Dramatik zwischen den Fronten
Opern-Erstaufführung. Das Salzburger Landestheater geht mit
Carlisle Floyds „Passion des Jonathan Wade“ an seine Grenzen.
Karl Harb, in: Salzburger Nachrichten, 18.05.2010
Opern zeitgenössischer amerikanischer Komponisten folgen im
Wesentlichen anderen Kriterien, als sie die europäische Tradition
der Avantgarde vorgibt. Nicht Fragen nach dem Fortschritt des
ästhetisch-musikalischen Denkens stehen im Mittelpunkt, sondern
handfeste, griffige Plots, die illustrativ und emotional mehr oder
minder „altmodische“ Geschichten erzählen. „Dead Man Walking“ von
Jake Heggis oder „A Streetcar Named Desire“ (Endstation Sehnsucht)
von André Previn hatten auch im Theater an der Wien Erfolg,
Minimalisten wie John Adams oder Phil Glass (dessen „Kepler“-Oper
noch einmal in Linz auf dem Programm steht), oder Traditionalisten
wie Menotti und Samuel Barber (dessen gefühlvolle „Vanessa“, 1958
bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, einen neuen Versuch
wert wäre) sorgen bei allen Unterschieden dafür, dass sich das
Publikum hauptsächlich anspruchsvoll unterhalten kann.
Vor diesem Hintergrund erfüllt auch das musikalische Drama „Die
Passion des Jonathan Wade“ von Carlisle Floyd (1962, überarbeitet
1991) seinen handfesten Zweck. Die europäische Erstaufführung hat am
Sonntag im Salzburger Landestheater viel Beifall gefunden.
Der 1926 geborene Komponist, selbst aus den Südstaaten, hat einen
Konflikt des Bürgerkriegs in Amerika zu einem eigenen Libretto
verarbeitet. Wade, Colonel der Nordstaaten, will das
Nachkriegsdesaster in South Carolina ordnen, gerät aber persönlich
und politisch zwischen die Fronten. Die Stimmen des Radikalismus
(Stichwort Rassendiskriminierung) übertönen immer stärker die
Versuche, einsichtig und gemäßigt zu agieren – ein Konfliktfeld von
leider immer aktueller Gültigkeit.
Floyd ergreift nicht einseitig Partei, sondern behandelt beide
Seiten differenziert. Der liberale Südstaatenrichter kann ebenso nur
bis zu einem gewissen Punkt über seinen Schatten springen wie der
militant-patriotische Aufpasser aus dem Norden, der gewissermaßen
Recht vor Gnade ergehen lässt. Eine „grenzüberschreitende“
Liebesgeschichte bringt den persönlichen Touch ein. Man mag das
plakativ oder kitschig nennen (etwa die melodramatische
Hochzeitsszene mit gesprochenen Gebeten zu einem Spiritual im
Hintergrund), aber genau das ist der Urstoff, aus dem Opern zu allen
Zeiten gemacht sind.
Wobei Carlisle Floyds Komposition deutlich in zwei Segmente
zerfällt: eine eher weitschweifig erzählerische, spröde
rezitativische Exposition und – im knapperen zweiten Teil – eine
dramatisch packende, farbig effektsicher sich zuspitzende Situation
bis zum Todesschuss auf Jonathan Wade. Da kommt durchaus Passion (im
Sinne von Leidenschaft) auf und das Mozarteumorchester unter der
kapellmeisterlich umsichtigen Führung von Adrian Kelly
besser in Fahrt. Mehr Luft als im kleinen Landestheater brauchte die
Musik aber doch zur vollen Entfaltung.
Ansonsten versteht auch
das szenische Team (Regie: Arila
Siegert, Bühne: Hans Dieter Schaal,
Kostüme: Marie-Luise Strandt)
„Passion“ eher im Sinne eines Oratoriums, das nach strenger
Zeichenhaftigkeit, stilisierender Überzeitlichkeit verlangt.
Raumhohe Lattenzäune begrenzen und strukturieren den Spielort,
sperren aus und ab und sind doch auch begrenzt durchlässig. Die
Personenführung bleibt darin im Grunde konventionell, ohne in
platten Naturalismus zu fallen.
