Mythische Reise in die Tiefen des Ichs
Höhepunkt der Rostocker Oper: Orfeo ed Euridice
Vier Glücksfälle trafen zum Saisonhöhepunkt der Rostocker Oper zusammen.
Mit Glucks Orfeo ed Euridice ein großes klassisches Werk, gleichsam von
edler Einfalt und stiller Größe. Ein innovatives Inszenierungsteam mit der
Regisseurin Arila Siegert, mit dem Bühnenbildner Hans Dieter Schaal und mit
der Kostümgestalterin Marie-Luise Strandt, das
ein fesselndes Opernerlebnis
schuf - ergreifend und verstörend, in dem noch die Magie des Theatralischen
spürbar ist, jener Rest an Geheimnis und Unerklärbarkeit, der aus
Kunsthandwerk erst Kunst macht. Eine musikalische Leitung (zum ersten und
letzten Mal stand der Chef der Norddeutschen Philharmonie, GMD Wolf-Dieter
Hauschild, selbst in der Wanne), die Glucks geniale Musik - gleichsam
historisch wie modern - mit einer spannungsvollen Ausdrucksintensität vom
ersten bis zum letzten Ton gestaltete. Dazu ein vorzügliches
Gesangsensemble: der in neuer Güte agierende Opernchor, der Countertenor Martin Wölfel als Orfeo, die blinde Sopranistin
Gerlinde Sämann als Euridice
und die junge Andrea Stadel als Amor. Das ergab
eine stimmige Balance
zwischen Drama und Musik.
Arila Siegert macht aus dem antiken Mythos eine hochsymbolische
Zeichenveranstaltung von der Macht und Ohnmacht des Ausdrucks, gleichsam
eine mythisch-psychologische Forschungsreise in die unerforschten Tiefen des
Ich, wenn das Leid übermächtig wird. Wie nach dem Goethe-Wort: "Und wenn der
Mensch in seiner Qual verstummt. / Gab mir ein Gott zu sagen, was ich
leide". Wendet der Ausdruck des Leids auch nicht das Leid - dies die
Ohnmacht des Ausdrucks, so ist er doch "eingeschrieben in die Welt" (wie die
Regisseurin so erhellend im
Programmheft schreibt) - dies die Macht des
Ausdrucks.
Dieses moderne wie gleichermaßen werktreue Konzept realisiert das
Inszenierungsteam in klar gegliederten und poetischen Bildern, deren
Choreografie etwas von der strengen Schönheit des Schachspiels, aber auch
von irrationaler Traumlogik hat, von symbolträchtiger Kraft, wie etwa in dem
eindrucksvollen Elysiumbild, in dem die Seligen nur selig sind, weil sie
unerlässlich das Wasser des Vergessens aus dem Lethe-Fluss schöpfen, oder in
den stets sichtbaren Felsblöcken, bedrohlich und bedrängend, gleichsam die
ungestalten Fossilien der Seele, oder dunkel-geheimnisvoll, wie mit der neueingeführten stummen Figur der Persephone, von der man nie genau weiß,
ist sie Verführerin, Beschützerin oder Orfeos alter ego oder gar Regisseurin
(Arila Siegert spielt sie selbst). Und völlig folgerichtig wird hier das
glückliche Ende, mit dem Gluck sich wohl nur der barocken Konvention beugte,
durch den Tod Orfeos als Illusion konterkariert.
Spätestens hier zeigt sich - verstörend und produktiv - die dargestellte
Geschichte als Imagination Orfeos. Gleichsam auf dem Gang aus dem verwaisten
Ehebett in die Küche, in der noch das zweite Frühstücksei auf die längst
verstorbene Euridice wartet, gewinnt er durch eben diesen Traum die Kraft,
das Leid des Verlustes der Liebsten als Klage auszudrücken - und stirbt an
eben diesem Leid. Vielleicht war es nicht der glücklichste Einfall, in eben
dieser Küche die große Szene zwischen Orfeo und Euridice als bürgerliche
Ehe-Eifersuchtsszene (mit Begrüßungssekt) beginnen zu lassen. Aber hier
übersteigt die musikalische Gestaltung zum Glück das Konzept:
Gerlinde Sämanns souveräne sängerische Gestaltungskunst, und die Sprache des
Orchesters, lassen spüren, dass es nicht um kleinliche Eifersucht geht,
sondern dass Euridice am Verlust der Liebe Orfeos zu sterben droht. Und
plötzlich leuchtet das eigentliche Dilemma dieses Musikdramas auf: Entweder
Euridice stirbt ein zweites Mal, weil sie glaubt, Orfeo liebe sie nicht
mehr, oder sie stirbt, weil Orfeo, um ihr das Gegenteil zu beweisen, sie
endlich anblickt - ein Dilemma unlösbar oder lösbar nur durch Götter - und
seien sie selbst so buffonesk wie Amor hier angelegt ist.
