Über die Liebe findet sie zu sich selbstRegisseurin Arila Siegert bringt Verdis "La Traviata" am Theater Regensburg auf die Bühne. Das Publikum jubelte bei der Premiere am Samstag.Von Gerhard Heldt, MZ (Mittelbayerische Zeitung, Regensburg, 16.05.2011)Verdis "La Traviata" (die vom rechten Weg Abgekommene) ist ein Pflichtstück im Repertoire eines Theaters mit der Leistungskraft, wie das Theater Regensburg sie in den vergangenen Jahren zeigte. Nach "Lohengrin" und "Die tote Stadt" eigentlich eine leichtere Übung, könnte man meinen. Aber Verdi verlangt die gleiche Aufmerksamkeit wie die beiden vorgenannten Werke. Für Regie und Ausstattung hatte man zwei prominente Gäste gewinnen können: die von Gret Paluccas Ausdruckstanz kommende Arila Siegert als Regisseurin und ihre europaweit gefragte Ausstatterin Marie-Luise Strandt. Beide hoben nun das Werk aus der Sicht einer Frau auf die Bühne, und es entwickelte sich im Verlauf des Abends, an dem alle zunehmend sicherer wurden, ein spannendes Drama um das Liebespaar Violetta Valéry und Alfredo Germont - sie eine in Paris auf höchster gesellschaftlicher Ebene agierende junge Kurtisane, er ein schwärmerischer, sein Idol bislang aus der Ferne verehrender junger Dichter, Sohn des ebenso wohlhabenden wie bigotten Giorgio Germont. Marie-Luise Strandts Bühne ist in allen vier Bildern eine nach vorn offene halbrunde Arena, Kampfplatz für das Ausleben der Klischees der hüftwackelnden Pariser Schickimicki-Clique, aber auch für die widerstreitenden Gefühle der jungen Liebenden. Am Ende sind alle Verlierer, jeder auf seine Weise: Violetta, obwohl sie zu echtem Gefühl gefunden hat, das sie nicht kannte; Alfredo, indem er verliert, was er gerade glaubte gefunden zu haben. Vater Germont, der larmoyante Heuchler, der mit seinem Versuch, das Paar mit terzengeschwängerter Scheinheiligkeit auseinanderzubringen, letztlich scheitert, findet am Ende einen Scheinweg zu aufgesetzter Reue. Er ist und bleibt trotz seiner vermeintlich schönen, in Wirklichkeit aber zynischen Arie "Di provenza il mar" unsympathisch. Auch seine Versöhnung mit Violetta vermag diesen Eindruck nicht mehr zu ändern. Den Sängern des Abends gebührt - neben dem fabelhaft aufgelegten Philharmonischen Orchester unter dem umsichtig-souverän leitenden Philip van Buren und dem exzellent singenden Chor das erste Lob. Chor und der Extrachor setzten darüber hinaus souverän eine Choreographie um, die das stereotype Verhalten der Männergesellschaft verdeutlicht. Die sängerische Spitzenleistung des Abends lieferte Theodora Varga in der Titelpartie. Sie war Violetta, durchlebte stimmlich wie gestalterisch intensiv das Schicksal der jungen Pariser Lebedame, die über die Liebe zu Alfredo zu sich selbst findet. Hierzu bot sie betörende Pianissimo-Spitzentöne wie auch strahlende Forte-Passagen und wunderbar leichte Koloraturen, steigerte sich von Akt zu Akt. Enrico Lee stemmte seine Partie als ihr Geliebter mit anfangs zu viel Kraft, später auch mit lyrischem Schmelz. Adam Kruzel ging seinen Vater-Part als "Bösewicht" zunächst mit forcierten Jago-Tönen an, besann sich aber bald auf seine lyrischen Qualitäten. Vielleicht hätte die Regie zwei wichtige Momente etwas mehr ausleuchten können: Wenn Violetta Alfredo eine