Sängerisch vermittelt sich die keineswegs extreme, aber
anspruchsvolle Partitur mit kontrollierter Emphase. Hubert Wild in
der Titelrolle, die er markanter spielen könnte, und Julianne Borg
als seine Geliebte und spätere Frau Celia finden zu einem dramatisch
überzeugenden Ton, Marcell Bakonyi in der Vaterrolle kaschiert seine
Jugend durch fließend (an)sprechende Bassbariton-Qualität. Wades
Gegenspieler, zwei Tenöre, sind freilich etwas leichtgewichtig und
im Charakter zu wenig unterscheidbar besetzt: John Zuckerman und der
als indisponiert entschuldigte Eric Fennell. Authentisches Feeling
lebt Jeniece Golbourne als selbstbewusstes Hausmädchen Nicey aus.
Solisten in kleinen Partien und Chor sind stark gefordert, Marco
Stahel geht als Jonathans toter Bruder durchs Spiel – deutlichstes
Zeichen für die Herkunft der Regisseurin vom Tanz.
Fazit: ein Opernabend auf beachtlichem
Niveau.
Kain und Abel
Bernhard Doppler, in: DLF „Musik-Journal“ (17.05.2010) über die
Premiere
„The Passion of Jonathan Wade“ am Salzburger Landestheater
Musik steht in der amerikanischen Oper meist erst an zweiter
Stelle. Zentral ist das Thema, der behandelte Stoff. Nicht selten,
dass ein Filmerfolg der Ausgangspunkt ist, und in der Regel sind es
nationale Mythen, an denen sich die amerikanische Oper abarbeitet.
Bei Carlisle Floyd, „The Passion of Jonathan Wade“, ist das Thema der
amerikanische Bürgerkrieg. Abfall, Krieg und schließlich die
Besetzung der Südstaaten, und damit verbunden das Ende der
Sklaverei. 1962 wurde die Oper uraufgeführt, als die
Bürgerrechtsbewegung in den Anfängen lag, 1991 von Floyd neu
bearbeitet, doch 2010 ist sie nach wie vor aktuell. Mit der Wahl
eines schwarzen Präsidenten schien das Thema der
Rassendiskriminierung zwar erledigt, aber zeigt nicht die Bewegung
der rassistisch angehauchten Tea Partys eine neue Gegenbewegung?
„The Passion of Jonathan Wade“ beginnt mit einem Chor, dem Chor
der vernichtend besiegten, völlig verwüsteten Stadt Columbia in
South Carolina. Verwundete Soldaten kehren zurück, die Stadt wird
von den Yankees besetzt. Doch Oberst Jonathan Wade verspricht einen
friedlichen Wiederaufbau, wenn die neuen Gesetze eingehalten werden.
Carlisle Floyd stammt aus den Südstaaten und hat durchaus auch
Verständnis mit der Wut auf die Besatzer aus Washington. Am Ende ist
nicht klar, wer den zwischen den Parteien vermittelnden Oberst Wade
erschossen hat. Der Ku-Klux-Klan oder die radikale Partei um den
Politiker Pratt, der das Büro für Angelegenheiten der Freigelassenen
leitet.
Regisseurin Arila Siegert, Palucca Schülerin
zunächst, Tänzerin und Choreografin in der DDR, sieht durchaus eine
Parallele zwischen den beiden amerikanischen, wieder durch Besatzung
vereinigten Staaten und den beiden deutschen Staaten. Die Rolle des
an der Sklaverei festhalten wollenden Südstaatlers Lucas wird so bei
Siegert zum Gegenpart des Titelhelden.
SIEGERT: Das ist dieses Problem, dass wir sehr
abhängig sind von Gewohnheiten, von gewohnten Sachen, Abläufen, von
einem System, in das wir uns einfügen müssen, um zu überleben oder
um gut zu leben. Und viele Leute sind in der DDR damals richtig
kaputt gegangen, weil es sehr schwer ist. Ich habe versucht, das
herauszuarbeiten in der Rolle des Lucas. Das ist ein junger
Südstaaten-Aristokrat, der einer der Widersacher ist,
Ku-Klux-Klan-Mitglied, die gegen Wade opponieren, aber der ihm
trotzdem immer die Wahrheit sagt. Ich habe sie inszeniert wie zwei
Brüder, Kain und Abel.
Die Sklavenfrage ist in Floyds Oper eine Debatte unter weißen
Nord- und Südstaatlern. Vier schwarze Jungs singen im ersten Akt
eine kurze Einlage, sie seien nun „frei wie Frösche“. Eine große
schwarze Rolle allerdings hat auch musikalisch einen wichtigen Part,
die Haushälterin Nicey Bridges. Dass sie die Nordstaatler mit Lesen
und Schreiben beglücken wollen, findet sie anmaßend. Das könne sie
doch schon längst. Nicey singt am Ende einen Gospel und begleitet
die gesprochene heimliche Hochzeit des Liebespaars musikalisch.