Ausweitung der Vorhölle in „Orpheus und Eurydike“
Dietrich Pätzold, in Ostsee-Zeitung, 07.06.2004
Ein verzweifelter Versuch, den Tod der Geliebten nicht zu akzeptieren.
Orpheus, der ohne Eurydike nicht leben kann, steigt ins Totenreich, um mit
seiner Gesangskunst die Gattin zurückzuholen. Da er die Forderung der
Götter, die Ersehnte nicht anzuschauen, auf die Dauer nicht erfüllt,
verliert er sie endgültig – und sich selbst.
Mehr geschieht eigentlich nicht. Dafür lebt die Oper von Christoph Willibald
Gluck (1714-1787), die am Samstag im Rostocker Großen Haus in ihrer Wiener
Erstfassung von 1762 erfolgreiche Premiere hatte, vom musikalischen Ausdruck
der Gefühle – und ebenso von der Kraft des antiken Mythos. Die Geschichte
von Orpheus und Eurydike, dem Traumpaar der Antike, wurde seit Ovid bis in
die Gegenwart in ungezählten und unterschiedlichen Deutungen immer wieder
neu erzählt und eröffnete in Werken von Jacopo Peri (1600) und Claudio
Monteverdi (1607) die Geschichte der Gattung Oper.
Auch Glucks Komposition gilt als Meilenstein der Operngeschichte.
Die Norddeutsche Philharmonie unter Leitung von Wolf-Dieter Hauschild macht den
besonderen Charakter dieser Gluck'schen „Reformoper“ zum Vergnügen: Mit
äußerster Präzision der Einsätze und einer ins Feinste ausgefeilten Dynamik
im Halten, An- und Abschwellen der Begleitakkorde zu den Rezitativen, die
bei Gluck erstmals vom ganzen Orchester gespielt werden.
Die Handlung jedoch ist mit ihrer Einfachheit und der angehängten
Lobpreisung des Eheglücks für moderne Ohren allzu schlicht. Regisseurin
Arila Siegert, die in Rostock u.a. die Oper „Der Meister und Margarita“ als
faszinierenden Beitrag zur Expo 2000 inszeniert hat, entdeckte gerade hierin
Freiräume für Neuinterpretationen. Ihre ganze Inszenierung ist ein
gemessenes Schreiten – der Akteure wie des Opernchores – im Gestus, zuweilen
im Kontrast zur Musik.
Die blinde Sängerin Gerlinde Sämann als Eurydike bringt neben einem schönen
Sopran bis ins Sterbelied einen bemerkenswerten Gegenakzent zu jenem Orpheus
mit, der nicht schauen darf. Die junge Sopranistin Andrea Stadel zieht als
erfrischend kecker Amor die Strippen. Als neu in die Oper eingefügte stumme
Persephone wandelt Regisseurin Arila Siegert zwischen den Welten der
Lebenden und der Toten. Ein Glücksfall der Orpheus des Countertenors Martin
Wölfel, der besonders in hohen Lagen mit klarem Ton das Orchester
überstrahlt.
Für diesen Orpheus wird der Weg ins Totenreich ein Gang in eine recht
heutige Hölle. Seine Lyra muss durch mehrere Sicherheitskontrollen, bevor er
damit die Furien erweichen kann. In den Auen des Elysiums dann, in denen er
Eurydike findet, bewegen sich die „Seligen“, ganz in Weiß gekleidet, mit dem
gleichförmigen Ausdruck einer steril wirkenden Paradies-Welt. In dieser
Interpretation gehören auch die Räume des Ehelebens – links ein Ehebett,
rechts die Küche – zum Bereich der Vorhölle (Bühnenbild Hans Dieter Schaal).
Glucks Happy End wird als Kaffekränzchen persifliert. Anschließend gelangt,
mit einer angefügten Ballettmusik zu Don Juans Höllenfahrt, der tragische
Mythos wieder zu seinem Recht: Orpheus treibt einsam dahin. Frauen werden
ihn in Stücke reißen.
