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konzept

Der rote Priester auf dem Kreuzweg

Kurzkritik Premiere: Vivaldi

Südwestpresse Ulm, Sonnabend 12.Januar 2002

"Wo ist die Bühne?", fragte eine Zuschauerin irritiert: überall. Das Streicherensemble um Martin Lukas Meister am Cembalo sitzt in der Mitte, das Publikum auf Drehstühlen schließt die Musiker ein, vor den Wänden agieren drei Schlagzeuger und treten die Sänger auf. Die Regisseurin Arila Siegert und ihr Ausstatter Martin Rupprecht haben aus Mathias Husmanns Kammeroper "Vivaldi", gestern Abend im Podium unter Beifall uraufgeführt, elementares Musiktheater gemacht.

Vivaldi (Sönke Morbach) auf dem Weg nach Wien, auf einer Passion, auf der Suche nach Erlösung, das ist in Husmanns Stück auch eine musikalische Zeitreise: Mal klingt's ziemlich barock, dann wieder atonal, mal süffig, dann schräg. Husmann spielt mit den Klängen, wobei es nicht immer spielerisch leicht tönt - und bietet in der Pause, im Foyer, noch ein Violinkonzert (Solo: Burkhard Solle) als Dreingabe. Und Barbara Baier als Anna darf in der Küche für Vivaldi die Spaghetti zubereiten und herrlich Koloraturen gurgeln. Am Montag mehr. jük


Reise um die Welt

Die Inszenierung von Arila Siegert bietet
ein Raum-Erlebnis

Jürgen Kanold in: Südwestpresse, Montag 14.Jan. 2002

Auf Drehstühlen verfolgt das Publikum im Podium die Passion des Antonio Vivaldi - und sitzt mittendrin in seiner Seelenlandschaft. Das ist ein starkes musiktheatralisches Raum-Erlebnis, auch wenn Mathias Husmanns neobarocke Kammeroper nicht rundum überzeugt. Der Komponist hat eine Krise: "Nur virtuoser Leerlauf, ohne Herz, ohne Seele"', fertigt Antonio Vivaldi seine in Venedig produzierte Musik ab. Da hilft nur ein Klimawechsel: "nach Wien!" Also auf in die Stadt Mozarts, Bruckners, Schönbergs. Zurück in die Zukunft, sagt sich Mathias Husmann, und dann flutet er in seiner Kammeroper Vivaldi gewissermaßen die Lagune und surft auf der Klangwelle mit seinem barocken Helden in die Moderne.

Eine Sonata veneziana mit Variationen begleitet Vivaldi und seine Gefährtin Anna Girò auf dem Weg nach Wien, mal klingt's nach Mozart, dann nach Schubert, auch Mahler spukt - Husmann'sche Metamorphosen. Schließlich aber walzert es à la Johann Strauß, und das ist ein Totentanz. Wien sehen und sterben. Schwarze Masken winken ins Jenseits. Vivaldi, der rote Priester, der auch aus Venedig floh, weil Kardinal Ruffo sein Verhältnis zu Anna zum Skandal erklärt hatte, ist jedoch bei sich selbst angekommen: "Liebe ist der ganze Sinn des Lebens", singt das Paar. Vivaldi am Ziel, doch nicht im Atonalen endet die Zeitreise, sondern in wohliger Harmonie. Die "Traummelodie'' erklingt noch einmal, Husmanns süffiges Leitmotiv. Dann tönt das Sterbeglöcklichen. "Wien, 28.Juli 1741!" sind die letzten Worte eines Pfarrers; an jenem Tag wurde Vivaldi im Armengrab verscharrt. Und die Solo-Violine trauert. Stimmt, leicht am Wasser hat Husmann seine Kammeroper über den Venezianer gebaut.

Der frühere Ulmer Generalmusikdirektor komponierte eine Passionsgeschichte: barockes Handwerk, verfremdet aber auch mit neutönerischen Clustern. Das tönt zuweilen etwas gewollt, Vivaldi aber ist buffonesk, wenn Husmann den Opernbetrieb, an dem sein Held gut verdiente, aber auch litt, veralbert. "Ob Hass, ob Liebe, alles nur virtuose Koloratur", meint Anna, die "Haushälterin mit Pflege- und Koloraturverpflichtung", wie der Dichter Goldoni scherzt. Wobei Barbara Baier das "Koloratur-Dacapo" derart grandios und mit felsenfesten Spitzentönen sang und als Klasse-Nummer gestaltete, dass das Premierenpublikums spontan Beifall klatschte. Obwohl Anna zur Arie Spaghetti zubereitet: Eine böse Karikatur ist das nicht. Überhaupt ist auch die Inszenierung von Arila Siegert oft nur umarmend nett. Nicht zuletzt weil der sonore, überzeugende Bariton Sönke Morbach (Vivaldi), der wandlungsfähige Girard Rhoden (Ruffo/Goldoni/Karl VI.) und die Sopranistin in den zu langen Dialogen zu erhabenes Operndeutsch sprechen.