„The Passion of Jonathan Wade“ ist vor allem Grand Opéra mit viel
schnellen Wechseln. Das Liebespaar, der Yankee Jonathan Wade und
Celia, die Tochter des Richters Townsend, und ihre Gefühle und ihre
auf die Probe gestellten Loyalitäten stehen im Mittelpunkt.
SIEGERT: Es ist eine Mischung zwischen
Psychologie, Farben, die das Lokalkolorit von Columbia beschreiben,
es ist auch ein bisschen Film. Es hat was von „Vom Winde verweht“,
aber es ist auch knallharte politische Auseinandersetzung zwischen
den Figuren. Es ist auch eine Verbindung zur Passion Christi drin,
deshalb heißt es „The Passion of Jonathan Wade“.
Arila Siegert hat der Titelfigur hin und wieder einen Tänzer
beigesellt. Es ist die Erinnerung an Jonathans im Krieg gefallenen
Bruder, der ihn wie ein Schatten begleitet. Die Bühne von Hans
Dieter Schaal sind Verschläge mit großen Holzbrettern, die sich
verschieben lassen, Gefängnisse.
Entdeckt wurde „The Passion of Jonathan Wade“ durch Operndirektor
Bernd Feuchtner in den USA.
FEUCHTNER: Carlisle Floyd ist jemand, der ein sehr
klares musikdramatisches Bewusstsein hat, der sich seine Libretti
selber schreibt und dazu auch hervorragend in der Lage ist. Er
beherrscht den Bau der Oper. Und er ist in der Lage, eine Musik zu
schreiben, die dramatisch ist wie Verdi. Stilistisch könnte man
sagen, diese Musik liegt irgendwo zwischen Schostakowitsch „Lady
Macbeth von Mzensk“ und John Adams.
Amerikanische Opern werden in riesigen Häusern, fast alle mit
mehr als 3000 Plätzen gespielt. An ein kleines intimes altes Haus
wie das Salzburger Landestheater hat Floyd wohl nicht gedacht. Doch
Adrian Kelly ist mit dem Mozarteum-Orchester die
Balance gut geglückt, kraftvoll dramatisch zu agieren, gleichzeitig
aber auch fast kammermusikalisch Stimmungen aufzubauen und zu
kontrastieren. Hubert Wild und Juliane Borg
sind ein eindringliches Opern-Liebespaar. Doch
das herablassende Etikett „epigonal“ gegenüber der amerikanischen
Oper trifft keineswegs zu. Im Gegenteil. In ihrer unbekümmerten Art,
die großen nationalen Mythen und Themen wie die Wiedervereinigung
aufzugreifen, wirkt die amerikanische Oper erfrischend jung und
eigenständig.
Musiktheatraler Paukenschlag
Uncle Sam: Mehr als Coke und Finanzkrise
Erhard Petzel, in: Salzburger Internet-Plattform „Drehpunkt
Kultur“, 17.05.2010
Die Intendanz Maldeghem hat mit einem
musiktheatralen Paukenschlag ihre erste
Saison beendet: Carlisle Floyds Oper „Die Passion des Jonathan Wade“
erlebte am Sonntag (16.5.) ihre Europäische Erstaufführung im
Salzburger Landestheater.
Es gibt mehrere Gründe, zu dieser Werkwahl zu gratulieren.
Erstens hat man ein respektables Werk vor den europäischen Vorhang
gezerrt. Zweitens hat man sich mit einer amerikanischen Oper der
Aufgabe gestellt, ein veritables Bildungsdefizit hierorts
auszuarbeiten. Und drittens werden Inhalte lanciert, die nicht nur
für die US-amerikanische Geschichte von Bedeutung sind. Die USA
haben inzwischen ihren schwarzen Präsidenten, während wir vor
ausufernder Xenophobie es nicht einmal schaffen, Menschen wenigstens
als dringend gebrauchte Arbeitskräfte zu verstehen, sobald sie etwas
dunkler, nicht frei von Akzent oder Muslim sind.
Im Zentrum des vom Komponisten selbst erstellten Librettos steht
ein Oberst als Lichtfigur. Jonathan Wade, glaubhaft verkörpert durch
Hubert Wild, wird vom Sezessionskrieg als Befehlshaber der
siegreichen Nordstaaten-Armee in die Stadt Columbia geschwemmt und
ist dort als oberstes Exekutivorgan für Ruhe und Ordnung zuständig.
