten in Auerbachs Keller, bei Jacques Offenbach in Lutters Keller
erwarten sie den Dichter wirklich.
Die Musik wird gut gespielt, Fabrice Bollon am Pult formt mit der
Schumann-Philharmonie plastisch die Klangbilder, die die Szene initiieren.
Gesungen wird gut, es gibt herausragende Leistungen wie die von Jana
Büchner, Thomas Mäthger und von Ute Baum als Muse. Ihre
Rolle ist hier stark profiliert und eindringlich dargestellt, sie verkörpert
das schöne poetische Violinsolo, das Hartmut Schill ihr spielt. Edward
Randall als Hoffmann setzt Impulse mit der Stimme, von seinem
unbeholfenen Spiel geht nichts aus. Es gibt Szenenbeifall, am Schluss wird
reichlich geklatscht. Redlich verdient.
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Gespenstische Fantasien
Oper in Chemnitz: Zur vorzüglichen Inszenierung von Jacques Offenbachs
„Hoffmanns Erzählungen“
Christoph A. Brandner, in: Fuldaer Zeitung, 12.05.04
Wohl dem Manne, dem sich eine Muse zugesellt hat, die ihn nach
unheilvoll-seeligen Irrfahrten im Zauber- und Hexenland der Liebe und
Leidenschaft in ihren weiten Mantel hüllt. Die ihn hinweg trägt aus der
garstigen Welt unerfüllter Sehnsucht in das Reich der Poesie, wo nur
Freudenzähren fließen.
Solches Glück wird im Opernhaus von Chemnitz dem Säufer-Dichter Hoffmann
zuteil, den seine Erzählungen dank der genialen Musik von Jacques Offenbach
zum weltberühmten tragischen Tenorhelden befördert haben.
Während im
originalen Nachspiel aus des Komponisten Nachlass die Muse den vom
Liebesleid Erschlafften zurücklässt, gibt ihm Arila Siegert eine Chance.
Überhaupt zeigt die hochsensible und fantasiebegabte Regisseurin erhebliche
Sympathien für den Künstler und für „Offenbachs späte Spottgeburt aus Traum
und Wirklichkeit, Kunst und Leben“ (Wolfgang Schreiber).
Siegert inszeniert
die Erzählungen als weinverhangenen Tagtraum eines Enttäuschten, was sie in
dem von ihr ersonnenen Vorspiel begründet: Nach einem Streit mit der
angebeteten Sängerin Stella (Olympia, Antonia und Giulietta in einer Person)
fabuliert sich Hoffmann im Kreise der pokulierenden Studenten in ein
dämonisches Reich, das ein Höllenfürst in vielfacher Gestalt regiert.
Arila Siegert beruft sich auf ein Gedicht von Charles Baudelaire aus den
„Blumen des Bösen“, die tödliche Blüten treiben, Hoffmann letztlich jedoch
nichts anhaben können, weil die Regisseurin ihrem Hoffmann die Flucht in
eine Welt außerhalb des Materiellen gestattet. Er wendet sich bewusst von
Stella ab und entscheidet sich für den „Geist des Schönen“, für die Muse als
einzige wahre Liebe.
Im Verein mit dem vorzüglichen Ausstatter Johannes Conen und dem exzellenten
Lichtgestalter Holger Reinke führt Siegert mit ironischen Brechungen in ein
durchaus heutiges Universum, verschiebt den Schwerpunkt von der Realität auf
die Fiktion, gibt in ihrer spannend-unwirklich-unheilvollen Szenografie
genügend Raum für Humor, Tragik, Groteske sowie Absurdes und fasziniert mit
der aktuellen Dämonie der Romantik. Und immer wieder verweist die
Inszenierung auf den Vater des Textes, auf E. T. A. Hoffmann, dessen
Schriften Heinrich Heine als einen „entsetzlichen Aufschrei in 20 Bänden“
deutet.
