index-
archives
 


konzept

Guter Hoffnung sein

Dresdner TANZherbst.
Im Kleinen Haus erlebt ein
deutsch-arabisches Stück seine Uraufführung.

Uwe Salzbrenner, in "Sächsische Zeitung", 05.Nov. 2005

Glaube, Liebe, Hoffnung ist eine Formel, die besonders in den christlichen Kirchen ihren Ausdruck gewinnt. Mit dem Glauben als Grundlage. Hoffen und Lieben wären leicht auf Falsches gerichtet, wie der englische Dichter T. S. Eliot schreibt, der einst The Waste Land erfand und sich später in den Katholizismus rettete. Überprüfen Frauen diese Formel durch Tanz – die deutsch-arabische Tanzproduktion gleichen Titels wurde am Donnerstag im Kleinen Haus uraufgeführt –, dann zeigt sich, dass die Begriffe sich überschneiden, nicht zu trennen sind. Gut geplant: Es gibt auch keine Pause zwischen den Choreografien.

Des Glaubens hat sich die Ägypterin Karima Mansour auf sparsame Weise angenommen. Aus der Stille führt sie die fünf jungen Dresdner Tänzerinnen in einen Seelenmarsch, in dem sie sich aber nicht halten. Sie laufen, stürzen, stoppen. Kein Laternenlied hilft gegen den Verlust von Körperteilen; als Sternbilder werden sie wieder ganz. Dasselbe Ensemble flüstert sich für die Hoffnung in der Choreografie der Iris Sputh aus einem „Vielleicht“ in die Freiheit. Am Schluss sammeln die Tänzerinnen Kleider für Schwangere – man sagt: Guter Hoffnung sein. Auch bei Sputh ist das Atmen schon Musik. Tempo wird in beiden Choreografien ausdrücklich. Frauen haben Körper, das steht in der Kirchenformel nicht.

Die Liebe ist erfahren

Dazwischen das Solo Arila Siegerts nach Ravels Bolero. Sie erinnert an einen Drehtanz der Dore Hoyer. Siegert beginnt ihre Hommage mit dem vorsichtigen Setzen der Füße, aber sie drückt ihre Vorstellung von Liebe mit den Händen aus, wie sie sich verschränken und lösen. Die verdiente Choreografin, nicht mehr jung und schneidig, sie bleibt bei sich, stolz und ernst. Die Liebe, die sie zeigt, ist erfahren, eine Erfahrung der Veränderung.


Drei Choreographien zu
Glaube-Liebe-Hoffnung im Kleinen Haus

Gabriele Gorgas, in "Dresdner Neueste Nachrichten", 05.Nov. 2005

Wie man es auch dreht, die drei göttlichen Tugenden bedingen sich gegenseitig. Was ist Liebe ohne Glaube und Hoffnung, was wäre Hoffnung ohne Glaube und Liebe und wo bliebe der Glaube ...? Die Idee von Isolde Matkey, drei Choreographinnen sollten jeweils ihre Sicht auf eine dieser Kräfte, die den Menschen durchziehen und verzehren, in Tanz fassen, trägt nun als Uraufführung zum "Tanzherbst" Früchte. Mit Sympathie und viel Applaus hat das Publikum den Abend "Glaube-Liebe-Hoffnung" im Kleinen Haus aufgenommen, die erste Produktion als "neubau"-Gast des Staatsschauspiels in der Spielzeit 2005/2006.

Mit Glaube beginnt die Choreographin Karima Mansour aus Kairo die durchgehend konzipierte Inszenierung, und es ist ihrer Bewegungssprache deutlich anzumerken, dass die mit eigener Company in Ägypten arbeitende Tänzerin und Choreographin vor allem in Europa ausgebildet und geprägt ist. Das bricht vielleicht manche Erwartungshaltung, doch sind es ja letztlich sämtliche Wurzeln und Verzweigungen, ist es Charakter, Erfahrung, Anspruch, die den persönlichen Stil ausmachen. Und dieser ist bei ihr kaum gefärbt von ethnischen oder Zeiteinflüssen. Mit fünf Tänzerinnen aus Deutschland (drei davon aus Dresden) sowie Österreich entwickelt die Choreographin ein speziell auf die Darstellerinnen ausgerichtetes Konzept, das spürbar jede herausfordert, die Gruppe formt. Sie erzählt ohne Pathos, Schwere und Überzeichnung, mit großer Ernsthaftigkeit davon, wie viel Liebe und Hoffnung im Glauben liegen, vor allem aber Vertrauen. Und zeigt eine stimmige Komposition in Raum und Bewegung, mit Gewachsenem, Gewohntem, der Lust zum Ausbrechen, mit Aggressionen und dem Zurückziehen in Einsamkeit. Über das nur scheinbar unspektakuläre Geschehen lässt sich nachdenken, Bilder prägen sich nachhaltig ein.

