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Arila Siegert

Anna Virovlansky als Argie in "Les Paladins" (Düsseldorf)kommt vom Tanz und der Choreografie. Sie hat großen Einfluss genommen auf die Weiterentwicklung des Ausdruckstanzes. In den letzten Jahren Palucca selbst war ihre Lehrerin im „neuen künstlerischen Tanz“ – eine prägende Erfahrung. Ihre fundierte „klassische“ Ausbildung erhielt sie bei Nina Ulanowa.

Afectos humanosTom Schilling engagierte sie 1970 an das Tanztheater der Berliner Komischen Oper. Die Arbeit im Haus von Walter Felsenstein und mit ihm wurde für sie eine weitere wichtige Erfahrung. 1979 avancierte sie zur Solotänzerin an der Staatsoper Dresden. Schon in der Studienzeit begann sie zu choreografieren. Ihre ersten Soloabende „Gesichte“ (1985), dann „HerzSchläge“, „Fluchtlinien“, aber auch Rekonstruktionen von Choreografien des deutschen Ausdruckstanzes wie Mary Wigmans „Hexentanz“, Dore Hoyers „Afectos humanos“, Marianne Vogelsangs „Bach Praeludien“ machten sie international bekannt. Gastspiele führten sie um die ganze Welt. Gefeiert wurde sie in Paris wie in Washington, wo ein Kritiker sie als „Ausnahmekünstlerin“ bezeichnete.

Die menschliche FigurAuch mit eigenen Kompanien trat sie hervor. Am Dresdner Staatsschauspiel gründete sie 1987 ein Tanztheater, am Anhaltischen Theater Dessau eine Tanzkompanie (1992). Für zwei Jahre (1996/98) übernahm sie als „berufene Expertin“ die Leitung der Bühne am Bauhaus Dessau. Es entstanden abendfüllende Choreografien. Die ersten waren die Uraufführung von Gerald Humels „Othello und Desdemona“ (1988) auf ein eigenes Libretto und Henzes „Undine“ in Berlin, Stockhausens „Setzt die Segel zur Sonne“ in Wien, „MedeaLandschaften“ nach Musik von Sofia Gubaidulina in Leipzig. In Dessau brachte sie u.a. eine Rekonstruktion von Kandinskys „Der gelbe Klang“, das Mahlersche „Lied von der Erde“, Verdi-„Requiem“ oder Strawinskys „Sacre“ heraus.

Orpheus-Ballett (Henze-Berghaus)Zu den prägenden Erfahrungen zählt auch, als sie 1986 Ruth Berghaus assistierte bei der Choreografie von Hans Werner Henzes „Orpheus“-Ballett an der Wiener Staatsoper, als sie 1987 mit Peter Konwitschny Kurt Weills „Sieben Todsünden“ am Dresdener Staatsschauspiel auf die Bühne brachte und der Abend mit den Shakespeare-„Sonetten“ unter Wolfgang Engel in Dresden. Eigene Abende gestaltete sie am Bauhaus u.a. mit der „Ursonate“ nach dem Dadaistischen Gedicht von Kurt Schwitters oder als sie mit dem Bühnenarchitekten Hans Dieter Schaal die „Stadträume“ kreierte.

Fauré: PénélopeMit Hans Dieter Schaal und der der Kostümbildnerin Marie-Luise Strandt inszenierte sie auch ihre erste Oper: „Macbeth“ von Giuseppe Verdi in Ulm 1998. Viele weitere Arbeiten fürs Musiktheater entstanden seitdem wie „Aida“, „Titus“, „La voix humaine“, „Eugen Onegin“, „Hoffmanns Erzählungen“. Ihr bislang größter Erfolg war der „Freischütz“. Die Fachkritik stellte ihn auf eine Stufe mit Inszenierungen von Ruth Berghaus und Peter Konwitschny.

Weber: Der FreischuetzNeue und unbekannte Werke reizen Arila Siegert besonders. Wichtig ist ihr die Erarbeitung der Stücke aus dem Gestus der Musik. So brachte sie in Schwetzingen einen Abend mit Einaktern der „Mannheimer Schule“ von Cannabich und Holzbauer heraus. Für die EXPO 2000 in Hannover inszenierte sie die Kammeroper „Der Meister und Margarita“ (nach Bulgakows Roman) des zu sowjetischen Zeiten verfemten Sergej Slonimski.

Globokar: Armonia drammaticaIn Bielefeld realisierte sie die szenische Erstaufführung von Vinko Globokars als unspielbar geltender „L’armonia drammatica“. In Chemnitz brachte sie die späte Deutsche Erstaufführung der einzigen Oper von Gabriel Fauré heraus, „Pénélope“. Oder sie erprobte in einer turbulenten Inszenierung Kleists „Zerbrochenen Krug“ von Fritz Geißler neu, in den 70iger Jahren eine der meistgespielten Kammeropern.