Ein schöner Einfall, dass Husmann den Violinvirtuosen Vivaldi auch mit einer Solo-Geige darstellt. Der unermüdliche Burkhard Solle spielt gar ein Violinkonzert in der Pause. Ein Intermezzo, bei dem Martin Lukas Meister, der Leiter eines ansprechenden Ensembles aus Streichern und Schlagzeugern, die süßliche Traummelodie auch auf dem Synthesizer antippt. Ernüchternd jedoch der Ort: das Foyer. Ein herber Kontrast zum eigentlichen Schauplatz, denn das Außergewöhnliche dieser Vivaldi-Inszenierung ist Arila Siegerts und Martin Rupprechts Raumkonzept. In der Mitte das Streicherensemble samt dem Dirigenten am Cembalo, dann das Publikum auf Drehstühlen, und vor den Wänden agieren die Sänger. Vivaldis Reise nach Wien ist auch eine Reise um die Welt - und die Zuhörer sind nahe dabei, das ist ein Erlebnis.


Die letzte Reise des roten Priesters

Günter Buhles, in Schwäbische Zeitung, 14.Jan.2002

Zwar stirbt der Titelheld am Ende, doch pendelt und vermittelt Mathias Husmanns neue Oper Vivaldi zwischen "seria" und "buffa". Diese Bezeichnungen werden durch die von Martin Lukas Meister dirigierte Musik gedeckt, aber auch durch die nur ironisch historisierende Inszenierung von Arila Siegert in der Ausstattung von Martin Rupprecht.

Denn wenn der alternde Barockmeister und Musiklehrer an einer Mädchenschule, der geweihte Priester Antonio Vivaldi, in seiner Kammer mit der jungen, hübschen Anna Girò, die in einer seiner Opern die Hauptpartie singen soll, schäkert, dann hat das durchaus unterhaltsame Qualitäten. Richtig komisch ist, wie Anna in der Küche vom Dichter Goldoni angemacht wird, während sie Spaghetti, Fisch und Rotwein für sich und Vivaldi herrichtet.

Ja selbst die erst nur geträumte Konfrontation des wegen seines Haarschopfs "roter Priester" genannten Venezianers mit seinem Kirchenoberen Tomaso Ruffo ist bereits witzig... Der Kardinal kommt zum Fenster herein und verwickelt den mit Geige im Bett liegenden Vivaldi in ein Wortgefecht und Handgemenge: er interessiere sich zu sehr für Damen, sein Einsatz fürs Theater sei unschicklich, und überhaupt habe er - Asthma hin, Asthma her - kaum je eine Messe gelesen.

Vivaldi fasst Mut, will sich dem Theaterverbot nicht beugen. Er entschließt sich zur Emigration nach Wien, wo er in Karl VI einen Bewunderer seiner Kunst weiß... Er ist bereit zum Aufbruch, und Anna Girò - Verehrerin und Pflegerin zugleich - wird ihn begleiten. Die Reise beginnt. Sie führt in choreografisch ausgefeilter Bewegung rundum an der Wand entlang, während das Kammerorchester mit dem aufmerksamen engagierten Leiter am Cembalo und das Publikum - auf Drehstühlen - in des Raumes Mitte sitzen. Als "Addio" für die Lagunenstadt und vier Karnevalsmasken sowie als Gruß nach Wien singt das Paar ein Duett, das beinahe Franz Lehár ein bissel was verdankt.

Der frühere Ulmer GMD Mathias Husmann ... konfrontiert barocke Polyphonie in transparenter diatonischer Harmonik - also Anklänge an Vivaldis Musik - mit Elementen heutiger Musik: Vibraphone tönen, im Pausen-Violinkonzert als integralem Teil des Werks sogar Synthesizer, dissonante Cluster und opalisierende Klangflächen wabern zwischen tänzerischem Neo-Neo-Barock, der sich in die Nähe von Strawinskys Pulcinella-Suite begibt. Doch da ist auch eine stilzitatbeflissene "Sonata veneziana" für den Sologeiger - virtuos spielt Burkhard Solle - die zur Wiener Zeitreise wird: von Vivaldi rasch zu Haydn, Mozart, Schubert und und und - zu Schönberg mit seinen Schülern. Und zu Johann Strauß.

Munter geschauspielert und gesungen wird - begeistert und begeisternd - in der ungewöhnlichen Bühnen-Anordnung. Dabei ganz nah am Publikum. Der Bariton Sönke Morbach ist mit saftigem Klang der gesetzte Maestro. Liebreizend und locker zu schönen Höhen flatternd, setzt Barbara Baier die koloraturreiche, dankbare Sopranpartie der Anna Girò um. Der Tenor Girard Rhoden ... beweist nachhaltig sein Gespür für neue Musik: Die Rollen des Ruffo, des Goldoni, des Karawanken-Wächters singt er einwandfrei und agiert hier elegant, dort komödiantisch.


