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konzept

Liebessehnsucht
in erstarrter Gesellschaft

Peter Tschaikowskis Eugen Onegin
hatte am Chemnitzer Opernhaus Premiere -
Bravorufe für die Hauptakteure

Christoph Sramek in Freie Presse Chemnitz, 02.12.2003

Faszinierende Bilder bestimmen die neue Inszenierung von Peter Tschaikowskis Eugen Onegin am Chemnitzer Opernhaus. Noch ehe das Orchester jenen Gesang über die unstillbare Liebessehnsucht einer in Kälte erstarrten Gesellschaft beginnt, eröffnet die Bühne einen Blick auf in sich befangene Menschen, die ins Freie streben, ihre Wünsche in die Weite träumen. Stets bleibt dabei nach den fantastisch gegenwartsnahen Entwürfen von Hans Dieter Schaal (Szene) und Marie-Luise Strandt (Kostüme) ein Schein von Himmelsblau und Licht. Als die Hoffnungen jedoch in innere und äußere Katastrophen münden, stellt sich über erschütternde Verfärbungen und Verfinsterungen des Raumes die berührende Frage um das Danach, wie es weiter gehen soll.

Regisseurin und Choreografin Arila Siegert verstärkt diese optischen Wirkungen der Aufführung durch eine bis zur Perfektion getriebene Personenführung von Solisten und Chor. Nicht intime Briefszene und monologische Lenski-Arie treten in den Vordergrund, sondern die großen Ensembles, auch wenn Dirigent Niksa Bareza manchmal Mühe hat, Bühnengeschehen und Orchester zusammen zu halten. Wie mehrfacher Zwischenapplaus und zahlreiche Bravorufe zum Schluss der Premierenveranstaltung am Sonntag zeigten, gehörte der Abend aber zugleich den beiden Hauptakteuren Nicola Beller Carbone in der Rolle der Tatjana sowie Matthias Winter in der Titelpartie.

Die Sopranistin gestaltet am Anfang eine junge Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren Büchern steht und ihre daran sich entzündenden Visionen ebenso vertrauensselig wie zielbewusst umzusetzen gedenkt. Als ihr Herz durch die Zurückweisung Onegins zu Eis erstarrt, gerät sie zu einer traumatisch verfolgten Figur, die in einer Vernunftsehe mit Fürst Gremin (scharf gezeichnet von Thomas Mäthger) schließlich zu überragender Seelenstärke und Leidensbereitschaft fähig wird. Dabei entfaltet die Sängerin ihre stimmlichen Möglichkeiten mehr und mehr und begeistert dabei durch Ausdruckskraft und Differenzierungsvermögen.

Matthias Winter überzeugt besonders, weil er trotz aller geforderten Grausamkeit so viel sympathische Züge in seine Darstellung legt, dass er Tatjanas Liebe zu ihm höchst glaubwürdig erscheinen lässt und gerade im spannungsgeladenen Schluss Bühnenpartnerin wie Zuschauer in die Zerreißproben des Lebens hinein zu ziehen vermag. Edward Randall hingegen agiert als Lenski weniger effektvoll, wenn er die Klemmungen der Figur mitunter auf seine Stimme überträgt. Heidrun Göpfert als vergnügungssüchtige Larina, Regine Köbler als leichtfertige Olga sowie Monika Straube als die vieles überschauende, lebenskluge Amme charakterisieren die Atmosphäre unerfüllbaren Glücksverlangens zudem sehr einfühlsam und tragen so wesentlich dazu bei, die Traurigkeit Tatjanas – nach den Intentionen des Regieteams – in Schönheit zu verwandeln.


