Liebessehnsucht in erstarrter Gesellschaft
Peter Tschaikowskis Eugen Onegin hatte am Chemnitzer Opernhaus Premiere –
Bravorufe für die Hauptakteure
Faszinierende Bilder bestimmen die neue Inszenierung von Peter
Tschaikowskis Eugen Onegin am Chemnitzer Opernhaus.
Noch ehe das Orchester
jenen Gesang über die unstillbare Liebessehnsucht einer in Kälte erstarrten
Gesellschaft beginnt, eröffnet die Bühne einen Blick auf in sich befangene
Menschen, die ins Freie streben, ihre Wünsche in die Weite träumen. Stets
bleibt dabei nach den fantastisch gegenwartsnahen Entwürfen von
Hans Dieter
Schaal (Szene) und Marie-Luise Strandt (Kostüme) ein Schein von Himmelsblau
und Licht. Als die Hoffnungen jedoch in innere und äußere Katastrophen
münden, stellt sich über erschütternde Verfärbungen und Verfinsterungen des
Raumes die berührende Frage um das Danach, wie es weiter gehen soll.
Regisseurin und Choreografin Arila Siegert verstärkt diese optischen
Wirkungen der Aufführung durch eine bis zur Perfektion getriebene
Personenführung von Solisten und Chor. Nicht intime Briefszene und
monologische Lenski-Arie treten in den Vordergrund, sondern die großen
Ensembles, auch wenn Dirigent Niksa Bareza manchmal Mühe hat,
Bühnengeschehen und Orchester zusammen zu halten. Wie mehrfacher
Zwischenapplaus und zahlreiche Bravorufe zum Schluss der
Premierenveranstaltung am Sonntag zeigten, gehörte der Abend aber zugleich
den beiden Hauptakteuren Nicola Beller Carbone in der Rolle der Tatjana
sowie Matthias Winter in der Titelpartie.
Die Sopranistin gestaltet am Anfang eine junge Frau, die im wahrsten Sinne
des Wortes auf ihren Büchern steht und ihre daran sich entzündenden Visionen
ebenso vertrauensselig wie zielbewusst umzusetzen gedenkt. Als ihr Herz
durch die Zurückweisung Onegins zu Eis erstarrt, gerät sie zu einer
traumatisch verfolgten Figur, die in einer Vernunftsehe mit Fürst Gremin
(scharf gezeichnet von Thomas Mäthger) schließlich zu überragender
Seelenstärke und Leidensbereitschaft fähig wird. Dabei entfaltet die
Sängerin ihre stimmlichen Möglichkeiten mehr und mehr und begeistert dabei
durch Ausdruckskraft und Differenzierungsvermögen.
Matthias Winter überzeugt besonders, weil er trotz aller geforderten
Grausamkeit so viel sympathische Züge in seine Darstellung legt, dass er
Tatjanas Liebe zu ihm höchst glaubwürdig erscheinen lässt und gerade im
spannungsgeladenen Schluss Bühnenpartnerin wie Zuschauer in die
Zerreißproben des Lebens hinein zu ziehen vermag. Edward Randall
hingegen agiert als Lenski weniger effektvoll, wenn er die Klemmungen der
Figur mitunter auf seine Stimme überträgt. Heidrun Göpfert als
vergnügungssüchtige Larina, Regine Köbler als leichtfertige Olga
sowie Monika Straube als die vieles überschauende, lebenskluge Amme
charakterisieren die Atmosphäre unerfüllbaren Glücksverlangens zudem sehr
einfühlsam und tragen so wesentlich dazu bei, die Traurigkeit Tatjanas –
nach den Intentionen des Regieteams – in Schönheit zu verwandeln.
