Der Kaiser ist zum Küssen da
Die Kammeroper sprengt mit ihrer „Poppea“ Grenzen
Juliane Felsch, in: Märkische Allgemeine, 25.07.2011
Sich dieser Liebe zu widersetzen – am Anfang mag es dem Zuschauer
noch gelingen. So wie es Nero und Poppea in den ersten Minuten auf
der Bühne treiben, wächst das Unbehagen gegen den doppelten
Ehebruch. Man will den Ammen in ihrem Zweifeln zustimmen; man möchte
Seneca beipflichten. Aber am Ende? Am Ende siegt die Liebe.
Claudio Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“ ist kein Stück,
das die Folgen des Treuebruchs vor Augen führen will. Es ist eine
Oper, die die Liebe verherrlicht – zum Tränen vergießen schön in der
Version, wie sie jetzt Arila Siegert (Regie) und
Raphael Alpermann (musikalische Leitung) für die
Rheinsberger Kammeroper vorgelegt haben. Die
Premiere am Freitag wurde vom Publikum leidenschaftlich umjubelt.
Insgesamt rund 600 Zuschauer sahen die ersten beiden Aufführungen am
Wochenende im Schlosstheater.
Großartige Stimmen (auch in den
Nebenrollen), Regisseure mit außergewöhnlichem Gespür und
fantastische Kostüm- und Bühnenausstatter trafen in Rheinsberg schon
oft zusammen. Aber selten hatte man das
Gefühl, dass alles so perfekt passt wie dieses Mal. Arila Siegert
und Raphael Alpermann haben für ihre Fassung Hierarchien verlassen,
die man von der Oper gewohnt ist. Zum Teil mussten sie das,
gibt es für „Poppea“ – wie bei allen überlieferten Opern Monteverdis
– doch keine ausgeschriebene Partitur.
Gemeint ist aber noch mehr: Das Publikum sitzt zu beiden Seiten der
Bühne, es gibt keinen Dirigenten. Alpermann, selbst an Cembalo und
Truhenorgel beschäftigt, gibt seinem Ensemble „Concerto plus 14“ nur
die Einsätze, die es braucht – nicht weil die
famose Musikerschaft sie selbst
nicht finden würde, sondern weil das Spielen an verteilten Orten die
Verständigung schwierig macht.
Das historische Instrumentarium ist optisch und akustisch ein neuer
Reiz: Sei es der Zink, ein altes Blasinstrument, das dem Zuhörer
eine Ahnung vermittelt von alten Stimmungssystemen. Sei es das
Regal, ein kleines Orgelinstrument, das wie ein gedämpfter Dudelsack
klingt. Schon rein technisch kann also dieses Ensemble die Sänger
nicht zukleistern. Der „dicke Pinsel“ kommt in der Romantik –
das Durchsichtige ist das Glück der Musik
der Monteverdi-Zeit.
So bleiben dem Zuhörer die Ohren frei für
das Sehnsüchtige, Zweifelnde, Klagende, Wütende, Begehrende dieser
römischen Ränke. Poppea und Nero verlangen einander innigst,
dafür kratzt der Rest am Rande des Wahnsinns. Seneca, politischer
Berater des Kaisers, wird der Selbstmord befohlen. Denn der
Philosoph hatte nicht geglaubt, dass Poppea mit Nero glücklich
werden könnte: „Große Männer ehren dich, bis sie genug haben, dann
lassen sie Rauch statt Ruhm zurück.“ Ein barfüßiger Theorbenspieler
begleitet Seneca ins Grab.
Und? Poppea wird glücklich. Nach drei
Stunden besteigt sie den Thron. Ein inniges Duett mit Nero beendet
die Oper, vor der man sich verneigen will wie die Untertanen es vor
dem Kaiserpaar tun. Der letzte Rat: Unbedingt ansehen.
Schloss Rheinsberg: L'incoronazione di Poppea, Oper von
Claudio Monteverdi
Carsten Niemann, in: kulturradio des rbb, 23.07.2011
Junge Stimmen und eine alte Oper - diese Kombination war am
Freitag wieder in der Kammeroper Schloss Rheinsberg zu hören: Auf
dem Programm des sommerlichen Opernfestivals stand mit der 369 Jahre
alten L'incoronazione di Poppea (Die Krönung der Poppaea) von
Claudio Monteverdi eine der ältesten Opern des
Musiktheaterrepertoires auf dem Programm.
