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konzept

Mythische Reise in die Tiefen des Ichs

Höhepunkt der Rostocker Oper: Orfeo ed Euridice
Vier Glücksfälle trafen zum Saisonhöhepunkt
der Rostocker Oper zusammen.

Heinz-Jürgen Staszak, in:
Norddeutsche Neueste Nachrichten (SVZ), Montag, 7. Juni 2004

Mit Glucks Orfeo ed Euridice ein großes klassisches Werk, gleichsam von edler Einfalt und stiller Größe. Ein innovatives Inszenierungsteam mit der Regisseurin Arila Siegert, mit dem Bühnenbildner Hans Dieter Schaal und mit der Kostümgestalterin Marie-Luise Strandt, das ein fesselndes Opernerlebnis schuf - ergreifend und verstörend, in dem noch die Magie des Theatralischen spürbar ist, jener Rest an Geheimnis und Unerklärbarkeit, der aus Kunsthandwerk erst Kunst macht. Eine musikalische Leitung (zum ersten und letzten Mal stand der Chef der Norddeutschen Philharmonie, GMD Wolf-Dieter Hauschild, selbst in der Wanne), die Glucks geniale Musik - gleichsam historisch wie modern - mit einer spannungsvollen Ausdrucksintensität vom ersten bis zum letzten Ton gestaltete. Dazu ein vorzügliches Gesangsensemble: der in neuer Güte agierende Opernchor, der Countertenor Martin Wölfel als Orfeo, die blinde Sopranistin Gerlinde Sämann als Euridice und die junge Andrea Stadel als Amor. Das ergab eine stimmige Balance zwischen Drama und Musik.

Arila Siegert macht aus dem antiken Mythos eine hochsymbolische Zeichenveranstaltung von der Macht und Ohnmacht des Ausdrucks, gleichsam eine mythisch-psychologische Forschungsreise in die unerforschten Tiefen des Ich, wenn das Leid übermächtig wird. Wie nach dem Goethe-Wort: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt. / Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide". Wendet der Ausdruck des Leids auch nicht das Leid - dies die Ohnmacht des Ausdrucks, so ist er doch "eingeschrieben in die Welt" (wie die Regisseurin so erhellend im Programmheft schreibt) - dies die Macht des Ausdrucks.

Dieses moderne wie gleichermaßen werktreue Konzept realisiert das Inszenierungsteam in klar gegliederten und poetischen Bildern, deren Choreografie etwas von der strengen Schönheit des Schachspiels, aber auch von irrationaler Traumlogik hat, von symbolträchtiger Kraft, wie etwa in dem eindrucksvollen Elysiumbild, in dem die Seligen nur selig sind, weil sie unerlässlich das Wasser des Vergessens aus dem Lethe-Fluss schöpfen, oder in den stets sichtbaren Felsblöcken, bedrohlich und bedrängend, gleichsam die ungestalten Fossilien der Seele, oder dunkel-geheimnisvoll, wie mit der neueingeführten stummen Figur der Persephone, von der man nie genau weiß, ist sie Verführerin, Beschützerin oder Orfeos alter ego oder gar Regisseurin (Arila Siegert spielt sie selbst). Und völlig folgerichtig wird hier das glückliche Ende, mit dem Gluck sich wohl nur der barocken Konvention beugte, durch den Tod Orfeos als Illusion konterkariert.

Spätestens hier zeigt sich - verstörend und produktiv - die dargestellte Geschichte als Imagination Orfeos. Gleichsam auf dem Gang aus dem verwaisten Ehebett in die Küche, in der noch das zweite Frühstücksei auf die längst verstorbene Euridice wartet, gewinnt er durch eben diesen Traum die Kraft, das Leid des Verlustes der Liebsten als Klage auszudrücken - und stirbt an eben diesem Leid. Vielleicht war es nicht der glücklichste Einfall, in eben dieser Küche die große Szene zwischen Orfeo und Euridice als bürgerliche Ehe-Eifersuchtsszene (mit Begrüßungssekt) beginnen zu lassen. Aber hier übersteigt die musikalische Gestaltung zum Glück das Konzept: Gerlinde Sämanns souveräne sängerische Gestaltungskunst, und die Sprache des Orchesters, lassen spüren, dass es nicht um kleinliche Eifersucht geht, sondern dass Euridice am Verlust der Liebe Orfeos zu sterben droht. Und plötzlich leuchtet das eigentliche Dilemma dieses Musikdramas auf: Entweder Euridice stirbt ein zweites Mal, weil sie glaubt, Orfeo liebe sie nicht mehr, oder sie stirbt, weil Orfeo, um ihr das Gegenteil zu beweisen, sie endlich anblickt - ein Dilemma unlösbar oder lösbar nur durch Götter - und seien sie selbst so buffonesk wie Amor hier angelegt ist.