Diese beunruhigend-beglückende szenische Gespenstersonate lebt aus und vom
Rhythmus und von der Einzigartigkeit der Offenbachschen Musik, die nach dem
Urteil von Siegfried Krakauer „von der Panik des im Finstern verlorenen
Kindes erfüllt ist“.
Unter dem beseelt-exakten Dirigat von Fabrice Bollon lässt die renommierte
Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz Offenbachs Melodien in ihrer
unwiderstehlichen Schönheit erklingen: flexibel in Tempo und Artikulation,
homogen im Wohlklang, klar prägnant und durchsichtig. Der lyrische Ausdruck
steht neben dramatischer Charakterisierung. Bis zum letzten Takt erlebt das
Publikum die unbändig-gezügelte Kraft berauschenden Musizierens. Stets
präsent und sicher auch der Chor (Leitung: Matthias Böhm).
Auf der Bühne erklingen durchweg gute Stimmen, zu denen sich oft auch
darstellerischer Ausdruck fügt, wie bei der vorzüglichen Mezzosopranistin Ute Baum
als deutlich aufgewertete Muse Niklas, bei der koloratursprühenden Jana Büchner als Automatenfrau Olympia, bei der seelenvoll formulierenden
Kerstin Randall als melancholische Antonia, und bei der
sinnlich-berechnenden Giulietta von Valérie Suty, deren Venedig-Akt auf
einer bühnenbreiten Wippe stattfindet. Ein Sonderlob verdient der makellose
Bassbariton Thomas Mäthgers, weil er die enorme Herausforderung von vier
Rollen (Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto, denen er
elegant-geschmeidige Gefährlichkeit gibt) mit Bravour bewältigt. Das kann
man Edward Randall in der mörderischen Titelrolle nur eingeschränkt
bestätigen, denn dem mitunter tenoralen Glanz und der klugen vokalen
Ökonomie stand schauspielerische Unbeholfenheit gegenüber. Allerdings muss
man jedem Hoffmann kleine Schwächephasen zugute halten, zumal er sich mit
drei jeweils „frischen“ Sopranistinnen messen muss und fast ständig
beschäftigt ist.
Dass der Antonia-Akt von einem dämonischen Orchester auf der Bühne begleitet
und kommentiert wird, und dass die Regisseurin auch Giulietta mittels
Gifttrank sterben lässt, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.
Doch nicht nur „Hoffmann“ sollte zu einer Reise nach Chemnitz reizen, dessen
Opernhaus nach dem Zweiten Weltkrieg auferstanden aus Ruinen, dank
mehrjähriger Rekonstruktion und kompliziertem Umbau heute zu den modernsten
Bühnen Deutschlands gehört.
Chemnitz wird zu Recht das „sächsische Bayreuth“ genannt. Was das Haus damit
unterstrichen hat, dass es während der Osterferien den kompletten „Ring“ von
Michael Heinicke präsentierte und ihn im November erneut schmieden wird.
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Größe durch Tränen
Hoffmanns Erzählungen am Chemnitzer Opernhaus
Es ist zwar eher ein Kriterium für Bildende Kunst als für die Bühne, aber
man kann nicht umhin, es festzustellen: Arila Siegerts Inszenierungen passen
in das Chemnitzer Opernhaus, als seien es Installationen für dessen
Innenarchitektur. Es herrschen durchsichtige Helligkeit und klare Linien,
nirgends spürt man lastende Schwere und immer wieder findet sich ein
zärtlich verspieltes Detail.
Genau dies lässt sich für die neue Produktion von Hoffmanns Erzählungen in
Chemnitz sagen. Arila Siegert hat das Stück schnörkellos stringent erzählt.