Kammerspiel der Sehnsucht
Joachim Lange in Opernwelt 2/2004
**)
Unendlich weit scheint der Horizont für Tatjanas Sehnsucht. Doch weil die
weißen Fensterläden und die wehenden Vorhänge vor ihrem an der Rampe
angedeuteten Zimmer das ganze Bühnenportal füllen, wirkt sie klein und
verloren. Dass Regisseurin Arila Siegert die Wandlung des jungen Mädchens zu
einer Frau, deren Verletzlichkeit auch noch in der noblen Geste der Fürstin
durchscheint, so überzeugend zeigen kann, liegt nicht nur an den weiten
Räumen und sparsam eindrucksvollen Bildern. Es liegt vor allem an der
stimmlichen und darstellerischen Präsenz von Nicola Beller Carbone als
Tatjana. Für sie ist der Horizont bald verstellt mit zwei mächtigen Quadern
– ein aufrecht stehender und einer, der sich diesem symbolträchtig zuneigt:
Tatjana hat sich in ihre Leben gefügt, wenngleich sie noch einmal in einem
stummen Aufschrei erstarrt, als sie ihren Traum von der Liebe zu Onegin
endgültig aufgibt.
Siegert erzählt in ihrer dritten Inszenierung am Chemnitzer Opernhaus vor
allem diese Geschichte Tatjanas, und sie erzählt sie vorrangig aus deren
Perspektive. In ihren Augen haben die dankbaren Bauern noch etwas
wohlgeordnet „Schönes“. Für sie wird dann aber auch nach Onegins dezent
nachdrücklicher Zurückweisung die ganze Welt plötzlich eiskalt und ist nur
noch durch eine zugefrorene Glasscheibe wahrzunehmen. So wie Tatjana sich
aber mit ihrem Schicksal auseinandersetzt und ihre Orientierung an der Seite
des Fürsten Gremin findet, so verliert der anfangs gar nicht unsympathische,
vom Landleben gelangweilte Städter Onegin zunehmend den Boden unter den
Füßen. Hält er bei seinem Versuch, Lenski auf dem Fest zu beschwichtigen,
noch deutlich an seiner Freundschaft zu ihm fest, so fügt er sich beim
Duell, nach dem Motto: „Du hast es nicht anders gewollt“, fast schon
beiläufig in die mörderische Konvention. Welche Folgen das für ihn hat,
zeigt sich auf dem Ball des Fürsten. Da taucht Lenski, allein für Onegin
sichtbar, unter den Festgästen auf, während Tatjana zu Gremins Lobpreisung
als überlegene Herrin eine Parade ihrer Verehrer abnimmt.
So wie Niksa Bareza mit der Robert Schumann
Philharmonie stets die Balance zwischen lyrischer Feinzeichnung,
bühnenorientiertem Erzählton und dem großen Gefühlsaufrauschen findet,
so erzählt Arila Siegert diese tragisch-lyrische Geschichte als ein Kammerspiel
mit großen ästhetischen Bildern. Sie hat ihren Sinn für Bewegung, vor allem bei Tatjana und dem
bestens disponierten, russisch singenden Chor organisch einfließen lassen
und nicht etwa hinzugefügt. Dabei ist ihr ein Abstand zum Klischee gelungen,
der das konkret Atmosphärische dennoch nicht beschädigt. Gerade deshalb wäre
so manch szenisches Aperçu, wie der immer wieder ausgeschüttete Wasserkrug
der Filipjewna oder der Koffer Onegins, gar nicht nötig gewesen. Besonders
die Frauenriege glänzt mit durchweg textgenauer Eloquenz. Matthias Winter
ist ein glaubwürdiger Gegenspieler „seiner“ herausragenden Tatjana, und auch
Edward Randall als Lenski und Thomas Mätthger als Gremin steuern ihren Teil
zu der in Chemnitz üblichen überzeugenden Ensembleleistung bei.
Menschlein klein und ein übergroßer Liebesbrief
Christiane Hamann-Pönisch, in Morgenpost
Chemnitz, 02.12.2003
Es dürfte der längste und stolzeste Zeigefinger der Chemnitzer
Operngeschichte sein, wenn Tatjana den um Liebe bettelnden Eugen mit großer
Geste zurückweist. Dramatisches Finale Peter Tschaikowskys Eugen Onegin in einer
wundervollen
Inszenierung von Arila Siegert in der Chemnitzer Oper am Sonntagabend.