Vom Krieg und seiner sinnentleerten Grausamkeit gezeichnet, strebt
er als unbedingter Pazifist nach Ausgleich. Dabei gerät er in die
Zwickmühle der radikalen Parteien, personifiziert in den Figuren des
jungen Südstaatlers Lucas Wardlaw und Enoch Pratt, einem politischen
Emporkömmling der radikalen Partei. Während der eine ein Leben ohne
praktische und angenehme Sklaven nicht hinnehmen will, drückt der
andere ohne das geringste Verständnis in diktatorischer Siegermanier
Verordnungen und Gesetze durch.
Erstes und prominentes Opfer dieser Siegerpolitik ist der Richter
Townsend (Marcell Bakonyi), der den Eid auf die neue Verfassung
nicht ablegt. Er wird nicht nur abberufen und durch einen Schwarzen
ersetzt, sondern in seiner Existenz vernichtet. Für Wade der große
Konfliktpunkt, hat er doch des Richters Tochter Celia geheiratet,
die sich gegen den Vater für ihn entschieden hat. Er will dem
persönlichen Dilemma durch Desertion entgehen und wird im letzten
Moment vor seiner Flucht erschossen. Celias große Schlussanklage
gegen die beiden Parteien erinnert an das Finale von
West-Side-Story, das da auch Pate gestanden haben könnte.
Musikalisch trennen diese beiden Werke allerdings Welten.
1962 auf der New York City Opera uraufgeführt, trifft Floyds Oper
nicht nur thematisch den Nerv ihrer Zeit, da die schwarze
Bürgerrechtsbewegung so richtig im Anrollen war, sie steht auch
musikalisch in einer Reihe mit den Zeitgenossen. Im Wechsel von
rezitativischer Transparenz zu dramatischer Wucht des riesigen
Orchesterapparats ist man durchaus an Tonsprache und Dramaturgie
eines Benjamin Britten erinnert. Die homogene, bedrückende
Grundstimmung wird fallweise genial konterkariert, beispielsweise im
Quartett der schwarzen Boys zur Begegnung Wades mit einem verletzten
Soldaten oder in der berührenden Eheschließungs-Szene, wenn das
schwarze Hausmädchen Nicey einen Gospelhintergrund aufbaut, ein
Höhepunkt für die Sängerin Jeniece Goldbourne.
Die Salzburger Aufführung darf für sich verbuchen, das Werk mit
einer runden und in sich geschlossenen Ensemble-Leistung bewältigt
zu haben...
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Packendes Musikdrama
Amerikanische Opern finden oft spät den Weg
auf eine Bühne in Europa. Jake Heggis (»Dead Man Walking«),
André Previn (»A Streetcar Named Desire«), Phil Glass oder Stewart
Wallace (Harvey Milk) benützen unbefangen die
Oper als politisches Forum.
Als letzte Opern-Produktion präsentiert das Landestheater
Carlisle Floyds »The Passion of Jonathan Wade«, ein
griffiges Südstaatendrama im großen Stil, voll
brodelnder Gefühle, bigger than life! Der vom Krieg
gezeichnete Jonathan Wade strebt nach Frieden. Das treibt den Mann,
der als Zeuge des grausamen Todes seines Bruders traumatisiert ist,
in den Abgrund. Der Süden akzeptiert nicht die Abschaffung der
Sklaverei, der Norden agiert als Sieger grausam und diktatorisch.
Richter Townsend, dessen Tochter Celia Jonathan liebt, befindet sich
im anderen Lager. Der Südstaatler Lucas organisiert mit dem
Ku-Klux-Klan einen Aufstand. Jonathan wird von den Feinden im
eigenen Lager durch Intrigen in der Armee kalt gestellt. Flucht und
Desertion als einziger Ausweg? Dann fällt ein Schuss….
Der episch erzählende Tonfall erinnert mit furioser Dramatik an
Filmmusik: Lattenzäune auf der Bühne scheinen unüberwindlich und
doch durchlässig: Der mögliche (Aus)Weg aus Bedrohung und Paranoia
hin zu Freiheit. Das Prinzip Hoffnung? Die
Choreographie kleiner Gesten und die kühl distanzierte, klare
Inszenierung erinnert an ein Oratorium: Jeniece Golbourne
überwältigt als schwarze Nicey stimmlich wie darstellerisch.