Das grandiose Werk hat zahllose Aspekte, die man mit Gewinn in den
Mittelpunkt stellen kann, es ist vom Scheitern des Träumers in der
Pragmatikergesellschaft die Rede, von männlichen Bindungsängsten, vom
gefährlichen Suchtmittel Kunst. Siegert inszenierte die Hauptgeschichte:
Hoffmanns schmerzhaftes Durchleben scheiternder Liebe und die Sublimierung
des Leids in künstlerische Werke. Dieses Leiden heißt Desillusionierung bei
der Puppe Olympia, Feigheit vor der Künstlerin Antonia, Scham über
schafsköpfig blindes Verlangen nach der Kurtisane Giulietta. Die Kunst, das
sind Hoffmanns Erzählungen, zuerst live in Lutters Weinkeller, später wird
die Novellenfassung im Arbeitszimmer folgen. „Groß wird man durch die Liebe,
größer durch Tränen“, tröstet die Muse den Erzähler am Schluss.
Bis in die Personage seiner Erzählungen ist Arila Siegert ihrem Helden
gefolgt. Die Bühne wimmelt von hoffmannesken Gestalten. Spiegelbilder werden
lebendig, harmlose Hofräte verwandeln sich flugs in den Teufel in vierfacher
Gestalt, Frauen schweben als schwarze Engel durch schwere Träume, ein
stummes Seelenorchester spielt der besessenen Antonia auf. Johannes Conens
Bühnenbild dient konsequent der Handlung. Drei transparente Wände mit
Durchgängen lassen das in Rahmenhandlung und Rückblenden erzählte Stück
filmschnittartig schnell am jeweils richtigen Ort sein, im Weinkeller oder
bei den jeweiligen Damen.
Tempo, Klarheit und Durchsichtigkeit bestimmten auch Fabrice Bollons
Musizieren mit der Robert-Schumann-Philharmonie. Dass die schwelgerisch
romantische Oper tatsächlich von Jacques Offenbach, dem Komponisten der
blitzenden Ironie, stammt, hört man selten, aber in Chemnitz. Vier
vorzügliche Sängerinnen werden gebraucht, für die Muse und die drei
Geliebten, dazu ein sonorer Bass als hintergründiger Bösewicht, ein
Charaktertenor als Diener in viererlei Gestalt und ein grandioser lyrischer
Tenor für die Titelpartie. Keine und kein einziger waren nicht gut. Ein
bisschen besser waren nur Edward Randall in der Titelpartie, der alles bot,
was verlangt wird: Leidenschaft, lyrisches Dahinschmelzen und
Durchhaltevermögen bis zum Schluss der Riesenpartie. Jana Büchner sang und
spielte die in automatenhafter Bewegung, puppenhafter Erscheinung und
spieldosenmäßiger Gesangstechnik perfekteste aller Olympias, die ich je sah
und hörte. Chemnitz jubelte nach der Premiere.
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Lebendig, romantisch, mitreißend
Hoffmanns Erzählungen feiert Premiere an der Chemnitzer Oper
Manuela Reinhold, Wochenspiegel Chemnitz, 31.03.2004
Ein wahrer Genuss erwartete die Premierengäste am vergangenen Samstag im
Chemnitzer Opernhaus. Hoffmanns Erzählungen bildete eine fesselnde Einheit
aus dynamischem Bühnenbild, überwiegend mitreißenden Akteuren und
stimmungsvollen Melodien. Unter der musikalischen Leitung von Fabrice Bollon
und inszeniert von Arila Siegert versetzt das Ensemble die Zuschauer auf
überzeugende Weise in eine romantische, mitunter phantastische Zeit, in der
der junge Künstler Hoffmann (Edward Randall) in Lutters Weinkeller seine
Geschichten erzählt. Dass sich hinter den drei erdachten Damen mit Namen
Olympia (Jana Büchner), Antonia (Kerstin Randall) und Giulietta (Valérie Suty) einzig und allein die Sängerin Stella verbirgt, ist nur ein Teil der
Geschichte. Spannend: die Rolle der Muse (Ute Baum) in Gestalt des Freundes
Niklas. Er/Sie ist auf seiner „Erkenntnisreise“ stets an Hoffmanns Seite.
Sie als Zuschauer dabei zu begleiten ist eine Freude. Die Melodien aus der
Feder von Jacques Offenbach tragen mühelos von Akt zu Akt, einzig die Pause
hätte zu einem späteren Zeitpunkt ihren Zweck besser erfüllt.
