Zur Premiere bei der Expo, 9.Juli 2000
Dramatisch expressiv und betörend schön
Der Meister und Margarita auf der Expo
Andreas Waczkat in der Ostsee-Zeitung, 11.Juli 2000
Mit der Produktion von
Sergej Slonimskis Kammeroper Der Meister und Margarita
hat das Rostocker Volkstheater eine äußerst beeindruckende künstlerische
Visitenkarte auf der Expo abgegeben. Als eines von fünfzehn bundesdeutschen
Theatern im Deutschen Pavillon porträtiert, brachte das Ensemble in einer
Inszenierung von Arila Siegert das im kommunistischen
Russland unterdrückte Werk zu seiner deutschsprachigen Erstaufführung: Nach
öffentlicher Generalprobe am Samstag fand die mit Begeisterung aufgenommene
Premiere am Sonntag Abend statt - trotz zeitgleicher prominent besetzter
Konzerte des Ensemble Modern oder der Klarinettistin Sabine Meyer übrigens vor
ausverkauften Rängen.
Ein vehementer Fürsprecher dieser Oper nach der gleichnamigen,
seinerzeit ebenfalls auf der Zensurliste stehenden Romanvorlage von Michail
Bulgakow, ist Rostocks ehemaliger Generalmusikdirektor Michail Jurowski.
Dass Jurowski nach der Uraufführung vor rund zehn Jahren nun auch die
musikalische Leitung dieser Inszenierung übernommen hat, darf man getrost als
Glücksfall bezeichnen: Slonimskis Tonsprache, die mit geringen Mitteln eine
gewaltige Palette von Stimmungen erzeugt, findet in Jurowski einen hoch
sensiblen Sachwalter. Höchste dramatische Expressivität, skurriler Humor, auch
einfach nur betörend schön klingende Passagen wechseln auf engstem Raum einander
ab. In äußerst durchsichtiger Instrumentation erwartet die Musik damit von den
zwanzig Orchestermusikern hohe Virtuosität ebenso wie bisweilen geduldiges
Warten auf den nächsten Einsatz. Der Meister und Margarita ist ein tief
religiöses Werk. In zwei parallelen Handlungssträngen erzählt es von dem
Meister, der einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben hat und sich dafür
vehementer atheistischer Kritik ausgesetzt sieht. Der zweite Handlungsstrang
gehört dem Aufgeschriebenen: Der Kreuzestod Jesu Christi, die Schuld des Pilatus
und seine verspätete Reue. Bevor sich beide Stränge am Ende zu einer wahren
Apotheose treffen, bewegt sich nur der Teufel in Gestalt des Magiers Voland
zwischen ihnen, mit dem Margarita einen Pakt schließt. Sie wird zur Hexe und
ermöglicht durch ihr (zeitweiliges) Opfer die Rettung des geliebten Meisters.
Arila Siegert inszeniert das surreale Nebeneinander ebenfalls in zwei
Ebenen. Flankiert von der realen Welt des Meisters zur Linken und Margaritas
zur Rechten, ereignet sich die ungleichzeitige Gegenwart in einem abstrakten
Raum in der Bühnenmitte. Drei bewegliche Wände und ein Gazevorhang genügen
hier, um eine Vielzahl verschiedener Situationen zuzulassen. Gemeinsam mit der
Bühnenbildnerin Marie-Luise Strandt gelingt der Regisseurin
eine intensive und äußerst sinnfällige Umsetzung des dramatischen Konzepts.
Unterstrichen wird dies noch durch die Live-Malerei von Helge Leiberg,
der mit Wasserfarben auf projizierten Folien das Bühnenbild und seine Stimmung
im Wortsinne ausmalt und damit für einen hohen sinnlichen Reiz sorgt. Neben
der eindrücklichen Inszenierung hatte die musikalische Umsetzung maßgeblichen
Anteil am Erfolg des Projekts. Neben den famosen Solisten des Orchesters
bestachen die Sänger mit ausgezeichneten Leistungen. Aukse Bulkiene
gab eine anrührende Margarita und ließ großes Potenzial erkennen: Großer
Beifall war ihr nicht nur deswegen sicher, weil sie die einzige weibliche
Rolle in dieser ansonsten ausschließlich männlich dominierten Oper hatte.