Formale Experimente
Ganzen zwölf Finalisten des Opernwettbewerbs der Kammeroper bietet
das Stück in der Fassung von Raphael Alpermann und
Arila Siegert Raum zur Selbstdarstellung.
Inhaltlich geht es um einen legendären Skandal im Alten Rom: Kaiser
Nero verstößt seine Gemahlin Ottavia, heiratet stattdessen die
Kurtisane Poppea und schafft dabei alle seine Widersacher aus dem
Weg - eingeschlossen seinen moralisierenden Lehrer Seneca, der sich
auf kaiserlichen Befehl die Pulsadern aufschlitzen muss.
Die ebenso spannend wie hintergründig erzählte Geschichte folgt
einem für die frühe Barockoper typischen, flexiblen Form mit einer
Vielzahl von Zwischenstufen zwischen Sprechgesang, Liedern, Arien
und Tänzen - und diese flexible Form bietet viel Raum für durchaus
neue Experimente.
Ästhetisierte Körpersprache
Eines dieser Experimente besteht darin, dass
die Regisseurin Arila Siegert, die vom
Ausdruckstanz zur Oper fand, die vor Sinnlichkeit strotzende
Geschichte ganz aus dem Körperlichen entwickelt - ohne die
Verbindung von Francesco Busenellos Libretto und Monteverdis Musik
zu beeinträchtigen. Barfuß und in stilisierten Kostümen
(Ausstattung: Marie-Luise Strandt) bewegen sich die
Sängerdarsteller auf einer fast dekorationslosen Spielfläche, wozu
bisweilen noch die Musiker des Concerto 14plus hinzutreten die in
mehreren, reizvolle Raumklangeffekte produzierenden Gruppen um die
Spielfläche positioniert sind.
Arila Siegerts gelingt es zusammen mit den Sängern und im Einklang
mit Musik und Text eine stilisierte Körpersprache zu schaffen, die
trotz aller Ästhetisierung nicht künstlich wirkt. Ob Julia Kirchner
die vergeblichen Versuche der verstoßenen Kaiserin Ottavia zeigt,
sich aus ihrer höfischen Haltung zu befreien oder ob die Aurélie
Franck den jungen Nero als pubertären Schlacks porträtiert, der von
Senecas reifem Stoizismus aufgereizt und gleichzeitig verunsichert
wird: jeder Moment der musikalischen Erzählung findet seinen
Ausdruck in präzise geformter körperlicher Beredsamkeit. Einzig die
zweite Ebene des Stücks, in der Busenello die frivole Liebeshandlung
des Stücks als irdischen Spiegel einer idealen, göttlichen Liebe
deutet und Senecas Opfertod in die Nähe der Passion Christi rückt,
kommt in Siegerts Deutung zu kurz.
Erfreuliche Stimmen und wache Instrumentalisten
Das sängerische Niveau ist bis in die Nebenrollen hinein erfreulich,
wobei weniger einzelne Talente herausragen, sondern die Fülle
verschiedenster individueller Stärken beeindruckt: So lassen die
sonoren Stimmen der Altistin Siv Iren Misund und des Basses
Jérémie Brocard ebenso aufhorchen wie die intelligente Deklamation der
Südkoreanerin Jin-Hee Lee oder die sängerdarstellerische
Gesamtleistung von Aurélie Franck und Anna Gütter als Duo
Nero-Poppea.
Dass sich sämtliche Sänger musikalisch auf die Besonderheiten der
sprachorientieren frühbarocken Musik einlassen, ist dabei auch ein
Verdienst des musikalischen Leiters Raphael Alpermann. Als
Continuo-Spieler und Gründungsmitglied der Akademie für Alte Musik
wohlbekannt, ist Alpermann auch als Dirigent und Mentor eine echte
Neuentdeckung. Es ist eine Freude zu sehen, wie wach und
selbstständig das erst letztes Jahr aus einem Hochschulworkshop
hervorgegangene Concerto plus14 musiziert, wie souverän es die
heiklen Raumklangeffekte meistert und wie sich die Emotionen des
Dirigenten dabei bisweilen sogar in den Gesichtern des ganzen
Ensembles spiegeln.
