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konzept

Viel Beifall für Janáčeks Oper
„Makropulos“ in Neustrelitz

Bravorufe erntet Regisseurin Arila Siegert
für ihre Inszenierung von Janáčeks „Sache Makropulos“.

Ein rundum gelungener Abend in Neustrelitz.

Von Michael Baumgartl, in: Nordkurier, 19.05.08

Ewig leben! Seit den Menschen dieser Wunsch bewusst geworden ist, warnt sie die Stimme der Kunst vor den Verhängnissen solcher Anmaßung. Dennoch forscht die moderne Medizin mit ungebremstem Elan daran, den Alterungsprozess hinauszuzögern und einen natürlichen Tod immer weiter nach hinten zu schieben.

Damit erschließt sie sich keine neuen Felder, denn in einer Komödie des tschechischen Dichters Karel Čapek entwickelt bereits der Hofmedicus von Kaiser Rudolf II., Hieronymus Makropulos, eine Rezeptur, die das Leben bei bleibender Jugendlichkeit um 300 Jahre verlängert. Čapeks Landsmann Leoš Janáček machte aus dem Sujet eine Oper mit dem Titel „Die Sache Makropulos“, die am Ende der 300-jährigen Lebensverlängerung spielt.

Unter langem, begeistertem Applaus erlebte die Oper am Samstagabend ihre Premiere im Großen Haus des Landestheaters Neustrelitz. Dort spielt Larysa Molnárová die Sängerin Emilia Marty, die als Tochter des Leibarztes an Rudolfs Kaiserhof probehalber die Rezeptur einnehmen musste und danach mit der Formel floh. Nun, am Ende der Wirkungszeit des Rezeptes, greift sie in einen über Generationen währenden Erbschaftsstreit ein, um zur Erneuerung der Wirkung das Rezept wieder in die Hände zu bekommen. Es war hundert Jahre zuvor in den Briefwechsel mit ihrem damaligen Liebhaber geraten.

Die Berliner Regisseurin Arila Siegert, die bereits für ihre Holländer-Inszenierung in Neustrelitz viel Beifall bekam, errang sich auch mit dieser neuerlichen Arbeit kräftige Bravorufe in der Residenzstadt. Es ging ihr nicht darum, Verwirrendes dem Zuschauer zu erklären. Vielmehr schuf sie zur Darstellung des Verwickelten, in dem stets mehrere Jahrhunderte miteinander verknüpft sind, schöne, aufregende und einprägsame Bilder.

Da strampeln namenlose schwarze Gestalten sich auf einem imaginären Lebensweg ab, stürzen, springen auf, strampeln weiter. Dann fallen sie in den Bühnenraum ein, den der Bühnenbildner Hans Dieter Schaal zu einer zeitlosen Anwaltskanzlei gestaltet hat, und eignen sich Kostüme der kaiserlichen Vorgeschichte an, mit denen auch später der Ausgangspunkt wieder in den Verlauf der Geschichte eingreift.

Eine zeigerlose Uhr steht für den Griff nach der Ewigkeit. Doch wird die Uhr vom Tod gehandhabt, denn nur außerhalb des Lebens gibt es Ewigkeit. Nach der sehnt sich Emilia schließlich und vertraut sich dem Tod an, der mit den graziösen Bewegungen und der stummen, ernsten Erscheinung von Sören Swart eine erlösende Unbedingtheit erhält, die man nicht fürchten muss. In dieser durchchoreografierten Figur des Todes wie in manch anderen gestisch wohlgeformten Details äußert sich das künstlerische Vorleben der Regisseurin als Balletttänzerin und Choreografin.

Die Molnárová fasziniert mit ihrer Stimme vor allem, wenn sie das Mezzotimbre aussingen kann. Ihrem ausdrucksvollen Spiel aber, dessen schnell wechselnde Mimik das unbegreifliche Seelenleben der 336-jährigen, nach wie vor jungen und schönen Emilia Marty nach außen kehrt, kann man sich nicht entziehen.

Das Spiel des mexikanischen Tenors Francisco Almanza, der als Gregor schweißüberströmt um sein Erbe streitet, schien daneben blass und stimmlich angestrengt. Michael Junge sang den Prozessgegner Prus mit kraftvollem Klang und hintergründiger Verschlagenheit. Eine reizvolle komödiantische Studie mit tragischem Hintersinn lieferte Sigurd Karnetzki als Hauk-Schendorf.