Diesen „Zeigefinger“ sieht man übrigens zweimal. Zuvor hat in diesen
„Lyrischen Szenen“ Schwerenöter Onegin Tatjanas Liebe schnöde verschmäht,
mit Frauen rumgemacht, seinen Freund im Duell getötet, um aber spätestens
dann endlich zu merken: Man trampelt nicht auf den Gefühlen anderer herum.
Bei Arila Siegert wird daraus mit raffinierter Bühnen- und beeindruckender
Lichtgestaltung (Hans Dieter Schaal, Holger Reinke) ein Menschheitsproblem.
Zwar flackert da das Ikonenlämpchen, flattert dort die Russenbluse, aber
zugleich öffnet sie Räume und packt in diese „Paarung“ das ganze Universum
mit hinein. Mit riesigen schwerelos wirkenden Türen, beinahe endlos wehenden
Gardinen, in den Himmel ragenden Birken und Türmen macht sie die Menschlein
klein, die sich nur um sich selber und dabei erfolgreich an ihrem Glück
vorbeidrehen.
Nicola Beller Carbone als Tatjana - eine Traumbesetzung: Überzeugend die
Entwicklung vom Jungmädchen-Verliebtsein mit weißen Söckchen (Kostüme:
Marie-Luise Strandt) zur Frau mit Charakter und Brillis, stimmlich ebenso
beeindruckend wie mit ihren Gesten, Bewegungen und tänzerischen Posen.
Matthias Winter als Eugen Onegin mit toller Wandlung vom Partyhengst zum
Grübler. Viel Beifall auch für Gänsehaut-Bass Thomas Mäthger (Fürst Gremin)
wie für Monika Straube (dralle Amme), Regina Köbler (Olga), Heidrun Göpfert
(Gutsbesitzerin), Edward Randall (Lenski). Großartiger Chor mit diversen
Zusatzaufgaben. Schwermut und Dramatik aus dem Orchestergraben mit Niksa
Bareza als Dirigent.
Dazu viele schöne Details, ein übergroßer Liebesbrief, ein Eisbär, Schnee,
Regen, Sternkinder, russische Lieder (in Originalsprache) und leider auch
eine unbegreifliche Perücke (Lenski). „Der Liebe kann man sich nicht entziehen“ wird gesungen - Arila Siegerts
glanzvoller Inszenierung auch nicht. Langer Beifall.
Erfrorene Sehnsucht
Arila Siegert und Niksa Bareza machen Eugen Onegin zu einem
überzeugenden Kammerspiel
Weit ist der Horizont hinter den übergroßen weißen Fensterläden. Für Tatjana
ist es der einer tiefen Sehnsucht nach einer Liebe und einer Leidenschaft,
die einen Menschen hinweg tragen kann. Für die handfestere Olga (Regine Köbler), die gerne Hosen trägt und sich auch schon mal demonstrativ
„emanzipiert“ eine Zigarette anzünden will, reicht vielleicht der Ort der
Kindheit auch, um ihr Glück zu finden. Das russische Landleben mit seiner
latenten Melancholie und der verführerischen Tschechow-Langeweile wird
lediglich mit Ikone, Samowar und einer stilisierten Folklore beim Landvolk
angedeutet. Die alte Larina (eloquent: Heidrun Göpfert) und die Njanja
(Monika Straube) sitzen in ihren Sesseln, schälen Äpfel und erinnern sich an
ihre Jugend.
Der Besuch aus der Nachbarschaft bringt sie alle aus dem Gleichgewicht. Bei
den jungen Leuten wird das für einen kurzen Moment mit einem
choreografierten Tauschen der Plätze zu einer gekonnt sinnfällig gemachten
Irritation à la Così fan tutte, die sich später noch einmal wiederholt.
Tatjanas schwärmerischen Brief an Onegin kann man hier sogar mitlesen, denn
er wird einmal groß auf dem Zwischenvorhang eingeblendet. In Deutsch
versteht sich. Auch gesungen wird in Chemnitz zumeist deutsch (nur
gelegentlich russisch). Erfreulicherweise ist das hier kein dogmatischer
Hochmut, sondern wegen der Textverständlichkeit vor allem dem Kammerspiel
dienlich. Nach Onegins vorsichtiger Zurückweisung unter vier Augen steht Tatjana dann
hinter einer dick gefrorenen Eisscheibe.