Addio Venezia!

Susanne Lettenbauer in NDR/ORB-Musikforum, DLF-Musikjournal, 14.Jan.2002

..."Addio Venezia, addio", Vivaldi macht sich auf den Weg und Husmann rennt hinterher, zumindest musikalisch. So ideal das Podium im Ulmer Theater, die oft beneidete Klausurbühne im Kellergeschoss für diese Kammeroper mit drei Sängern und zwölf Musikern ist, so wenig ideal ist Vivaldi sprachlich und auch musikalisch umgesetzt worden...

Reim dich oder stirb!

Reinhard Schulz in "Süddeutsche Zeitung", 15.Jan.2002

...Im Grunde hätte die Art der Aufbereitung des Sujets einen formidablen Stoff für einen Comic abgegeben... Husmann hat selbst das Libretto verfasst, was er besser gelassen hätte...  Sich reimend selbst fressende Seilschaften ... schleppten die stets Absturz bedrohten [??] Protagonisten Vivaldi (Sönke Morbach), Anna (Barbara Baier) sowie Kardinal Tomaso Ruffo, Carlo Goldoni und Kaiser Karl VI. (Girard Rhoden in Personalunion) durch das unwegsame Gelände. Schlimm, dass auch Husmanns Musik keinen Halt bot: alles wie geklont...


Viva Aldi

Mathias Husmanns Kammerspiel Vivaldi

Stefan Keim in "Die Welt", 15.Jan.2002

Antonio Vivaldis Ruhm ist verblasst. Kein Fürst beauftragt ihn mit neuen Werken, das Publikum bejubelt andere Musiker, Intrigen nehmen ihm letzte Arbeitsmöglichkeiten. Er macht sich aus Italien auf nach Wien, reist mit 62 Jahren ins Ungewisse und findet nur noch den Tod. Für Mathias Husmann - ehedem Generalmusikdirektor in Ulm und Magdeburg - sind es nicht die Zwänge des Lebensunterhaltes, die Vivaldi aus Venedig vertreiben. Vivaldi sagt bei Husmann: "Was ich bisher in Venedig gemacht habe, war doch nur virtuoser Leerlauf; ohne Herz, ohne Seele. Vivaldi, du kommst nicht vor in deinen Stücken." Die Sätze erinnern an den Selbstfindungskitsch der siebziger Jahre - des zwanzigsten Jahrhunderts. "Wer bin ich?", fragt sich Vivaldi, und seine Schülerin und Lebensgefährtin Anna Girò (koloraturenstark und nuanciert Barbara Baier) trottet ihm treu hinterher.

Der musikalische Höhepunkt der "Vivaldi"-Kammeroper kommt seltsamerweise in der Pause. Da spielt das von Martin Lukas Meister präzise geleitete Orchester im Foyer des Ulmer Kellertheaters namens Podium ein zwischen zeitgenössischen Momenten und Barock fluktuierendes Husmann'sches Violinkonzert, während das Publikum sich ungezwungen an der Bar bewegt. Eine gelungene, hübsche historische Reminiszenz an Vivaldi, der auch selbst inmitten seiner Opernaufführungen virtuose Einlagen auf der Violine spielte. Das sind Gourmethäppchen für die Ohren, doch Mathias Husmann bedient sich auch bei der Billignahrung der Musikgeschichte. Da könnte die Oper nicht mehr Vivaldi, sondern Viva Aldi heißen. Die Canzonen verrutschen in den Musicalkitsch, da ist der Ohrwurm drin.

Die Regisseurin Arila Siegert ist Tänzerin und Choreografin, was in genau gesetzten Bewegungen zu spüren ist. Mit Husmanns Texten kämpft sie allerdings vergeblich. Die Reime rumpeln, und Tragik wird schnell zu Selbstmitleid. Der Bariton Sönke Morbach singt Vivaldi klangschön, aber die langen Zwischentexte spricht er mit einer salbungsvollen Selbstverliebtheit, die einfach nervt. Trotz guter Ansätze ist Mathias Husmanns Vivaldi-Kammeroper eine halbgare Angelegenheit. Sein nächstes Stück wird von Jean Sibelius in seinen letzten Lebensjahren erzählen, vom Kampf des finnischen Tonsetzers mit dem Alkohol und seiner unvollendeten achten Sinfonie. Die Uraufführung ist für 2005 in Helsinki geplant. Mathias Husmann scheint sein großes Thema gefunden zu haben: Komponisten am Ende ihres Daseins und in Schwierigkeiten mit Kunst und Leben.