Hinter einem durchsichtigen Vorhang spielte auf der Hinterbühne die Neubrandenburger Philharmonie unter der Leitung von Chefdirigent Stefan Malzew. Eine gute räumliche Anordnung, den Farbreichtum und die klangliche Fülle der groß besetzten Partitur hörbar zu machen und dennoch den Singstimmen Begleitung zu bleiben. Das ist Malzew mit seinem Orchester bestens gelungen.


Janáček-Oper fantasievoll inszeniert

E. OCHS, Ostseezeitung, 19.01.2009 über das Gastspiel in Stralsund

Stralsund (OZ). Operngastspiele sind eine Rarität. Schade deshalb, wenn hoch qualifizierten Gästen für exquisite Beispiele eindrucksvollen Musiktheaters verdiente Publikumsresonanz versagt bleibt. So etwa beim Besuch des Theaters Hof mit Ullmanns „Der Sturz des Antichrist“ (1935) vor Jahresfrist in Greifswald oder dem der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz mit Janaceks „Die Sache Makropulos“ (1925) vom vergangenen Wochenende in Stralsund.

Hieran könnte man weitreichende Spekulationen knüpfen – von der Last der Tradition, dem Sich-Verweigern des Neuen bis hin zu den Folgen eines vom Kultusministerium geplanten „entorteten“ und deshalb für die so wichtigen lokalen Befindlichkeiten des Publikums kaum noch relevanten „Kulturkooperationsraum“-Reisetheaters . . . Immerhin gab es auch beim Stralsunder Gastspiel begeisterte Zustimmung. Der Tscheche Leoš Janáček (1854-1928) gilt als herausragende Persönlichkeit originellsten und dramatischsten Musiktheaters, wofür die Gäste aus Neubrandenburg (Philharmonie unter Stefan Malzew) und Neustrelitz (Sängerensemble) mit „Die Sache Makropulos“ den eindrucksvollen Beweis lieferten.

In der fantasievollen Inszenierung Arila Siegerts war ein Janacek zu erleben, dessen außerordentliche interpretatorischen Anforderungen man mit bemerkenswerter Souveränität bewältigte. Dies war Voraussetzung für die glaubwürdige Darstellung einer nicht unkomplizierten Geschichte und jener besonderen, auf tschechischer „Sprachmelodik“ beruhenden, hochexpressiven Komponierweise, die in dieser Verdichtung Janáčeks ureigenes Charakteristikum ist.

In Stralsund hat man die hierin liegende Spannung durchgängig vermitteln können – auch wenn wohl nicht in jedem Fall und sofort die verwickelten Zusammenhänge eines so spannenden wie ungewöhnlichen, auch komödiantischen Sujets (nach Karel Capek) klar wurden: ein Erbschaftsstreit, in den sich eine 337 Jahre alte Sängerin einmischt, um an jene alchimistische Formel zu gelangen, die ihr einst zuzeiten Kaiser Rudolfs II. diese Langlebigkeit ermöglicht hat. Die Botschaft: Der damit verbundene Verlust an menschlichen Werten ist zu groß, Sterblichkeit ist – nach sinnbestimmtem Leben – vorzuziehen. Die Formel wird verbrannt; niemand will sie mehr haben, und die Sängerin kann sterben.

Fazit des Abends: knappe zwei Stunden außerordentlich starker Musik sowie einer beeindruckenden orchestralen und, hier nur pauschal benennbar, sängerischen Ensembleleistung.


In der japanischen Opernzeitschrift Ongakugendai, Ausgabe August 2008, erschien eine Besprechung der "Sache Makropulos" zusammen mit der ersten Arbeit von Arila Siegert in Neustrelitz, dem "Fliegenden Holländer".
Die Kritikerin Chihoko Zeisberg-Nakata die "logische Durchdringung der Werke ohne billige Aktualisierung" lobt und sich wünscht, solche Inszenierungen auch "an den großen Häusern" zu sehen. Auch lobt sie die "erstaunliche Qualität der musikalischen Ausführung", die sie im Einzelnen beschreibt.