Lehár: Land des LaechelnsIn jüngerer Zeit näherte sie sich auch der Operette und dem Musical. Lehárs „Land des Lächelns“ wurde eine beim Publikum gefeierte Aufführung (und von Kritikern später auf eine Stufe gestellt mit der Peter Konwitschnys). Aber auch die „Lustige Witwe“ konnte viele Aufführungen verbuchen. Kultstatus erreichte ihre berührende Einrichtung von „Anatevka“ mit dem gesamten Ensemble in Eisenach, für die Grit Dora von Zeschau das Bühnenbild schuf. Gleich zweimal inszenierte sie Mozarts „Zauberflöte“, eine der beiden Produktionen entstand im Estnischen Tartu.

Mozart: ZauberfloeteIhren ersten Wagner inszenierte sie mit dem „Fliegenden Holländer" im Mai 2007. Die Aufführung wurde von Publikum und Kritik als „bravourös" gefeiert und bei der Umfrage 2007 der Fachzeitschrift „Opernwelt" nominiert in der Kategorie "Regisseur des Jahres". Ein überragender Erfolg wurde auch die szenische Einrichtung eines Judith-Oratoriums von Alessandro Scarlatti in Mainz, „La Giuditta", mit ganz jungen Sängern und zuletzt der als besonders musikalisch gerühmte Heidelberger „Idomeneo“.

La GiudittaLetzte Neuproduktionen waren eine gefeierte szenische Einrichtung von Alessandro Scarlattis Oratorium Giuditta (Judith) am Staatstheater Mainz, das Kinderballett Cipollino in Köln, Mozarts Idomeneo in Heidelberg und Janáčeks Sache Makropulos in Neustrelitz. Mit ihrer Inszenierung des Musicals Anatevka (von 2006) wurde in Eisenach am 14.Juni 2008 der Betrieb des selbständigen Theaters eingestellt. Am Ende der Vorstellung gab es 34 Minuten lang standing ovations. Mit standing ovations feierte das Publikum auch ihre jüngste Inszenierung, Mozarts Figaro in Mainz.

Cipollino-BallettAuch als Tänzerin zeigte sie sich immer wieder. So in einem „Die menschliche Figur“ getitelten Abend, den Helge Leiberg live „übermalte“ und den der Kritiker Jochen Schmidt in der FAZ hymnisch lobte: mit diesem „starken Stück“ zeige sich Siegert wieder in der „ersten Reihe der Tanztheater-Choreografen“. Auch in einer eigenen Inszenierung von Glucks „Orfeo ed Euridice“ mit dem Counter Martin Wölfel, der blinden Sopranistin Gerlinde Sämann und dem Dirigenten Wolfgang Hauschild choreografierte sie sich eine Rolle. Mit Ravels „Bolero“ kreierte sie ein neues Solo.

Sache MakropulosArila Siegert hat viele Auszeichnungen erhalten: den Kritikerpreis für Tanz etwa erhielt sie 1989, mit dem Bundesverdienstkreuz wurde sie 1993 geehrt. 1997 wählte die Berliner Akademie der Künste sie als Mitglied, 2007 die Sächsische Akademie in Dresden. Das Goethe-Institut wählte sie 2010 in seine Mitgliederversammlung. Das Archiv der Berliner Akademie verwahrt ihre Materialien als Anschauungsmaterial für Studentinnen und Studenten. Darüber hinaus wirkt sie als Mentorin für junge Tänzer/-innen und angehende Regisseure/-innen in Seminaren und Workshops. Zuletzt für junge Tänzer-Choreografen an der Akademie der Künste Berlin im Rahmen einer Video-Werkschau.

Ravel: BoleroMit großem Erfolg kamen heraus zuletzt in Mainz Henry Purcells Dido and Aeneas und in Düsseldorfs Rheinoper die Dt. szenische Erstaufführung von Jean-Philippe Rameaus später Ballett-Komödie Les Paladins. Händels Alcina in der großen Fassung kam im März 2010 heraus in Schwerin und La traviata, Todeshalluzinationenim Mai folgte eine zeitgenössische Oper über den amerikanischen Bürgerkrieg von Carlisle Floyd, The Passion of Jonathan Wade, in Salzburg am Landestheater.

Ihre Arbeiten zuletzt waren nach dem Don Giovanni, la traviata und l'incoronazione di Poppea mit einem jungen Ensemble in Rheinsberg. Es folgen: die Uraufführung der Gogol-Oper von Lera Auerbach im Theater an der Wien, bei der sie für die Choreografie verantwortlich zeichnet, Frederick Delius' Romeo und Julia auf dem Dorfe bei dem neu formierten Leitungs-Team in Karlsruhe und Rossinis Barbier von Sevilla in Zwickau. Die Termine finden sich unter: Termine bzw. Aktuell.

Gogol, WienArila Siegert lebt in Berlin. omeo und Julia auf dem DorfeVertreten wird sie durch Ingrid Raffeiner, Theateragentur Marx in München.

Ein Buch über sie ist in Arbeit. In einem von Irene Bazinger im Rotbuchverlag herausgegebenen Sammelband Regie: Ruth Berghaus. Geschichten aus der Produktion berichtet sie über ihre Zusammenarbeit mit der großen Regisseurin und Choreografin.

Ein Portrait kann man finden im Januar-Heft 2010 der Deutschen Bühne.

 

 


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