Schon beim Geburtstagsfest, das in dem unseligen Duell zwischen einem überhitzten
Lenski (Edward Randall) und einem erfolglos abwiegelnden Onegin endet,
ist sie merklich eine andere geworden. Wenn das junge Mädchen Tatjana dann
längst zu einer wahren Fürsten (an der Seite Gremins: Thomas Mäthger) gereift ist,
sieht der Raum zwar immer noch
so ähnlich aus mit Ikone, Bett und wehendem Vorhang, doch den Blick auf den
weiten Horizont, den gibt es für sie nicht mehr. Da stehen längst zwei
übermächtige, marmorierte Riesenqauder – einer davon aufrecht und der andere
ihm zugeneigt. Kein Horizont mehr zum Träumen – jetzt sind die Perspektiven
klar und unverrückbar. Das ist sinnstiftende Großraumsymbolik, die zu
Hans Dieter Schaals „mitdenkendem“, vor allem Räume öffnenden Bühnenbild gehört.
Er wahrt dabei stets wohltuend die Kunstentfernung zum Klischee, bietet aber
doch die poetische Atmosphäre, die diese „lyrischen Szenen“ brauchen. Auch
Marie-Luise Strandts Kostüme folgen dieser Intention.
Arila Siegert konzentriert sich vor allem auf die beiden Hauptfiguren.
Onegin (Matthias Winter – nicht immer klar, aber mit emotionaler Emphase)
wird nicht von Anfang an als charakterlos denunziert, sondern verhält sich
bis zu dem resignierend abgegebenen Schuss im Duell zu einem guten Teil
nachvollziehbar. Und Tatjana bleibt nach einer von Nicola Beller Carbone
höchst überzeugend gestalteten Entwicklung jene anziehende Verletzlichkeit,
die auch die elegante Geste der Fürstin noch faszinierend macht. Die
Choreografin Siegert dürfte in dieser Sängerin zudem ein ideales Medium für
ihre Intentionen gefunden haben, denn sie kann sich aus so bewegen, dass die
große Operngeste als Mittel für den Ausdruck von Gefühl nicht in Verruf
gerät.
Im Ganzen ist es ein Wurf. Mit großer unaufdringlicher Souveränität spürt
man bei den Massenszenen und in der Personenführung die Choreografin und ihr
Verständnis für die Musik. Was macht es da schon, wenn man den Lenski für
eine Spur zu klein gedacht und die mit ihrem Wasserkrug wohl an das
Verrinnen der Zeit gemahnende Njanja und den Koffer, der auf Onegins
schließlich in verzweifelter Ausweglosigkeit endende Unbehaustheit deutet,
für entbehrlich hält. Weil auch jede kleine Rolle mit der in Chemnitz
üblichen Sorgfalt besetzt ist, der Chor zu Hochform aufläuft und vor allem
Niksa Bareza die Stimmungsbilder und die emotionalen Eruptionen
differenziert beherrscht und ausbreitet, ist ein
rundherum gelungener Onegin aus Chemnitz zu vermelden.
Der Chemnitzer Intendant war gut beraten, nicht unbedingt nach den berühmten
Namen von außerhalb zu schielen, sondern an den Opernerfolgen der
renommierten Choreografin am eigenen Hause anzuknüpfen und Chemnitz damit
zugleich die notwendigen, innovativen Regieimpulse zu sichern. In dieser
Spielzeit wird Arila Siegert denn auch noch Hoffmanns Erzählungen (März
2004) herausbringen.
Poesie ohne Mätzchen
Tschaikowskys Eugen Onegin in Chemnitz
Christian Schmidt, in: Junge Welt, 13.12.2003
Am Horizont lockt die Freiheit – geistig, sinnlich, emotional. Ein weißer
Vorhang weht; dahinter weiter, blauer Himmel. Aber weder die introvertierte
Tatjana noch der von ihr geliebte Eugen Onegin, der diese Weiten nur
gesehen, nicht erlebt hat, finden aus der Enge des Puschkinschen Russlands
heraus. Liebe ist eine Sache von Träumen, geheiratet wird aus Vernunft. Das
Mädchen vom Lande bekommt den Fürsten Gremin (Thomas Mäthger) zugewiesen.