Das Hohe Lied der Liebe hat Arila Siegert mit ihrem Solo zu Ravels "Bolero" einem höchst aufreizenden musikalischen Werk zugeordnet, und dennoch liegt man falsch im Gedanken, die erfahrene Tänzerin und Choreographin werde sich nun, zumal vor einer intensiv leuchtendroten Wand, hinein steigern in einen gelösten sinnlichen Rausch. Sinnlich auf ihre Weise schon, aber weniger gelöst und auch nicht rauschhaft. Im begrenzten Radius des Lichtkreises, der alles Umliegende fast ausblendet, bewegt sie sich permanent um die eigene Achse. Tritt mit fast zögernden Schritten auf der Stelle, zeichnet in der Drehung mit Armen, Händen, dem ganzen Körper Bilder in den Raum. Unschwer zu erkennen, die Liebe aus Affectos Humanos von Dore Hoyer, doch sie verwandelt den Schwanenkopf in eine Schlange, die sich um ihren Nacken windet und nahe dem Ohr unhörbar zu zischeln beginnt.
Überhaupt erinnert das Solo auf besonders an die Gläserne Frau im Hygienemuseum, nur im Gegensatz zu der starren, entblößten Figur gibt Arila Siegert nicht ihr funktionales Innenleben preis, sondern assoziiert anfechtbar all das Widersprüchliche, das einem Menschen auf seiner Lebensspirale widerfährt. Zur Liebe gehören bei ihr ebenso Erhabenheit, Schmerz, Straucheln, das Wiederaufrichten und Sichbehaupten, und sie zitiert aus dem eigenen und rekonstruierten Bewegungsreservoir der anderen. Ihr gutes Recht, zumal im Kleinen Haus, wo sie einst als Ein-Frau-Tanztheater zum Staatsschauspiel gehörte und mit Abschied und Dank von Mary Wigman wie diese Dresden mit zwiespältigen Gefühlen verließ. Ihr Solo ist kein Wonnespiel, sondern etwas, was einem den Hals zuschnürt, man spürt genau, dass diese Frau Persönlichkeit kraft ihrer Überwindung ist, auf sich selbst gerichtet wie auf andere.

Es ist vielleicht riskant, macht aber auch Sinn, dass der Abend den Zuschauern überhaupt keine Atempause lässt, und so geht es nahtlos weiter zur dritten göttlichen Tugend. Mit Iris Sputh, die schon lange in Berlin lebt aber aus Dresden kommt, ist für die Hoffnung eine Choreographin gewonnen (man erinnere sich nur an Produktionen im TIF oder diverse Schauspiel-Choreographien), die skurril und mit feinem Witz Geschichten erzählt. Erneut sind auf der Bühne die bemerkenswerten fünf Tänzerinnen zu erleben, und obwohl Iris Sputh sich in Bewegung und Erzählweise von Karima Mansour unterscheidet, hat man das Gefühl, die Darstellerinnen zeigen jetzt nur eine andere Seite ihres Wesens. Eben die Hoffnung, die sich auf den Glauben in die Liebe gründet, laut Paulus unter den Tugenden die größte.
Das Stück beginnt gleich mit Chaos, und wie aufgescheuchte Hühner verlieren und sammeln die Frauen Wäschestücke ein, darunter auch manche noch von den Glaubenden, und schaffen schließlich mit Kehrbesen Ordnung. Die roten Bürsten werden für eine unter ihnen zum spanischen Kragen, sie schrubben mit rhythmischer Hingabe den Boden, die Stiele dienen als Schaukel sowie gegenseitige Stütze und sie helfen sich beim Überqueren unwegsamer Hindernisse. Ein schönes Bild, wie die Wäsche individuell "aufgereiht" ist und im lustvollen Drehen wieder verstreut wird. Und irgendwie auch tröstlich, dass in der Konsequenz des Treibens dieses letztlich darin gipfelt, alles Greifbare in froher Hoffnung zu beachtlichen Bäuchen heranwachsen zu lassen und dem Publikum stolz zu präsentieren.