Der Spaß an der Produktion teilt sich zum Schluss in einem
improvisierten Tanz zu rhythmischem Klatschen des Publikums mit -
sodass der Festivalleiter Siegfried Matthus Schwierigkeiten hat, die
Blumen zu überreichen.
Ich bin dein, dein bin ich
Sternschnuppen: Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ im
Rheinsberger Schloss
Ulrich Amling, in: Tagesspiegel 24.07.2011
Der Grienericksee schäumt, Regen peitscht um das Rheinsberger
Schlosstheater, Premierengäste schmiegen sich unter sein Portal.
Verlassen liegt die städtische Badeanstalt mit ihren weißen
Holzkabinen unter fliehenden Wolkenfetzen. Durch den Sommer zieht
der Atem des Herbstes, während drinnen auf der Bühne der
internationale Sängernachwuchs dem großen Ahnherrn der Oper
begegnet. Claudio Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ ist der alle
moralischen Werte auf den Kopf stellende Abschied des Komponisten
von der Bühne dieser Welt. Er füllte sie mit seinem deklamatorischen
Gesang, der einst den Geist des antiken Theaters beschwörend die
Oper schuf. Nach und nach sickerten immer mehr Arien hinein, wie das
süße Gift von Liebesschwüren, narzisstische Inseln im grimmen Meer
des Lebens. Und die Sehnsucht nach einem Stillstehen des
Stundenglases.
Eine „Poppea“ aufzuführen, ist eine Reise mit ungewissem Ausgang.
Wenig nur besagen die überlieferten Handschriften über
Instrumentierung, Stimmung und Stimmlage der Musik aus. Neben dem
Wissen um historische Aufführungstechniken wird die Phantasie zum
wichtigsten Reisebegleiter der jungen Sänger. Mit Raphael
Alpermann, dem Cembalisten der Akademie für Alte Musik
Berlin, steht ihnen ein ebenso kundiger wie feinfühliger Lotse zur
Seite. Sein studentisches Ensemble Concerto plus 14 teilt Alpermann
in drei Continuo-Gruppen auf, die die zentrale Spielfläche rahmen.
Nah und individuell sollen sie die Sänger tragen, denn zusammen gibt
es für das Orchester gerade mal zehn Minuten Musik zu spielen. Etwa
wenn ein Tanz die Figuren aus ihrer Isolation reißt und das Leben
ewig weiter strömen will, ungehindert von Bindungen und Besitz.
Alpermann bevorzugt die Milde, wo man auch ätzende musikalische
Charakterisierungen herauslesen könnte. Er öffnet seinen Sängern
Möglichkeiten, sich wohl zu fühlen mit ihrer Stimme, egal wie
erbarmungslos die zwischen Liebestollheit und Terror schwankende
Handlung an den Figuren zerrt.
Die Regisseurin Arila Siegert kommt vom
Ausdruckstanz. „Die Krönung der Poppea“ hat sie weitgehend ihrer
göttlichen Verweise entkleidet. Fortuna, Tugend und Amor statuieren
bei ihr kein Exempel dafür, wer im Himmel wie auf Erden wirklich das
Sagen hat. Allein mit einem Netz, einer Grube und einem Vorhang
gerüstet, wagt sie sich in einen Liebeskampf, den Monteverdi grausam
ausleuchtet, bis verbannt oder tot ist, wer sich Poppeas Aufstieg
auf den Kaiserthron noch widersetzen könnte, und Nero seine
vormalige Gattin zu den Fischen schickt. „Ich bin dein, dein bin
ich, meine Hoffnung, sag es, sage, dass du mein Abgott bist. Ja,
mein Lieb, mein Herz, mein Leben, ja.“ So singen Nero und Poppea am
Ende, aufleuchtend wie eine Sternschnuppe, untrennbar aufeinander
gebannt wie Spiegel und Bild.
Obwohl nicht alle ihre Bewegungsangebote verfangen, gelingt es auch
der Regisseurin, das Sängerensemble in ein poetisches Licht zu
rücken. Wo soll man anfangen zu schwärmen? Aurélie Francks
Porträt des Nero als erotischer Stadtneurotiker ist eine verblüffend
reife Leistung, während Anna Gütters Poppea sich an
die Grenzen der Schamlosigkeit heransingt. Julia Kirchner
als verschmähte Ottavia beherrscht klassisches Pathos,
Jérémie Brocard fühlt sich als Seneca mit seiner
beweglichen Bassstimme hörbar wohl. Rupert Enticknap
singt einen zart schmelzenden Ottone mit beweglichen Liebeszielen,
Jin-Hee Lee dessen stets herztonhelle Drusilla.