Kammerspiel der Sehnsucht

Joachim Lange in Opernwelt 2/2004 **)

Unendlich weit scheint der Horizont für Tatjanas Sehnsucht. Doch weil die weißen Fensterläden und die wehenden Vorhänge vor ihrem an der Rampe angedeuteten Zimmer das ganze Bühnenportal füllen, wirkt sie klein und verloren. Dass Regisseurin Arila Siegert die Wandlung des jungen Mädchens zu einer Frau, deren Verletzlichkeit auch noch in der noblen Geste der Fürstin durchscheint, so überzeugend zeigen kann, liegt nicht nur an den weiten Räumen und sparsam eindrucksvollen Bildern. Es liegt vor allem an der stimmlichen und darstellerischen Präsenz von Nicola Beller Carbone als Tatjana. Für sie ist der Horizont bald verstellt mit zwei mächtigen Quadern – ein aufrecht stehender und einer, der sich diesem symbolträchtig zuneigt: Tatjana hat sich in ihre Leben gefügt, wenngleich sie noch einmal in einem stummen Aufschrei erstarrt, als sie ihren Traum von der Liebe zu Onegin endgültig aufgibt.

Siegert erzählt in ihrer dritten Inszenierung am Chemnitzer Opernhaus vor allem diese Geschichte Tatjanas, und sie erzählt sie vorrangig aus deren Perspektive. In ihren Augen haben die dankbaren Bauern noch etwas wohlgeordnet „Schönes“. Für sie wird dann aber auch nach Onegins dezent nachdrücklicher Zurückweisung die ganze Welt plötzlich eiskalt und ist nur noch durch eine zugefrorene Glasscheibe wahrzunehmen. So wie Tatjana sich aber mit ihrem Schicksal auseinandersetzt und ihre Orientierung an der Seite des Fürsten Gremin findet, so verliert der anfangs gar nicht unsympathische, vom Landleben gelangweilte Städter Onegin zunehmend den Boden unter den Füßen. Hält er bei seinem Versuch, Lenski auf dem Fest zu beschwichtigen, noch deutlich an seiner Freundschaft zu ihm fest, so fügt er sich beim Duell, nach dem Motto: „Du hast es nicht anders gewollt“, fast schon beiläufig in die mörderische Konvention. Welche Folgen das für ihn hat, zeigt sich auf dem Ball des Fürsten. Da taucht Lenski, allein für Onegin sichtbar, unter den Festgästen auf, während Tatjana zu Gremins Lobpreisung als überlegene Herrin eine Parade ihrer Verehrer abnimmt.

So wie Niksa Bareza mit der Robert Schumann Philharmonie stets die Balance zwischen lyrischer Feinzeichnung, bühnenorientiertem Erzählton und dem großen Gefühlsaufrauschen findet, so erzählt Arila Siegert diese tragisch-lyrische Geschichte als ein Kammerspiel mit großen ästhetischen Bildern. Sie hat ihren Sinn für Bewegung, vor allem bei Tatjana und dem bestens disponierten, russisch singenden Chor organisch einfließen lassen und nicht etwa hinzugefügt. Dabei ist ihr ein Abstand zum Klischee gelungen, der das konkret Atmosphärische dennoch nicht beschädigt. Gerade deshalb wäre so manch szenisches Aperçu, wie der immer wieder ausgeschüttete Wasserkrug der Filipjewna oder der Koffer Onegins, gar nicht nötig gewesen. Besonders die Frauenriege glänzt mit durchweg textgenauer Eloquenz. Matthias Winter ist ein glaubwürdiger Gegenspieler „seiner“ herausragenden Tatjana, und auch Edward Randall als Lenski und Thomas Mätthger als Gremin steuern ihren Teil zu der in Chemnitz üblichen überzeugenden Ensembleleistung bei.


Menschlein klein und ein übergroßer Liebesbrief

Christiane Hamann-Pönisch, in Morgenpost Chemnitz, 02.12.2003

Es dürfte der längste und stolzeste Zeigefinger der Chemnitzer Operngeschichte sein, wenn Tatjana den um Liebe bettelnden Eugen mit großer Geste zurückweist. Dramatisches Finale Peter Tschaikowskys Eugen Onegin in einer wundervollen Inszenierung von Arila Siegert in der Chemnitzer Oper am Sonntagabend. Diesen „Zeigefinger“ sieht man übrigens zweimal. Zuvor hat in diesen „Lyrischen Szenen“ Schwerenöter Onegin Tatjanas Liebe schnöde verschmäht, mit Frauen rumgemacht, seinen Freund im Duell getötet, um aber spätestens dann endlich zu merken: Man trampelt nicht auf den Gefühlen anderer herum.