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Nahtlose Übergänge
E.Roßner, in: Opernglas 6/2004, Vorstellung vom 4.April
...Arila Siegerts Inszenierung am Chemnitzer Opernhaus ist interessant, weil
sie im Verbund mit einer unaufwendigen, einfallsreichen Ausstattung von
Johannes Conen schnell verwandelbare Bilder erstellt, die
Wirklichkeit und Vision in der Handlung nahtlos ineinander übergehen lassen
können. Damit erscheinen die drei Frauengestalten Olympia, Antonia und
Giulietta, von denen Hoffmann den Studenten im Weinkeller erzählt,
tatsächlich der angebeteten Sängerin Stella sehr nahe, ihr verwandt...
An choreografisch-gestischen wie dekorativen Ideen mangelt es nicht. Sie
sind recht originell wie die zwei schaukelnden Böden – Venedigs Gondeln und
Wellen andeutend, die jedoch nur funktionieren, wenn einer ständig hin und
her läuft. Oder die an kaum sichtbaren Fäden hängenden Gegenstände, in
die Olympia zielgerichtet hineinfällt und die sie programmiert benutzt, was
mit bewundernswerter Präzision erfolgt...
Jana Büchner führt als Olympia nicht nur exakte Puppenbewegungen vor,
sondern auch lupenreinen mechanischen Gesang, dessen überirdischer Schönheit
man sich nicht entziehen kann...
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Fabelhafte Bilder
Chemnitz zeigt Jacques Offenbachs einzige Oper: „Hoffmanns Erzählungen“
Jenny Zichner, in: Stadtstreicher, 01.05.04
Vorsicht Kunst! Auf der Bühne nur Phantasie, unglaubliche Begebenheiten,
übernatürliche Kräfte. Immer wieder entführen die Erzählungen des Dichters
Hoffmann in absurde Welten voller merkwürdiger Gestalten. Aber
das
Fabelhafte zieht gnadenlos an. Erst recht, wenn Arila Siegert inszeniert.
Zusammen mit Ausstatter Johannes Conen gelingt ihr eine traumhafte
Atmosphäre zwischen Leichtigkeit und Bedrückung. Fast glaubt man sich in
einem farbenprächtigen Cinemascope-Film, wenn sich die Sauf-Kumpane um
Hoffmann scharen und die wilden Geschichten seiner vermeintlichen
Liebschaften hören: Von der entzückenden Olympia, die mit einzigartiger
Stimme verzauberte und doch nur eine Puppe war. Von der leidenschaftlichen
Antonia, die sich zu Tode sang. Und von der eiskalten Kurtisane Giulietta,
die ihm das Spiegelbild und also sein kreatives Alter Ego raubte. Das ewige
Spiel um Liebe und Verdruss schwingt sich zu wunderbaren Bildern auf: mit
altbekannten Liedern und schönen Stimmen. Allen voran brilliert
Jana Büchner
als Olympia. Aber auch Ute Baum als Muse und Thomas Mäthger treiben die
wunderlichen Ereignisse kraftvoll voran. Dagegen macht Edward Randall den
Exzentriker und Künstler Hoffmann zuweilen nur recht vage erlebbar. Dennoch:
ein Opernerlebnis von hinreißender Ästhetik.
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Hoffmanns Geschichte klar erzählt
Offenbachs Oper in Chemnitz gefeiert
von Friedbert Streller (für crescendo) **)
Selten sah man eine so klar entwickelte, vollendet gestaltete Erzählungen
Hoffmanns wie in der Chemnitzer Inszenierung der unvollendet hinterlassenen
Oper Jacques Offenbachs durch Arila Siegert. Kurz und knapp gibt sie anfangs
zu einem Violinsolo die Vorgeschichte. Es ist der Streit es Dichters mit der
Geliebten Stella, die schon hier ihre drei Charaktere offenbart, und dem
„Mephisto“ Lindorf, der durch den Kauf des Versöhnungsbriefes intrigiert,
die Liebe des Paares zerstört. So stürzt er Hoffmann in trunken machende
Verzweiflung, in zynische Verzerrungen des Bildes der Geliebten. Und die
Muse führt ihn zu höheren Taten, leitet seinen Liebesschmerz (am Ende mit
Hoffmann auch bildhaft vereint) zu dichterischer Aktvität.