Bis in die kleinste Rolle gilt: Hier steht keiner im Regen.
Und der Sommer ist noch lang.
Egomanen auf dem Thron
Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea” in Rheinsberg
Irene Constantin, in: Deutschlandfunk, Musikjournal, 25.07.2011
„Drei Tage lang haben wir vormittags keinen Ton gesungen, auf dem
Programm stand ausschließlich Bewegungstraining“, berichtet die
Regisseurin Arila Siegert über den Probebeginn mit den jungen
Sängerinnen und Sängern in Rheinsberg. Obwohl die szenische
Ausbildung in den letzten Jahren unvergleichlich viel besser sei als
in früheren Jahrzehnten, fehle es an der Fähigkeit, sich über den
ganzen Körper auszudrücken.
In den Opernregie-Arbeiten der Choreografin und Tänzerin müssen die
Sänger sehr komplexe Emotionen und Handlungsantriebe mit dem Körper
darstellen. Triumphieren und Resignieren, Mut und Feigheit,
Aufsteigen und Niedersinken, Begehren und Ablehnen, sogar das
richtige Hinfallen wurde trainiert. Arila Siegert dazu:
„Wir bestehen zu 58% aus dem körperlichen Sich-Mitteilen, 32% aus
dem Tonalen und der Rest ist der Geist.“
In der Rheinsberger „Poppea“-Produktion war das körperbetonte Spiel
essenziell für das Funktionieren der Inszenierung. Durch einen
breiten Steg war der variable Theaterraum quergeteilt. Rechts und
links an den Stirnseiten dieser Spielfläche saßen die in drei Continuo-Gruppen
aufgeteilten Musiker. Dazwischen mussten sich die
Sänger alle Räume selbst erspielen. Zwei thronartige Stufen-Podien,
ein Schleier und ein großes Netz waren die einzigen
Bühnenbild-Elemente.
Vieles an dieser Produktion war Neuland für die Rheinsberger
Darsteller. Singtechnische Elemente wie das Parlando der frühen
Barockoper oder die tonwiederholenden Bockstriller am Ende einer
ariosen Phrase waren nur die eine Hürde. Die andere lag in der
ständigen Präsenz auf einer Bühne, die kaum Schutz und
Rückzugs-Räume bot. Trotzdem, Ablehnung war in der gesamten
Probenphase nirgends spürbar.
„Sie reagieren anders herum. Sie sagen, dann lerne ich endlich mal,
wie ich meine Stimme hinkriege, wenn ich rückwärts mit den Beinen
auf einer Treppe mit dem Kopf nach unten singen muss. So ist die
Haltung. Und damit kann man gut umgehen. Ich bin da sehr kreativ
auch im Finden anderer Möglichkeiten, wenn sie sagen, damit komme
ich nicht so richtig klar. Dann überlegen wir warum, und wenn’s
lösbar ist, dann lösen wir’s, oder wir finden was anderes.“
Jede Aufführung von Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“
verlangt die musikalische Fantasie des Dirigenten. Bis auf die
vierstimmig notierte Ouvertüre ist das Werk nur in der
Hauptstimme mit beziffertem Generalbass überliefert. Die Besetzung des Continuos,
die Auswahl melodietragender Instrumente, der Einsatz von
Ritornellen oder instrumentalen Einlagen, ja selbst die
Stimmbesetzung der Solisten – alles wird jedes Mal neu erfunden.
In Rheinsberg leitete Raphael Alpermann, Cembalist und
Gründungsmitglied der Berliner Akademie für Alte Musik, sein sehr
junges Orchester „+14“. Es besteht aus Anwärtern und Studierenden
seiner Klasse für Alte Musik an der Berliner Musikhochschule Hanns
Eisler und einigen Gästen. Jeder einzelne Spieler in diesem jungen
Ensemble musizierte erstaunlich virtuos. Und wo immer es sich anbot,
mischten sie sich sogar unter die Darsteller, um einen Tanz zu
befeuern, ein Liebespaar zu verlocken oder auch, um dem sterbenden
Seneca beizustehen.