Bei Arila Siegert wird daraus mit raffinierter Bühnen- und beeindruckender Lichtgestaltung (Hans Dieter Schaal, Holger Reinke) ein Menschheitsproblem. Zwar flackert da das Ikonenlämpchen, flattert dort die Russenbluse, aber zugleich öffnet sie Räume und packt in diese „Paarung“ das ganze Universum mit hinein. Mit riesigen schwerelos wirkenden Türen, beinahe endlos wehenden Gardinen, in den Himmel ragenden Birken und Türmen macht sie die Menschlein klein, die sich nur um sich selber und dabei erfolgreich an ihrem Glück vorbeidrehen.

Nicola Beller Carbone als Tatjana - eine Traumbesetzung: Überzeugend die Entwicklung vom Jungmädchen-Verliebtsein mit weißen Söckchen (Kostüme: Marie-Luise Strandt) zur Frau mit Charakter und Brillis, stimmlich ebenso beeindruckend wie mit ihren Gesten, Bewegungen und tänzerischen Posen. Matthias Winter als Eugen Onegin mit toller Wandlung vom Partyhengst zum Grübler. Viel Beifall auch für Gänsehaut-Bass Thomas Mäthger (Fürst Gremin) wie für Monika Straube (dralle Amme), Regina Köbler (Olga), Heidrun Göpfert (Gutsbesitzerin), Edward Randall (Lenski). Großartiger Chor mit diversen Zusatzaufgaben. Schwermut und Dramatik aus dem Orchestergraben mit Niksa Bareza als Dirigent.

Dazu viele schöne Details, ein übergroßer Liebesbrief, ein Eisbär, Schnee, Regen, Sternkinder, russische Lieder (in Originalsprache) und leider auch eine unbegreifliche Perücke (Lenski). „Der Liebe kann man sich nicht entziehen“ wird gesungen - Arila Siegerts glanzvoller Inszenierung auch nicht. Langer Beifall.


Erfrorene Sehnsucht

Arila Siegert und Niksa Bareza machen Eugen Onegin zu einem überzeugenden Kammerspiel

Joachim Lange in Dresdner Neueste Nachrichten, 03.12.2003 **)

Weit ist der Horizont hinter den übergroßen weißen Fensterläden. Für Tatjana ist es der einer tiefen Sehnsucht nach einer Liebe und einer Leidenschaft, die einen Menschen hinweg tragen kann. Für die handfestere Olga (Regine Köbler), die gerne Hosen trägt und sich auch schon mal demonstrativ „emanzipiert“ eine Zigarette anzünden will, reicht vielleicht der Ort der Kindheit auch, um ihr Glück zu finden. Das russische Landleben mit seiner latenten Melancholie und der verführerischen Tschechow-Langeweile wird lediglich mit Ikone, Samowar und einer stilisierten Folklore beim Landvolk angedeutet. Die alte Larina (eloquent: Heidrun Göpfert) und die Njanja (Monika Straube) sitzen in ihren Sesseln, schälen Äpfel und erinnern sich an ihre Jugend.

Der Besuch aus der Nachbarschaft bringt sie alle aus dem Gleichgewicht. Bei den jungen Leuten wird das für einen kurzen Moment mit einem choreografierten Tauschen der Plätze zu einer gekonnt sinnfällig gemachten Irritation à la Così fan tutte, die sich später noch einmal wiederholt. Tatjanas schwärmerischen Brief an Onegin kann man hier sogar mitlesen, denn er wird einmal groß auf dem Zwischenvorhang eingeblendet. In Deutsch versteht sich. Auch gesungen wird in Chemnitz zumeist deutsch (nur gelegentlich russisch). Erfreulicherweise ist das hier kein dogmatischer Hochmut, sondern wegen der Textverständlichkeit vor allem dem Kammerspiel dienlich. Nach Onegins vorsichtiger Zurückweisung unter vier Augen steht Tatjana dann hinter einer dick gefrorenen Eisscheibe.