Mit plastischer Bildkraft eines fantastisch sich variierenden Bühnenbildes
von Johannes Conen samt geisterhafter Personage eines imaginären Orchesters
bei Antonia und wie auf Meereswogen sich bewegenden Spielgrunds im
Venedigbild setzt die Regisseurin sinnfällig ihre Vorstellungen im Geiste
Offenbachs um. Das Chemnitzer Ensemble ohne erkaufte Stars ermöglichte ihr
eine intensive Gestaltung, und sie bot jedem eine effektive Chance, hatte
einen darstellenden Tenor wie Edward Randall als Hoffmann und einen bassigen
Gegenspieler Thomas Mäthger als Lindorf. Beide trugen das Spiel. Mit Jana Büchner als in Koloratur und puppig
faszinierendem Spiel hinreißender Olympia (so etwas sah man noch nie!) hatte
Arila Siegert eine wendige Darstellerin und mit Jürgen Mutze einen
Komödianten in den Dienerrollen, die Akzente setzten.
Insgesamt waren die Leistungen hervorragend und fanden in der schlackenlos
durchgezogenen Inszenierung einen besten Platz. Das Publikum feierte die
Aufführung begeistert, natürlich besonders auch das Orchester unter Fabrice Bollon,
der das Ensemble zu Höchstleistungen inspirierte, operngemäß, wo nötig, operettenhaft,
wenn gefordert, immer aber in treffender Einfühlung.
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Hoffmanns Erzählungen (Vorstellung am 26.05.)
Christoph Suhre, in: Thüringer Kulturspiegel, 01.08.2004
Wohl kaum eine andere Oper hat so viele Bearbeitungen über sich ergehen
lassen müssen wie Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Bei der Generalprobe
strich man den Giulietta-Akt, so dass bereits die erste Vorstellung
Umstellungen mit sich brachte. Ich habe in den letzten Jahren kaum eine
Fassung dieser Oper erlebt, die auch nur annähernd identisch mit den anderen
war. Die Frage nach einer originalen Fassung wird wohl auch in Zukunft
sekundär bleiben – wichtig ist, dass der Ideengehalt des Werkes gewahrt
bleibt.
Eine interessante Lesart stellte unlängst
Arila Siegert mit ihrer Chemnitzer
Inszenierung des Stückes (Premiere war am 27.03.) vor. Die Regisseurin
erzählt das, was sie an dem Stoff bewegt. Sie hat sich ein Vorspiel auf dem
Theater ausgedacht, das als Initialzündung für die Erzählungen von Hoffmann
fungiert. Die gefeierte Operndiva Stella und der Dichter-Komponist Hoffmann
liegen wieder einmal im Clinch. Die Muse beschließt einzugreifen, um
Hoffmann von dieser Frau zu lösen. Hoffmann, durch die Geister des Bieres
und des Weines inspiriert, beginnt zu erzählen. Er erfindet Geschichten, um
subjektiv Erlebtes zu begreifen und zu verarbeiten. Unbewältigtes wird so
bewältigt. An der Seite seiner Muse wagt er einen neuen Anfang.
Ein
kurzweiliger Theaterabend! Vor allem auch deshalb, weil Frau Siegert den
Zuschauer mit Bildern weder überfrachtet noch überfordert. Ihre Inszenierung
ist transparent – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Die von Johannes Conen entworfene Ausstattung markiert mit relativ sparsamen
Mitteln Handlungsorte, ohne sich auf Konkretes festzulegen. Das schafft auch
rasche Verwandlungen. Verblüffend ist für mich in diesem Zusammenhang auch
immer wieder, was die Bühnentechnik des Opernhauses Chemnitz möglich macht.