Olaf Lemme als Meister, Tomas Möwes als
Voland und besonders Thomas Oertel als Jeschua verdienten
sich ebenso reichlichen Beifall in einem insgesamt auf sehr hohem Niveau
ausgeglichenen Ensemble. In der Summe: ein sehr anspruchsvolles
Theater-Porträt - die Expo macht's möglich.
Beklemmende Choreografie
S.Slonimskis Meister und Margarita im Deutschen Pavillon
...Der Glücksfall einer aus musikalischer Überhöhung
gespeisten Literaturoper wurde durch die szenische Präsentation so nachhaltig
verstärkt, dass das hervorragend besuchte und viel bejubelte Gastspiel des
Volkstheaters Rostock deutlich in Erinnerung haften bleiben wird...
...Vom Bühnentanz kommend inszenierte Arila Siegert diese
Kammeroper, die sich von schaler Veroperung löst und immer wieder auf extrem
kammermusikalische Gestik sich beschränkt als beklemmende Choreografie von
Raumdispositionen und Bewegungsabläufen...
Manuskripte brennen nicht
S.Slonimskis Bulgakow-Oper Der Meister und Margarita auf der Expo
Bernd Feuchtner in Opernwelt Heft 9/10 (Sept./Okt.2000)
So mühsam ... ein Besuch der Hannoveraner EXPO ... auch ist, immer wieder findet man
dort durch Zufall doch Ereignisse der Sonderklasse....
Slonimski war ein Querkopf..., der mit der Zwölftonmusik experimentierte, als
sie noch immer als westlich-dekadent verurteilt wurde.... Schostakowitsch
hielt viel von dem jungen Kollegen, er lobte die Oper... Er hatte den
verwandten Geist erkannt, einen spekulativen Musiker, der die russische wie
die europäische Kultur philosophisch reflektierte. An "Der Meister und
Amrgarita" begeisterte Slonimski vor allem die Verschränkung russischer und
deutscher Literatur - Gogol und Dostojewski auf der einen Seite, Goethe und
E.T.A.Hoffmann auf der anderen satnden Pate bei diesen wunderlichen
Ereignissen in der schlimmen Zeit der Sowjetunion... Bemerkenswert die
Schlichtheit der Mittel, denn eigentlich hat Slonimski eine Anti-Oper
geschrieben, eine Kammeroper für kleines Ensemble, das zudem sehr selten
seinen vollen Klang zeigt.
Der kleine Studiosaal gibt die Einfachheit der Szene vor.
Marie-Luise Strandt hat einen Guckkasten ohne Deckel bauen
lassen, dessen beide Seiten beweglich sind, und für die Akteure hat sie Kleidung
entworfen, die dem heutigen Alltag nahe ist und vor allem ins Lehmfarbene
spielt. Das erweist sich als nützlich für ein weiteres ungewöhnliches Element
dieser Aufführung: Der Maler Helge Leiberg zeichnet während des
Spiels spontan mit Aquarellpinsel auf eine Overhead-Folie und gibt damit
zurückhaltende, bisweilen auch deutliche Kommentare zum Geschehen... Wie Leiberg
die Inszenierung übermalt, so könnte man auch von einer Übermalung von Bulgakows
Roman durch Slonimski sprechen. In jedem Fall ist es eine szenische Meditation
über Motive des Romans... Michail Jurowski leitet das kleine
Ensemble mit Klarheit und Nachdruck an. Zwei der Musiker dürfen als Trabanten
Volands sogar mit auf die Bühne: Hans-Michael Westphal und Thomas Freiwald
führen damit eine elegante ironische Brechnung ein. Die Choreografin
Arila Siegert lässt dies alles mit der gleichen noblen Zurückhaltung
spielen. Um so mehr wirken die dramatischen Gelenkpunkte, bei denen
Thomas Oertel (Jeschua) und Bernd-Michael Krause
(Judas) besonders berühren.... Carsten Sabrowski gestaltet
Pilatus, vielleicht die interessanteste Figur der Oper, sehr souverän, er wird
allenfalls von Thomas Möwes als undurchsichtigem Voland
übertrumpft.