Kamelienblüte überreicht, er fragt, wann er wiederkommen darf und sie ihm antwortet: "Wenn sie verblüht ist". Seine Reaktion "Oh ciel! domani" (O Himmel, morgen) ist der Beginn einer großen Liebe, was durch Violettas Arie "È strano" (Es ist seltsam) unterstrichen wird. Der zweite große Moment dieser Liebe wird evident, als Alfredo sie als käuflich vor der ganzen Gesellschaft brüskiert und sie ihm als Antwort ihre unverbrüchlich treue Liebe gesteht; auch dieser Moment hätte noch klarer gezeichnet sein können. Dass sich Violetta nach ihrem Tod erhebt und aus der Szene schreitet, meint wohl ein Bild für ihren Übergang in ein anderes Leben, das eigens zu zeigen es nicht bedurft hätte. Doch sind das in der klaren Grundhaltung, die das Produktionsteam vorstellt, Marginalien. Den finalen Jubel löste insbesondere die geschlossene Gesamtleistung aus, in die sich die singenden Darsteller kleinerer Partien einfügten: Misaki Ono (Flora), Ruth Müller (Annina), Cameron Becker (Gaston), Matthias Degen (Douphol), Ruben Gerson (`d'Obigny), Sung-Heon Ha (Doktor Grenvil) sowie Christian Schossig, Tobias Hänschke und Sang-Sun Lee als Diener bzw. als Bote. Gewinnerin war am Ende aber Theodora Varga als junge Frau, die nicht vom Weg abkommt, sondern ihn durch die Wirrnisse einer verzweifelnden Liebe mühsam findet, und sich, als sie ihn endlich im Tod gefunden hat, nicht mehr von ihm abbringen lässt. Noch ein ganz großer Abend in dieser Spielzeit! ▲Raschelndes Kleid auf nacktem BetonMax Auberger, 17.Mai 2011 (www.regensburg-digital.de)La Traviata, die große Oper von Guiseppe Verdi, stellt die Doppelzüngigkeit der männlich dominierten Gesellschaft im 19. Jahrhundert aus. „Die vom Wege Abgekommene“ ist nämlich eigentlich keine: Mätresse ist damals in der Tat eine der wenigen – wenn auch nur halbwegs geduldeten – Möglichkeiten für Frauen, dem Fluch einer reichen Heirat oder der sonst zwingend folgenden Armut zu entkommen. Wenn schon ökonomische Abhängigkeiten, so die Logik von La Traviata, dann doch bitte mild gedämpft durch rauschende Partys der Pariser Elite und ordentlich viel zu trinken. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist selbstverständlich alles andere als gering: Gefühle haben in dem Leben einer käuflichen Dame nichts zu suchen. Umso pikanter ist es denn, dass sich Violetta Valéry (gesungen von
Theodora Varga) vom jungen Adligen Alfredo (Enrico Lee) umgarnen lässt,
der sie wider allen besseren Wissens zur Liebe verleitet. Sehenden Auges
rennt Violetta in ihr privates Liebesglück, das gleichzeitig ihren
finanziellen Ruin bedeutet: Ohne die finanzielle Unterstützung ihrer
Gönner gehen die Geldvorräte zusehends zur Neige. So muss sie ihren
Hausrat verhökern, während ihr privilegierter Lover auf Wolken geht und
erst von der Haushälterin (Ruth Müller) darauf hingewiesen werden muss,
dass er vielleicht auch mal etwas zum Familieneinkommen beitragen
könnte. Die Bühne, entworfen von Marie-Luise Strandt, kann getrost als in
Beton gegossene Verbildlichung der allgemeinen grauen Wirklichkeit
gelesen werden, gegen die die Partygänger vergeblich versuchen, Stimmung
zu machen. Vergeblich raschelt auch Violettas Kleid gegen die
unnachgiebigen Stufen und Kanten an, dessen blutroter Stoff sie in der