Gefeierte Inszenierung am Volkstheater: Orpheus und Eurydike
Sehenswert, Hörenswert, Großartig
in: Ostsee-Anzeiger, Rostock, 9.Juni 2004
Seit der römische Dichter Ovid in den Jahren 2 bis 8 nach Christus seine
Metamorphosen schrieb, gehört die Geschichte zum künstlerischen
Allgemeingut: Ungezählte Bilder, Plastiken und Verse zitieren Orpheus und
Eurydike durch die Jahrhunderte hinweg. Hilflos trauernd als Hälfte eines
Ganzen zurückzubleiben – dieses Schicksal droht jedem, der sich auf eine
dauerhafte Partnerschaft einlässt. Die Angst vor diesem Schmerz oder die
Erfahrung mit ihm – das ist es, was den Zuschauern und Zuschauerinnen das
Schicksal von Orpheus und Eurydike so nahe bringt. Dieser Nähe entspricht
bei der Aufführung im Volkstheater auch das Bühnenbild. Auf dem Küchentisch
steht schon das Frühstücksei, das Bett ist noch nicht gemacht. Der tödliche
Schlangenbiss hat Eurydike mitten im Alltag ereilt. Gnadenlos. Doch Orpheus
macht sich auf, um seine Frau aus dem Hades zurückzuholen...
Einer solchen lebensechten Tragik im künstlerischen Niveau zu entsprechen,
ist keine leichte Aufgabe. Mit Martin Wölfel steht ein Orpheus auf der
Bühne, der beweist, dass Präzision und Emotionalität im Gesang einander
nicht ausschließen. Absolut grandios wird er im Duett mit Gerlinde Sämann.
Was nicht zuletzt deshalb ungewöhnlich ist, weil sich beide auf der gleichen
Stimmlage begegnen: Er als Countertenor, sie als Sopran voller Kraft und
Brillanz, eindringlich selbst dort, wo die leisen Töne angeschlagen werden.
Andrea Stadel, die als Liebesgott Amor eine zauberhafte und dankbare
Nebenrolle besetzte, landet mehr als einen Achtungserfolg.
Die Nebenrolle der Persephone, in der antiken Mythologie die Todes- und
Fruchtbarkeitsgöttin, kommt im Original nicht vor: Palucca-Schülerin
Arila
Siegert, die auch für die Inszenierung und Choreografie verantwortlich war,
hat die Rolle vordergründig geschaffen, um die blinde Gerlinde Sämann auf
der Bühne unterstützen zu können. Doch wie sie die stumme Rolle ausfüllt –
das ist ein großer Wurf: eine Figur mit philosophischem und psychologischem
Tiefgang, eine Wanderin zwischen dem Hades und der Welt, die gleichzeitig
unerbittliches Schicksal und Trösterin ist. Dem entsprach ein nicht
überladenes, durch viele Licht-Ideen sehr variables Bühnenbild, das die
Ideen der Inszenierung fassbar und schlüssig übersetzte. Und auch dann nicht
banal wurde, als vier Barock-Engelchen-Kinderstatisten ein Lächeln in die
Zuschauerreihen zauberten: Wenn Kinder auch kein Ausweg aus der Tragik der Witwerschaft sind, so sind sie doch ein guter Grund, sie zu ertragen.
Die Leistung der Norddeutschen Philharmonie möchte man am liebsten in Karat
angeben – der Juwelier Wolf-Dieter Hauschild hat mit seiner vorletzten
Arbeit am Volkstheater noch einmal deutlich gemacht, welchen Diamanten er in
die Hände seines Nachfolgers legt. Und der Opernchor: Mein lieber Scholli –
da war neben der gewohnten Präzision auch ordentlich Kraft dahinter! Kraft,
die sich nach dem Willen des Komponisten Christoph Willibald Gluck (1714-87)
nicht in barockem Pathos verschnörkelt, sondern mit erhabener Schlichtheit
aufs Publikum trifft. Der hatte mit seiner Erstaufführung von Orpheus und Eurydike
im Oktober 1762 in Wien nur wenig Wirkung erzielt, bekam aber nach
einer ausführlichen Umarbeitung eine zweite Chance in Paris: Im August 1774
gelang ihm der Erfolg. Aus Glucks Ballett über Don Juan wurde auch die
„Höllenfahrt“ für die Rostocker Aufführung „geborgt“ und sorgt für ein
tragisches Ende: Nachdem Orpheus Eurydike zweimal aus dem Totenreich wieder
bekommen hat und sie noch einmal heiraten darf, stellt sich alles nur als
ein Wunschtraum, eine Vision heraus.
Orpheus scheitert – und mit diesem Tod ist die Nähe zum realen Leben wieder
hergestellt: Es gibt nur eine Möglichkeit, mit dem geliebten Partner wieder
vereint zu sein.
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