Olaf Lemme gestaltet die Leidensfigur des Meisrters gewiss mit
Nachdruck, die stärkste Wirkung geht dennoch von Margarita aus, die
Aukse Bulkiene mit stimmlicher Intensität und Sicherheit als reife,
emanzipierte Frau darstellt, die vor keiner Exzentrizität zurückschreckt, wenn
sie nur ihre Liebe rettet - die ewige, selige Liebe, an die sie unbedingt
glaubt. Nun, am Ende... bekommt sie ja auch, was sie will. Der Meister erhält
von Voland seinen Roman zurück... Und Margarita erhält ihren Meister,
jauchzend in den höchsten Tönen... Dann können die beiden Bühnenflanken
zugeklappt werden, der Meister und Margarita verschwinden im Schrein ihrer
Privatheit.
Der Teufel kommt nach Moskau
Dt.EA von Sergej Slonimskis Oper Der Meister und Margarita bei der Expo in Hannover
Die umfangreiche Beteiligung ostdeutscher Bühnen beim Zyklus "Theaterporträt" im
Deutschen Expo-Pavillon darf man als Wertschätzung verstehen. Freilich können
all die Auftritte der Theater aus Cottbus, Meiningen oder nun letzten Sonntag
das Volkstheater Rostock mit ihrem Erfolg auch darüber hinwegtäuschen, dass in
den neuen Ländern immer mehr Bühnen geschlossen werden. Mecklenburg-Vorpommern
hat von einst fünf Dreispartentheatern lediglich zwei erhalten, die Schweriner
Philharmonie ist heute schon fast vergessen, und das leidlich verschonte
Rostocker Ensemble wartet weiter auf sein dringend nötiges neues Haus. Das
Rostocker Theater gilt als kreativ, die Norddeutsche Philharmonie hat unter
Michail Jurowski, der inzwischen nach Leipzig gewechselt ist, einige Güte
erlangt. Den Auftritt auf der Weltausstellung verdanken die Hansestädter zudem
ihrem ungewöhnlichen, von Jurowski initiierten Projekt: Arila Siegert
inszenierte die deutsche Erstaufführung einer Oper des russischen Komponisten
Sergej Slonimski nach Michail Bulgakows faustischem
Fantasieroman "Der Meister und Margarita". 1991 fand in Dresden zwar bereits
eine Aufführung statt, doch nur "halb konzertant" (Slonimski) und ohne
wesentlichen Nachhall.
Den Romanstoff für die Bühne zu bearbeiten ist heikel, weil
seine Eigenart gerade in der vielgestaltigen Verzahnung verschiedener Ebenen
besteht. Ungeachtet der Schwierigkeiten hat der Stoff mehrmals als Vorlage
gedient, unter anderem stellten York Höller 1989 in Paris und Rainer Kunad 1986
in Karlsruhe Opernfassungen vor, letzterer in der Regie von Jurij Ljubimow,
dessen Version am Moskauer Taganka-Theater den Roman mit berühmt gemacht hat.
Slonimskis Oper war die früheste, schon 1972 vollendete er die Partitur.
Anschließend freilich versenkte er sie bis 1989 in der Schublade, nachdem
Leningrader Kulturfunktionäre heftig gegen das Werk polemisierten und ein Verbot
anstand. Slonimski begriff die Vorwürfe immer als repressiv-kulturlos, aber er
bekennt auch, dass sie weder ausbleiben konnten noch sollten: "Dass da einer aus
dem Roman immer das Politischste, Kritischste, Satirischste herausnimmt, durfte
nicht sein", meint er in Hannover. So wiederholte sich an Slonimskis Oper jener
jahrzehntelange Verschluss des fertigen Werkes, den zuvor schon Bulgakows
Romanvorlage erlitt. Eben in Slonimskis Bündelung des Politischen aber besteht
auch die Schwäche seiner Kammeroper. Herausgefallen ist fast alles, was die
Sinnlichkeit bei Bulgakow erst ausmacht. Bulgakow beschreibt den Einbruch des
Teufels in das bolschewistische Moskau der 20er-Jahre als ein Fegefeuer der
Buntheit, des Märchenhaften, der Lust und auch der Gewalt. In diesem Moskau lebt
Bulgakows "Meister", ein Autor, der innerhalb des Romans seinerseits ein Buch
schreibt, einen historischen Roman, in dem der stille Glaube Jeshuas an den
guten Menschen zwar der irdischen Ratlosigkeit Pontius Pilatus und den
Einflüsterungen des Hohepriesters unterliegt, aber doch das Stärkere scheint.