farblosen Masse von Anzugträgern und vor der Mauer wie ein Makel
herausstechen lässt. Die Frau ist hier das Andere, untergeordnet der von
Männern gemachten und dominierten Gesellschaft, der sie sich bitteschön
zu unterwerfen hat – aber mit Stil. Die ungleichmäßige Verteilung von
Geld und Macht und die damit verbundenen Freiheiten und Abhängigkeiten
sind dann auch zentrale bildliche Motive der von Arila Siegert
inszenierten Oper, die am Theater Regensburg noch bis zum 21. Juli zu
sehen ist. Violetta hat eigentlich gar keine andere Wahl, als stetig und beständig die Opferrolle anzunehmen, weil sie ohne die Männer und deren Geld nicht überleben kann. So abhängig ist sie, dass sie ihre Motive gar nicht mehr hinterfragt, sondern geduldig die Zerstörung ihres Lebens als gegebene Konsequenz und als eigentlich irgendwie ihre Schuld hinnimmt. Wieder und wieder beugt sie sich ihrem vermeintlichen Schicksal, erst in Gestalt von Alfredos Vater (Adam Kruzel), der die Verbindung der beiden Liebenden unterbinden will, und dann in Form des eifersüchtigen Alfredo, der sie öffentlich schasst und ihr das Geld, das sie liebend für ihn aufgewandt hat, als Bezahlung für ihre angebliche Dienstleistung um die Ohren pfeffert. Natürlich besinnen sich die Herrschaften kurz vor dem Tode Violettas noch eben rasch auf ihre gute Erziehung und eilen an das Krankenbett. Violetta kann Alfredo noch selbstlos an die nächste Braut empfehlen, bevor sie – endlich und verdient – sterben darf. Denn erst im Tod, das macht das letzte kraftvolle Bild in dieser Inszenierung klar, ist Violetta wirklich frei: Hier gibt es keine Abhängigkeiten, kein Geld und keine sozialen Doppeldeutigkeiten. Während die Männer sich jammernd auf ihre sterblichen Überreste werfen und beteuern, wie sehr sie sie dann doch lieben und brauchen, steht sie auf und geht davon – alleine, ohne Bedauern und ohne sich noch einmal nach den Menschen umzudrehen, die ihr das Leben zur Hölle gemacht haben. Sie braucht sie jetzt nicht mehr. ▲Giuseppe Verdis „La Traviata” am Theater RegensburgKein Mitleid mit Anita EkbergUwe Mitsching, in: Bayerische Staatszeitung, 20.05.2011Was man in einer „La Traviata“ heute sowieso nicht
mehr erwartet, sind Pomp und Plüsch der Bonbonnieren-Belle Epoche;
eher schon herbstlichen Laubwald wie in Venedig, einen vergammelten
Gemeindesaal wie in Paris, oder man lässt die Kameliendame gleich
über die Bahnhofsgleise irren wie kürzlich in Zürich. ▲
Seltener GlücksfallJuan Martin Koch, Donaukurier, 29.05.2011Opernregie ist eigentlich ganz einfach: Man muss Sängern nur plausible, Text und Musik gleichermaßen berücksichtigende Dinge zu tun geben. Mit darstellerischer Präzision und gesanglicher Intensität umgesetzt, ergibt das veritables Musiktheater. Auf diese naive Idee kann man kommen, wenn man das bewundert, was Regisseurin Arila Siegert vor allem im zweiten Akt der Regensburger "Traviata"-Produktion gelungen ist: eine genaue, sinnlich stets erfahrbare Umsetzung jeder Nuance des gesungenen Wortes. Vielleicht muss man vom Tanz herkommen, um Sängern ein solches Gefühl für ihre Position im Raum und zueinander zu geben, um mit ihnen eine Begegnung wie die von Violetta und Vater Germont mit solch klarer und glaubwürdiger Ausdruckskraft zu