Regisseurin Arila Siegert hat die intime
Szenerie des wohl besten Tschaikowsky-Werks
weitab vom Pomp der großen Oper mit wundersam poetischen Bildern in Chemnitz
inszeniert. Auf Schritt und Tritt merkt man ihr die Choreographin an. Die
Psychologie der Figuren erschließt sich vornehmlich in Gesten oder
Positionen. So repräsentiert der Adel des im 19. Jahrhundert äußerst
rückschrittlichen Russlands – ohne modernistische Mätzchen – das zeitlose
Verheerende von Konventionen und Genusssucht.
Nicola Beller Carbone hängt die Partie der Tatjana zunächst an ihrer allzu
dramatischen Stimme auf. Schmelz und Empfindsamkeit entwickelt sie erst, als
die Briefszene abgehandelt ist. Ihr Widerpart Matthias Winter hingegen
überzeugt von Anbeginn als ruheloser, in sich selbst gefangener Onegin, der
einen Lehrsatz lebt: „Gewohnheit frisst die Liebe auf“. Winter zeichnet ihn
nicht als Schwein. Er kennt die inneren Verwerfungen der Figur: In ihrer
Arroganz schwingen stets Minderwertigkeitsgefühle mit. Das stimmlich
umsetzen zu können, ist Kunst par excellence.
Leider singt einzig der exzellent vorbereitete Chor eher aus Gründen der
Folklore Russisch. Aber es bleibt eine fantastische Momentaufnahme der
bürgerlichen Gesellschaft, die unweit ihres Zusammenbruchs in einer weißen
Marmorwüste erstarrt (Bühne: Hans Dieter Schaal).
Niksa Bareza sorgt am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie für die
entsprechenden Töne, mitunter klingt das vielleicht zu robust, handwerklich
aber ist es makellos. Nicht immer kann er Bühne und Graben zusammenhalten,
doch alles in allem hat die Kapelle einen bezaubernd samtenen Klang. Die
Hölzerabteilung des Chemnitzer Orchesters liefert extravagante Soli, die Blechisten schöpfen aus ihrem großen Fundus an warmen Farben, und abgesehen
vom Celloblock treffen auch die Streicher den tragischen Passions-Ton
Tschaikowskys. Sobald die Partitur getreu umgesetzt wird, erweist sich eben
der Rang des russischen Meisters.
Matthias Winter ist Eugen Onegin
Christoph Suhre, in: "Kulturspiegel Thüringen", 01.01.2004
Die Regiearbeiten Arila Siegerts
begeisterten, ja faszinierten. Als jüngste Inszenierung brachte sie
Ende November Eugen Onegin (Peter Tschaikowsky)
am Opernhaus Chemnitz auf die Bühne. Auch diesmal versteht sie es, mit
relativ sparsamen Mitteln (Bühnenbild: Hans Dieter Schaal / Kostüme:
Marie-Luise Strandt) Vorgänge transparent zu machen. Ihr gelingen Bilder von
unglaublicher Dichte, anrührender Poesie und ästhetischer Schönheit. Die
Regisseurin versteht es, Personen zu führen und sie miteinander in Beziehung
treten zu lassen.
Onegin, ein Außenseiter, ist nicht bereit, sich gesellschaftlichen Zwängen
zu beugen. Rastlos irrt er umher, immer auch auf der Suche nach seiner
eigenen Identität. Arrogant und selbstherrlich stößt er die wenigen Menschen
von sich, die ihn lieben, die ihm nahe stehen. Am Ende kann er nur die
Sinnlosigkeit seines bisherigen Daseins konstatieren.