Schon beim Geburtstagsfest, das in dem unseligen Duell zwischen einem überhitzten Lenski (Edward Randall) und einem erfolglos abwiegelnden Onegin endet, ist sie merklich eine andere geworden. Wenn das junge Mädchen Tatjana dann längst zu einer wahren Fürsten (an der Seite Gremins: Thomas Mäthger) gereift ist, sieht der Raum zwar immer noch so ähnlich aus mit Ikone, Bett und wehendem Vorhang, doch den Blick auf den weiten Horizont, den gibt es für sie nicht mehr. Da stehen längst zwei übermächtige, marmorierte Riesenqauder – einer davon aufrecht und der andere ihm zugeneigt. Kein Horizont mehr zum Träumen – jetzt sind die Perspektiven klar und unverrückbar. Das ist sinnstiftende Großraumsymbolik, die zu Hans Dieter Schaals „mitdenkendem“, vor allem Räume öffnenden Bühnenbild gehört. Er wahrt dabei stets wohltuend die Kunstentfernung zum Klischee, bietet aber doch die poetische Atmosphäre, die diese „lyrischen Szenen“ brauchen. Auch Marie-Luise Strandts Kostüme folgen dieser Intention.

Arila Siegert konzentriert sich vor allem auf die beiden Hauptfiguren. Onegin (Matthias Winter – nicht immer klar, aber mit emotionaler Emphase) wird nicht von Anfang an als charakterlos denunziert, sondern verhält sich bis zu dem resignierend abgegebenen Schuss im Duell zu einem guten Teil nachvollziehbar. Und Tatjana bleibt nach einer von Nicola Beller Carbone höchst überzeugend gestalteten Entwicklung jene anziehende Verletzlichkeit, die auch die elegante Geste der Fürstin noch faszinierend macht. Die Choreografin Siegert dürfte in dieser Sängerin zudem ein ideales Medium für ihre Intentionen gefunden haben, denn sie kann sich aus so bewegen, dass die große Operngeste als Mittel für den Ausdruck von Gefühl nicht in Verruf gerät.

Im Ganzen ist es ein Wurf. Mit großer unaufdringlicher Souveränität spürt man bei den Massenszenen und in der Personenführung die Choreografin und ihr Verständnis für die Musik. Was macht es da schon, wenn man den Lenski für eine Spur zu klein gedacht und die mit ihrem Wasserkrug wohl an das Verrinnen der Zeit gemahnende Njanja und den Koffer, der auf Onegins schließlich in verzweifelter Ausweglosigkeit endende Unbehaustheit deutet, für entbehrlich hält. Weil auch jede kleine Rolle mit der in Chemnitz üblichen Sorgfalt besetzt ist, der Chor zu Hochform aufläuft und vor allem Niksa Bareza die Stimmungsbilder und die emotionalen Eruptionen differenziert beherrscht und ausbreitet, ist ein rundherum gelungener Onegin aus Chemnitz zu vermelden.

Der Chemnitzer Intendant war gut beraten, nicht unbedingt nach den berühmten Namen von außerhalb zu schielen, sondern an den Opernerfolgen der renommierten Choreografin am eigenen Hause anzuknüpfen und Chemnitz damit zugleich die notwendigen, innovativen Regieimpulse zu sichern. In dieser Spielzeit wird Arila Siegert denn auch noch Hoffmanns Erzählungen (März 2004) herausbringen.