Man muss sie halt zu nutzen wissen! Die Geschichten seiner drei Geliebten
erzählt Hoffmann in der Reihenfolge: Olympia – Antonia – Giulietta. Jana
Büchner ist die puppenhafteste aller Olympia-Puppen, die ich bislang auf der
Theaterbühne erlebt habe. Sehr diszipliniert trägt sie ihre Koloraturen vor.
Die Partie der Antonia kommt der stimmlichen Entwicklung von Kerstin Randall
sehr entgegen. Ihre Stimme ist voluminöser und ausdrucksstärker geworden.
Das Wesen der ehrgeizigen Künstlerin vermag sie somit treffend zu gestalten.
Als Giulietta erlebten wir Valérie Suty. Mit ausdrucksstarker Stimme und
überzeugendem Spiel zeichnete sie das Bild der Liebe heuchelnden Kurtisane.
Olympia – Antonia – Giulietta – sie alle müssen sterben, um Hoffmann den Weg
an der Seite seiner Muse zu ebnen. Sich und Hoffmann einhüllend, verlassen
die beiden in Eintracht die Bühne. Den Part, den Ute Baum als Muse bzw.
Niklas zu erfüllen hat, ist beachtlich. Und noch beachtlicher ist, wie sie
das gesanglich und darstellerisch realisiert. Eine tolle Leistung!
Dreh- und Angelpunkt der Oper ist natürlich der Hoffmann. Mit Edward Randall
kann das Opernhaus Chemnitz diese Partie mustergültig besetzen. Sowohl vokal
als auch szenisch bleibt er dieser Figur nichts schuldig! Gleiches trifft
auch auf Thomas Mäthger zu, der in den Partien von Hoffmanns Widersachern zu
erleben ist. Mit Jürgen Mutze besitzt das Opernhaus Chemnitz einen
Charakterdarsteller par excellence. Die vier Dienerfiguren sind für ihn
maßgeschneidert. Regine Köbler, Dietrich Greve, Christian Theodoridis,
Roland Glass, die Damen und Herren des Opernchores haben alle ihren
speziellen Anteil am Gelingen der Inszenierung. In der von mir besuchten
Aufführung leitete Michael Korth die Robert-Schumann-Philharmonie. Die
Tempi, die er anschlägt, sind recht rasant. Aber das tut der Inszenierung
keinen Abbruch – ein gelungener Theaterabend!
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Für die Kunst
"frs" in opernnetz.de
Arila Siegert inszeniert ein Spiel der vergebenen Liebe, die bei Hoffmann in
Tränen endet und ihm den letzten verzweifelten Weg in die Kunst lässt.
Johannes Conen baut eine eher kühle Bühne als Kommunikationsraum der
gebrochenen Gefühle. Michael Korth führt die äußerst flexible
Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz zu differenziert-brillantem
Offenbach-Klang.
Die Solisten überzeugen insgesamt mit engagiert-kompetentem
Gesang: Edward Randalls drückt die Qualen des Künstlers eindrucksvoll aus;
Jana Büchner,
Kerstin Randall, Nancy Gibson sind typengerecht bei glänzender Stimme;
Ute
Baums Niklas ist geradezu hinreißend glitzernd; Thomas Mäthgers Lindorf und
Coppelius verfügt über die erforderliche Dämonie; alle Rollen präsentieren
sich in außergewöhnlicher stimmlicher Präsenz, singen das Regie-Konzept zu
beeindruckendem Erfolg.
Das Chemnitzer Publikum ist zunächst verunsichert durch die ungewohnte
szenische Perspektive, akzeptiert den analytisch-emotionalen Zugang aber und
feiert schließlich sein wunderbares Theater!
**)Im Saison-Rückblick der Sächsischen Zeitung
(Dresden) vom 17.Juli 2004 wurde diese Produktion hervorgehoben in den
Kategorien:
(1) Tendenzen