Allgegenwärtig präsent ist Marco Stahel als
Jonathans Bruder mit nacktem Oberkörper im Hintergrund. Mit
transparentem Sprechgesang voll dramatischer Wucht trifft Floyds
Oper auch den Nerv unserer Zeit und erreicht die Intensität der
besten Opern von Benjamin Britten. Großer Beifall.
Facts: The Passion of Jonathan Wade, Oper
von Carlisle Floyd
Dirigent: Adrian Kelly / Inszenierung:
Arila Siegert
Mit Jeniece Goldbourne, Eric Fennell, Julianne Borg, Marco Stahel,
Hubert Wild, John Zuckerman, Hubert Wild, Marcell Bakonyi
▲
APA:
„Berechtigte Begeisterung für diese Opern-Wiederentdeckung in
Salzburg.“
Kultur-Epoche:
„Die Passion des Jonathan Wade“. Ein gelungener Schritt nach vorn –
von dramatischer Aktualität in der Zeit des ersten schwarzen
US-Präsidenten.“
Kronen-Zeitung, 19.05.10:
„Mit der europäischen Erstaufführung von ‚Die Passion des Jonathan
Wade‘ des US-Komponisten Carlisle Floyd gelang ein neuer, diesmal
zeitgenössischer Coup.“
Kurier, 18.05.10
„Die riesigen verschiebbaren Lattenzäune machen Eiundruck: Sie
symbolisieren Ausgrenzung mit nur einem kleinen Spalt für die
Freiheit. Und genau darum geht es…“
▲
Vorbericht:
Die Passion von Jonathan Wade
Europäische Erstaufführung
Carl Philip von Maldeghem hat
seine erste Saison als Intendant des Salzburger Landestheaters mit
bekannten Stücken des Musiktheaters begonnen, im Frühjahr steht auch
Unbekanntes auf dem Spielplan. Am 16. Mai 2010 hat eine
amerikanische Oper Premiere.
Die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten, eine
Gesellschaft, die eben einen Krieg verloren hat. Hier lässt Carlisle
Floyd seine Oper beginnen.
Jonathan Wade ist Offizier der Nordstaatenarmee, er übernimmt in
Columbia die Besatzung, es gilt, die Bevölkerung mit den neuen
Rechten und Pflichten vertraut zu machen, Farbige sollen vor allem
nicht länger als Sklaven gesehen werden. Zunächst wird Wade
akzeptiert, die Tochter des örtlichen Richters verliebt sich sogar
in ihn. Doch als Mann des Ausgleichs gerät Wade zwischen die
Fronten. Wie geht eine Gesellschaft um mit der Herausforderung, sich
neu orientieren zu müssen? Für die Regisseurin Arila Siegert
eine Frage, der auch heute Relevantes abgewonnen werden kann.
Siegert: Es hat auch Parallelen für uns aus dem
Osten. Ich komme aus Ost-Deutschland. Diese Umbruchzeiten, diese
Wendezeiten – das ist ja noch eine ganz andere Dimension in Amerika
– aber es geht ja bis heute, der Kampf um die Gleichheit der
Schwarzen und der Weißen. Was fangen wir mit der Freiheit an, was
bedeutet so eine Entwicklung von der Sklaverei bis Obama, was heißt
das, was geht da in den Menschen vor?
Carlisle Floyd ist 1926 geboren, in unseren Breiten ist am
ehesten noch seine Oper "Susannah" bekannt. Für die "Passion von
Jonathan Wade" hat er musikalisch etwas mehr gewagt, meint Dirigent
Adrian Kelly.
Kelly: Bei diesem Stück merkt man, dass er
versucht auch mit Atonalität, auch mit anderen Sachen umzugehen. Es
ist dadurch eine ganz interessante Mischung und sehr lebendig, was
da Bühne und Graben verbindet.
Am Landestheater dirigiert Kelly das Mozarteum-Orchester, es
singt vorwiegend das Ensemble des Hauses, der junge Bariton
Hubert Wild ist in der Titelpartie zu hören. In den 60er
Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die Oper entstanden, in einer
Epoche, als die USA rund um Kennedy und Martin Luther King nach
neuen Formen des Zusammenlebens zwischen Schwarz und Weiß suchte.
Mit einer Ausnahme hat Floyd nur Weiße auf die Bühne gestellt,
die Salzburger Inszenierung integriert auch eine Gruppe Farbiger:
Farbige sollen nicht nur das Thema sein, sondern auch in der
Aufführung sichtbar und hörbar. Ihre Musik, den Jazz, hat der
Komponist selbst bereits als wesentliches Element seiner "Passion
des Jonathan Wade" verwendet.