Poesie ohne Mätzchen

Tschaikowskys Eugen Onegin in Chemnitz

Christian Schmidt, in: Junge Welt, 13.12.2003

Am Horizont lockt die Freiheit – geistig, sinnlich, emotional. Ein weißer Vorhang weht; dahinter weiter, blauer Himmel. Aber weder die introvertierte Tatjana noch der von ihr geliebte Eugen Onegin, der diese Weiten nur gesehen, nicht erlebt hat, finden aus der Enge des Puschkinschen Russlands heraus. Liebe ist eine Sache von Träumen, geheiratet wird aus Vernunft. Das Mädchen vom Lande bekommt den Fürsten Gremin (Thomas Mäthger) zugewiesen.

Regisseurin Arila Siegert hat die intime Szenerie des wohl besten Tschaikowsky-Werks weitab vom Pomp der großen Oper mit wundersam poetischen Bildern in Chemnitz inszeniert. Auf Schritt und Tritt merkt man ihr die Choreographin an. Die Psychologie der Figuren erschließt sich vornehmlich in Gesten oder Positionen. So repräsentiert der Adel des im 19. Jahrhundert äußerst rückschrittlichen Russlands – ohne modernistische Mätzchen – das zeitlose Verheerende von Konventionen und Genusssucht.

Nicola Beller Carbone hängt die Partie der Tatjana zunächst an ihrer allzu dramatischen Stimme auf. Schmelz und Empfindsamkeit entwickelt sie erst, als die Briefszene abgehandelt ist. Ihr Widerpart Matthias Winter hingegen überzeugt von Anbeginn als ruheloser, in sich selbst gefangener Onegin, der einen Lehrsatz lebt: „Gewohnheit frisst die Liebe auf“. Winter zeichnet ihn nicht als Schwein. Er kennt die inneren Verwerfungen der Figur: In ihrer Arroganz schwingen stets Minderwertigkeitsgefühle mit. Das stimmlich umsetzen zu können, ist Kunst par excellence.

Leider singt einzig der exzellent vorbereitete Chor eher aus Gründen der Folklore Russisch. Aber es bleibt eine fantastische Momentaufnahme der bürgerlichen Gesellschaft, die unweit ihres Zusammenbruchs in einer weißen Marmorwüste erstarrt (Bühne: Hans Dieter Schaal).

Niksa Bareza sorgt am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie für die entsprechenden Töne, mitunter klingt das vielleicht zu robust, handwerklich aber ist es makellos. Nicht immer kann er Bühne und Graben zusammenhalten, doch alles in allem hat die Kapelle einen bezaubernd samtenen Klang. Die Hölzerabteilung des Chemnitzer Orchesters liefert extravagante Soli, die Blechisten schöpfen aus ihrem großen Fundus an warmen Farben, und abgesehen vom Celloblock treffen auch die Streicher den tragischen Passions-Ton Tschaikowskys. Sobald die Partitur getreu umgesetzt wird, erweist sich eben der Rang des russischen Meisters.


Matthias Winter ist Eugen Onegin

Christoph Suhre, in: "Kulturspiegel Thüringen", 01.01.2004

Die Regiearbeiten Arila Siegerts begeisterten, ja faszinierten. Als jüngste Inszenierung brachte sie Ende November Eugen Onegin (Peter Tschaikowsky) am Opernhaus Chemnitz auf die Bühne. Auch diesmal versteht sie es, mit relativ sparsamen Mitteln (Bühnenbild: Hans Dieter Schaal / Kostüme: Marie-Luise Strandt) Vorgänge transparent zu machen. Ihr gelingen Bilder von unglaublicher Dichte, anrührender Poesie und ästhetischer Schönheit. Die Regisseurin versteht es, Personen zu führen und sie miteinander in Beziehung treten zu lassen.

Onegin, ein Außenseiter, ist nicht bereit, sich gesellschaftlichen Zwängen zu beugen. Rastlos irrt er umher, immer auch auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Arrogant und selbstherrlich stößt er die wenigen Menschen von sich, die ihn lieben, die ihm nahe stehen. Am Ende kann er nur die Sinnlosigkeit seines bisherigen Daseins konstatieren.