Tugenden in guter Hoffnung

Gastspiel mit Dresdner Tanzproduktionen im Staatstheater Cottbus

Gabriele Gorgas, in: Lausitzer Rundschau 14.11.2005

Eines haben die drei göttlichen Tugenden „Glaube – Liebe – Hoffnung“ gemeinsam – sie bedingen sich gegenseitig. Auf sehr verschiedene Weise, in differenzierten Gewichtungen und Konstellationen. Und ebenso verweben die drei Choreografinnen, die beim Gastspielabend am Wochenende im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus ihre jeweiligen Sichten darauf erlebbar machen, sie als den Menschen durchsonnende wie verzehrende Tugenden sinnfällig miteinander.

Karima Mansour aus Ägypten entwickelt zum Auftakt der durchgehend konzipierten, damit das Publikum auch irritierenden Aufführung, ein in sich konsequentes, scheinbar unspektakuläres Geschehen. Mit fünf Tänzerinnen aus Deutschland und Österreich, die speziell für diese Dresdner Produktion ausgewählt wurden, zeichnet sie wie in einer rhythmisch anschwellenden Woge der Empfindungen und Situationen: Frauen auf der Suche nach einem gangbaren Weg für sich. In der Zuordnung, Geborgenheit, in sozialen Bindungen, der Lust an freier Entscheidung, dem unbedingten Glauben in Liebe und Hoffnung. Die in Europa künstlerisch geprägte, in Kairo mit eigener Gruppe arbeitende Choreografin verzichtet dabei auf vordergründige Bilder, erzählt ohne Pathos und Überzeichnung mit Ernsthaftigkeit davon, dass der Glaube für sie vor allem Vertrauen ist. Was vielleicht unserer einseitigen Vorstellung vom Dasein der Frauen in arabischen Ländern widerspricht, ihr Leben sei zwangsläufig Unterwerfung.

Eine höchst eigene, berührend eindringliche Sicht auf die Liebe mit allem, was an Höhen und Tiefen dazu gehört, den Menschen schicksalhaft beglückend widerfahren kann oder unendlich schmerzhaft zu Boden drückt, zeigt Arila Siegert (Dresden/Berlin) mit ihrem Solo zu Ravels „Bolero“. Schutzlos, dem Publikum, der Musik ausgesetzt und dennoch ganz bei sich selbst, dreht sie sich im langsamen Schwingen des Körpers vor leuchtendrotem Hintergrund um die eigene Achse, ist Hohepriesterin ebenso wie gramgebeugte Frau, eine Künstlerin auf der unausweichlichen, unerbittlichen Drehbühne des Lebens.

Fast hätte man schwermütig werden können, wenn es da nicht noch die Hoffnung gebe, und dazu hat Iris Sputh, die aus Dresden kommt und in Berlin lebt, ein Stück Himmelblau mit liebender Zuversicht assoziiert. „Vielleicht sehne ich mich nach Ketten von dir, doch belebend ist die Freiheit von dir“, wirft sie als Gedanken einer irakischen Dichterin ins Spiel, und das permanente „vielleicht“ prägt ihre Choreografie mit schöner Launigkeit. Besagte fünf Tänzerinnen wirbeln mit roten Kehrbesen über die Bühne, schrubben mit rhythmischer Hingabe den Boden; die Stiele dienen als Schaukel sowie gegenseitige Stütze, und sie helfen sich beim Überqueren unwegsamer Hindernisse. Ein schönes Bild, wie die Wäsche „aufgereiht“ im lustvollen Drehen der Stangen wieder überall verstreut wird. Und auch tröstlich, dass in der Konsequenz das Treiben letztlich darin gipfelt, alles Greifbare in froher Hoffnung zu beachtlichen Bäuchen heranwachsen zu lassen und dem Publikum stolz zu präsentieren.

Das reagierte auf den Abend sehr freundlich, aber der große Zuschauerraum – nur spärlich besetzt – lässt eine Hochstimmung kaum aufkommen.