Raphael Alpermann hat sich die Arbeit damit natürlich zusätzlich
erschwert, jedoch überwog der szenische Zugewinn dieses buchstäblich
lebendigen Musizierens die wenigen spürbaren Koordinations-Mühen
deutlich. Alpermann und Siegert haben auf das mythologische Personal
und die entsprechende Rahmenhandlung der Oper verzichtet. Der Gewinn
war eine frappierende Gegenwärtigkeit der erotischen Intrigen im
inneren Zirkel der Schönen und Mächtigen.
Poppea wechselt unangefochten aus dem Bett des erfolgreichen
Militärs in das des Kaisers und verdrängt die bisherige Kaiserin.
General Ottone wiederum nutzt seine kleine Geliebte Drusilla, um in
deren Kleidung unerkannt einen Mord zu versuchen. Die Anstifterin
ist die verstoßene Kaiserin Ottavia. Alle in diesem bösen
Spiel aufbrechenden Triebe und Taten wurden mit
großer Intensität gespielt und gesungen. Ein wenig zu kurz kam
allenfalls das humoristische Element, wenn Monteverdi einmal die
unteren Chargen zu Wort kommen lässt.
Der französische Bass Jérémie Brocard war
als Seneca der überragende
Sänger des Abends. Weiterhin hervorzuheben aus dem sehr guten
Ensemble: Anna Gütter als zukünftige und Julia Kirchner als
verstoßene Nero-Gattinnen, Poppea und Ottavia. Den Kaiser selbst gab
die androgyn-bezaubernde Aurélie Franck. In der glanzvollen
Überhöhung dieser drei lebte Marie-Luise Strandt ausgiebig ihre
Kostümfantasie in Blau, Gold und Weiß aus.
Das berühmte Schlussduett, „dich zu sehen, dich zu spüren“, ließ am
Ende jedoch keinen Zweifel: so schmelzend sich die Stimmen
verschlingen, mit Nero und Poppea wird es kein gutes Ende nehmen.
Die Körper aller anderen Sänger formten einen Fries der Toten und
Erniedrigten, der die beiden Egomanen auf ihrem Thron immer weiter
voneinander trennte. Großer Jubel nach der Anspannung dieser eindrucksvollen
Opernproduktion.
Kammeroper Schloss Rheinsberg 2011: L'incoronazione di
Poppea
Chihoko Zeisberg-Nakata, in der japanischen Musikzeitschrift Ongakugendai,
Tokyo 09/2011
Gelobt wird die „beredsame,
rührende Körpersprache“ der Inszenierungvon
Arila Siegert und die
hervorragende musikalische Ausführung
unter der Leitung von Raphael
Alpermann. Von den Sängern hebt die Kritikerin besonders die
„große Hoffnungen“ machenden Leistungen von
Jérémie Brocard (Seneca) und
Anna Gütter (Poppea) hervor.
Die Redaktion hat den Beitrag neben den Bericht über Bayreuth ins
Blatt gehoben.
Rheinsberg 2011: Die Krönung der Poppea
Peter Jobst (Salzburg), in:
gaynet, 27.07.2011
Kurt Tucholsky verewigt Rheinsberg in seinem kurzen Roman. Das
Museum in Schloss erinnert an den großen Autor: Friedrich der II
verbringt dort seine Jugend, für seinen homosexuellen Bruder
Heinrich wird das idyllische Anwesen zum Zentrum für Kunst, Kultur,
der Garten seiner Lüste.
Für junge Sänger sind die Festspiele seit 21 Jahren Sprungbrett
auf dem Weg nach oben, z.B. Annette Dasch oder Marco Jentzsch. Als
Finalisten des Wettbewerbs bekommen sie die Chance, oft zum ersten
Mal in einem hochkarätigen Event aufzutreten.
Im Zentrum steht heuer eine aktuelle wie spannende Inszenierung
von Claudio Monteverdis „L'incoronazione di Poppea“. Arila
Siegert (Regie) und Raphael Alpermann
(Dirigent) entlocken ihren Debütanten grandiose musikalisch
szenische Präsenz. Mit einfachen Mitteln entsteht dramatische
Intensität, wie etwa in Szene, in der Seneca (un)freiwillig in den
Tod geht. Wunderbare, wenn auch noch unfertige Stimmen zeigen neue
Wege in Technik und Stimmkultur auf.