Solisten und Chor des Chemnitzer Opernhauses setzen die Intentionen der
Regisseurin nahezu perfekt um. Matthias Winter ist ein Sängerdarsteller, wie
man sich ihn nicht besser für diese Partie wünschen kann. Sein Onegin ist in
allen Phasen glaubhaft. Ebenso überzeugend agiert Nicola Beller Carbone als
Tatjana. Freimütig gesteht sie Onegin ihre Liebe und wird abgewiesen. Jahre
später, als sie als Gattin an der Seite des Fürsten Gremin (Thomas Mäthger)
erscheint, liegt ihr nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Onegin zu
Füßen.
Nicola Beller Carbone nimmt man sowohl die naive, träumerische als auch die
in der Gesellschaft gereifte, Onegin immer noch liebende Tatjana ab. Die
Sängerin lässt bei ihrer Gestaltung keine Wünsche (abgesehen von ihrer
Textverständlichkeit) offen. Mit viel Liebe zum Detail hauchen aber auch die
anderen Solisten ihren Figuren Leben ein. In Arila Siegerts Inszenierungen
werden selbst die Damen und Herren des Chores sehr individuell geführt. GMD
Niksa Bareza stand am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie. Mit seinen
Musikern betont er das Kammermusikalische der Partitur.
Hier ist alles Sehnsucht
Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ an der Oper Chemnitz
Von Tatjana Böhme-Mehner, in: „Das Orchester“, März 2004
Es ist jene Weite, aus der die Sehnsüchte der Weltliteratur gemacht
scheinen. Man könnte hier Lorca spielen oder Tschechow; oder aber Puschkin
und Tschaikowsky; zugleich gleißendes Licht, Morgen- und Abenddämmerung.
Diese Weite kann unendlich wirken, aber auch unendlich beengend sein.
Schwüle und Kühle scheinen diesen Raum gleichermaßen zu prägen.
Hier ist
alles Sehnsucht – Sehnsucht nach Spaß, Sehnsucht nach Ferne, nach dem
Anderen oder Sehnsucht an sich.
Dies ist der bildliche Rahmen, den Bühnenbildner Hans Dieter Schaal für
Arila Siegerts Eugen Onegin-Inszenierung am Opernhaus Chemnitz schafft.
Hier entspinnt sich die Geschichte von Tatjana und Onegin, von der
Ungleichzeitigkeit von Gefühlen; in aller Tragik auch das Schicksal von Olga
und Lenski. In diesem und über diesen Raum, über das Verhältnis, die
Bewegung der Menschen im Raum erzählt und entwickelt die Regisseurin und
Choreografin die Geschichte, parabolisch und gleichzeitig sehr konkret.
Sparsam zitiertes Lokalkolorit vor allem in den Kostümen von Marie-Luise Strandt
tut dieser Abstraktion, die die Unmittelbarkeit des Emotionalen
verstärkt, keinen Abbruch. Siegerts Onegin lebt vom Bild- oder gar
Symbolhaften, ohne jemals plakativ zu sein. So bringt sich Tatjana vor dem
projizierten Brief an Onegin mit diesem Brief selbst – quasi als Opfergabe –
dar, ein Bild, das Hoffnung und Sinnlosigkeit in sich birgt; so werden die
Kreise der vier Protagonisten und damit die Verstrickung immer enger,
entfernt sich alles immer weiter von ihnen, werden sie und die
unterschiedlichen Möglichkeiten der Verhältnisse auf engem Raum fokussiert.
Sie lebt von Personenführung, diese Inszenierung, vom vollständigen Erfassen
des Emotionalen durch den Körper. Siegert holt die Sänger genau bei diesem
Erfassen von Körperlichkeit ab und gestaltet bewegtes und bewegendes
Theater. Und dafür steht ihr ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung.
Nicola Beller Carbone als Tatjana verinnerlicht dieses Konzept und
fasziniert nicht nur mit aufrüttelnden dramatischen Tönen und großartigen
lyrischen Momenten, sondern vor allem mit einer ungeheuren Präsenz der
Darstellung. Auch wenn man ihm ein gutes Stück seiner Szene im letzten Akt
gestrichen hat, ist Matthias Winter ein stimmschöner Onegin. Sein tragender,
angenehm timbrierter Bariton lässt Onegin in keinem Moment dämonisch
erscheinen, er ist saturierter Lebemann, bewegt sich souverän zwischen
Tragik und Komik der Figur, im ersten wie im zweiten Teil.