Solisten und Chor des Chemnitzer Opernhauses setzen die Intentionen der Regisseurin nahezu perfekt um. Matthias Winter ist ein Sängerdarsteller, wie man sich ihn nicht besser für diese Partie wünschen kann. Sein Onegin ist in allen Phasen glaubhaft. Ebenso überzeugend agiert Nicola Beller Carbone als Tatjana. Freimütig gesteht sie Onegin ihre Liebe und wird abgewiesen. Jahre später, als sie als Gattin an der Seite des Fürsten Gremin (Thomas Mäthger) erscheint, liegt ihr nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Onegin zu Füßen.

Nicola Beller Carbone nimmt man sowohl die naive, träumerische als auch die in der Gesellschaft gereifte, Onegin immer noch liebende Tatjana ab. Die Sängerin lässt bei ihrer Gestaltung keine Wünsche (abgesehen von ihrer Textverständlichkeit) offen. Mit viel Liebe zum Detail hauchen aber auch die anderen Solisten ihren Figuren Leben ein. In Arila Siegerts Inszenierungen werden selbst die Damen und Herren des Chores sehr individuell geführt. GMD Niksa Bareza stand am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie. Mit seinen Musikern betont er das Kammermusikalische der Partitur.


Hier ist alles Sehnsucht

Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ an der Oper Chemnitz

Von Tatjana Böhme-Mehner, in: „Das Orchester“, März 2004

Es ist jene Weite, aus der die Sehnsüchte der Weltliteratur gemacht scheinen. Man könnte hier Lorca spielen oder Tschechow; oder aber Puschkin und Tschaikowsky; zugleich gleißendes Licht, Morgen- und Abenddämmerung. Diese Weite kann unendlich wirken, aber auch unendlich beengend sein. Schwüle und Kühle scheinen diesen Raum gleichermaßen zu prägen. Hier ist alles Sehnsucht – Sehnsucht nach Spaß, Sehnsucht nach Ferne, nach dem Anderen oder Sehnsucht an sich.

Dies ist der bildliche Rahmen, den Bühnenbildner Hans Dieter Schaal für Arila Siegerts Eugen Onegin-Inszenierung am Opernhaus Chemnitz schafft. Hier entspinnt sich die Geschichte von Tatjana und Onegin, von der Ungleichzeitigkeit von Gefühlen; in aller Tragik auch das Schicksal von Olga und Lenski. In diesem und über diesen Raum, über das Verhältnis, die Bewegung der Menschen im Raum erzählt und entwickelt die Regisseurin und Choreografin die Geschichte, parabolisch und gleichzeitig sehr konkret. Sparsam zitiertes Lokalkolorit vor allem in den Kostümen von Marie-Luise Strandt tut dieser Abstraktion, die die Unmittelbarkeit des Emotionalen verstärkt, keinen Abbruch. Siegerts Onegin lebt vom Bild- oder gar Symbolhaften, ohne jemals plakativ zu sein. So bringt sich Tatjana vor dem projizierten Brief an Onegin mit diesem Brief selbst – quasi als Opfergabe – dar, ein Bild, das Hoffnung und Sinnlosigkeit in sich birgt; so werden die Kreise der vier Protagonisten und damit die Verstrickung immer enger, entfernt sich alles immer weiter von ihnen, werden sie und die unterschiedlichen Möglichkeiten der Verhältnisse auf engem Raum fokussiert.

Sie lebt von Personenführung, diese Inszenierung, vom vollständigen Erfassen des Emotionalen durch den Körper. Siegert holt die Sänger genau bei diesem Erfassen von Körperlichkeit ab und gestaltet bewegtes und bewegendes Theater. Und dafür steht ihr ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung. Nicola Beller Carbone als Tatjana verinnerlicht dieses Konzept und fasziniert nicht nur mit aufrüttelnden dramatischen Tönen und großartigen lyrischen Momenten, sondern vor allem mit einer ungeheuren Präsenz der Darstellung. Auch wenn man ihm ein gutes Stück seiner Szene im letzten Akt gestrichen hat, ist Matthias Winter ein stimmschöner Onegin. Sein tragender, angenehm timbrierter Bariton lässt Onegin in keinem Moment dämonisch erscheinen, er ist saturierter Lebemann, bewegt sich souverän zwischen Tragik und Komik der Figur, im ersten wie im zweiten Teil. Es ist ein wesentliches Moment dieser Inszenierung, dass Tatjana eine entscheidende Entwicklung durchläuft und Onegin eigentlich derselbe bleibt.