gestalten. Auf der Betonrotunde – von Marie-Luise Strandt als wandelbares Bühnenbild gebaut, von Martin Stevens mit betörenden Lichtwechseln immer neu eingefärbt – hat Violetta es sich, so gut es ging, gemütlich gemacht, hat die verführerische Abend-Dienstkleidung gegen einen Hosenanzug eingetauscht, als der Alte auftaucht. Aalglatt berechnend – bei ihrem angedeuteten Suizid-Versuch darf er sich gar als Retter aufspielen – ringt er ihr den Verzicht auf seinen Sohn Alfredo ab, kopfüber an seiner Hand hängend ergibt sie sich ihrem Schicksal. Was Seymur Karimov – er alterniert mit Adam Kruzel – und Theodora Varga in dieser Szene vokal und darstellerisch leisten, gehört zum Packendsten, was im Regensburger Theater in den letzten Jahren zu erleben war. Karimov lässt seinen üppigen Bariton fein abgestuft ausschwingen, Theodora Varga durchmisst eine ganze Palette vokaler Zustände, bis hin zu förmlich in sich hinein gesungenen Passagen voll desolater Schönheit. Auch ihr "E strano" im ersten Akt und ihren einsamen, von der gespenstisch vorbeitanzenden Karnevalsgesellschaft bitter kommentierten Tod gestaltet sie anrührend, von Arila Siegert mit seismografischer Genauigkeit choreografiert. Enrico Lee als Alfredo kann da mit leichten Intonationsproblemen nicht ganz Schritt halten, doch wie er zu des Vaters verlogener "Di Provenza"-Arie dessen Griff zu entkommen sucht, aber wie in einem Albtraum nur in Zeitlupe voran kommt, ist noch so eine Bild, das man so schnell nicht vergisst. Am Ende vereint er sich mit Violetta – das Trinklied des ersten Aktes war noch dezent verkrampft – zu einem schaurig-schönen "Parigi, o cara". Auch für die Gruppenkonstellationen des ersten und dritten Aktes entwickelt die Regisseurin klare Bewegungs- und Konfrontationsmuster. Der Philharmonische Chor füllt, exzellent singend, die mal ins Individuelle sich aufsplitternde, meist jedoch die gesellschaftlichen Fliehkräfte generell verkörpernde Kollektivrolle mit großer Bühnenpräsenz aus. Nachdem auch das Philharmonische Orchester unter Kapellmeister Philip van Buren bis auf kleine Nachlässigkeiten und rhythmische Halbheiten hellwach und auf Augenhöhe mit dem Bühnengeschehen agiert, kann man diese szenisch ausgefeilte Produktion mit einer überragenden Protagonistin getrost als eine der besten der mit der kommenden Spielzeit zu Ende gehenden Intendanz Ernö Weils feiern. ▲Ein Gesamtkunstwerk mit FrauenpowerDas ist die Inszenierung der Oper „La Traviata“ im TheaterJulika Haneker, in: Rundschau Regensburg, 01.Juni 2011In dieser Produktion trifft sich ein Team von
hochkarätigen Künstlern, das dem Regensburger Theaterpublikum eine
Produktion bescherte, die Weltniveau hat.
An Perfektion nicht zu übertreffen ist die fantasievolle
Inszenierung von Arila Siegert. Dass sie vom Ausdruckstanz kommt und
mit Ruth Berghaus zusammen gearbeitet hat, spürt man wohltuend an
der Regiearbeit. ▲
LA TRAVIATA – Regensburg, TheaterOliver Hohlbach, EINGESTELLT VON ZENNER AM 16 - MAY - 2011, besuchte Aufführung: 14. Mai 2011 (Premiere)Kurzinhalt Aufführung Sänger und Orchester Fazit ▲
Vorbericht: Die großen Fragen der MenschheitRegisseurin Arila Siegert inszeniert in Regensburg Verdis „La
Traviata“.
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