Gerade Countertenöre (Ottone, Arnalta) demonstrieren heute
männliches Auftreten und Timbre auch in hohen Lagen.
Souverän und
selbstbewusst in Stimmführung und Bewegungen: Jin-Hee Lee
(Drusilla), Julia Kirchner (Ottavia), Anna
Gütter (Poppea), Aurélie Franck (Nerone):
Die Mitwirkenden schaffen mühelos den Seiltanz zwischen Ensemble und
Soli, hervorragenden Musiker auf historischen Instrumenten werden in
das Spiel auf der Bühne integriert.
In dieser antiken Chronique Scandaleuse verzichtet die Regie auf
Allegorien (Fortuna, Tugend, Amor): Kaiser Nero verstößt seine
Gemahlin Ottavia, heiratet die Kurtisane Poppea, zwingt seinen
Lehrer Seneca zum Selbstmord. Choreografie, Körpersprache, Gesang,
Deklamation und Bewegung stehen in Harmonie zu Musik und Text. Ein
aktuelles Stück mit Zutaten wie Mord, Liebe, Eifersucht: Ein
empfindlicher Machtmensch verliert alle Skrupel.
Monteverdi setzt ein weites Spektrum von Emotionen in Musik um:
Sehnsucht, Verzweiflung, Klagen, Wut, Begehren… Wo bleiben Liebe,
Glück, Erfüllung? Wird Poppeas Ehrgeiz befriedigt, wenn sie den
Thron besteigt? Nero hat ohne Schuldgefühle auch Sex mit Männern:
Wer sich der Befriedigung seiner Lüste in den Weg stellt, wird teuer
bezahlen. Das verdrängt Poppea noch. Solange sie die Macht über ihn
hat, bleibt er ihre Marionette. Viele Parallelen zur Gegenwart
drängen sich auf.
„L'incoronazione di Poppea“ in Rheinsberg
Julia Schmidt, in: RBB-TV
Es ist das musikalische Ereignis jedes Jahr im Schloss Rheinsberg
– die Kammeroper. Das Open-Air-Festival lockt tausende Besucher nach
Rheinsberg. Einer der Höhepunkte ist die erste große Premiere:
„L'incoronazione di Poppea“ (Die Krönung der Poppea) im
Schlosstheater. Die fast 500 Jahre alte Oper von Claudio Monteverdi
(1567–1643) ist eine große Herausforderung für die Jungdarsteller.
Wie in allen großen Geschichten auf der Bühne geht es um Macht und
Liebe. Gier korrumpiert die menschlichen Verhältnisse – einst und
heute; sie verführt Nero, Poppea und die anderen zu Verrat und Mord.
Und dennoch zwischen all den Intrigen flackert die wahre Liebe auf.
Mit Anmut holen die Rheinsberger Macher das Meisterwerk der frühen
venezianischen Schule in die heutige Zeit.
Das Publikum sitzt im Saal und auf der Bühne, die Sänger spielen auf
dem Orchestergraben und bewegen sich durch den Saal. Hier ein
Cembalo, dort ein paar Streicher, das ergibt Oper rundum. Barocke
Musik und Gesang verdichten sich auf engstem Raum. Die Regisseurin
Arila Siegert ist eine berühmte ehemalige Tänzerin
und hat das Ganze choreografiert.
Jung, spritzig, heutig
and, in: Die-Mark-Online 24.07.11
Man müsse von Berlin nach Rheinsberg fahren,
um großes Theater zu erleben – so die spontane Reaktion eines
Besuchers nach der Premiere von „L'incoronazione di Poppea“ am
Freitag. „Die Krönung der Poppea“, Claudio Monteverdis letzte Oper,
entstand Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Handlung geht noch weiter
zurück, bis ins antike Rom.
Ein barockes Fest: „Die Krönung der Poppea“
von Claudio Monteverdi. Aber die Aufführung im Rheinsberger
Schlosstheater ist jung, spritzig, heutig. Eine große Entdeckung des
2011er Kammeropern-Jahrgangs ist Jérémie Brocard
aus Frankreich. Mit kernigem, edlem und nuancenreichen Bass
zeichnet er einen würdevollen und verletzlichen Philosophen Seneca.