Der Meister selbst verbrennt bei den ersten Anfeindungen der
Literaturfunktionäre seinen Roman und landet wie sein opportunistischer Kollege
Iwan Hauslos in der Irrenanstalt. Frei kommt er erst, als seine Geliebte
Margarita sich beim Teufel als Hexe andient und beide all jene Bürokraten,
Gauner, Kleinbürger bloßstellen, strafen, verlachen, die bisher auf fremde
Kosten schleckten.
Slonimski sieht das als antik tragödisches Geschehen. Entsprechend stattet er in der
Oper jede Figur mit einem instrumentalen Doppel aus - das Cello für den
Meister, Geige und Harfe für Margarita, die Klarinette für den Statthalter und
so fort -, die als Seelenspiegel der Personagen monodische Linien zu langen
Dialogen spinnen. Von ferne erklingt dazu gelegentlich ein himmlischer Chor
vom Band. Oft geht all das sehr gemessen, auch bei Konflikten eher erzählend
voran. Erst spät wird der Tonsatz dichter und auch mal schroff, fast grell bei
der Kreuzigung Jeshua und dem grotesken Höllenball, den Arila Siegert
neben das Verrücktwerden des Meisters stellt. Aber es fehlt der Oper, obgleich
die 18 Musiker unter Jurowski prägnant, mit Engagement und ideenreich spielen,
an Zauber und Pracht. Denn Bulgakow schuf neben der inhaltlichen auch eine
stilistische Mehrschichtigkeit, setzte neben die antikisierende Welt jene von
Glamour und Fantasie - ein nicht minder politischer Gegenentwurf zum
puritanischen Vulgäratheismus der Bolschewiki. Die Befreiung, die das auch für
Bulgakow selbst bedeutete, gelingt Slonimski, bis heute ein leiser, fast
schüchterner Mensch, offenbar nicht. Er bleibt in der Reflexion des
repressiven Staates gefangen und kann oder will dabei nicht lachen. Arila
Siegerts Inszenierung und die sparsame, zugleich intelligente Ausstattung von
Marie-Luise Strandt mildern dieses Konzept einerseits ab,
andererseits bedienen sie es. So ist Siegerts Teufel kein verschmutzter
Stubenhocker wie bei Bulgakow, sondern nur einseitig adrett und aufrecht wie
ein Rechtsprofessor. Dagegen zeichnet sie den "vernünftigen" Literaten Berlioz
als primitiven Proleten. In Gestalt der zwei Musiker gewinnt Siegert immerhin
die lakonischen Teufelsgeister Kater Behemot und Korowjew, von Slonimski nur
instrumentiert, für die Bühne, doch wirkungsarm.
Für die antike Parallelerzählung stellt Strandt einen
Dreieckskasten mit klappbaren Wänden ins Bühnenzentrum, die Gegenwart spielt auf
den Über Projektoren leuchtet der Maler Helge Leiberg zudem
live gemalte naive Zeichnungen auf die Bühnenflächen, die so symbolisch
eingesetzte wechselnde Farben und einige zeichenhafte Striche erhalten, etwa ein
Gitter, wenn den Pilatus wieder Kopfschmerz plagt. Das ist schlicht, aber für
die Bewegung der Inszenierung gut, zumal alle außer der hellblau gekleideten
Margarita blasse, weiße, graue oder grüne Kostüme tragen. An Kleinigkeiten zeigt
Siegert, wie es in den Personen aussieht, wie sehr sich etwa auch die Höflinge
beider Zeiten gleichen. Was die Inszenierung schließlich auszeichnet, sind
etliche sehr gute Sänger und Darsteller, allen voran die junge Litauerin
Aukse Bulkiene als naiv-laszive Margarita, Thomas Möwes
als selbstgewisser, delikater Voland und Carsten Sabrowski als
grüblerisch-jähzorniger Pilatus.
Die Frage nach Schuld, Verrat und Verzeihen
Meister und Margarita auf der Expo
Das Bühnenbild wechselt ständig - und kommt doch fast ohne Requisiten aus. Die
Schauspieler sind grau gekleidet und überzeugen durch ihre Stimmen...
