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konzept

Die Liebe im Zeitalter
der Telekommunikation

Peter Uehling in: "Berliner Zeitung", 12.Juli 1999

...Am ehesten symbolisiert diese Musik wohl die Situation eines ausweglosen Kreisens, des endlosen Durchlaufen der Stationen Sehnsucht, Trauer, Aufschwung, Ernüchterung. Die Kammeroper Schloss Rheinsberg hat dieses Stück ... in einer sehenswerten Inszenierung herausgebracht. Statt für die Freilichtbühne ... entschied man sich für die St.Laurentius-Kirche als Spielstätte, und der abgeschlossene Raum ist wichtig für die Wirkung des Stücks. Arila Siegert, von Haus aus Tänzerin und Choreografin, führte Regie. Sie entfernt noch den letzten Realismus, der in der reduzierten Theatersprache Cocteaus enthalten war: Statt des Telefons spannt sich eine lange Leine um die Frau und die korinthischen Säulen im Altarraum. Diese Leine bedeutet einerseits das Telefonkabel, das verbindet und würgt, bildet aber auch ein Netz, in dem sich die Frau mit schöner Bildkraft verfängt und das sie am Schluss an eine der Säulen fesselt.

Darüber hinaus wird das Bühnengeschehen von zwei Tänzern, Iris Sputh und Dieter Hülse, belebt. Sie bilden das ab, was Poulencs Musik nicht unbedingt zum Ausdruck bringt, nämlich das Innenleben der Frau. Im einfachsten Fall bebildern sie das, was die Frau gerade erzählt. Iris Sputh wird dann etwa zur Freundin Martha, die sich kümmert und sorgt. Oder sie verkörpert das Seelenleben der Frau, besonders drastisch dort, wo die Verbindung zum Geliebten aus technischen Gründen gefährdet ist und die Tänzerin zwischen den Drähten springt, als wären sie elektrisch geladen. In der suggestivsten Szene - die Frau erzählt von ihrem Selbstmordversuch - erklingt, als geschlossene Passage der Partitur, ein melancholischer Walzer, zu dem die Tänzer sich miteinander drehen, Dieter Hülse ist hier der Mann, den die Frau erinnert, und auch der Tod höchst selbst. So sagen Wort, Musik und Szene verschiedene, aber aufeinander bezogene Dinge, sie ergänzen sich sinnfällig aber nicht trivial.

Durch die Choreografie wird Cocteaus programmatisch reduzierte Dramaturgie bereichert, aber auch verfremdet. Die Verfremdung setzt sich musikalisch fort, indem Poulencs Orchesterpart zurückgeschraubt wird auf den Klavierauszug, den Hans Sotin auf einem nicht übermäßig wertvollen Instrument ausführt. Gerlinde Sämann singt die Frau mit melancholischer Tönung, die noch die Ausbrüche abfängt und dämpft, als ob sie in den Räumen ihrer Erinnerung schlafwandelte. Jedes Wort ist verständlich, die Stimme klingt jung und zugleich traurig - die Wirkung ist nicht selten herzzerreißend.


Menschliche Stimmen

Isabel Herzfeld in Der Tagesspiegel, 12.Juli 1999

...Die "Erlösung durch Liebe" ist hier die pure, sinnlose Selbstzerstörung, die nichts zu fordern wagt, sich an Illusionen klammert, im kleinsten Aufbegehren voller Schuldgefühle... Dem gibt, einfühlsam-prägnant von Hans Sotin am Klavier unterstützt, die blinde Sängerin [Gerlinde Sämann] eine ungewohnt starke Innerlichkeit, wie süchtig der unhörbaren Stimme aus der Telefonmuschel lauschend, in ihren weichen und doch festen Sopran das ganz Spektrum von wehmütiger Erinnerung, Bitten und Zusammenbruch legend. Und Angst. "Wir sind getrennt worden!" ruft sie immer wieder.

Denn die zweite Hauptrolle in dieser Inszenierung von Arila Siegert spielt das Telefon. Die spartanisch möblierte Bühne [Klaudia Keilholz/Marie-Luise Strandt] ist mit Strippen vollgespannt - der Draht der unpersönlichen Verbindung, der Ariadnefaden aus dem Labyrint, die Strangulierungsschnur und die Fessel. So sieht Sämann eingeschnürt aus wie der Märtyrer Sebastian auf der Zeichnung von Leon Bakst. Die Tänzer Iris Sputh und Dieter Hülse sind die Agenten dieses Opferrituals. Arila Siegert lässt sie alle Gefühle und Sehnsüchte der Frau ausdrücken - im Pas de deux, im wilden Kampf, in spannungsreicher slow motion als Projektion einer alltäglichen Beziehung, geschickt als Schattenbild ausgeleuchtet.

Dieses sensible, mit sparsamen, klaren Bildern eine Fülle von Symbolen entfaltende Psychogramm zeigt einmal mehr, dass der interessante Kern des Rheinsberger Opernfestivals immer wieder in den "kleinen" Produktionen in der örtlichen Laurentiuskirche zu finden ist...


Blinde Sängerin sorgt für Sensation

Reinhard Beuth in: Die Welt,12.Juli 1999

Gerlinde Sämann, der die Bühne normalerweise verwehrt bleibt, hat sich das Theater gleichsam in die eigene Kehle geholt. Sie spielt die Erregungen und Emotionen in ihrer Stimme aus. Damit allein schon weiß sie zu schmeicheln, zu locken, zu liebkosen, zu klagen, zu wüten, zu scherzen, Hoffnung zu schöpfen und zu resignieren.

Choreografin Arila Siegert hat in ihrer Regie jedoch nicht nur die Körpersprache der Sängerin weit entwickelt, sie gibt ihr auch zwei tanzende und führende Schattengestalten bei, lässt sie hadern mit den ganz praktisch gemeinten Schicksalsfäden, die zugleich Orientierung sind auf der Bühne zwischen den Pfeilern der Laurentiuskirche. Mag sein, dass Arila Siegert damit Cocteaus legendäre Telefon-Tragödie ... ein bisschen zu sehr mythisch befrachtet. Andererseits gewinnt sie dem Stück damit mehr Bühnenaktion ab als das in der traditionellen Version - ein Pariser Boudoir mit Couch und Telefontischchen - möglich gewesen wäre...

Also 45 Minuten musikalische Hochspannung, zu der auch Hans Sotin ... am Klavier beiträgt. Doch all das würde nicht reichen, hätte nicht Gerlinde Sämanns Stimme jenen elektrisierenden Klang, der sehr an die junge Anja Silja erinnert. Keine Frage: Gerlinde Sämann ist in diesem Jahr die Sensation von Rheinsberg...


vgl. auch die Kritiken zu der zweiten Fassung
mit dem hinzugefügten Tanz-Solo
Die menschliche Figur
in Aachen