Unterschiedlicher können zwei Ammen nicht sein, wie die von
Siv Iren Misund mit
durchschlagendem Mezzosopran gesungene Nutrice und die Arnalta von
Countertenor Sergej Zipiljew. Anrührend sein
Schlaflied für Poppea. Ebenfalls mit einem Counter besetzt
ist Ottone. Rupert Enticknap
zeichnet eindrucksvoll die Gefühlswechsel dieses Mannes – von der
tiefen Enttäuschung über die Untreue seiner Gattin, die umschlägt in
Hass und bis zum Bekenntnis zu Drusilla, der einstigen Geliebten.
Jin-Hee Lee singt die
Drusilla mit schönem beweglichen Sopran. Julia Kirchner
gestaltet die betrogene und letztlich verstoßene Ottavia stimmlich
überzeugend. Vor allem ihr „Addio Roma“ bleibt lange im Gedächtnis.
Anna Gütter (Poppea) und Aurélie Franck
(Nerone) singen souverän die beiden Hauptpartien. Vortrefflich
mischen sich beider gut geführter Stimmen, besonders im
Schlussduett. Aber: Während sie ihre
Liebe besingen, liebkosen sie schon das Schwert, der Thron teilt
sich und fährt auseinander. Macht besiegt Liebe? Die Zeit wird es
zeigen.
Meneka Senn,
Andreas Preuß, Manuel König und
Lars Eggen tragen sowohl solistisch als auch im Ensemble
stimmschön zum Gelingen des Abends bei. In den tosenden
Schlussapplaus hinein nehmen die Musiker noch einmal die Instrumente
auf und alles tanzt. Ein barockes Fest geht zu Ende.
Ann-Christine Mecke, in: Berliner Zeitung, 25.07.2011
...Vor der Aufführung gilt es erst einmal, eine Fassung
herzustellen. In Rheinsberg haben der Musikalische Leiter
Raphael
Alpermann und die Regisseurin Arila Siegert das übernommen und mutig
den ganzen Prolog gestrichen, in dem sich sonst die Götter der
Liebe, der Tugend und des Glück darüber streiten, wer am
einflussreichsten ist. Und obwohl es eigentlich der Liebesgott ist,
der persönlich die entscheidende Wende der Handlung herbeiführt,
funktioniert diese Vereinfachung reibungslos.
Raphael Alpermann hat eine ausdrucksstarke und
kreative musikalische Fassung erstellt, in der die radikalen
Stimmungswechsel der Oper besonders deutlich werden. Er platziert
seine Musiker in drei Gruppen auf der Bühne und manchmal zusätzlich
auf den Galerien, so dass der Zuschauer sich mitten im Orchester
wiederfindet. Das sorgt für einen immer wieder überraschenden
Klangeindruck, der durch das putzmuntere Spiel des blutjungen
Alte-Musik-Ensembles des "Concerto +14" noch weiter gesteigert wird.
Die Raumeffekte tragen jedoch auch szenisch etwas aus: Die
Entfernung zwischen Sängern und begleitenden Instrumenten kann
Gefühlsausbrüche verstärken oder Figuren einsamer erscheinen lassen.
Regisseurin Arila Siegert nutzt diese Wirkung
weiter aus, indem sie die Musiker auch ins Bühnengeschehen
einbezieht: Ein Theorbist, der ganz nah an den sterbenden Seneca
heranrückt, erzeugt ergreifende Intimität; während die frech
hervortretende Blockflötistin die Dreistigkeit des Pagen
verdoppelt...
Opernglas 10/2011
KAMMEROPER SCHLOSS RHEINSBERG: L’incoronazione di Poppea
30. Juli 2011
Autor: J. Müller
Kann man im Alter von 32 Jahren einen verklärten, lebenssatten
Philosophen spielen, der siebzigjährig seinen Freitod zu einem Fest
der Pflicht stilisiert? Der junge Franzose Jérémie Brocard
verleiht seinem Seneca strenge Züge, deren Würde und Bedrohlichkeit
dessen spätpubertierenden Schüler Nero (Aurélie Franck)
noch in den Albträumen verfolgt. Mit diesen beiden Sängern war das
Sicherheitsnetz gut gespannt für den gewagten Drahtseilakt, den
Monteverdis »Incoronazione« wegen seiner zahlreichen
Vorentscheidungen für Fassung (Raphael Alpermann)
und Regie (Arila Siegert) immer verlangt...