Ausweitung der Vorhölle in „Orpheus und Eurydike“

Dietrich Pätzold, in Ostsee-Zeitung, 07.06.2004

Ein verzweifelter Versuch, den Tod der Geliebten nicht zu akzeptieren. Orpheus, der ohne Eurydike nicht leben kann, steigt ins Totenreich, um mit seiner Gesangskunst die Gattin zurückzuholen. Da er die Forderung der Götter, die Ersehnte nicht anzuschauen, auf die Dauer nicht erfüllt, verliert er sie endgültig – und sich selbst.

Mehr geschieht eigentlich nicht. Dafür lebt die Oper von Christoph Willibald Gluck (1714-1787), die am Samstag im Rostocker Großen Haus in ihrer Wiener Erstfassung von 1762 erfolgreiche Premiere hatte, vom musikalischen Ausdruck der Gefühle – und ebenso von der Kraft des antiken Mythos. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike, dem Traumpaar der Antike, wurde seit Ovid bis in die Gegenwart in ungezählten und unterschiedlichen Deutungen immer wieder neu erzählt und eröffnete in Werken von Jacopo Peri (1600) und Claudio Monteverdi (1607) die Geschichte der Gattung Oper.

Auch Glucks Komposition gilt als Meilenstein der Operngeschichte. Die Norddeutsche Philharmonie unter Leitung von Wolf-Dieter Hauschild macht den besonderen Charakter dieser Gluck'schen „Reformoper“ zum Vergnügen: Mit äußerster Präzision der Einsätze und einer ins Feinste ausgefeilten Dynamik im Halten, An- und Abschwellen der Begleitakkorde zu den Rezitativen, die bei Gluck erstmals vom ganzen Orchester gespielt werden.

Die Handlung jedoch ist mit ihrer Einfachheit und der angehängten Lobpreisung des Eheglücks für moderne Ohren allzu schlicht. Regisseurin Arila Siegert, die in Rostock u.a. die Oper „Der Meister und Margarita“ als faszinierenden Beitrag zur Expo 2000 inszeniert hat, entdeckte gerade hierin Freiräume für Neuinterpretationen. Ihre ganze Inszenierung ist ein gemessenes Schreiten – der Akteure wie des Opernchores – im Gestus, zuweilen im Kontrast zur Musik.

Die blinde Sängerin Gerlinde Sämann als Eurydike bringt neben einem schönen Sopran bis ins Sterbelied einen bemerkenswerten Gegenakzent zu jenem Orpheus mit, der nicht schauen darf. Die junge Sopranistin Andrea Stadel zieht als erfrischend kecker Amor die Strippen. Als neu in die Oper eingefügte stumme Persephone wandelt Regisseurin Arila Siegert zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Ein Glücksfall der Orpheus des Countertenors Martin Wölfel, der besonders in hohen Lagen mit klarem Ton das Orchester überstrahlt.

Für diesen Orpheus wird der Weg ins Totenreich ein Gang in eine recht heutige Hölle. Seine Lyra muss durch mehrere Sicherheitskontrollen, bevor er damit die Furien erweichen kann. In den Auen des Elysiums dann, in denen er Eurydike findet, bewegen sich die „Seligen“, ganz in Weiß gekleidet, mit dem gleichförmigen Ausdruck einer steril wirkenden Paradies-Welt. In dieser Interpretation gehören auch die Räume des Ehelebens – links ein Ehebett, rechts die Küche – zum Bereich der Vorhölle (Bühnenbild Hans Dieter Schaal).

Glucks Happy End wird als Kaffekränzchen persifliert. Anschließend gelangt, mit einer angefügten Ballettmusik zu Don Juans Höllenfahrt, der tragische Mythos wieder zu seinem Recht: Orpheus treibt einsam dahin. Frauen werden ihn in Stücke reißen.