Die rund
300 Zuschauer belohnten die Inszenierung der Berliner Regisseurin
Arila Siegert mit lang anhaltendem Applaus... Mit ihrer modernen
Inszenierung will die Regisseurin zeigen, wie ein Mensch seine schöpferische
Kraft entfaltet und in die Tat umsetzt. Die Handlung wird durch den sich
ständig verändernden Bühnenhintergrund unterstützt. Der Maler Helge
Leiberg entwickelt das Bild während der laufenden Aufführung mit
einfachen Pinselstrichen, die mit einem Oberlichtprojektor auf die Wände
geworfen werden.
Meister und Margarita
...dass großes Theater nicht unbedingt mit der Größe des Theaters korreliert, zeigte das Volkstheater
Rostock mit der Deutschen Erstaufführung von Sergej Slonimskis Meister und
Margarita... Rostocks ehemaliger GMD Michail Jurowski ... war
maßgeblich an der deutschen Fassung der Oper beteiligt... Slonimski findet für
den Stoff eine kongeniale Tonsprache... Ein...Glücksfall für das Werk ist
seine szenische Umsetzung durch ... Arila Siegert. Ihre choreografische
Personenführung ... verstärkt den Ausdruck von Text und Musik zusätzlich.
Marie-Luise Strandts nach allen Seiten offene Bühnenbilder ließen noch
Platz für eine weitere Sensation. Der Berliner Maler Helge Leiberg
malte "live" während der Vorstellung Aquarelle auf Overhead-Projektoren, die
auf diese Bühnenbilder projiziert wurden. Ein frappierender Effekt... Auch die
Sänger ließen keine Wünsche offen... Insgesamt
boten die Rostocker einen intensiven Theaterabend, der ohne Zweifel noch
länger in den Köpfen der Besucher nachwirkte...
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Zur Rostocker Premiere, 6.Oktober 2000
Volkstheater setzt noch Zeichen
Meister und Margarita erregend und anregend
Nun hat das Volkstheater doch noch ein deutliches Zeichen gesetzt, mit der es sich als Anstalt eingreifender
und aufstörender Kunst kenntlich machen will... Der Meister und Margarita
markiert auf irritierende Weise das dornige Feld der modernen Kunst in den
politischen Auseinandersetzungen des 20.Jahrhunderts. Sein Name ist
Verhinderung... Slonimskis Oper kondensiert das verwirrende Gewebe [des
Romans] zu einem Kammerspiel... Sie "entsurrealisiert" gewissermaßen..., und
diesen Weg geht auch die Musik... 13 Solisten der Norddeutschen Philharmonie
musizieren sie unter der Leitung von Michail Jurowski ... in schöner
Klarheit. Das Sängerensemble, verstärkt durch mehrere Gäste, singt mit hohem
Engagement. Die Entdeckung des Abends ist die junge Aukse Bulkiene, die
mit darstellerischer Begabung und hoher Musikalität der Margarita ein
faszinierendes Profil gibt. Die Inszenierung von Arila Siegert ...
vermeidet psychologischen Naturalismus ebenso wie eine Überschwemmung mit
symbolisch-fantastischen Bildern... Und dann gewinnt die Szene doch noch eine
surrealistische Dimension: der Maler Helge Leiberg überdeckt die
szenische Darstellung mit gerade entstehenden Bildentwürfen: Skizzen,
Ornamenten, Farbenspielen - man muss es gesehen haben, besonders den Beginn
des zweiten Akts mit der Kreuzigung Jesu und dem anschließenden
Teufelsbacchanal. Es ist vornehmlich dieser Kunstgriff, der der ganzen Oper
schließlich doch das erregende und anregende Faszinosum und Geheimnis des
Theatralischen gibt.
Theater im Kopf
Vom Buch auf die Bühne: Meister und Margarita in Rostock
Irene Thüngler im DLF-Musikjournal, 16.10.2000
...Die Orchestersolisten musizierten unter Michail
Jurowskis Leitung sehr präzise und mit der für diese Musik unbedingt
notwendigen Präsenz... Die himmelhoch getriebene Partie der Margarita wurde
von Aukse Bulkiene mit messerscharfer Diktion gesungen...
Arila Siegerts nie forcierende Inszenierung korrespondoierte
mit der fein gesponnenen Musik und ließ den Sängern sehr viel Raum, ihre
Figuren bis ins Detail zu formen...