Anders als oft inszeniert sind in Chemnitz Olga und Lenski schon ein glückliches Paar. Regine Köbler gibt mit warmem Timbre eine Olga, die weder besonders draufgängerisch noch besonders kratzbürstig ist, ein Mädchen, das sich nach Spaß, nach Abwechslung sehnt. Edward Randall ist daneben ein sehr bodenständiger und kraftvoller Lenski, der trotz allem an lyrischem Schmelz nichts zu wünschen übrig lässt. Spielfreudig und solide die übrigen Ensemblemitglieder, allen voran Heidrun Göpfert als Larina und Monika Straube als Filipjewna. Allein der Gremin von Thomas Mäthger vermag nicht so recht zu überzeugen. Trotz redlicher Bemühungen: Von Natur ist ihm die notwendige Tiefe einfach nicht gegeben. Das Premierenpublikum dankt ihm das bestens erinnerbare Arienhighlight kurz vor Schluss trotzdem mit großem Jubel.

Neben einem insgesamt sehr gut disponierten Solistenensemble sind es vor allem die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie unter Niksa Bareza mit transparent, filigranem Spiel und ein gewaltiger und homogener Klang von Chor und Extrachor des Opernhauses, die von dieser spannenden Aufführung in Erinnerung bleiben werden. Ein Abend, der gewiss mehr als eine lange überfällige weibliche Regiesicht auf den Stoff liefert, angenehm spannungsgeladen.


Überflüssig

"frs" in opernnetz.de

Überflüssig war sie, die aristokratische Elite des Zarenreichs - gesellschaftlich, intellektuell, emotional. Und so wird sie von Arila Siegert auf die Bühne gestellt: hysterisch, affektiert, Stilisierung ihrer selbst, mit dem hoffnungslosen Ende des Dandys Onegin. ...

Hans-Dieter Schaal installiert dekadent-zweckfreies Groß-Design, eine unbehauste Scheinwelt mit Personen, die in konventionellen Kostümen (Marie-Luise Strandt) um sich selbst kreisen. Dazu erweckt die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie unter Niksa Bareza überraschenderweise einen außergewöhnlich facettenreichen Tschaikowsky, so als ob es sich um ein perfektes Konzert handelt. ... Mit Nicola Beller Carbone ist eine aparte Tatjana zu bestaunen, durchaus der einzige Charakter im Panoptikum der morbiden Schickeria, stimmlich etwas zu dramatisch, mit (noch) zu wenig Wärme im wunderbar strömenden Sopran.

Das Chemnitzer Premierenpublikum "erwartet sich ein Fest": es scheint das Establishment versammelt; man folgt eher distanziert, der Applaus plätschert zunächst, steigert sich aber am Schluss zur herzlichen Zustimmung. Dass hier möglicherweise der sinnentleerten Gesellschaft der Schönen und Reichen ein Spiegel vorgehalten wird, ist in Pausengesprächen und anschließendem Umtrunk nicht zuhören.


**) Im Saison-Rückblick von Joachim Lange in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 3.Aug.2004 heißt es:

...Die in Chemnitz dominierende Handschrift von Michael Heinicke mag Geschmacksache sein. Doch ... mit dem wiederholten Engagement der offensichtlich bei der Opernregie "angekommenen" (und gut aufgehobenen!) Choreografin Arila Siegert, die in dieser Spielzeit Eugen Onegin und Hoffmanns Erzählungen beisteuerte, werden auch Regiehandschriften entwickelt und zugelassen, die dazu in einem interessanten Spannungsverhältnis stehen...