Gefeierte Inszenierung am Volkstheater: Orpheus und Eurydike

Sehenswert, Hörenswert, Großartig

in: Ostsee-Anzeiger, Rostock, 9.Juni 2004

Seit der römische Dichter Ovid in den Jahren 2 bis 8 nach Christus seine Metamorphosen schrieb, gehört die Geschichte zum künstlerischen Allgemeingut: Ungezählte Bilder, Plastiken und Verse zitieren Orpheus und Eurydike durch die Jahrhunderte hinweg. Hilflos trauernd als Hälfte eines Ganzen zurückzubleiben – dieses Schicksal droht jedem, der sich auf eine dauerhafte Partnerschaft einlässt. Die Angst vor diesem Schmerz oder die Erfahrung mit ihm – das ist es, was den Zuschauern und Zuschauerinnen das Schicksal von Orpheus und Eurydike so nahe bringt. Dieser Nähe entspricht bei der Aufführung im Volkstheater auch das Bühnenbild. Auf dem Küchentisch steht schon das Frühstücksei, das Bett ist noch nicht gemacht. Der tödliche Schlangenbiss hat Eurydike mitten im Alltag ereilt. Gnadenlos. Doch Orpheus macht sich auf, um seine Frau aus dem Hades zurückzuholen...

Einer solchen lebensechten Tragik im künstlerischen Niveau zu entsprechen, ist keine leichte Aufgabe. Mit Martin Wölfel steht ein Orpheus auf der Bühne, der beweist, dass Präzision und Emotionalität im Gesang einander nicht ausschließen. Absolut grandios wird er im Duett mit Gerlinde Sämann. Was nicht zuletzt deshalb ungewöhnlich ist, weil sich beide auf der gleichen Stimmlage begegnen: Er als Countertenor, sie als Sopran voller Kraft und Brillanz, eindringlich selbst dort, wo die leisen Töne angeschlagen werden. Andrea Stadel, die als Liebesgott Amor eine zauberhafte und dankbare Nebenrolle besetzte, landet mehr als einen Achtungserfolg.

Die Nebenrolle der Persephone, in der antiken Mythologie die Todes- und Fruchtbarkeitsgöttin, kommt im Original nicht vor: Palucca-Schülerin Arila Siegert, die auch für die Inszenierung und Choreografie verantwortlich war, hat die Rolle vordergründig geschaffen, um die blinde Gerlinde Sämann auf der Bühne unterstützen zu können. Doch wie sie die stumme Rolle ausfüllt – das ist ein großer Wurf: eine Figur mit philosophischem und psychologischem Tiefgang, eine Wanderin zwischen dem Hades und der Welt, die gleichzeitig unerbittliches Schicksal und Trösterin ist. Dem entsprach ein nicht überladenes, durch viele Licht-Ideen sehr variables Bühnenbild, das die Ideen der Inszenierung fassbar und schlüssig übersetzte. Und auch dann nicht banal wurde, als vier Barock-Engelchen-Kinderstatisten ein Lächeln in die Zuschauerreihen zauberten: Wenn Kinder auch kein Ausweg aus der Tragik der Witwerschaft sind, so sind sie doch ein guter Grund, sie zu ertragen.

Die Leistung der Norddeutschen Philharmonie möchte man am liebsten in Karat angeben – der Juwelier Wolf-Dieter Hauschild hat mit seiner vorletzten Arbeit am Volkstheater noch einmal deutlich gemacht, welchen Diamanten er in die Hände seines Nachfolgers legt. Und der Opernchor: Mein lieber Scholli – da war neben der gewohnten Präzision auch ordentlich Kraft dahinter! Kraft, die sich nach dem Willen des Komponisten Christoph Willibald Gluck (1714-87) nicht in barockem Pathos verschnörkelt, sondern mit erhabener Schlichtheit aufs Publikum trifft. Der hatte mit seiner Erstaufführung von Orpheus und Eurydike im Oktober 1762 in Wien nur wenig Wirkung erzielt, bekam aber nach einer ausführlichen Umarbeitung eine zweite Chance in Paris: Im August 1774 gelang ihm der Erfolg. Aus Glucks Ballett über Don Juan wurde auch die „Höllenfahrt“ für die Rostocker Aufführung „geborgt“ und sorgt für ein tragisches Ende: Nachdem Orpheus Eurydike zweimal aus dem Totenreich wieder bekommen hat und sie noch einmal heiraten darf, stellt sich alles nur als ein Wunschtraum, eine Vision heraus.

Orpheus scheitert – und mit diesem Tod ist die Nähe zum realen Leben wieder hergestellt: Es gibt nur eine Möglichkeit, mit dem geliebten Partner wieder vereint zu sein.