Es ist ein
wesentliches Moment dieser Inszenierung, dass Tatjana eine entscheidende
Entwicklung durchläuft und Onegin eigentlich derselbe bleibt.
Anders als oft inszeniert sind in Chemnitz Olga und Lenski schon ein
glückliches Paar. Regine Köbler gibt mit warmem Timbre eine Olga, die weder
besonders draufgängerisch noch besonders kratzbürstig ist, ein Mädchen, das
sich nach Spaß, nach Abwechslung sehnt. Edward Randall ist daneben ein sehr
bodenständiger und kraftvoller Lenski, der trotz allem an lyrischem Schmelz
nichts zu wünschen übrig lässt. Spielfreudig und solide die übrigen
Ensemblemitglieder, allen voran Heidrun Göpfert als Larina und Monika Straube als Filipjewna. Allein der Gremin von
Thomas Mäthger vermag nicht so
recht zu überzeugen. Trotz redlicher Bemühungen: Von Natur ist ihm die
notwendige Tiefe einfach nicht gegeben. Das Premierenpublikum dankt ihm das
bestens erinnerbare Arienhighlight kurz vor Schluss trotzdem mit großem
Jubel.
Neben einem insgesamt sehr gut disponierten Solistenensemble sind es vor
allem die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie unter
Niksa Bareza mit
transparent, filigranem Spiel und ein gewaltiger und homogener Klang von
Chor und Extrachor des Opernhauses, die von dieser spannenden Aufführung in
Erinnerung bleiben werden. Ein Abend, der gewiss mehr als eine lange
überfällige weibliche Regiesicht auf den Stoff liefert, angenehm
spannungsgeladen.
▲
Überflüssig
"frs" in opernnetz.de
Überflüssig war sie, die aristokratische Elite des Zarenreichs -
gesellschaftlich, intellektuell, emotional. Und so wird sie von
Arila
Siegert auf die Bühne gestellt: hysterisch, affektiert, Stilisierung ihrer
selbst, mit dem hoffnungslosen Ende des Dandys Onegin. ...
Hans-Dieter
Schaal installiert dekadent-zweckfreies Groß-Design, eine unbehauste
Scheinwelt mit Personen, die in konventionellen Kostümen (Marie-Luise Strandt) um sich selbst kreisen. Dazu erweckt die Chemnitzer
Robert-Schumann-Philharmonie unter Niksa Bareza überraschenderweise einen
außergewöhnlich facettenreichen Tschaikowsky, so als ob es sich um ein
perfektes Konzert handelt. ... Mit Nicola Beller Carbone ist eine aparte
Tatjana zu bestaunen, durchaus der einzige Charakter im Panoptikum der
morbiden Schickeria, stimmlich etwas zu dramatisch, mit (noch) zu wenig
Wärme im wunderbar strömenden Sopran.
Das Chemnitzer Premierenpublikum "erwartet sich ein Fest": es scheint das
Establishment versammelt; man folgt eher distanziert, der Applaus plätschert
zunächst, steigert sich aber am Schluss zur herzlichen Zustimmung. Dass hier
möglicherweise der sinnentleerten Gesellschaft der Schönen und Reichen ein
Spiegel vorgehalten wird, ist in Pausengesprächen und anschließendem Umtrunk
nicht zuhören.
**) Im Saison-Rückblick von Joachim Lange in den Dresdner Neuesten
Nachrichten vom 3.Aug.2004 heißt es:
...Die in Chemnitz dominierende Handschrift von Michael Heinicke mag
Geschmacksache sein. Doch ... mit dem wiederholten Engagement der
offensichtlich bei der Opernregie "angekommenen" (und gut aufgehobenen!)
Choreografin Arila Siegert, die in dieser Spielzeit Eugen Onegin und
Hoffmanns Erzählungen beisteuerte, werden auch Regiehandschriften
entwickelt und zugelassen, die dazu in einem interessanten
Spannungsverhältnis stehen...