Aurélie Franck legte ihren sprunghaften Nerone
rücksichtslos und dekadent an. Das anfänglich auf gestelzte
Bewegungen fixierte Auftreten ging schließlich in kalte
Gewissenlosigkeit über, während Anna Gütter der
Poppea sowohl ein gehöriges Maß kontrollierter Berechnung wie auch
gleich portionierter Frivolität zurechnete. Das
Schlussduett „Pur tu miro“ geriet dem Ensemble dann zu einem
wahrhaften Höhepunkt. Die zuvor stufenweise erstiegenen Thronhälften
wurden langsam von den Höflingen auseinandergezogen, eine Metapher
für den bevorstehenden tödlichen Ehekrieg. Aber noch umarmen sich
die Hände und Stimmen zärtlich und durch ihre sehr jugendliche
Frische mischen sie sich klanglich so wunderbar, wie es kaum von
routinierten, individuell timbrierten Altstars auf manch gut
ausgesteuerter CD zu hören ist. Ein klarer Vorteil junger Stimmen!
Die Regisseurin Arila Siegert hatte, da sie
selbst vom Ausdruckstanz kommt, insgesamt vielleicht zu viele
Bewegungsangebote gemacht, aber durch die märchenhaften Kostüme der
Kammeroper Schloss Rheinsberg (Marie-Luise Strandt)
fand das Auge des Betrachters stets lohnende Perspektiven.
Und ganz besonders kamen die Freunde der Musik der
Monteverdi-Zeit auf ihre Kosten. Raphael Alpermann
an Cembalo und Truhenorgel trug sein ganzes Temperament an die drei
Continuogruppen heran, die das „Ensemble Concerto + 14“ stellte,
ebenfalls sehr junge Musiker der Hanns-Eisler-Hochschule Berlin und
der Schola Cantorum Basiliensis aus Basel. Historische Instrumente
wie Regal, Zink und Theorbe fanden selbstverständlich ihren Einsatz,
bisweilen auch szenisch, etwa bei dem anrührenden Schlafliedchen der
Amme Arnalta (Sergei Tsipilev).
Ein musikalischer und szenischer Höhepunkt war
kurz vor der Sterbeszene Senecas das mit den Sängern tanzende
Orchester, das eine berauschende Lebensfreude aufkommen ließ. Die
philosophische Formel, dass das Leben nur eine Vorbereitung auf den
Tod und dieser folglich nichts Fürchterliches für einen Stoiker sei,
konnte auf diese Weise ergreifend umgesetzt werden. Die ganze Freude
an der wochenlangen Einstudierung an diesem besonderen Ort war in
der musikalischen Wiederholung der erwähnten Seneca-Szene als
krönende Abschlusszugabe spürbar, so unbändig, dass dem inmitten
seines Ensembles tanzenden Raphael Alpermann sein in die Luft
geworfenes Tamburin entflog.
Vorberichte:
Märkische Allgemeine, 22.07.2011
...Die Solisten dieser Aufführungen der Kammeroper Schloss
Rheinsberg kommen aus acht Ländern. Dirigent Raphael Alpermann
musiziert mit dem Ensemble „Concerto plus14“ auf historischen
Instrumenten. Dazu gehören neben Violinen, Cello und Bass auch
Cembalo, Truhenorgel, Theorben und Zinken...
In unermüdlicher Probenarbeit spürte der musikalische Leiter
Raphael Alpermann zusammen mit der Regisseurin
Arila Siegert, den Sängern und den Musikern die vokale und
instrumentale Gestalt der einzelnen Szenen auf. Ausstatterin
Marie-Luise Strandt hat eine Spielfläche in der Mitte des
Rheinsberger Schlosstheaters errichtet. Die handelnden Personen –
Sänger und Musiker – spielen so mitten im Publikum...
Ein Stück über Macht, Gier und Liebe
Die-Mark-Online, 20.07.2011
...Eine kleine Vorschau auf die Aufführung „Die Krönung der
Poppea“ gab es am Mittwochabend im Rheinsberger Schlosstheater.
Eindrucksvolle Bilder dominierten die
Probe für das Stück, das ab Freitag dort zu sehen sein wird...